Ein Zimmer für sich allein oder Ein eigenes Zimmer (im Original: A Room of One’s Own) ist ein 1929 erschienener Essay der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf (1882–1941), der bereits zu ihren Lebzeiten große Anerkennung erhielt und heute zu den meistrezipierten Texten der Frauenbewegung gehört. Der Aufsatz vereint Thesen zum Feminismus und zur Geschlechterdifferenz mit solchen zur Literaturgeschichte und zur Poetik. In deutscher Übersetzung wurde er unter dem Titel Ein Zimmer für sich allein erstmals im Jahr 1978, übersetzt von Renate Gerhardt, veröffentlicht.Übersetzung der Gedichte: Wulf Teichmann. Gerhardt-Verlag, Berlin 1978, . (siehe: Rainer Maria Gerhardt, 1981 als Fischer-Taschenbuch herausgekommen) 2001 erschien Ein eigenes Zimmer in der Übersetzung von Heidi Zerning,Kurzbeschreibung des Fischer Verlags und 2012 kam Ein Zimmer für sich allein, ins Deutsche übertragen von Axel Monte, heraus.Mit 167 Anmerkungen, Nachwort und Literaturhinweisen. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2012, ISBN 978-3-15-018887-3. Zwei weitere Neuübersetzungen erschienen 2019 beim Kampa Verlag in der Übersetzung von Antje Rávik Strubel bzw. 2020 beim Anaconda Verlag in der Übersetzung von Christel Kröning.

Inhalt Die Druckfassung ist in sechs Kapitel gegliedert; die folgende Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte und Thesen folgt nicht dieser Einteilung, sondern ist thematisch geordnet. Woolf setzt an den Anfang ihrer Betrachtung eine fiktive literarisch hochbegabte Person – die Schwester William Shakespeares – und beschreibt, welchen Hindernissen diese ausgesetzt worden wäre, allein aufgrund der Tatsache, dass Frauen in der Geschichte kulturell, sozial und ökonomisch benachteiligt waren.1929. Virginia Woolf: A Room of One’s Own. In: Wolfgang Karrer, Erberhard Kreutzer (Hrsg.): Werke der englischen und amerikanischen Literatur. 1890 bis zur Gegenwart. München 1989.

Das eigene Zimmer Der Essay bezieht sich explizit auf die genannten gesellschaftlichen Gegebenheiten. Zwei Bedingungen mussten für Woolf infolgedessen erfüllt sein, damit auch Frauen „große Literatur“ produzieren konnten: „fünfhundert (Pfund) im Jahr und ein eigenes Zimmer“.Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 113. 500 Pfund waren keine sehr stattliche Summe, aber sie genügte, um das Auskommen zu gewährleisten. Materielle Sicherheit ist die zentrale Forderung des Essays, denn sie bedeutete Unabhängigkeit von Ehemännern oder Almosen. Dieser Anspruch war Woolf sehr wichtig; er zieht sich durch ihr Leben wie durch ihr schriftstellerisches Werk. Den Luxus eines eigenen Zimmers genoss Virginia Woolf selbst seit 1904, als ihre Familie nach dem Tod ihres Vaters in ein Haus nach Bloomsbury zog. Ihr selbst verdientes Einkommen hatte erst im Jahr 1926 die Grenze von 500 Pfund überstiegen.

Neben materieller Sicherheit war für Woolf ein eigener Raum für schöpferische Arbeit unerlässlich, denn Frauen war bis spät ins 19. Jahrhundert aufgrund ihres Aufgabenbereichs im Haus fast keine Privatsphäre zugedacht worden. Wenigen sei es vergönnt gewesen, täglich einige Stunden ungestört Zeit zu verbringen, um zu schreiben.Ellen Ellrodt: Virginia Woolf und die Unabhängigkeit des Geistes. In: Katharina Kaminski: Die Frau als Kulturschöpferin. Königshausen & Neumann, 2000, ISBN 3-8260-1845-1, S. 187 f. Das Haus galt über Jahrtausende, so beispielsweise in der griechischen Antike (Oikos), als der Raum der Frau, während die Welt außerhalb den Männern gehörte. Doch selbst in diesem Raum, in dem die Frau über Einfluss verfügte, den sie aber oft nur mit Erlaubnis und in Begleitung verlassen konnte, habe sie keinen Anspruch auf ein eigenes Zimmer gehabt. Das „eigene Zimmer“ ist einerseits eine „Metapher für die Privatsphäre“,A Room of One’s Own. In: Walter Jens (Hrsg.): Kindlers Neues Literaturlexikon. Bd. 17, München 1992, S. 830. es ist aber auch ein konkreter Ort.

„Frauen haben seit Millionen Jahren in geschlossenen Räumen gesessen, so daß inzwischen sogar die Wände durchdrungen sind von ihrer Schaffenskraft.“Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 88. Die Zimmer der Frauen können und müssen daher Gegenstand der Literatur werden. Wenn Woolf von den „Gemächern“ und „Höhlen“ spricht, die die „Fackel“ der Literatur ausleuchten müsse, so umfasst dies auch die „Seele“, die Gänze des Lebens; die zahllosen alltäglichen Erfahrungen, Träume, Gedanken, Augenblicke, die ohne die Möglichkeit des Schreibens für immer verloren gingen.

Die Metapher des „eigenen Zimmers“ hat mehrere Dimensionen, die Woolf im Text ausformuliert oder andeutet: Ein eigener Raum innerhalb des Hauses im Sinne von Privatbesitz; materielle Unabhängigkeit. Persönliche Privatsphäre; geistige Unabhängigkeit. Nur die androgyne Seele mit männlichen und weiblichen Anteilen ermöglicht literarisches Genie.Jost Schneider (Hrsg.): De Gruyter Lexikon. Methodengeschichte der Germanistik. Berlin 2009, S. 145. Ein eigener diskursiver Raum in der Geschichte; das Recht auf einen Anteil am Feld der Kulturproduktion.

Die zwei Colleges Woolf beginnt ihren Text mit einem fiktiven Spaziergang über den Campus von Oxbridge – Oxbridge ist ein Kofferwort für die exklusiven Universitäten von Oxford und Cambridge. Die weibliche Figur wird daran gehindert, über den Rasen zu gehen, und sie erhält keinen Zugang zur Bibliothek. Damit sind bereits die ersten Institutionen angesprochen, zu denen Frauen keinen Zutritt bekamen: die Wissenschaft und die Welt der Bücher. In dieser Universität herrscht angeblich „der Geist, aller Berührungen mit der Wirklichkeit enthoben (es sei denn, man betrat wieder den Rasen)“Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 12. – doch durch die Zugangsbeschränkungen erweist sich auch dieser Zufluchtsort des Geistes den herrschenden sozialen Reglementierungen unterworfen.

Danach wird sie zu einer Tischgesellschaft eingeladen; das üppige Mahl demonstriert, dass die männlich dominierte Universität auf goldenen Fundamenten steht. Das zweite Essen findet in dem fiktiven Frauencollege „Fernham“ statt; hier löffelt man dünne Suppe von einfachen Tellern. Dabei beklagt die Erzählerin „die schändliche Armut unseres Geschlechts“;Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 25. die durch Spenden finanzierten Frauencolleges konnten nicht auf Generationen reicher Gönnerinnen zurückblicken wie ihre traditionellen männlichen Pendants.

Da insbesondere die Ausbildung junger Frauen Virginia Woolf am Herzen lag, sprechen die Szenen in den zwei Colleges unmittelbar die Situation der Zuhörerinnen bzw. Leserinnen an. Als weibliche Normalität einer unverheirateten Frau kannten diese eher schlecht bezahlte Tätigkeiten: in der Kindererziehung, der Pflege oder in journalistischen Gelegenheitsarbeiten.

Weibliche Literaturgeschichte Der Unterschied zwischen den Geschlechtern wird hauptsächlich materiell gefasst, aber Woolf beschreibt auch einen Unterschied in der Tradition: Jeder männliche Schriftsteller konnte auf eine lange Reihe von Vorbildern zurückblicken; Frauen dagegen nicht. Die Erzählerin denkt an „die Sicherheit und den Wohlstand des einen Geschlechts und an die Armut und die Unsicherheit des anderen und an die Wirkung der Tradition oder des Mangels an Tradition auf den Geist eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin“.Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 28.

Sie erfindet eine Schwester von William Shakespeare, die ebenso talentierte Judith Shakespeare, und zeigt, wie es einer schriftstellerisch begabten Frau im 16. Jahrhundert ergangen wäre: Sie wird verspottet, am Theater abgewiesen, schließlich geschwängert und nimmt sich aus Verzweiflung das Leben. Der tragische fiktive Lebenslauf steht stellvertretend für viele Autorinnen der Literaturgeschichte vor 1900.Rezension der Neuübersetzung, FAZ 2. Mai 2002.

In ihrem Essay fordert Woolf die Erforschung der weiblichen Literaturgeschichte. Sie selbst war bereits seit 1904 als Literaturkritikerin in The Times Literary Supplement hervorgetreten.Rüdiger Ahrens: Virginia Woolf. In: Lexikon der Englischen Literatur. Stuttgart 1979, S. 512. In Ein eigenes Zimmer zählt sie eine Reihe von Autorinnen auf und würdigt Margaret Cavendish, Dorothy Osborne, Aphra Behn, Emily Brontë, Christina Rossetti, Jane Austen und ihre Zeitgenossin Marie Stopes, die unter dem Pseudonym Mary Carmichael schrieb. Jedoch merke man ihnen allen – mit Ausnahme von Jane Austen – die Unterdrückung, den Zwang zur Anpassung und den Zorn an, der ihre Texte verzerre. Dieses Urteil wird von der Hauptströmung der feministischen Literaturwissenschaft nicht geteilt.Jost Schneider (Hrsg.): De Gruyter Lexikon. Methodengeschichte der Germanistik. Berlin 2009, S. 145. Woolf zufolge muss herausragende Literatur frei von Parteilichkeit sein. Nur durch materielle Besserung der Situation von Frauen können auch sie zur poetischen „Weißglut“ des schöpferischen Geistes gelangen. „Politische Kunst“ kann dem laut Woolf nicht genügen, heißt es in der von Hans Ulrich Seeber 1991 herausgegebenen Englischen Literaturgeschichte, denn sie verwechsle „Propaganda mit der künstlerischen Deutung der Totalität des Lebens.“Hans Ulrich Seeber (Hrsg.): Englische Literaturgeschichte. Stuttgart 1991, S. 343f.

Woolf stellt darüber hinaus Anforderungen an das zeitgenössische weibliche Schreiben, Jahrzehnte vor der Theorie der écriture feminine: Frauen sollen „schreiben, wie Frauen schreiben, nicht, wie Männer schreiben“,Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 76. nämlich aus der Perspektive der Frau, die „weibliche Welterfahrung“ poetisch darstellen.Hans Ulrich Seeber (Hrsg.): Englische Literaturgeschichte. Stuttgart 1991, S. 343. Gegenstand dieser Literatur sollen Frauen sein, ihre Erfahrungen und Reflexionen, keine Frauenfiguren, die nur dazu da sind, Männer in Eifersuchtskämpfe zu treiben; die Literatur brauche vielmehr Schilderungen von Frauen, wie sie wirklich sind, ihre alltäglichen Handlungen, Gedanken, Beziehungen untereinander und zu Männern. Man müsse „die Anhäufung nie beschriebenen Lebens“Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 90. zum Material der Literatur machen; eine Fackel anzünden „in jenem weitläufigen Gemach, in dem noch niemand gewesen ist“.Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. S. Fischer 2001, S. 85.

Woolf versuchte, mit den zahlreichen Frauenfiguren ihrer Romane diesen Anspruch zu erfüllen. Das „weitläufige Gemach“ des weiblichen Lebensraums, das oben bereits angesprochen wurde, war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich literarisch fast „unentdecktes Land“ (abgesehen von den großen Romanen der Austen und Brontës oder etwa Theodor Fontanes Frauengestalten Effi Briest, Frau Jenny Treibel u. a.).

Gerade der Forderung nach einer Erforschung des Anteils von Frauen an der Literaturgeschichte wurde durch die feministische Literaturwissenschaft seither Rechnung getragen. Mehr und mehr Autorinnen werden wiederentdeckt; Lexika und Biografien erschließen den weiblichen Anteil an der Literaturgeschichte, der bis zu Woolfs Zeiten zum großen Teil in Vergessenheit geraten war. Woolf selbst wurde und wird allgemein als große Schriftstellerin der Moderne gewürdigt und häufig mit Marcel Proust und James Joyce verglichen.Englische Literaturgeschichte. Hrsg.: Hans Ulrich Seeber. Stuttgart 1991, S. 343f.Rüdiger Ahrens: Virginia Woolf. In: Lexikon der Englischen Literatur. Stuttgart 1979, S. 513.