mini|402x402px mini|Münzporträt des Hadrian mini|Rekonstruktionsversuch des römischen Glannoventa am Ende des 2. Jahrhunderts mini|Lageskizze und Befunde mini|Das Kastellareal in seinem heutigen Zustand (Blick von NO) mini|Der Zusammenfluss von Irt und Mite Glannoventa war ein römisches Hilfstruppenkastell im Parish Muncaster, Ortsteil Ravenglass, Distrikt Copeland, Grafschaft Cumbria, England.
Das Kastell diente als Marinestützpunkt, der an einem Zusammenfluss dreier Flüsse lag und einen natürlichen Hafen bildete. Der Hafen spielte eine wichtige logistische Rolle bei der Versorgung der römischen Festungen in der Nordregion, insbesondere für die an der Küste von Cumbria und im westlichen Teil des Hadrianswalls. Die Festung war auch Teil eines Küstensicherungssystems, bestehend aus einer Kette von Kastellen und Wachtürmen, entlang der Westküste von Cumbria, das eine Umgehung der westlichen Flanke des Hadrianswalls verhindern sollte. Armee und Flotte dürften das Kastell etwa 300 Jahre genutzt haben. Das Bodendenkmal umfasst die Festung, ein Badehaus, einen Vicus und die Spuren einer Straße, die vom Osttor aus ins Landesinnere führt. Die einzigen heute noch sichtbaren Überreste aus römischer Zeit gehören zur Ruine des Badehauses. Das Areal steht unter der Obhut von English Heritage und gehört zum UNESCO-Welterbe Limes des römischen Imperiums.
Name Diese Militärstation scheint in den drei wichtigsten Schriftquellen für die römische Antike auf; Im Itinerarium Antonini des 2. Jahrhunderts (Clanoventa), in der Notitia Dignitatum des 4. Jahrhunderts (Glannibanta) und in der Kosmologie des Geographen von Ravenna aus dem 6. Jahrhundert, wo es als Cantiventi (oder auch Cantaventi, Cantanenti) eingetragen ist. Die geografische Zuordnung dieses Ortsnamens ist unklar und noch immer Thema kontroverser wissenschaftlicher Debatten. Die Militärstationen in der Notitia werden nicht in ihrer geografischen Reihenfolge aufgelistet, daher ist sie für die Identifizierung römischer Orte weniger nützlich. Einige Forscher nehmen an, dass zur Zeit der römischen Herrschaft über Britannien Kastell und Hafen als Tunnocellum bekannt waren. Dieser Ortsname wird aber eher mit einem Kastell bei Calder Bridge, nordöstlich von Ravenglass, gleichgesetzt.
Glannoventa leitet sich vermutlich aus den walisisch-gälischen Wörtern glan/glenn (= Bank, Ufer oder Landeplatz) und venta (= Markt, Handelsplatz oder Handelshafen) ab. Nach Rivet/Smith könnte der Name auch „Feld/Platz in der Nähe der Küste“ oder „Markt an der Küste“ bedeuten.Itinerarium 481,1 (Iter X) : Notitia Xl, 52, Ravenna 107, 2, Rivet/Smith 1979, S. 367, Holder 1997–1998, S. 254–255.
Lage Ravenglass liegt an der Cumbrischen Westküste, 30 km nordwestlich von Barrow-in-Furness und 20 km südöstlich von Whitehaven. Das Dorf liegt zwischen zwei Flüssen, an der Stelle, wo sie einen Streifen aus Sanddünen durchbrechen, bevor sie schließlich die die Irische See erreichen. Die römische Festung liegt etwa 500 Meter südlich des Dorfes, auf einer niedrigen Klippe in einer nach Süden ausgreifenden Schleife des Esk. Es stand an einem Ästuar, gebildet vom Esk, Mite und Irt, der sich auch besonders gut als Hafen eignet. Heute die Flur Walls Plantation. Im Osten fällt das Kastellgelände sanft zu den etwas niedriger gelegenen Hügelland unter dem Muncaster Fell. Das Kastell konnte nur von Land her, im Nordosten angegriffen werden. Im Norden und Süden stößt sein Areal an relativ flache Schluchten. Laut Itinerarium war der Hafenort Ausgangspunkt der Route X. Die Straße verband das Küstenkastell mit den im Osten gelegenen Mediobogtum, das den Hardknott Pass sicherte und führte dann weiter ins Landesinnere zum etwa 50 Kilometer westlich gelegenem Lager von Galava, nahe dem heutigen Ambleside, und noch weiter bis zu ihrem Endpunkt bei Whitchurch in Shropshire. Eine weitere Straßenverbindung könnte in den Norden zum Kastell Tunnocelum, nahe Braystones, Beckermet/Calder Bridge, bestanden haben. In der Ravenna-Cosmologie ist Cantiventi zwischen Mediobogtum und einer noch nicht lokalisierten Station namens Iuliocenon eingetragen. Im späten 2. Jahrhundert gehörte diese Küstenregion zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda und nach einer weiteren Verwaltungsreform vermutlich zur Provinz Valentia.Itinerarium Antonini: Iter X: ENE (7.5), Britannia 26, 1995, S. 389–390 (Fußnote)
Forschungsgeschichte Die Ruine des Badehauses stand im 17. Jahrhundert im Park des Muncaster Castle und wurde 1610 von John Denton als „alter Wohnort und Burg der Familie Pennington“ beschrieben. Das Badehaus wurde im Jahr 1881 fast vollständig ausgegraben. Die Reste des römischen Kastells wurde in den 1850er Jahren während des Baus der Eisenbahn von Barrow nach Carlisle entdeckt. Im Jahr 1876 wurden seine Mauern erstmals als römisch anerkannt. Während der 1880er Jahre begannen lokale Adelige, darunter der Lord von Muncaster, die Festung systematisch auszugraben. Der römische Ursprung der Mauerreste konnte endgültig durch die Ausgrabungen im Jahr 1881 bestätigt werden. Man hielt sie damals aber noch für die Reste einer Villa. Römische Streufunde wurden nördlich der Festung von Einheimischen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemacht. Das Gebäude wurde 1919 als Badehaus anerkannt. Vermessungsarbeiten in den 1980er Jahren identifizierten es dann eindeutig als Bad. Kleinere Funde, geborgen bei flächenmäßig stark begrenzten Sondierungsgrabungen innerhalb des Lagers, deuten auf ein frühes hadrianisches Kastell aus der Zeit um 122 n. Chr. hin. 1925 untersuchte M.C. Fair das Vicusareal nördlich des Kastells. Die Ergebnisse der bisherigen archäologischen Untersuchungen an Kastell und Badehaus wurden von Collingwood im Jahr 1928 und nochmals 1958 von Birley zusammengefasst. Eine größere Ausgrabungskampagne wurde (die einzige archäologische Untersuchung des Forts unter Verwendung moderner Ausgrabungs- und Aufnahmetechniken) wurde von Tim Potter zwischen 1976 und 1978 an der Westseite des Lagers entlang des Steilufers am Esk vorgenommen, an der höchsten Erhebung des Kastellareals. Dabei wurden ein Abschnitt der Nordmauer und die Fundamente von mehrphasigen Kasernenblöcken entdeckt. Das Kastell wurde 1998 auch von Mitarbeitern (Blood und Pearson) der Royal Commission of Heritage Monuments in England (RCHME) vermessen. Es wurde bislang nicht vollständig ausgegraben.
Fundspektrum Der bedeutendste Fund war eine Sammlung von knöchernen Spielsteinen, die offensichtlich zu einem Brettspiel gehörten. Eines dieser Spiele könnte das Latrunculi, auch bekannt als „Soldat“ oder „Söldner“, gewesen sein. Eine Art Kampf- und Geschicklichkeitsspiel, das in der Armee besonders beliebt war. Oder auch das Duodecim Scripta, das dem Backgammon ähnlich war. Bei Sondierungsgraben und geophysikalischen Untersuchungen des York Archaeological Trust fand man zwischen 2013 und 2014 auf dem Areal der Zivilsiedlung, Mauerreste, zahlreiche römischen Tonscherben, Perlen, Schuhnägel, Münzen und Schmuckperlen, aber auch Schlackenabfälle von Metallwerkstätten wurden dort in großen Mengen beobachtet. Nur eine römische Inschrift wurde bei Ravenglass gefunden, der Text wurde jedoch nicht dokumentiert und der Stein (oder Altar) – er wurde wieder in den Fluss geworfen, bevor die Inschrift abgeschrieben wurde – ist seitdem verschollen. Zwei andere epigraphische Beweise aus der Römerzeit sind das Fragment eines Militärdiploms, das am Strand unterhalb des Lagers gefunden wurde und ein Bleisiegel der Cohors I Aelia Classica die in der Nähe des Kastells geborgen wurden. Ersteres wurde zufällig von einem Hund ausgegraben. Die Münzen, darunter ein Kupferstück aus der Zeit des Magnentius oder Decentius (350–353) und Keramikscherben vom Badehaus stammen aus dem 2. bis 4. Jahrhundert.RIB 795, RIB 2411.94, Collingwood 1928, S. 353–366, Birley 1958, S. 14–30, Potter 1979, S. 1–138, Allason-Jones 2011, S. 234–235.
Entwicklung Da der Name keltischen Ursprungs ist, deutet dies darauf hin, dass dort bereits vor Ankunft der Römer eine keltobritische Siedlung stand. In den Hügeln rund um Muncaster und Eskdale stieß man mehrmals auf Steinfundamente von Hütten. Glannoventa verband die nördlichen Grenzfestungen mit den transkontinentalen Schifffahrtsrouten, die für die Versorgung der Garnisonen in Cumbria mit Nahrungsmitteln, Vorräten und Verstärkungen unerlässlich waren. Diese Festungen schützten vor Errichtung des Hadrianswalls die nördliche Grenze Britanniens. Dort wurde von den Römern auch Bergbau betrieben, z. B. in den Silber- und Bleiminen des heutigen Lake Districts. Der Hafen war daher auch für den Abtransport dieser Edelmetalle auf das europäische Festland, die von dort dann weiter ins Römische Reich verhandelt wurden, von großer Wichtigkeit.
Die frühe römische Festung von Glannoventa dürfte im 1. Jahrhundert – als eine von Agricolas Ausgangsbasen für eine Invasion Irlands (Hibernia) – errichtet worden sein. Das nachfolgende Steinkastell wurde aber wahrscheinlich erst im 2. Jahrhundert n. Chr., zur Zeit des Hadrian (117 bis 138), gegründet (allerdings mit einer veränderten Achsenausrichtung) und diente als Stützpunkt für Hilfstruppensoldaten und die britannische Flotte (Classis Britannica). Die archäologischen Beweise für einen solchen Hafen stehen bislang noch aus. Das Kastell selbst glich den übrigen Hilfstruppenlagern der Küstenverteidigung Cumbrias, eine separate Befestigung, die an einer Flussmündung stand. Schon vorher, im Jahr 122, hatten die Römer mit dem Bau des Hadrianswalls begonnen, der sich von Bowness am Solway (Maia) bis nach Wallsend (Segedunum) am Tyne erstreckte. Danach errichteten die Römer auch an der Westküste von Cumbria eine Sicherungskette aus Kohortenkastellen, Kleinkastellen und Wachtürmen. Ihre Besatzungen sollten Angriffe der Scoten aus Irland und der Caledonii und Pikten, der mächtigsten Stämme in Schottland, abwehren. In weiterer Folge sollte damit auch verhindert werden, dass der Wall durch eine Landung an der Westküste oder Durchwatung der beiden, relativ flachen, Solway Fjorde umgangen wurde. Die Festung Glannoventa bildete – vermutlich – den südlichen Eckpfeiler der Küstenverteidigung Cumbrias. Die südlichste Befestigung, die bislang archäologisch mit diesen Verteidigungsanlagen in Verbindung gebracht werden kann, war das Kleinkastell 25, das sich in der Nähe von Risehow, etwas nördlich von Ravenglass befand. Wenn das Lager in Ravenglass tatsächlich ein Teil derselben Festungskette war, würde dies bedeuten, dass sich diese doch wesentlich weiter nach Süden erstreckte als bisher angenommen. Es ist jedoch viel wahrscheinlicher, dass das Kastell nur den Hafen schützen sollte. Es wird weiters vermutet, dass er vielleicht auch für den Handelsverkehr mit Irland von Bedeutung war. Der Standort war trotzdem auch deshalb strategisch wichtig, da er wohl auch von den Einheiten der Classis Britannica als Basis genutzt wurde. Es dürfte auch zur Versorgung des Lagers Mediobogtum benutzt worden sein, da es wesentlich leichter war, diesen Stützpunkt von Westen aus, auf der gut ausgebauten Straße über den Hartknott Pass, zu erreichen. Die Straße führte dann noch weiter in den Osten, zum Kastell von Galeva (Ambleside). Glannoventa muss dadurch ein sehr geschäftiger Ort gewesen sein.