miniatur|Ursula K. Le Guin 2008 Orsinien ist ein fiktives zentraleuropäisches Land, in dem mehrere Erzählungen und der 1979 erschienene Roman Malfrena von Ursula K. Le Guin angesiedelt sind. Die Erzählungen erschienen zum Großteil in der Sammlung Orsinian Tales 1976.
Überblick Die Form folgt den Konventionen des historischen Romans bzw. der historischen Erzählung, mit dem Unterschied eben, dass sie nicht wie etwa die Erzählungen Walter Scotts im mittelalterlichen England oder Tolstoi Krieg und Frieden im Russland der napoleonischen Kriege angesiedelt sind, sondern in einer fiktiven Welt, die allerdings immer wieder mit historischen Ereignissen verknüpft wird. Dabei spielt Malafrena im 19. Jahrhundert, die Geschichten aus Orsinien reichen vom 12. bis ins 20. Jahrhundert.
Hintergrund
Geschichten aus Orsinien (Orsinian Tales) Die elf Erzählungen der 1976 erschienenen Sammlung sind zwar in sich chronologisch erzählt, insgesamt aber nicht chronologisch geordnet, vielmehr springen die Erzählungen vor und zurück in der Zeit und decken dabei einen Zeitraum ab, der von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis in die Zeit des Kalten Krieges reicht. Bei jeder Erzählung ist am Ende das betreffende Jahr angegeben, die so sich ergebende Folge von Jahreszahlen ist 1960, 1150, 1920, 1956, 1910, 1962, 1938, 1965, 1640, 1935. Mit Ausnahme von Springbrunnen, der ersten Erzählung, sind alle Geschichten in Orsinien lokalisiert. Der Name Orsinien erscheint in den Erzählungen selbst kein einziges Mal, nur im Titel, aber durch sich wiederholenden Namen von Orten – etwa der Hauptstadt Krasnoy – und Landschaften wird eine zusammenhängende Geographie impliziert. Die Lage Orsiniens bleibt unbestimmt, es ist nur klar, dass es ein zentraleuropäisches Land ist, landumschlossen, manche Details erinnern an die Tschechoslowakei, manche an Ungarn, andere legen einen der Balkanstaaten nahe.
Wenn nicht anders vermerkt, sind alle Erzählungen erstmals 1976 im Sammelband erschienen.
Springbrunnen (The Fountains) – 1960 miniatur|Fontänen im Park von Versailles Kereth ist ein renommierter Zellbiologe, dem es von seiner Regierung gestattet wird, einen internationalen Fachkongress in Paris zu besuchen. Während einer Führung durch die Anlagen von Versailles findet er sich plötzlich allein in den weitläufigen Parkanlagen mit ihren Brunnen. Ohne dass er es zunächst bemerkt hätte und ohne dass es seine Absicht gewesen wäre, ist er den Bewachern und Spionen entkommen, von denen in der Zeit des Eisernen Vorhangs die osteuropäischen Regierungen derartige Reisegruppen begleiten ließen. Für Kereth stellt sich nun die Frage, ob er die Chance nutzen, eine Botschaft aufsuchen und dort politisches Asyl beantragen – oder ob er ohne Aufhebens in sein Hotel und schließlich auch in sein Land, seine Heimat zurückkehren soll.
Kereth ist zunächst irritiert. Er ist an Überwachung gewöhnt: „In seinem kleinen Land konnte man den Blicken nur dann entrinnen, wenn man sich völlig ruhig hielt, wenn Stimme, Körper, Gedanken gänzlich verstummten. Er war stets ein unruhiger Mann gewesen, immer im Blickfeld.“In his small country a man could get out of sight only by not moving at all, by keeping voice, body, brain all quiet. He had always been a restless, visible man. Kereth wandert weiter auf den Parkwegen, unter den alten Bäumen, durch die „verschwiegene und verschworene Dunkelheit all jener Wälder, in denen Flüchtlinge sich verbergen“[…] the taciturn, complicit darkness of all forests where fugitives have hidden., und er fragt sich, ob er nun ein Flüchtling ist oder sein soll.
Er verlässt den Park, der Bus seiner Reisegruppe ist fort, er trinkt einen Wermut in einem Café, fährt dann nach Paris zurück und steht nachts schließlich auf der Passerelle Solférino über der Seine. Im Park von Versailles mit seinen Brunnen und Wasserspielen, mit seinen alten Bäumen und zuletzt dem Reiterstandbild von Ludwig XIV. hat er ein Bild einer aristokratischen, königlichen Freiheit gefunden und für sich reklamiert – oder die Freiheit an sich genommen. Es ist freilich eine untergegangene Freiheit: „Es gibt keine Verstecke mehr. Keine Throne, keine Wölfe, keine Eber; auch die Löwen in Afrika sterben aus. Der einzig sichere Ort ist der Zoo.“There are no hiding places left. There are no thrones; no wolves, no boars; even the lions of Africa are dying out. The only safe place is the zoo. Dennoch ist er frei, nichts hält ihn – außer einer Art Anhänglichkeit, nicht Heimatliebe, aber doch Heimattreue. So kehrt er in das Hotel zurück, mit seiner neu gefundenen – oder gestohlenen – Freiheit und schreitet an dem in der Lobby sitzenden Geheimpolizisten vorbei, unter dem Mantel verborgen das Diebesgut, die unerschöpflichen Brunnen.
Das Hünengrab (The Barrow) – 1150 Graf Freyga ist jung, erst 23 Jahre alt. Seit 3 Jahren, als sein Vater durch einen Pfeil der heidnischen Bergstämme getötet wurde, ist er Herr der Burg Vermare. Es ist Winter, er sitzt mit seinen Männern unten in der Halle am Feuer, während oben seit Tagen seine Frau in den Wehen liegt. Ein fremder Priester ist zu Gast, ein strenger, hochmütiger Mann, der für das Leben und den Glauben der einfachen Leute im Grenzland nichts als Verachtung zeigt und überall arianische Ketzer wittert. Es wird dunkel und still und oben hört Freyga seine Frau in den Wehen wimmern. Der fremde Priester erscheint ihm immer mehr wie eine fette Spinne, die Stunde um Stunde in ihrer Ecke sitzt und ein Gewebe aus Dunkelheit spinnt. Mitten in der Nacht steht Freyga auf und zwingt den Priester mit blankem Schwert hinaus vor das Tor, vor das Dorf, wo ein alter Grabhügel steht, ein Hünengrab aus grauer Vorzeit. Freyga zwingt den Priester hinauf zu den Steinen, wo er ihm die Kehle durchtrennt und sein Blut und die Innereien auf die Altarsteine verteilt. Dann schüttert und schwankt die Erde und hinter ihm tönen wilde Stimmen in der Dunkelheit. Als Freyga zur Burg zurückkehrt, wird es gerade hell, die Luft ist milder und feuchter, eine Ankündigung vom Ende des Frosts, und in der Burg ist seine Frau mit einem Sohn niedergekommen. Sie lebt und das Kind lebt und Freyga sinkt an ihrem Bett auf die Knie und betet zu Christus.
Die Chroniken rühmen Freyga als frommen Mann, der am See Malafrena, wo einst sein Vater den Tod durch die Heiden fand, die Benediktinerabtei erbaute, ihr Ländereien gab und sie mit seinem Schwert schützte. Was den Priester betraf, so hat der Bischof von Solariy nie erfahren, was aus ihm wurde. Man nimmt an, dass er in seinem Glaubenseifer sich zu weit in die Berge wagte und dort von heidnischer Hand das Martyrium erlitt.
Der Wald von Ile (Ile Forest) – 1920 Ein junger Arzt und ein älterer Arzt sprechen über Verbrechen. Der junge Arzt meint, dass manche Taten, zum Beispiel Mord, ja wohl unverzeihlich sein müssten, der ältere widerspricht. Zwar gäbe es Menschen, für die es keine Verzeihung gibt, bei Taten dagegen hinge es stets von den Umständen ab. Und dann beginnt der ältere Arzt zu erzählen von jener Zeit, als er selbst ein junger Arzt in Valone war und dort zusammen mit seiner Schwester lebte, die ihm den Haushalt führte. Die Gegend war ein weites Tal mit Rübenfeldern, langweilig und baumlos, nur am Rand des Tals, in Valone Alte, wurde es bergig. Auf seiner ersten Fahrt dorthin bemerkt er ein verfallenes Haus, fast verborgen in einem Bestand alter Bäume, dem Wald von Ile, Rest eines einst viel größeren Waldes, Besitz der Familie Ileskar, im Lauf der Generationen geschrumpft auf einen kleinen Rest, eben genug, Galven Ileskar, dem letzten der einst wohlhabenden und angesehenen Familie, und seinem Faktotum Martin ein spärliches Auskommen zu bieten.
Zu diesem Galven Ileskar wird der Doktor gerufen, als der mit Lungenentzündung darnieder liegt und mit dem Tod kämpft. Galven wird wieder gesund und er und der Doktor werden Freunde. Nach einer Weile lernt er auch Pomona, die Schwester des Arztes, kennen und beide lernen sich lieben. Der Arzt war zwar von Anfang an fasziniert von Galven, hat aber auch das Gefühl, dass es einen dunklen Punkt in dessen Seele gebe. Als er den Diener Martin eindringlich befragt, gesteht der ihm schließlich, dass Galven ein Mörder sei. Seine erste Frau sei seinerzeit nicht mit ihrem Liebhaber verschwunden, wie alle Welt glaubt, vielmehr habe Galven sie im Wald von Ile in flagranti angetroffen und seine Frau erschossen und den Liebhaber erschlagen. Er, Martin, habe dann die Leichen im Wald verscharrt. Galven sei anschließend wochenlang wie von Sinnen gewesen, dann scheinbar wieder mehr oder minder normal geworden, seine Tat habe er aber völlig vergessen: „Er wurde erst dann wieder er selbst, als er vergaß, dass er vergessen hatte.“ Der Arzt erzählt das der Schwester, diese aber entscheidet sich, dennoch an Galven zu glauben. Galven und Pomona heiraten, sie haben zwei Kinder. Mit 50 Jahren stirbt Galven an einer erneuten Lungenentzündung. Die Schwester des Arztes lebt weiter im Wald von Ile.
Sowohl Das Hünengrab als auch Der Wald von Ile handeln von ungesühntem Mord. Das Hünengrab erzählt im Wesentlichen die Vorgeschichte, Der Wald von Ile die Folgen, und während in der Geschichte aus dem dunklen Mittelalter der Ausgang die Tat wenn nicht geradezu bestätigt, dann doch ausgleicht und aufhebt, so geht es im Wald von Ile um unaufhebbare und uneingestehbare Schuld, schließlich auch aufgehoben durch eine Art Glaubensakt, nämlich den Glauben Pomonas an Galven. So spielt Glaube bzw. Treue (englisch fidelity) in den drei ersten Erzählungen in unterschiedlichen Formen eine zentrale Rolle: Kereths Treue zur Heimat, Freygas Handeln, das alten und neuen Glauben verbindet, und schließlich den Glauben Pomonas, der sich an einem Mörder erweist.Elizabeth Cummins: Understanding Ursula K. Le Guin. London 1993, S. 136 f.
Gespräche in der Nacht (Conversations at Night) – 1920 Sanzo ist ein Kriegsblinder, der mit seinem alten Vater bei seinem Onkel Albrekt und dessen Frau Sara in der Industriestadt Rákava lebt. Die Verhältnisse sind beengt, die Mittel knapp und die Zukunft unsicher. Nachts im Bett unterhalten sich Sara und Albrekt darüber, was wohl aus Sanzo werden soll, und Sara hat die Idee, Alitsia (genannt Lisha), die Tochter der Wäscherin gegenüber, zu bitten, Sanzo gelegentlich etwas vorzulesen. Der Hintergedanke ist, dass aus dem Vorlesen mehr werden könnte. So kommt es auch, und als Alishas Mutter die wachsende Neigung zwischen den beiden bemerkt, versucht sie Alitsia davon abzubringen und erzählt ihr, dass es stets ihr einziger Wunsch gewesen sei, dass Alitsia einst den beengten Verhältnissen entkommen könnte. Mit einem blinden Ehemann sei das aber wohl nicht möglich, sie solle sich also bedenken. Zeitweise sieht es dann aus, als sei es vorbei, vor allem nach einem Vorfall, bei dem Sanzo Alitsia bedrängte und sie ihn zurückwies. Sie lernt den Färber Givan kennen, der sie bittet, seine Frau zu werden, dazu kann sie sich aber nicht entschließen. Als es wieder Frühling wird, begegnet man sich wieder im Hof. Sanzo und Alitsia sprechen miteinander, sie gehen zusammen noch einmal hinauf zum Hügel über der Stadt, zum Garten der alten, verfallenen Villa, wo sie im Vorjahr gewesen waren. Sanzo glaubt nicht an eine gemeinsame Zukunft, Alitsia sieht keine Zukunft in Rákava, sie will mit Sanzo nach Krasnoy gehen, in die Hauptstadt, und es dort versuchen: „Sie wusste, dass sie es war, dass es ihre Entschlossenheit, ihre Gegenwart war, die ihn befreite; aber sie musste mit ihm in die Freiheit gehen, und das war ein Ort, wo sie noch nie zuvor war.“She knew that it was she, her will, her presence, that set him free; but she must go with him into freedom, and it was a place she had never been before.
Die Straße nach Osten (The Road East) – 1956