mini|hochkant|Paul Schreyer (2017) Paul Schreyer (* 1977 in Rostock) ist ein deutscher Journalist, Publizist und Autor von Sachbüchern, darunter zwei Spiegel-Bestsellern. Er ist Mitherausgeber des Onlinemagazins Multipolar, das zu den verschwörungstheoretischen Alternativmedien gerechnet wird.Markus Linden: Verschwörungsmythen – Zur politischen Relevanz von Desinformation und Widerstandspropaganda. Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Saarland, 9. September 2021; Markus Linden: Die Legende vom „Konformitätsdruck“. Zur zweifelhalten Kritik an der Corona-Debatte. Merkur 75 (2021), Heft 866, S. 34–45; Werner Bührer: Neue Literatur zu Verschwörungstheorien. Neue Politische Literatur Band 67, Nr. 3, 21. September 2022, , S. 287–318, hier Fn. 7
Familie Paul Schreyer ist der Sohn des Schriftstellers Wolfgang Schreyer (1927–2017). Im Sommer 2017 veröffentlichte er ein Interview mit seinem Vater über dessen Leben und Werk.Sophie Martin: Auf den Spuren des DDR-Autoren Wolfgang Schreyer. Ostsee-Zeitung, 22. Juli 2017
Publikationen und Rezeption Schreyer hat seit 2006 mehrere Sachbücher publiziert und zahlreiche Artikel auf Telepolis, Globalresearch.ca,Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.): Whistleblower in der Sicherheitspolitik – Whistleblowers in Security Politics: Preisverleihung – Awards 2011/2013 (Chelsea E. Manning; Edward J. Snowden). Berlin 2014, S. 233. KenFM, Free21, Rubikon, den NachDenkSeiten und Multipolar, einem Onlinemagazin, dessen Mitherausgeber er ist, veröffentlicht. 2019 verfasste Schreyer zwei Buchrezensionen für den WDR.Unökonomie. In: Gutenbergs Welt. WDR, 7. September 2019; Digitale Ideale. In: Gutenbergs Welt. WDR, 9. November 2019.
Der Journalist und Autor Matthias Holland-Letz zählte Schreyer 2017 zum Umfeld von Ken Jebsen. Schreyer schreibe wie Mathias Bröckers und Jebsen für free21, habe für die NachDenkSeiten eine freundliche Rezension des Jebsen-Gesprächsbandes von Bröckers verfasst. Außerdem sei Schreyer Interviewgast bei Jebsen gewesen. Schreyer äußere, dass er nicht alles unterschreibe, was auf KenFM laufe, aber dass sich seine und Jebsens politische Ansichten in vielen Punkten ähnelten.Matthias Holland-Letz: Annäherung an ein Internet-Phänomen. ND, 14. Dezember 2017
In seiner Analyse zum Querfrontcharakter neuer politischer Alternativmedien urteilte der Politikwissenschaftler Markus Linden 2015, vorgebliches Märtyrertum und missionarischer Eifer sei ihnen gemeinsam, wie auch „Sichtweisen mit verschwörungstheoretischem Charakter“ bei den Terroranschlägen vom 11. September und in Bezug auf weitere Ereignisse. Das Spektrum reiche dabei, so Linden, bis hin zu faktenorientierter Kritik, für die Wir sind die Guten von Mathias Bröckers und Paul Schreyer stehe.Markus Linden: Die Stimmen des digitalen Untergrunds. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 9. Oktober 2015
9/11-Anschläge, 2006 bis 2013 Schreyer veröffentlichte von 2006 bis 2013 drei Bücher über einzelne Aspekte der Terroranschläge am 11. September 2001, die er als bislang ungeklärt betrachtet: Die Legende – Was am 11. September geschah (mit Wolfgang Schreyer), 2006, Inside 9/11 – Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach (Herausgeber: Jürgen Elsässer), und Faktencheck 9/11 – Eine andere Perspektive 12 Jahre danach, 2013.
Der Sozialwissenschaftler Andreas Anton bezeichnete 2014 die „offiziellen“ und die „alternativen“ Erklärungen gleichermaßen als „Verschwörungstheorien zum 11. September“ und stellte sie einander gegenüber. Wie andere halte Schreyer beispielsweise ein zufälliges Versagen der US-Luftabwehr, die entführten Flugzeuge rechtzeitig abzufangen, für unwahrscheinlich. Schreyer vermute eine absichtliche Verzögerung dabei und halte eine Regierungsverschwörung für denkbar. Mögliche Motive sehe er im Regierungsplan Continuity of Government und im Project for the New American Century (PNAC).Andreas Anton: Verschwörungstheorien zum 11. September. In: Andreas Anton, Michael Schetsche, Michael K. Walter (Hrsg.): Konspiration: Soziologie des Verschwörungsdenkens. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-531-19323-6, S. 169–173
Markus Linden ordnete Schreyer 2014 zusammen mit Mathias Bröckers mit Bezug auf deren „kritische Stellungnahmen zu den vermeintlich ungelösten Fragen rund um die Terroranschläge vom 11. September 2001“ den „sicherlich intelligenteren Vertretern sogenannter Verschwörungstheorien“ zu. Beide vertreten laut Linden „gegenüber den USA eine fundamentalkritische Position“, ohne dabei „in gänzlich unseriöse Argumentationen und Mutmaßungen abzugleiten“.Markus Linden: Mathias Bröckers / Paul Schreyer: Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren. Rezension auf Portal für Politikwissenschaft, Frankfurt am Main, 4. Dezember 2014
Wir sind die Guten, 2014
Schreyers mit Mathias Bröckers verfasstes Buch Wir sind die Guten (2014) behandelt unter anderem die NATO-Osterweiterung, das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine, den Euromaidan und den Russisch-Ukrainischen Krieg sowie eine Kritik ihrer medialen Darstellung. Das Buch erreichte 2014 die Spiegel-Bestsellerliste für „Paperback Sachbücher“.Wir sind die Guten, buchreport.de Es wurde in die russischeБрёкерс, Матиас – "Мы хорошие". Точка зрения человека, понимающего Путина, или Как средства массовой информаци... Russische Staatsbibliothek und tschechische Sprache übersetzt.Mathias Bröckers, Paul Schreyer: My jsme ti dobří: názory toho, kdo se snaží chápat Putina aneb Jak námi média manipulují. Nakladatelství Jaro, Prag 2014 (auf DNB, tschechische Sprache) 2019 erschien eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage.
Zur Erstauflage
Brigitte Baetz (Deutschlandfunk) urteilte in ihrer Rezension vom 8. September 2014: Aus der vertretbaren Sicht gehe es nicht um Freiheit und Menschenrechte, sondern um Macht und militärische Kontrolle, seit Jahren würde die Außenpolitik der Vereinigten Staaten durch wirtschaftliche Interessen bestimmt. Damit sei Putin, etwa die Behandlung Homosexueller, nicht zu entschuldigen. Die Kritik daran sei aber unlauter, insofern das im Westen vor Kurzem noch ganz ähnlich gewesen sei und beim Verbündeten Saudi-Arabien toleriert würde. Die Mitschuld des Westens an der Eskalation in der Ukraine würde, so die Autoren, zu wenig behandelt, es fehle auch die Perspektive Russlands. Zutreffend sei die Kritik Bröckers und Schreyers am denunziatorischen Gebrauch des Schimpfworts „Putinversteher“. Hier hätten sie, so Schmid, einen wichtigen Punkt aufgegriffen, der nicht zu Unrecht auch von vielen Bürgern kritisiert werde: „Die plakative Art, mit der beispielsweise so unterschiedliche Blätter wie ‚BILD‘ und ‚Spiegel‘ in gleicher Manier gegen Russland Stellung beziehen und einem Krieg als Mittel der Politik das Wort reden.“ Trotzdem leide das gut geschriebene Buch ein wenig darunter, „dass es den Spieß einfach umdreht und aus den Amerikanern nun die Bösen macht.“
Richard Zietz (Der Freitag) bezeichnete das Buch am 14. September 2014 als das richtige Buch zur richtigen Zeit. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger hielten den "Eskalationskurs, den der Westen gegenüber Russland in Szene setzt, für verantwortungslos, europäischen Interessen schadend, politisch-moralisch einseitig und darüber hinaus höchst gefährlich." Die großen Leitmedien würden dabei dem Prinzip folgen: "mehr desselben, weiter wie bisher." Bröckers und Schreyer liefern eine schonungslose Analyse westlicher Hybris und mediale Mitverantwortung für Eskalation. Auch wenn ihre Perspektive nicht alle Facetten abdeckt, bietet das Buch essenzielle Denkanstöße für eine Debatte, die oft von Simplifizierung geprägt ist.
Ganz anders ordnete Inga Pylypchuk (Die Welt, 11. Oktober 2014) die Publikation ein: Das Buch diene in Gestalt einer Kritik an verzerrender Sprache deutscher Leitmedien der „Verbreitung einer proputinschen Rhetorik, gepaart mit einem eisernen Antiamerikanismus“. Pylypchuk wirft den Autoren vor, das „Kreml-Vokabular“ zu benutzen, etwa die abwertende Bezeichnung „grölende Punk-Tussis“ für die russische Gruppe Pussy Riot. Dazu rechnet Pylypchuk auch das Urteil, bei den revolutionären Ereignissen des Euromaidan 2013/2014 handele es sich um einen „vom Westen geförderter Putsch“. Auch die Bezeichnung des russischen Propagandasenders Russia Today als „alternative Nachrichtenquelle“ und „Junta“ für die Kiewer Übergangsregierung sei typisch für den Kreml. Noch vor der Medienanalyse stelle das Buch „Wahrheiten“ dar, „die seltsamerweise durchgehend mit denen des Kreml übereinstimmen“: Die Ukraine sei eine gespaltene oder gar keine Nation; die Annexion der Krim 2014 sei wegen des Referendums danach legitim gewesen; der US-Geheimdienst habe die Maidan-Revolution inszeniert. Logischerweise lehnten die Autoren Sympathie deutscher Medien für eine Demokratiebewegung ab, die ihnen nur als Erfindung der USA gelte. Somit verharmlose das Label „Putinversteher“ die Autoren: „Hinter diesem Wort können sich – wie hinter einer Maske – nun aktive Unterstützer der russischen Aggression verstecken und ähnlich wie der von ihnen angeklagte Westen predigen: ‚Wir sind die Guten.‘“Inga Pylypchuk: Kreml-Sprech mit Bröckers und Schreyer. Welt Online, 11. Oktober 2014
Markus Linden ordnete am 4. Dezember 2014 Schreyer einem Spektrum von Autoren alternativer Medien zu, die gemeinsame „Sichtweisen mit verschwörungstheoretischem Charakter“ vertreten. In diesem Rahmen beurteilt er das Buch von Schreyer und Mathias Bröckers als „argumentativ durchaus beachtenswerte Streitschrift wider die vermeintlich einseitige Berichterstattung der Medien über den Ukraine-Konflikt“ und als „faktenorientierte Kritik“.Markus Linden: Alles Lüge! Verschwörungstheorien erklären immer mehr Menschen die Welt. Für den Rest der Gesellschaft bedeutet das nichts Gutes. The European, 11. November 2014 Das Buch zeige Defizite der Medienberichte zum Ukrainekonflikt auf, die auch die Öffentlichkeit wahrnehme. Es sei von Kritikern „überraschend wohlwollend“ aufgenommen worden. Es lasse Russlands Reaktionen als Folge US-amerikanischer Aggression erscheinen und fordere von der bundesdeutschen Politik, sich nicht nur an Deutschlands „‚Schicksalsgemeinschaft‘ mit den Amerikanern“ zu erinnern, sondern auch an die geografische „Gemeinschaft mit den Russen, denen gerade die Deutschen noch etwas schuldig sind“. Damit sei das hervorragend lesbare Buch „noch einseitiger als der kritisierte Mediendiskurs“.
Klaus von Beyme bezeichnete Schreyer und andere Autoren 2016 als „Putinversteher“. Laut Beyme wehren diese sich gegen einen wahrgenommenen „‚Werteimperialismus“ und „Menschenrechtsbellizismus“, der vernebele, dass es bei den westlichen Interventionen in Afghanistan, im Irak oder in Libyen nicht in erster Linie um Menschenrechte und westliche Werte gehe, sondern um Macht- und Geschäftsinteressen im Hinblick auf Rohstoffe und Ressourcen.Klaus von Beyme: Die Russland-Kontroverse. Eine Analyse des ideologischen Konflikts zwischen Russland-Verstehern und Russland-Kritikern. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-12030-6, S. 47
Zur Neuauflage
Ulrich Schmid attestierte 2022 Schreyer und seinem Ko-Autor Bröckers in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein „Russlandbild, das sich aus anti-westlichen Verschwörungstheorien speist“: Beide seien bislang nicht als Experten für russische Geschichte aufgefallen. Daher sei ihr Russlandbild von Phantasien geprägt, nur selten von der weltpolitischen Wirklichkeit. Leitmotivisch würden sie westlichen „Werteimperialismus“ und „Menschenrechtsbellizismus“ kritisieren, die russische Annexion der Krim würden sie dagegen als vorbildlich loben, da sie ohne Blutvergießen durchgeführt worden sei. Was sie beschreiben und als Bollwerk gegen die angeblich verderbliche Globalisierungsflut loben, sei lediglich ein „Phantom-Russland“.Ulrich Schmid: Bücher über Russland: Die Putin-Versteher sind ein deutsches Phänomen. FAZ, 24. März 2022
Wer regiert das Geld?, 2016