mini|Dorfkirche Woserin (2011) mini|Ansicht von Osten (2011) Die evangelische Dorfkirche Woserin ist eine frühgotische Feldsteinkirche im Ortsteil Woserin von Borkow im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehört zur Kirchengemeinde Dabel in der Kirchenregion Sternberg in der Propstei Wismar der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
Geschichte Das Dorf Woserin und die Kirche gehörten seit der Verleihung des Archidiakonatsrechts (auch Kirchenbann genannt) durch den Schweriner Bischof Brunward am 27. Oktober 1234 zum Dobbertiner Nonnenkloster. Mit dieser Urkunde wurde das Bestehen des Ortes Woserin erstmals schriftlich erwähnt. Ab 1237 kamen noch Hufenbesitz mit dem Kirchgut und der Gerechtigkeit am Woseriner See hinzu.MUB I. (1863) Nr. 469. Um 1292 wurde Detlev Wackerbart Lehnträger des Klosters Dobbertin auf dessen acht Woseriner Hufen.MUB III. (1865) Nr. 2247. Auch die von Woserin traten 1319 ihren Besitz an die von Kramon ab, die zehn Jahre später auch das Patronat der Kirche erwarben und bis in das späte 17. Jahrhundert den Besitz behielten. Sie besaßen auch die benachbarten Güter in Borkow und Mustin.
Über die Geistlichkeit des Mittelalters ist kaum etwas bekannt. Während der Visitation im Zuge der Einführung der Reformation 1541 erschien Pastor Heinrich Monnich trotz mehrfacher Einladung nicht.Gustav Willgeroth: Woserin, Präpos. Sternberg 1924, S. 1333. Die Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg waren von großer Armut geprägt. 1698 schien auch das Pfarrhaus baufällig gewesen zu sein, denn Pastor Detlof Josua Müller hatte in der Küche und Schlafstube weder Fußbodenbretter noch den Kachelofen. Alles war mit Gewalt geraubt worden.
mini|links|hochkant|Dobbertiner Provisor und Klosterhauptmann Jobst Hinrich von Bülow Nach 1670 gingen die Besitzungen in Borkow und Woserin an die von Moltke über. Ab 1696 gehörten sie denen von Bülow mit dem 1721 auf dem Landtag zum Provisor und späteren Klosterhauptmann gewählten Jobst Heinrich von Bülow des Landesklosters in Dobbertin.LHAS 3.2-3/1 Landeskloster/Klosteramt Dobbertin. Nr. 4600. Als Jobst von Bülow 1762 starb, musste die Witwe Maria Magdalena mit ihren acht unmündigen Kindern Borkow und Woserin verkaufen. Für 56 000 Rthlr. ging das Gut an den Landrat Friedrich von Pritzbuer über und ab 1802 übernahm die herzogliche Kammer die Ländereien.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges meldete der seit 1936 in Woserin amtierende Pastor Dr. Ludwig Bohnen an den Oberkirchenrat in Schwerin: „Die Kirchen in Woserin, Gägelow und Dabel haben unter Beschießung oder sonst wie nicht gelitten. Vasa sacra und sonstiges Inventar vorhanden. Friedhöfe von Woserin und Gägelow verwahrlost, kirchliches Eigentum ist nicht verloren gegangen.“LKA Schwerin, OKR, Kirchen- und Pfarrbauten und die Verbindlichkeit der Patrone zur Bestreitung dieser Kosten 1818–1965, Bd. 3. Nr. 36. Am 20. Dezember 1945 berichtet Pastor Dr. Bohnen, dass auf dem Boden und in den Seitenkammern des Pfarrhauses fünf Koch- und Heizstellen für Flüchtlinge und Umsiedler, wie die aus den verlorenen deutschen Ostgebieten Vertriebenen genannt wurden, eingerichtet sind. „Der Kampf gegen die grauenhafte Verschmutzung ist durch die überstarke Belegung des Hauses bisher erfolglos.“ Am 8. März 1946 verstarb Pastor Dr. Bohnen in Güstrow an Fleckfieber. Vermutlich hatte er sich im Woseriner Pfarrhaus angesteckt. Danach meldete die Witwe des Pastors Bohnen zehn schwere Tyhusfälle im Pfarrhaus, und die letzten jugoslawischen Flüchtlinge wurden polizeilich woanders untergebracht. Für die Reparatur des Daches der desolaten Pfarrscheune war 1950 kein Bezugsschein für 200 Quadratmeter Dachpappe zu bekommen. Ab 1953 wurde die vakante Pfarrstelle vom Kloster Dobbertin aus verwaltet. Der dortige Pastor Kurt-Vollrat Peters stellte am 9. Januar 1953 bei der zuständige Kreisbehörde einen Antrag auf Bezugsscheine für zwei Fahrradbereifungen, um die Versorgung der Gemeinden in Woserin und Borkow sicherstellen zu können.
Nach dem neuen Denkmalpflegegesetz der DDR vom 18. Juni 1975 wurde 1977 auch die Dorfkirche zu Woserin in die Denkmalliste des Kreises Parchim aufgenommen.
thumb|Altes Pfarrhaus (2025) Ab 1983 hatte in der Woseriner Kirche kein Gottesdienst mehr stattgefunden, seit 1971 fanden nur zwei Trauungen statt und 1983 gab es die erste Taufe nach elf Jahren. Die letzte Beisetzung auf dem Woseriner Friedhof erfolgte 1979. 1985 kam die Kirchgemeinde Woserin mit Hohenfelde, Borkow und Schlowe zum Kirchenkreis Wismar.
Das heute noch erhaltene ehemalige Pfarrhaus wurde 1829 errichtet, 1953 erfolgte der Anschluss an das elektrische Netz. Bis 1979 waren in der Diele und auf der Veranda des Pfarrhauses die Eierannahmestelle und die Post des Ortes untergebracht. Dann wurde es privat als Sommerhaus von Christa Wolf genutzt.
Baugeschichte Die Kirche von Woserin entstand in zwei mittelalterlichen Hauptbauphasen. Zuerst entstanden der Chor und Langhaus als abgeschlossene Einheit, erst zwei Jahrhunderte später der zwanzig Meter hohe Turm. Der ältere Teil gehört zu den späteren Bauten der ersten Kirchengeneration. Die dendrochronologische Untersuchung der letzten erhaltenen eichenen Dachhölzer, zwei schlanke Windrispen zur Längsaussteifung der Dachsparren, ergab die genaue Datierung des Fälljahres auf 1278 (d). Da das Bauholz zu dieser Zeit nachweislich saftfrisch verwendet wurde, kann von einer Fertigstellung des Bauwerkes um 1279 ausgegangen werden.Tilo Schöfbeck: Bau- und Kunstgeschichte der Kirche zu Woserin. 2009, S. 7. Die beiden Giebel entstanden unmittelbar nach Aufrichtung des Dachwerkes, sie wurden an diesem verankert und schützen das Dach vor Sturm. Nach der Dacheindeckung mit Dachziegeln wurde sofort mit den beiden Domikalgewölben im Chor und Langhaus begonnen, um im inneren Kirchenraum weiter arbeiten zu können.
Als kurze, einjochige Saalkirche mit eingezogenen Chor gehört der Woseriner Sakralbau aus dem 13. Jahrhundert zu einem seltenen Bautyp. Ihre etwa gleich alten Schwesterkirchen der Umgebung in Gägelow, Ruchow oder Witzin besitzen wie die meisten Kirchen des Übergangsstils ein zweijochiges Langhaus oder sind als schlichter Saal angelegt. Auch die gleichzeitige Errichtung von Chor und Schiff spricht für die geplante Anlage, ein hier bislang einzigartiger Fall ohne Vergleich.
Die Kirche war ursprünglich turmlos geplant. Der Woseriner Turm entstand vermutlich erst 200 Jahre später, da das weitgehend intakte innere Holzgerüst auf 1478 (d) datiert wurde. Der Turm war 1479 fertiggestellt, seine heutige Dachform als schlichtes Satteldach erhielt er aber erst 1790, als umfangreiche Dachreparaturen stattfanden. Die Zimmerleute erneuerten das vorgefundene mittelalterliche Dachwerk in der Konstruktion als Kreuzstrebendach, wie es in der vorreformatorischen Zeit Anwendung fand. Vermutlich besaß der Turm damals einen achtseitigen Helm über vier Giebeln, die sogenannte Bischofsmütze, wie sie im benachbarten Witzin und besonders in Norddeutschland noch zu finden ist.
Die Woseriner Kirche besaß ursprünglich vier Portale, von denen heute nur noch das westliche genutzt wird, die anderen wurden spätestens im 19. Jahrhundert vermauert. Ein mittelalterlicher Einbruchsschutz befindet sich noch auf der Innenseite des Turmportals. Die beiden über dem Türbogen eingelassenen Feldsteine sollten das Aushebeln der innen eingehängten Türblätter verhindern.
1961 war das Kirchendach an einigen Stellen undicht und der Eingang zur Gruft auf der Nordseite so stark baufällig, dass die Gruft abgebrochen werden musste. Der Novembersturm 1975 riss hinter dem Turm ein vier Quadratmeter großes Loch in das südliche Kirchendach, das erst 1975 durch Handwerker aus Dobbertin und Hohenfelde repariert werden konnte.
Nach der politischen Wende wurde 1993 mit ersten Sicherungsmaßnahmen an der einsturzgefährdeten Kirche begonnen. Durch den persönlichen Einsatz von Mitgliedern des Vereins „Dorfkirchen in Not“, besonders der Schweriner Architektin Eva-Maria Hetzer und der Denkmalpflegerin Sigrid Patellis aus München, erfolgten nach Spenden erste Notabstützungen des Daches an der Südwand. 1994 gab es erstmals einen Stromanschluss zur Kirche. 1995 wurde der komplette Dachstuhl des Kirchenschiffs angehoben, um die Mauerkronen, Traufbalken und maroden Sparrenfüße zu erneuern. Mit handwerklicher und finanzieller Hilfe der Hamburger Firma Lehmann und Voss wurden 1996 die Sicherungs- und Sanierungsarbeiten am Kirchenschiff und am Chor abgeschlossen.Horst Alsleben/Sabine Uhlig: Glockenstuhl wurde zum Teil erneuert. SVZ Sternberg 1. August 1996.Helmuth Reinke: Die Kirche muss im Dorf bleiben. Ostseezeitung, 21./22. Februar 1998. Ab November 1996 erfolgten Dacharbeiten am Kirchturm durch die Firma Sturbeck aus Wismar. Das um 1790 aufgemauerte westliche Giebeldreieck des Turmes wurde schon 1996 abgebrochen, da es auf 5,15 Meter Höhe exakt 38 cm aus dem Lot und absturzgefährdet war.Eva-Maria Hetzer: Kirche zu Woserin. Schadensdokumentation. 25. Februar 1996. Nach Abschluss der Sicherungsarbeiten wurde beim Turmfest 1999 die neu gefertigte Kugel für den Wetterhahn auf dem Dach des Chors mit Münzen und Dokumenten gefüllt.Detlef Witt: Die Sanierung der Kirche. 2009, S. 11. Stürme im Winter von 1999 zu 2000 richten Schäden am neu gedeckten Kirchendach an, die im Frühjahr 2000 behoben wurden.
Zur Vorbereitung der inneren Sanierung wurde 2000 mit den restauratorischen Voruntersuchungen begonnen. Die Restauratorin Anette Seifert hatte in Fensterbögen an der ehemaligen Patronatsloge Wandmalereien gefunden und diese restauriert. 2002 ging die Außensanierung auf der Nordseite mit der Vermauerung des alten Nordportals weiter. 2004 konnte durch die Wismarer Firma Stuhrbeck die Südwand des Kirchenschiffes saniert werden und 2005 wurde mit alten Ziegelplatten der Fußboden erneuert. Ab 2007 erfolgten weitere restauratorische Voruntersuchungen zur inneren Wandausmalung und den Gewölben durch den Restaurator Matthias Zahn aus Groß Rogahn bei Schwerin.Michael Beitin: Woserins Renaissance-Kunst gesichert. SVZ Sternberg 23. November 2010. Es konnten umfangreiche Ausmalungen, sowohl aus der Erbauungszeit als auch aus der Zeit um 1600 nachgewiesen werden. Hauptproblem der inneren Neuausmalung werden auch in den kommenden Jahren die Beseitigung der starken Feuchte- und Salzschäden an den Wänden sein, die die Oberflächenmalereien stark zerstört haben.
Baubeschreibung Äußeres Die Dorfkirche Woserin ist ein gedrungener Feldsteinbau mit Fenstern, Portalen und Backsteingiebeln. An den quadratischen Chor schließt sich ebenfalls ein quadratischer, etwas breiteres Langhaus an. Die frühgotische Gestaltung von Chor und Langhaus tritt hier in Form der markanten Dreifenstergruppen auf. Drei einzelne Lanzetten staffeln sich unter einem Überfangbogen, einer Vorform der späteren dreibahnigen Spitzbogenfenster.
mini|Hirsch mit einem Kreuz im Geweih als Wetterfahne (2011) Sie zeigt die für die Romanik charakteristische Staffelung der Bauteile von Chor, Schiff und Turm, ist jedoch mit Hinblick auf die Verwendung des Spitzbogens als frühgotisch einzuordnen. Im Westen erhebt sich ein eingezogener quadratischer Feldsteinturm mit einem Satteldach und Biberkronendeckung. Als Besonderheit dieser Kirche wurde 1999 auf dem Turmdach anstelle eines Wetterhahns ein vergoldeter Hirsch mit einem Kreuz im Geweih angebracht.