Disziplinierung ist ein Vermittlungsprozess, der sowohl zu Selbstdisziplin als auch zu Gehorsam führen kann. Im herkömmlichen Sinne wird die DisziplinierungStichwort Disziplinierung, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 16. Januar 2018 mit Strafen oder deren Androhung verbunden, sie ist auch ein Machtmittel. In der praktischen pädagogischen Anwendung soll sie die innere Einstellung verändern und zu einem überzeugenden Verhalten führen. Während der Sozialisation sorgt sie für Disziplin und Eingliederung in Gesellschaftsformationen. Im Strafvollzug wirkt sie als Ansporn zur Resozialisierung des Strafgefangenen. Zwischenmenschliche Beziehungen werden durch geschlechtsspezifische Verhaltensregeln diszipliniert. In der Ökonomie spricht man von einer Wettbewerbsbeschränkung, wenn Preis und Qualität der eigenen Leistung nicht der Disziplinierung durch einen Marktrivalen unterliegen. Die Vertrauensfrage ist in parlamentarischen Demokratien mitunter ein Instrument der Regierung zur Disziplinierung der Parlamentarier. Totalitäre und diktatorische Staaten setzten ihre Macht durch eine engmaschige Disziplinierung ihrer Beamten ein. Die Disziplinierung innerhalb des Militärs gilt der Steigerung der Kampfbereitschaft und der Führung von geordneten Schlachten.
Die Grundlagen der modernen Disziplinierungsmaßnahmen und -systeme, sowie der praktischen Anwendung von Disziplinierungstechniken sind in ihren Grundzügen auf die Philosophen Michel Foucault und Theodor W. Adorno zurückzuführen.Soziologie und Politik, Disziplinartechniken | Foucault und Adorno (by Admin on 19. Dezember 2012), aufgerufen am 4. Januar 2018
Differenzierung Die Unterscheidung von Disziplin und Disziplinierung besteht im Wesen der Begriffe. Schon die Definition Disziplin stößt an die Grenzen der Eindeutigkeit, denn sie beinhaltet die Bereiche von Selbstdisziplin bis zum Gehorsam. Man findet sie in Zucht und Ordnung sowie Selbstbeherrschung, und man versteht sie als eine persönliche Tugend. Sie spiegelt sich ebenfalls in „Zucht und Maß“ wider. „Zucht ist aufs engste verwandt mit ziehen, aufziehen und erziehen und gleitet schnell in den Begriff Züchtigung über. Auch das Wort Maß hat sich zunehmend in eine qualitative Bedeutung verwandelt und wird nicht mehr als das einem „Zukommende und Entsprechende“ erkannt. Diese beiden Worte stehen im folgenden Sinne für die „Temperantia“, als die Tugend der Zucht und des Maßes“.Josef Pieper: Das Viergespann; Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. Kösel-Verlag, München 1964. Disziplin ist somit eine persönliche, auf sich selbst bezogene Eigenschaft, die erlebt, erlernt und anerzogen wird.
Bei der Disziplinierung werden Maßnahmen angewandt, die im ursprünglichen Sinn zur Disziplin anleiten, beziehungsweise sie herstellen oder erneuern. Zuvor muss aber eine Disziplinlosigkeit erfolgt sein oder das Fehlen jeder Disziplin vorliegen. Die antiautoritäre Erziehung früherer Zeiten lehnte Formen der Disziplin ab, die Folge war eine Entdisziplinierung. Das heißt, da wo keine Disziplingrundlagen vorliegen, kann auch keine Disziplinierung erfolgen.
Foucault und Adorno In der Analyse der Disziplinierungstechniken sind bei Michel Foucault (1926–1984) und Theodor W. Adorno (1903–1969) Übereinstimmungen unverkennbar. Ihre Ansichten hängen mit der Unterdrückung der eigenen Natur zusammen. Foucault benennt sie als Selbsttechniken. „Der menschliche Körper geht in eine Machtmaschinerie ein, die ihn durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt. […] Die Disziplin fabriziert auf diese Weise unterworfene und geübte Körper, fügsame und gelehrige Körper […], der Disziplinarzwang verkettet eine gesteigerte Tauglichkeit und eine vertiefte Unterwerfung im Körper miteinander […].“Disziplinartechniken | Foucault und Adorno. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. 1994, S. 176f. Die Übereinstimmung der beiden Analysen liegt schon am Beginn, nämlich mit dem Tatbestand einer vernunftvermittelten Zweckdisziplinierung.Disziplinartechniken | Foucault und Adorno Die Strafgewalt stellt sich bei Foucault als Äquivalent zum Machttypen der Disziplinierung dar. Der Körper, so schreibt Foucault in Überwachen und Strafen, wird nicht mehr gemartert wie zu Zeiten des Souveräns; über die Disziplinierung des Körpers soll der Geist kontrolliert werden. Sie soll dem modernen Subjekt in „Fleisch und Blut“ übergehen. Die Verinnerlichung dessen beschreibt Adorno, genau wie Foucault und auch Friedrich Nietzsche (1844–1900), in der Unterdrückung der eigenen Natur, die das Subjekt hinnimmt, da es nicht ersichtlich ist; mit Adornos Wort: Der „Verblendungszusammenhang“. Foucault hat seine Repressionshypothese ebenfalls eindeutig als zu enthüllende Täuschung. „Im 17. und 18. Jahrhundert trat dann ein bedeutendes Phänomen auf den Plan: die Erscheinung – oder besser Erfindung – eines neuen Machtmechanismus mit ganz besonderen Verfahren, völlig neuen Instrumenten und ganz anderen Apparaten […] Dieser neue Machtmechanismus bezieht sich zunächst auf die Körper und mehr auf das, was diese tun […].“Disziplinartechniken | Foucault und Adorno. Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft. 1999, S. 46. Des Weiteren besteht zwischen Foucault und Adorno Übereinstimmung in der Festlegung der Techniken, die zur Disziplinierung benötigt werden, und darüber hinaus bestand Einklang darin, dass die Disziplinierung und Ordnung, vermittelt durch die „Integration“, durch die Gesellschaft überwacht und gewollt ist. Foucault, der genau wie Adorno bei der Begrifflichkeit und der Vernunft beginnt, analysiert die Macht der Disziplin anhand der geschichtlichen Entwicklung. „Es gibt 2 große Revolutionen in der Technologie der Macht: die Neuentdeckung der Disziplin und die Entdeckung der Regulierung (hier des Bevölkerungswachstums), die Perfektionierung einer Anatomo-Politik und die einer Bio-Politik.“Disziplinartechniken | Foucault und Adorno. Michel Foucault: Botschaften der Macht. 1999, S. 185.
Disziplinierungsmethoden in der Pädagogik In der Pädagogik, der Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen, soll die Disziplinierung als ein Vermittlungsprozess zur Disziplin führen. Disziplin darf aber nicht nur mit Sanktionen oder ihrer Androhung durchgesetzt werden, sie soll vielmehr zu einer Veränderung der inneren Einstellung führen.
Überblick Neben der Aufgabe der Erziehung ist zum Beispiel bei Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) „die Herausführung aus dem natürlichen über den gesellschaftlichen zum sittlichen Zustand maßgebend“.Jürgen Raithel, Bernd Dollinger, Georg Hörmann: Einführung Pädagogik: Begriffe – Strömungen – Klassiker – Fachrichtungen. 3. Auflage. Verlag für Sozialwissenschaft, 2009, ISBN 978-3-531-16320-8, Teil A, Abschnitte 1.2. Grundfunktion der Pädagogik in historischer Sicht; 1.3. Pädagogie, Pädagogik, Erziehungswissenschaft (Leseprobe). Immanuel Kant (1724–1804) versteht den Prozess der Entwicklung von Disziplinierung als Zusammenhang von Erziehung und Bildung. Seine Erziehungslehre stellt den Weg der „Menschwerdung“ von der Natur ausgehend, die Disziplinierung benötigt, bis zur Freiheit dar. Die Montessoripädagogik sieht in der Disziplin und Disziplinierung zwei verschiedene Inhalte, die mitunter gleichgesetzt und verwechselt werden. So heißt es dann auch: „Disziplin bedeutet lernen, nicht anzupassen. Lernen ist das Wesen der Disziplin. Lernen, warum man pünktlich zum Essen kommen, zur richtigen Zeit ruhen sollte usw., ist das Lernen über die Ordnung im Leben…Wir nennen einen Menschen diszipliniert, wenn er Herr seiner selbst ist und folglich über sich selbst gebieten kann, wo es gilt eine Lebensregel zu beachten“.Montessori-Schule Dietramszell: Die Prinzipien der Montessori-Pädagogik (, aufgerufen 4. Januar 2018). Die Methode der Disziplinierung nach Ernst ErgenzingerClaudius Hennig, Uwe Knödler, Ernst Ergenzinger: Problemschüler – Problemfamilien. Beltz, Weinheim/Basel 2000, ISBN 3-407-22058-8. besteht darin, störende Schüler im Unterricht nicht ständig zu ermahnen und ihnen zu drohen, sondern ihr Privatgespräch zu thematisieren und den Schülern in dieser Situation Handlungsoptionen aufzeigen.Franziska Born, Nina Frick, Robert Höckner, Susanne Meyer: Disziplin und Unterrichtsstörungen (online, aufgerufen 4. Januar 2018). In Alternativschulen wird bei der Methode der Disziplinierung auf Zwangsmittel verzichtet. Es wird auf Verständnis, Einsicht und Vernunft gesetzt. Konflikte unter Kindern und den Erwachsenen schaffen Regeln und Grenzen, die veränderbar bleiben. Zu den gewaltfreien Disziplinierungsmaßnahmen bei Schülern zählt zweifelsfrei die Notengebung, wobei die Klage der Jugendlichen in der Aussage beruht, dass sie in eine große Abhängigkeit der Noten durch stark subjektiv urteilende Lehrer gelangen. „Viele schlecht benotete Jugendliche sehen sich als Opfer der Laune oder Willkür der Lehrer und empfinden Noten als Disziplinierungsmittel.“Neue Studie; Was ist das Schlimmste an der Schule? In: Der Tagesspiegel, 5. Januar 2012, aufgerufen 4. Januar 2018
Soziale Disziplinierung
„Sozialdisziplinierung ist eine mehr oder weniger gewaltsame Beeinflussung von Bevölkerungsgruppen im Interesse eines Staates und seiner Politik zur Lenkung der Bevölkerung mit dem Ziel der Durchsetzung politischer Ziele. Diese Ziele können im Erhalt der inneren Ordnung eines Staates oder einer Staatengemeinschaft liegen oder in außenpolitischen Absichten. Die Möglichkeiten einer Sozialdisziplinierung sind vielfältig und reichen von Steuererhebungen bis zu Unterhaltszahlungen. Die Anwendung offener Gewalt ist dabei das schärfste Mittel der Sozialdisziplinierung und erfolgt, wenn andere Mittel nicht mehr zur Verfügung stehen oder nicht wirksam sind.“ Das deutlichste Merkmal für eine radikale Sozialdisziplin gegenüber einer Bevölkerungsgruppe findet sich in der chinesischen Ein-Kind-Politik.
Geschichte Die aus der frühneuzeitlichen Epoche stammenden Gesindeordnungen verfügten für das Gesinde Regelungen zur Disziplinierung. Ihr Beginn lag in der Augsburger Polizeiordnung von 1530, mit der der Höchstlohn und die Gesindezeugnisse eingeführt wurden. Später wurden auch der Aufenthaltsort und die Meldepflicht der Bediensteten festgelegt. Dieses war der staatliche Versuch, die jugendliche Schicht zu disziplinieren und gleichzeitig der patriarchalischen Herrschaft, der die Ausübung der Hauszucht erlaubt war, zu unterstützen.Einführung in die Frühe Neuzeit, Soziale Ordnung (Online, aufgerufen 4. Januar 2017). Zu den praktischen Methoden der Sozialdisziplinierungen und den Maßnahmen im Strafvollzug gehörten die öffentliche Ausführung der Strafgewalt in Form von Betzekämmerchen, Hundeloch, Hundestall oder Narrenkäfig. Diese Maßnahmen dienten – der Schwere der Taten entsprechend – allein der Disziplinierung der Bürger.
Sozialer Abstieg