Mahdī ʿĀmil (bekannt als Mahdi Amel; * 1936 in Beirut; † 18. Mai 1987; , Pseudonym für DMG Ḥassan ʿAbdullāh Ḥamdān) war ein libanesischer marxistischer Intellektueller, Aktivist, Journalist und Dichter. Das Pseudonym Mahdī ʿĀmil, unter dem er später am bekanntesten werden sollte, legte er sich zu, als er begann für das Journal der Libanesisch-Kommunistischen Partei (LKP) aṭ-Ṭarīq zu schreiben. Der Name ist durch die Bergregion namens Ǧabal ʿĀmil im Südlibanon inspiriert, in der der größte Anteil der schiitischen Bevölkerung des Landes lebt. Als Dichter verwendete er das Pseudonym Hilāl Bin Zaytūn.
Sein arabischsprachiges Werk ist weitgefasst und setzt sich mit den gegenwärtigen Fragen seiner Zeit auseinander. Sei es hegemoniale Kulturkritik, Konfessionalismus im libanesischen Kontext oder die Kritik an nationalistischen Bewegungen. Auf diese und andere Entwicklungen versucht er Antworten durch eigene Deutungen mit Hilfe marxistischer Theoreme zu finden und sie praktisch anwendbar zu gestalten.
Leben Ḥassan Ḥamdān wurde 1936 in Beirut geboren und wuchs in einer schiitischen Familie in dem Dorf Ḥarūf im Süden des Libanon auf.Miriam Younes: A Tale of Two Communists. The Revolutionary Projects of the Lebanese Communists Husayn Muruwwa and Mahdi ʿAmil. In: Arab Studies Journal, Vol. 24 (1), 2016, S. 102. Während seiner Schulzeit an der al-Maqāṣid al-Islamīyya Schule sammelte er erste politische Erfahrungen mit den arabisch-nationalistischen Strömungen.
1956 begann er sein Studium der Literatur, der Geschichte und der Philosophie in Paris und schloss dieses mit zwei Doktorgraden der Philosophie an der Universität Lyon ab. 1960 begann er seine politische Karriere, indem er der LKP beitrat. Er schloss sich bereits während seines Studiums in Paris im Zuge der französischen Studentenbewegung einer geheimen Gruppe arabischer Marxisten an, die den Widerstand Algerischen Unabhängigkeitskrieg unterstützte. Durch diese Gruppe bekam er Zugang zu den Netzwerken der Nationalen Befreiungsfront Algeriens, für die er Geld von algerisch-französischen Arbeitern an algerische Befreiungskämpfer schleuste.Vgl. Younes 2016, S. 103, Younes verifiziert diese Aussage durch ein Interview with Waddah Sharara, Beirut, 23. September 2014 und einem Interview with Evelyn Hamdan, Beirut, 16. Januar 2016. In dieser Zeit wurde Ḥamdān nicht nur von der Althusserianischen Version des Marxismus beeinflusst, sondern genauso von Intellektuellen wie Poulantzas, dem Anthropologen Pierre-Philippe Rey und insbesondere durch Frantz Fanon.
1963 entschlossen sich seine Frau Evelyn Brun und er gemeinsam in die Stadt Constantine in Algerien umzuziehen, um dem Land nach seiner Unabhängigkeit zu helfen. Dort unterrichtete er Philosophie an einer Hochschule und schrieb nebenbei für das Magazin Révolution Africaine, in dem er seine Theorien zu Themen wie dem antikolonialen Widerstand, Theorien zur Dritten Welt und den strukturellen Bedingungen des französischen Kolonialismus weiterentwickelte.
Auf Grund des Militärputschs in Algerien 1965 und dem Sechs-Tage-Krieg 1967 ging Ḥamdān zurück in den Libanon und arbeitete dort als Lehrer. Die verheerende Niederlage der arabischen Staaten gegen Israel und das ideologische Versagen des arabisch-nationalistischen Bestrebens bewegte die meisten arabischen Intellektuellen zu einem Umdenken. Ab 1967 schrieb Ḥamdān ausschließlich auf Arabisch, denn, so begründet er, es sei „ein großes Wagnis, dass einer von uns [Marxisten] auf Arabisch schreibt“.mehdiamel.wordpress.com Er wurde politisch aktiv und begann für das Journal der LKP unter dem Pseudonym „Mahdī ʿĀmil“ zu schreiben.Miriam Younes: A Tale of Two Communists. The Revolutionary Projects of the Lebanese Communists Husayn Muruwwa and Mahdi ʿAmil. In: Arab Studies Journal, Vol. 24 (1), 2016, S. 103. 1968 nahm er die federführende Position beim zweiten Parteikongress der LKP ein und gewann dadurch hohes Ansehen in der linken intellektuellen Szene Libanons. Ab Mitte der 1970er-Jahre unterrichtete er marxistische Philosophie am Soziologieinstitut der Libanesischen Universität in Beirut. Während der israelischen Besatzung Beiruts im Jahre 1982 half er beim bewaffneten Widerstand mit, die Wasserversorgung zu organisieren,Vijay Prashad: Frontline, 5. März 2014; abgerufen am 12. Oktober 016. da am 16. September jenes Jahres die LKP einen Schulterschluss mit anderen linksorientierten Organisation zur Libanesischen Widerstandsfront begehen sollte.Vgl. Ismael, Ismael (1998): The Communist Movement in Syria and Lebanon. Gainesville: University Press of Florida. S. 115.
Er wurde am 18. Mai 1987 am helllichten Tag auf dem Weg zur Arbeit auf der al-Ğazāʾir Straße in Beirut aus dem Hinterhalt ermordet. Die Täter wurden niemals gefasst. Auf Grund seines Todes versammelten sich am 19. Mai Vertreter kultureller Organisationen, Medien und Hochschulen und deklarierten diesen Tag als „Siegestag des Wortes und der wissenschaftlichen Freiheit“.Vgl. https://mehdiamel.wordpress.com/ Wer ihn letztendlich getötet hat, bleibt eine umstrittene Frage. Es gibt Theorien, die das syrische Regime,Vgl. Sing, Manfred; Younes, Miriam (2013): The Specters of Marx in Edward Said’s Orientalism. In: Welt des Islam, Vol. 53 (2), S. 149. schiitische Fundamentalisten bzw. die Amal-BewegungMiriam Younes: A Tale of Two Communists. The Revolutionary Projects of the Lebanese Communists Husayn Muruwwa and Mahdi ʿAmil. In: Arab Studies Journal, Vol. 24 (1), 2016, S. 99. Younes bezieht sich in Anm. 4 auf folgende Quelle: Rula Jurdi Abisaab, Malek Abisaab: The Shi’ites of Lebanon: Modernism, Communism, and Hizbullah’s Islamists. Syracuse University Press, Syracuse NY 2014, S. 72. oder die HisbollahḤusein al-Badrī: Mahdī ʿĀmil. Ḏikra iġtiyāl ‚muṯaqqaf rusūlī‘, al-Maṣrī al-Yaum. almasryalyoum.com 23. Mai 2015; abgerufen am 16. Juli 2017. hinter dem Attentat vermuten. Die politischen Auseinandersetzungen der arabischen Marxisten mit den erwachenden islamistischen Bewegungen, die durch die Rekrutierung der Hisbollah sowie der Amal-Bewegung bei enttäuschten Schiiten aus kommunistischen Parteien und Gruppierungen Zulauf fanden,Sing: Marxismus in arabischen Ländern. Versuch einer De-Provinzialisierung. In: Osteuropa, Vol. 63 (5/6), 2013, S. 245. geben einen Hinweis auf die Täterschaft.
Kulturkrise oder Krise der arabischen Bourgeoisie? (1974) Im Frühjahr 1974 wurde sechs Monate nach dem Oktoberkrieg 1973 und inmitten der ersten Ölpreiskrise die Kuwait-Konferenz mit dem Titel ʾazmat at-taṭawwur al-ḥaḍārī fī al-waṭan al-ʿarabī (Deutsche Übers.: Die Krise zivilisatorischer Entwicklung in den arabischen Staaten) von der Kuwait-Universität organisiert. Auf dieser Konferenz versammelten sich insgesamt 24 arabische Intellektuelle (alles Männer) und veröffentlichten im Anschluss an die Konferenz Kommentare und Artikel, die die seit 1967 empfundene Kulturkrise der arabischen Bevölkerung mit Geschichte, Kolonialismus, Religion, Politik, alteingesessenen Familienstrukturen, Bildung und sozialen Werten in Verbindung setzten. Darüber hinaus warfen sie Themen wie die intellektuelle Zurückgebliebenheit, Fortschrittsvorstellungen, aber auch Debatten um Authentizität auf. Kritik wurde überwiegend an der arabischen Vergangenheitsbesessenheit und der gleichzeitigen arabischen Entfremdung von der Gegenwart geübt. In der Abschlusserklärung der Konferenz wurde unterstrichen, dass Tradition ein notwendiger Bestandteil arabischer Kultur sei und die Vergangenheit die Zukunft nicht beherrschen könne. Authentizität (ʾaṣāla) mit turāṯ (arabisch-islamisches Erbe) gleichzusetzen, wäre ein gefährliches Unterfangen und würde jegliche Form von Fortschritt verhindern. Eine richtige Wiederbelebung von turāṯ würde bedeuten, dass eine offene Diskussion über die Rolle der Religion in der Gesellschaft stattfinden muss und dass der Islam modernisiert werden müsste, während man seine essentiellen Glaubsbestandteile jedoch beibehält. Die gegenwärtigen Probleme der arabischen Staaten wurden in der Abwesenheit von Demokratie, in der Uneinigkeit der Staaten untereinander und in dem Unvermögengesehen gesehen, strategisch zu planen. Arabische Intellektuelle hätten laut der Abschlusserklärung frei zu sein von dem intellektuellen Terror, sie müssten sich für arabische Anliegen engagieren und sich moralisch mit den Gefühlen der arabischen Massen verbunden fühlen.
Nachdem dem Erscheinen der gesammelten Beiträge der Kuwait-Konferenz 1974, veröffentlichte Mahdī ʿĀmil noch im selben Jahr die Kritikschrift ʾAzmat al-ḥaḍāra al-ʿarabīya ʾam ʾazmat al-burğwāzīyāt al-ʿarabīyya (Deutsche Übers.: Kulturkrise oder Krise der arabischen Bourgeoisie?), in der er die Ergebnisse und Schriften der teilnehmenden Intellektuellen (mit Ausnahme des ägyptischen Linken Maḥmūd ʾAmīn al-ʿAlim) in die Mangel nahm. In den Beiträgen verortete er eine idealistische, metaphysische und essentialistische Logik, die zivilisatorische Problematiken als intellektuelle Fragestellungen verausgabt, losgelöst von materiellen, sozioökonomischen und politischen Faktoren und die den Effekten verursachen würden, dass es imaginäre Essenzen wie "das arabische Erbe" oder „den arabischen Geist“ scheinbar gäbe. Zivilisation wurde, nach ʿĀmils Kritik, als ein transhistorisches Phänomen untersucht, dessen Kern sich über die Jahrhunderte niemals verändert hätte. Im marxistisch-leninistisch geprägten Verständnis ʿĀmils sei Geschichte ein dialektischer Prozess von sich widersetzenden Kräften und Interessen und jene idealistische und essentialistische Logik, die die arabischen Intellektuellen der Kuwait-Konferenz in Anspruch nahmen, sei letztendlich die Logik der kapitalistischen arabischen Bourgeoisie. ʿĀmil lehnt das Denken in Kategorien wie „westlicher“ oder „arabischer Geist“ ab und schlägt vor stattdessen nach den sozialhistorischen Faktoren zu fragen, die zu bestimmten kulturellen und intellektuellen Entwicklungen geführt haben. In einem ähnlichen Tenor kritisiert er die Auseinandersetzung vieler Intellektueller mit der nahḍa (oft mit Renaissance übersetzt – um eurozentristische Konnotation zu verhindern, bietet sich die Übersetzung Aufbruch eher anNada Tomiche: Nahḍa. In: P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam. Second Edition. 2012, doi:10.1163/1573-3912_islam_SIM_5751), deren angebliches Scheitern sie auf eben jene Konstrukte von „arabischen Denkens“ zurückführen. ʿĀmil hingegen benutzt seine materialistische Herangehensweise und meint, dass die nahḍa versagen musste, da sie von einer abhängigen Bourgeoisie (Kompradoren-Bourgeoisie) vorangetrieben wurde, die unter der Kolonialherrschaft an Macht und Einfluss gewonnen hatte. Demnach stellte der literarische, intellektuelle und technologische Aufbruch im 19. Jahrhundert kein wirklichen Bruch mit den alten sozioökonomischen und kulturellen Strukturen dar, weil jene Bourgeoisie auf Grund ihrer Abhängigkeit keine authentische Neugenerierung von Wissen vornehmen konnte. Nur ein Eingestehen der kolonialen Realität der Gegenwart sowie das Erwachen der Arbeiterklasse, die sich gegen die abhängige Bourgeoisie auflehnt, könne man, nach ʿĀmil, abseits der Begriffe Fortschritt und Zurückgebliebenheit, neue Lösungen für die andauernde Krise finden. Letztere zwei Begriffe seien Konzepte, die durch den orientalistischen Diskurs über andere Zivilisationen im Dienste der imperialistischen Übermacht in die lokalen Diskursen eingeführt worden sind, um dem West die Vorreiterrolle in Fortschritt und Modernität zu sichern.