mini|Birkenstock Arizona Sandale (schwarz, ESD-Variante) mini|Produktionsstätte von Birkenstock in Sankt Katharinen, Luftaufnahme aus westlicher Richtung mini|Rahms – ehemaliger Birkenstock Campus mini|Birkenstock-Fachgeschäft in Bad Honnef, Nordrhein-Westfalen, 2006
Die Birkenstock Holding plc ist eine börsennotierte Konzernobergesellschaft eines deutschen Schuhherstellers mit steuertaktischem Sitz in Saint Helier auf der britischen Kanalinsel Jersey und Verwaltungssitz in London. Der faktische Sitz befindet sich in Linz am Rhein. Mehrheitseigentümer ist die Beteiligungsgesellschaft L Catterton, hinter der unter anderem der französische Luxusgüterkonzern LVMH und dessen Hauptaktionär Bernard Arnault stehen.
Geschichte Seit der Gründung Die Geschichte der Schuhmacherdynastie Birkenstock lässt sich seit 1774 mit der erstmals urkundlichen Erwähnung des Schuhmachermeisters Johannes Birkenstock (1749–1812) in dem kleinen hessischen Ort Langen-Bergheim im Main-Kinzig-Kreis nachweisen. Nachdem sein jüngerer Bruder Johann Adam Birkenstock (geb. 1754) im Jahr 1790 gestorben war, wuchs dessen Sohn Johannes (1790–1866) bei seinem gleichnamigen Onkel Johannes auf und wurde auch Schuhmachermeister. Konrad Birkenstock, Enkel des Firmengründers und ebenfalls Schuhmachermeister, eröffnete 1896 in Frankfurt am Main eine orthopädische Schuhmacherei und begann, Fußbetteinlagen herzustellen. Ein Jahr später, 1897, gründete er die Konrad Birkenstock GmbH.
1915 kaufte Konrad Birkenstock in Friedberg (Hessen) ein Haus, in dem nur Schuh-Einlagen angefertigt wurden. In Friedberg erwarb Konrad Birkenstock 1925 die Derfeltsche Seifenfabrik und vergrößerte die Produktion. Als orthopädischer Schuhmachermeister erfand Konrad Birkenstock bereits 1897 einen vollplastischen Leisten und 1902 eine vollplastische flexible Innensohle. Schuhe, die auf diesem Leisten und mit dieser Innensohle gefertigt wurden, nannte Konrad Birkenstock „Gesundheitsschuhwerk“. 1925 konnte Konrad Birkenstock für seine Einlagen das Warenzeichen „Fußbett“ eintragen lassen.Deutsches Reichs-Patentamt, Nr. 343209, Eintrag vom 11. November 1925. Das von ihm erfundene Fußbett, das sich den Bewegungen und der Fußform des Trägers anpasst, wurde in den 1920er Jahren auch nach Österreich, Frankreich, Dänemark, die Tschechoslowakei, Italien, Luxemburg, Belgien, Norwegen, die Niederlande, Schweden und in die Schweiz geliefert.
Die in der Werbung erwähnten Wirkversprechen sind jedoch nie nachgewiesen geworden. Die Nachfolge Konrad Birkenstocks trat sein ältester Sohn Carl (1900–1982) während des Ersten Weltkriegs an. Carl entwickelte die Einlagen seines Vaters weiter und betrieb von 1923 bis 1926 in Wien ein eigenes Geschäft. 1929 gründete er gemeinsam mit seinen Brüdern Heinrich und Konrad Birkenstock jr. die Gebr. Birkenstock GmbH im niedersächsischen Steinhude. Ab 1939 führte Carl Birkenstock das Unternehmen mit damals 13 Beschäftigten ohne seine Brüder weiter. Carl Birkenstock limitierte die Verkäufe seiner Einlagen auf Fachhändler und Schuhmacher, die einen Lehrkursus bei ihm absolvieren mussten.
Zeit des Nationalsozialismus
1940 trat Carl Birkenstock in die NSDAP ein. Bis 1943 verkaufte Carl noch Einlagen. Die Unternehmen der Familie Birkenstock beschäftigten während der Zeit des Nationalsozialismus keine Zwangsarbeiter. Das größte Birkenstock-Unternehmen – die Gebr. Birkenstock GmbH in Steinhude – beschäftigte während der NS-Zeit 13 Personen, davon waren sechs zur Wehrmacht eingezogen. Auch wenn Carl Birkenstock zeitweise versuchte, Einlagen an die Wehrmacht zu verkaufen, kam es zu keinen Lieferverträgen zwischen Birkenstock und der Wehrmacht, der NSDAP oder ihren Organisationen. Die Verkäufe während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgten an Privatpersonen. Birkenstock ließ keine Materialien oder Einlagen auf der Schuhprüfstrecke des Konzentrationslagers Sachsenhausen prüfen. Birkenstock profitierte auch nicht vom als Arisierung bezeichneten Raub.
Nach 1945 – die Birkenstock-Fußbett-Sandale Carl Birkenstock führte am neuen Sitz in Bad Honnef bei Bonn nach 1945 die Idee eines von ihm handgefertigten Schuhs weiter. 1954 trat Carls einziger Sohn Karl in das Unternehmen des Vaters ein. Dem jungen Karl Birkenstock gelang es 1962 mit der Erfindung einer standardisierten, fest verbauten anatomisch geformten Einlage seine Schuhe massenproduzierbar zu machen. 1963 brachte Karl Birkenstock das erste Modell der Original Birkenstock-Fußbett-Sandale und 1979 wenig verändert das Modell „Madrid“ auf den Markt und legte damit den Grundstein für die Expansion des Unternehmens seit den 1970er Jahren.
Die rasche Erweiterung des Modellangebotes um andere Sandalen-Oberteile auf dem Grundtyp des Birkenstock-Fußbetts mit Gummilaufsohle fand zunächst kaum Resonanz. Die Birkenstock Orthopädie GmbH, wie das Unternehmen mittlerweile hieß, führten Karl und seine Frau Gisela gemeinsam. 1970 beschäftigte das Unternehmen 57 Mitarbeitende.
Ende der 1960er Jahre entdeckte auch die Hippiebewegung in den USA die Sandalen, dort auch „Birks“ genannt. Durch die Deutschamerikanerin Margot Fraser wurde der Vertrieb ab 1966 aus kleinen Anfängen in Kalifornien aufgebaut. Den Vertrieb durch Bio-Supermärkte setzte Fraser in den 1970er Jahren erfolgreich fort und expandierte mit ihrem Unternehmen, der Footprint Inc., das spätere Unternehmen Birkenstock USA, auf dem seit den 1980er Jahren größten Markt für Birkenstock. In Deutschland wurden Birkenstocksandalen in den 1980er Jahren populär, zunächst seit den 1960er Jahren in Pflegeberufen und in der Alternativ- und Friedensbewegung, dann auch in bürgerlichen Haushalten als Haus- und Freizeitschuhe. Auch produktseitig entwickelte sich Birkenstock weiter: 1973 kam die Sandale „Arizona“ auf den Markt, 1976 das Modell „Boston“. Beide Schuhe gehören bis heute zu den Birkenstock-Klassikern. 1983 brachte Birkenstock seine erste Zehenstegsandale, u. a. das Modell „Gizeh“, heraus.
Restrukturierung 2013 und Zusammenarbeit mit internationalen Modemarken 2013 erfolgte eine grundlegende Restrukturierung des Unternehmens, das seit den 1990er Jahren aus 38 einzelnen Unternehmen bestand, hin zu einer einheitlichen Unternehmensgruppe, der Birkenstock Group. Die Birkenstock GmbH & Co. KG hielt 100 % der Geschäftsanteile der Birkenstock Sales GmbH (hervorgegangen aus der Birkenstock Orthopädie GmbH & Co. KG und aus deren Komplementär-GmbH) und der Birkenstock Productions GmbH, die wiederum aus einem Teil der Produktionsgesellschaften entstanden ist. Weiterhin unterhält die Birkenstock GmbH & Co. KG zwei Niederlassungen, die Birkenstock GmbH & Co. KG Services und die Birkenstock GmbH & Co. KG Fachgeschäfte. Die Gruppe vereint diese Unternehmen in drei Geschäftsbereichen: Produktion, Vertrieb und Services. Die Führung der Gruppe übernahm erstmals ein Führungsteam, das nicht aus dem Kreis der Familie Birkenstock stammte. mini|Heidi Klum 2019 in Los Angeles Die Marken mit den Namen Alpro, Betula, Birki, Footprints, Papillio und Tatami wurden im Zuge der Restrukturierung eingestellt.
Sitz war seit den 1990er Jahren Vettelschoß im nördlichen Rheinland-Pfalz bei Bad Honnef. Von 2014 bis 2020 wurde die Verwaltung nach Rahms in Neustadt (Wied) auf den Birkenstock-Campus verlegt.Pressemitteilung vom 15. Oktober 2013 Der Standort wurde 2020 aufgegeben. Fast die Hälfte aller Arbeitsplätze wurde in den Rheinauhafen in Köln verlegt, der Verwaltungssitz befindet sich seitdem auf der Burg Ockenfels in Linz am Rhein. Die Produktionsbetriebe befinden sich in Sankt Katharinen (Rheinland-Pfalz), Bernstadt (Sachsen), Görlitz (Sachsen) und Steinau-Uerzell (Hessen). Seit September 2023 wird zudem in Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) produziert. Das Logistikzentrum liegt in Vettelschoß (Rheinland-Pfalz). mini|Burg Ockenfels
Seit Anfang der 2000er Jahre bestehen Kooperationen mit internationalen Modemarken, die dem gewohnten Markenbild der bequemen Hippiesandale nicht entsprachen oder diesem Image sogar diametral gegenüberstehen. 2003 kooperierte Birkenstock mit dem deutschen Modell Heidi Klum. 2012 schickte die damalige Kreativdirektorin von Céline, Phoebe Philo, Models mit Sandalen, die den Birkenstock-Arizonas nachempfunden waren, auf den Laufsteg.Alice Janssens, International Fashion and Luxury in Birkenstocks, in: Andrea H. Schneider-Braunberger (Hrsg.), Birkenstock, The Evolution of a Universal Purpose and Zeitgeist Brand, Prestel 2024, ISBN 978-3-7913-9332-2, S. 282. So produzierte der Hersteller eine Linie exklusiv für Valentino Garavani und gewann die Schauspielerin Frances McDormand als Markenbotschafterin, die während der Oscarverleihung 2019 mit einem eigens angefertigten Paar auf die Bühne ging.Artikel in der Vogue. Darüber hinaus kooperierte das Unternehmen 2018 mit der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin, 2022 mit Dior und Designer Manolo Blahnik.
2019 etablierte Birkenstock in Paris das hauseigene Kreativ-Team "1774" (Hommage an das Gründungsjahr), das seither auch für die Kooperationen mit weiteren Marken und Designern zuständig ist. Der Schriftzug des 1774-Logos wurde bereits 2018 von Bruno Michaud vom Studio BMD Design entworfen. Birkenstocksandalen wurden als Produktplatzierung mehrmals im US-amerikanischen Film Barbie gezeigt.
Unternehmensübernahme und Börsengang Im Februar 2021 wurde die Mehrheit der Kapitalanteile von Birkenstock aus Familienhand an die amerikanisch-französische Beteiligungsgesellschaft L Catterton, hinter der unter anderem der französische Luxusgüterkonzern LVMH und dessen Hauptaktionär Bernard Arnault stehen, verkauft. 2023 entschied die Beteiligungsgesellschaft, Birkenstock an die Börse New York Stock Exchange zu bringen; als erster Handelstag wurde der 11. Oktober 2023 festgesetzt. Das Unternehmen wurde im Vorfeld der geplanten Börsennotierung mit 4 Milliarden Euro bewertet; die Aktiennotierung brach aber am ersten Handelstag um fast 13 Prozent unter den Ausgabepreis ein.Tagesschau: Birkenstock rutscht auf New Yorker Parkett aus, 12. Oktober 2023.
An die Börse ging die Obergesellschaft der Unternehmensgruppe, die Birkenstock Holding plc, eine Kapitalgesellschaft nach englischem Recht (ISIN ). Diese ist rechtlich in Saint Helier auf der britischen Kanalinsel Jersey ansässig und hat ihren Verwaltungssitz in London. (die dort als Obergesellschaft genannte Birkenstock Holding Limited hat ihre Rechtsform kurz vor dem Börsengang in eine PLC umgewandelt)
Kontroversen Konflikte um Arbeitnehmervertretungen Der Konzern trat mehrfach durch Widerstand gegen unabhängige Betriebsräte in Erscheinung. Zum Teil führten diese Bestrebungen zu Gerichtsverfahren und Verurteilungen der Geschäftsleitung. 1993 wurde für die Birko Schuhtechnik GmbH im Werk in Sankt Katharinen der erste Betriebsrat installiert. Mit dem Aufbau dieses gewerkschaftsnahen Betriebsrats in dem mittlerweile auf 700 Beschäftigte angewachsenen Stammwerk kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Eigentümerfamilie, den Betriebsratsangehörigen sowie der Gewerkschaft Holz und Kunststoff. Diese hatte sich zuvor bemüht, die Vertretungsberechtigung von der bisher zuständigen Gewerkschaft Leder zu übernehmen, die aber in Gewerkschaftskreisen als zu arbeitnehmerfreundlich galt. Ziel der Gewerkschaft war es, den bisher gültigen Haustarif zu verbessern und das von Birkenstock entwickelte Prämiensystem für die Arbeitsgruppen abzuschaffen. In der Folge kam es zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen zwischen Teilen der Geschäftsleitung und den Arbeitnehmervertretern, die Birkenstock mit der Restrukturierung der Unternehmensgruppe beantwortete.