Das verfluchte zweite Kissen ist das Thema einer Zeichnung von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, die dieser 1787 in Rom anfertigte. Sie zeigt Johann Wolfgang Goethe in seinem Quartier in der Via del Corso No. 18–20, die heute als Casa di Goethe bekannt ist. Goethe lebte dort während seines ersten Rom-Aufenthaltes vom Herbst 1786 bis in den Februar 1787 hinein und später wieder nach seiner Rückkehr aus dem Süden des Landes 1787.

Die Zeichnung befand sich in Goethes Besitz. Als der Dichter im Jahr 1821 die Tischbein-Zeichnungen, die er aus Italien mitgebracht hatte, ordnete und katalogisierte, sortierte er sie als Nr. 11 in die Mappe „Gemeines Leben“ ein und bezeichnete sie recht neutral als „Wohnung Rondanini über“.Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 160 In einem Brief an Tischbein vom 21. April 1821 allerdings erwähnte er „das verteufelte zweyte Kissen“ und auch „die römischen Scherze“, zu denen diese Zeichnung gehöre.Zitiert nach Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 161.

Beschreibung Die in brauner Tinte ausgeführte Zeichnung ist querformatig. Goethe steht, über ein breites Bett gebeugt, auf das er sich mit seiner linken Hand stützt, auf seinem rechten Bein und reckt sich, um das zweite Kopfkissen zu ergreifen oder vielleicht auch an seinen richtigen Platz zu legen. Das linke Bein hat er der Balance wegen nach hinten gestreckt, an dem erhobenen linken Fuß findet der Pantoffel gerade noch Halt. Goethes Kopf ist im Profil zu sehen, vor seinem Mund steht der ärgerliche Ausspruch „Das verfluchte zweite Kissen“ – in Tischbeins Schreibweise mit ü und ß geschrieben. Goethes Haar ist zu einem Zopf geflochten, er trägt einen langschößigen Rock, eine Kniehose und vermutlich Strümpfe. Das Standbein, dessen Oberschenkel eigentlich hinter dem Rockschoß nicht zu sehen sein sollte, ist andeutungsweise durchgezeichnet, ebenso finden sich auch an anderen Stellen der Zeichnung Linien, die hinter Gegenständen oder Objekten an sich nicht zu sehen wären. Die Bewegung der rechten Hand des Dichters ist durch mehrere bogenförmige Federstriche angedeutet. Das Bett, auf dem eine Art Tagesdecke zu liegen scheint, steht mit dem Fußende zum Betrachter und ist perspektivisch verzeichnet. Links, hinter Goethes weggestrecktem linkem Bein, steht ein einfaches Tischchen, auf dem ein Strauß in einer Vase arrangiert ist und ein zweiflammiger Leuchter brennt. Darunter liegt wohl ein Mantelsack oder ein ähnliches Gepäckstück. Über dem Kopfende des Bettes sind drei Bilder angedeutet. Während das linke nur wie ein leerer Rahmen erscheint, sind auf den beiden anderen Bildern zwei Köpfe zu erkennen, möglicherweise ein männliches und ein weibliches Porträt. Genauer ausgeführt ist hingegen der Inhalt des improvisierten Regals auf der rechten Seite des Zimmers. Ein dickes Brett liegt auf mehreren umfangreichen Büchern auf und trägt drei monumentale Gipsabgüsse: zwei Büsten, dazwischen ein nackter linker Fuß. Laut Wolfgang von Oettingen ist die eine Büste „die Maske der Juno Ludovisi, die Goethe am 5. Januar 1787 gekauft hatte, also nicht der später in Weimar von Staatsrat Schultz geschenkte Kopf [...] Der andere Kopf ist die am 13. Januar erwähnte „kleinere und geringere“ Juno.“Wolfgang von Oettingen, Goethe und Tischbein, Weimar 1910 (= Schriften der Goethe-Gesellschaft 25), S. 36Goethe erwähnte den größeren Juno-Abguss in einem Brief an Charlotte von Stein vom 6. Januar 1787 und beide Juno-Bildnisse in einem Schreiben an Herder vom 13. Januar desselben Jahres. Mindestens eines der Juno-Bildnisse ging später in den Besitz Angelika Kauffmanns über. Vgl. Jutta Assel und Georg Jäger, Goethes Juno auf www.goethezeitportal.de Es gab aber in Goethes Zimmer nicht weniger als drei Junoköpfe. Als Goethe und Tischbein im Februar 1787 Rom verließen, schloss Goethe seinen Bericht über den Aufenthalt in der Ewigen Stadt mit dem Satz ab: „Da stehn nun drei Junonen zur Vergleichung nebeneinander, und wir verlassen sie, als wenn's keine wäre.“Johann Wolfgang Goethe, Italienische Reise, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1976, ISBN 978-3-458-31875-0, S. 231

Die Autoren bzw. Titel der Bücher sind durch einige Buchstaben angedeutet, offenbar handelt es sich unter anderem um Werke von Johann Joachim Winckelmann, vielleicht in der italienischen Übersetzung von Carlo Fea, die Goethe sich in Rom kaufte,Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 162 und Titus Livius. Unter dem Regalbrett steht außerdem noch eine Truhe mit gewölbtem Deckel und vor dem Regal liegt ein Geologenhammer auf dem Fußboden.

Im Vordergrund, vor dem Fußende des Bettes, scheint ein Fell mit einem Tierkopf auf dem Boden zu liegen, auf dem ein weiteres Tier sitzt und den Betrachter aus zwei verschiedenfarbigen Augen anschaut. Das als Bettvorleger dienende Fell könnte von einem Wolf stammen und damit auf die Ewige Stadt hinweisen, das sitzende Tier wird im Allgemeinen als Katze gedeutet, wofür zwar die Körperhaltung spricht, aber nicht unbedingt die Größe und die Gestaltung des Kopfes, die eher etwas Affen- oder Halbaffenartiges hat. Oettingen allerdings schreibt: „Die Katze, die nach der Wirtin Meinung die Juno anbetete, fehlt nicht.“ Damit gibt er allerdings die Erwähnung dieser Episode in der Italienischen Reise ungenau wieder: Unter dem Datum des 25. Dezember 1787 berichtet Goethe dort: „Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl beleuchtet [...] Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Tür und ruft mich, eilig zu kommen und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage, was es sei, erwiderte sie, die Katze bete Gott-Vater an [...] Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte [...]“Johann Wolfgang Goethe, Italienische Reise, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1976, ISBN 978-3-458-31875-0, S. 199 f. Goethe ließ der alten Frau ihren Wunderglauben, erklärte sich das Verhalten des Tieres allerdings damit, dass dieses die Fettreste ausgeleckt habe, die nach dem Gießen in den Vertiefungen des Gipsbartes verblieben waren.

Speziell bei der Darstellung dieses Tieres zeigen sich die Überschneidungen der Umrisslinien mit denen der dahinter befindlichen Gegenstände. Sowohl die gefältelt herabhängende Kante der Tagesdecke als auch das mutmaßliche Wolfsfell sind durch den Körper der sitzenden Kreatur hindurch zu sehen.Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 161 ff.; eine Abbildung befindet sich auf S. 160.

Hintergründe Des Hoflebens müde und von brennender Sehnsucht nach Italien getrieben, brach Goethe am 3. September 1786 um drei Uhr morgens mit einer Postkutsche von Karlsbad auf, um inkognito nach Italien zu reisen.Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 7 Er bediente sich des Decknamens „Johann Philipp Möller“, aus dem unterwegs auch zeitweise „Müller“ oder „Miller“ sowie, beabsichtigterweise, eine russisch klingende Variante dieses Namens mit angehängtem -off wurde.Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 111 Ein ausgeklügeltes System zum Empfang von Post und Geld sollte sicherstellen, dass er seine Identität nicht preiszugeben brauchte und dass seine Reiseroute sowie das Ziel in den ersten Wochen nicht bekannt wurde. Zuständig für die Weitergabe von Briefen war in dieser ersten Phase sein Sekretär und Diener Philipp Seidel. Obwohl Goethe auf diese Weise in brieflichem Kontakt mit Carl August von Sachsen-Weimar, Charlotte von Stein und anderen Personen in der Heimat stand und in Rom sofort erkannt wurde, wo er z. B. in den Kreisen um die Malerin Angelika Kauffmann verkehrte, wurde dort sein Wunsch, aus den gewohnten gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und ein einfaches Leben zu führen, weitgehend respektiert, wenn er auch unter Beobachtung stand: Kardinal Franz Herzan, kaiserlicher Botschafter in Rom, versorgte den österreichischen Staatskanzler Kaunitz mit Berichten über Goethe. Er verließ sich dabei auf den Botschaftssekretär Franz Eberle, der behauptete, Goethe in einer Osteria kennengelernt und vertraulich mit ihm gesprochen zu haben, seine Kenntnisse aber wohl eher von Tischbein bezog.Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 73 f.

Carl August von Sachsen-Weimar gewährte Goethe, nachdem dieser aus Karlsbad verschwunden war und sich brieflich gemeldet hatte, einen großzügigen Urlaub, so dass er sich ausgiebig in Italien umtun, aber dort auch die zweite Hälfte seiner achtbändigen Werkausgabe vorbereiten konnte, über die er vor der Abreise einen Kontrakt mit dem Verleger Göschen abgeschlossen hatte.Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 21 Der Herzog genehmigte ihm in mehreren Stufen eine Ausdehnung seines Urlaubs bis Ostern 1788 und erhöhte darüber hinaus sein Gehalt von 1600 Talern auf 1800 Taler. mini|Fassade der Casa die Goethe im Jahr 2015. Goethes Zimmer lag allerdings nicht auf dieser Seite des Hauses. Goethe traf am 29. Oktober 1786 in Rom einRobert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 27 und betrat die Stadt wie die meisten von Norden kommenden Reisen durch die Porta del Popolo,Robert Zapperi, Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom, München 2010, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 35 zwei Tage nachdem Karl Philipp Moritz dort eingetroffen war, mit dem er in Rom Freundschaft schloss. Er stieg zunächst offenbar in einem Gasthaus, wahrscheinlich in der Locanda dell' Orso, ab und nahm sich einen Mietdiener, nahm aber wohl sehr bald nach seiner Ankunft Kontakt mit Tischbein auf, der seit drei Jahren mit einem Stipendium in Rom lebte. Persönlich kannte er den Maler zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch hatte schon seit längerer Zeit ein brieflicher Kontakt bestanden. Tischbein bot ihm an, in sein Gästezimmer zu ziehen, wovon Goethe offenbar nach der ersten Nacht im Gasthaus auch Gebrauch machte. Dieses Zimmer dürfte auf Tischbeins Zeichnung dargestellt sein und wurde von Goethe zunächst bis zu dessen Abreise nach Neapel am 22. Februar 1787 und dann wieder nach seiner Rückkehr im Juni 1787 bewohnt.