miniatur|Halberstädter Straße 60|350x350px Das Haus Halberstädter Straße 60 ist eine denkmalgeschützte Villa im Magdeburger Stadtteil Sudenburg in Sachsen-Anhalt.

Lage und Grundstück Die Bebauung befindet sich auf der Nordseite der Halberstädter Straße in Magdeburg, etwas östlich der Einmündung des Südrings. Zur Villa gehörte ein weit nach Westen reichender Grundbesitz. Wie die ursprüngliche Ausdehnung des benachbarten Schneider’schen Gutshofs erstreckte sich das Grundstück im 19. Jahrhundert vermutlich bis zur Sudenburger Wuhne. Das Anwesen wechselte mehrfach den Besitzer, darunter namhafte Magdeburger Bürger.

Die anfängliche Adresse lautete Breiter Weg 126. Um die Verwechslungen mit dem Breiten Weg in der Magdeburger Altstadt zu vermeiden, führten Adressbücher später hier den Zusatz „(Sdbg)“ für Sudenburg. Im Jahr 1901 erfolgte die Umbenennung in Halberstädter Strasse, wobei die Nummerierung der Grundstücke zunächst beibehalten wurde. 1933 wurde auch diese geändert.

Ab 1835 war das Grundstück Sitz der Porzellanmanufaktur des Magdeburger Unternehmers Carl Heyroth (* 9. April 1797, † 1881). Das Unternehmen, das zuvor auf Porzellanmalerei spezialisiert war, wurde mit seinem Umzug von der Altstadt auf das neue Gelände um die Bereiche Porzellanherstellung und Lithophanienproduktion erweitert. Zusätzlich wurde Gebrauchsgeschirr und Ansichtsporzellan hergestellt. Bereits 1836 wuchs die Angestelltenzahl auf 37 Personen. 1855 stellte Heyroth den Betrieb jedoch wieder ein, der Grund ist bisher unbekannt.

Architektur Die zweigeschossige Villa wurde 1863Nadja Gröschner, Dieter Niemann, Eine Straße mit Charakter und Geschichte, Die Halberstädter Straße in Magdeburg, dr. ziethen verlag Oschersleben 2007, ISBN 978-3-938380-57-4, Seite 52 im Auftrag des neuen Besitzers des Grundstücks, dem Viehlieferanten Julius Wernthal errichtet. Die so bezeichnete Villa Wernthal ist eines der ältesten Gebäude an der Halberstädter Straße. Der verputzte repräsentative Bau ist im Stil des Spätklassizismus gestaltet. Die Fassade ist neunachsig angelegt, wobei die mittlere Achse durch einen Balkon besonders betont wird. Unterhalb des Balkons befindet sich der Vordereingang zum Haus. Die Gliederung der Fassade erfolgt durch Wandvorlagen, die sich in Form vom Lisenen präsentieren. Außerdem besteht eine horizontale Putzrillung. Die Fenster des oberen Stockwerks sind als Rundbögen ausgeführt, wobei jeweils zwischen zwei Fenstern eine Säule angeordnet ist. Bedeckt ist die Villa mit einem Satteldach. Dazu gehörten Stallungen, Wirtschaftsbauten, Gewächshäuser und ein größerer Baumbestand.

In einem überlieferten Grundriss von 1922 teilt ein Flur, von der Eingangstür durch die Tiefe des Hauses gehend, das Erdgeschoss in zwei Hälften. Da sich auf jeder der beiden Etagen eine Küche befand, war die Villa vermutlich für mehrere Parteien einer Familie gedacht. Im Inneren des Hauses bestehen Stuckdecken und Vertäfelungen in Formen des Klassizismus und des Expressionismus. Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt, Band 14, Landeshauptstadt Magdeburg, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2009, ISBN 978-3-86568-531-5, Seite 244

Im Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt ist die Villa unter der Erfassungsnummer 094 70025 als Baudenkmal verzeichnet.Kleine Anfrage und Antwort Olaf Meister (Bündnis 90/Die Grünen), Prof. Dr. Claudia Dalbert (Bündnis 90/Die Grünen), Kultusministerium 19. 03. 2015 Drucksache 6/3905 (KA 6/8670) Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt, Seite 2757

Bauherr mini|Julius Wernthals Grabstein, jüdischer Friedhof, Magdeburg Julius Wernthal wurde 1820 in Nordhausen als Sohn des Viehhändlers Levy Wernthal und dessen Frau Bertha geboren. Die Familie war jüdischer Konfession. Gemeinsam mit seinem Bruder Herz trat er in den väterlichen Handel ein. Ab 1847 belegen Einträge in Fremdenlisten zahlreiche Geschäftsreisen der Brüder, zunächst von Nordhausen und später von Magdeburg aus, nach Berlin, Leipzig und Halle.

In Berlin heiratete Julius Wernthal die Ferdinande, geborene Braun (* 1828). Am 18. Februar 1849 kam ihr Sohn Leopold zur Welt. Nach einer Frühgeburt, vermutlich eines weiteren Sohnes, verstarb Ferdinande Wernthal am 25. Oktober 1854 im Alter von 26 Jahren. Eine überlieferte Todesanzeige zeugt von der Trauer um den Verlust der „sorgsamsten Mutter und unvergesslichsten Frau“.

In zweiter Ehe heiratete Julius Wernthal die evangelische Auguste, geborene Markuth. Im Jahr 1868 wurde ihre Tochter Bertha Hedwig geboren und – wie die Mutter – evangelisch getauft.

1863 wurden die Geschäftspartner Gebrüder Wernthal im Magdeburger Adressbuch noch mit einer gemeinsamen Wohnadresse in der Himmelreichstraße und ihrer Firma am Breiten Weg in der Altstadt aufgeführt. 1866 schied Herz Wernthal aus der Handelsgesellschaft aus, und Julius übernahm die alleinige Führung der Firma.

Nach dem Umzug in den Neubau der Villa vereinten sich Wohnsitz und Betrieb auf einem gemeinsamen Grundstück. Mindestens einen Teil des Areals, wie viel lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, gestaltete Wernthal parkähnlich mit Wegen und Baumbestand.

1873 zählten die Gebrüder Wernthal - die Bezeichnung Gebrüder war im Firmennamen beibehalten worden - zu den insgesamt vierzehn im Magdeburger Adressbuch verzeichneten Viehhändlern und -lieferanten. 1879 verkaufte Julius Wernthal die Villa. Er starb am 5. Mai 1887 im Alter von 67 Jahren als Rentier in Berlin; Todesanzeigen erschienen mehrfach in Börsen- und Handelszeitungen. Obwohl seine Witwe und Tochter Bertha inzwischen in Berlin wohnten, wurde er auf dem jüdischen Friedhof der Stadt Magdeburg beigesetzt.

Spätere Besitzer und bauliche Veränderungen Hermann Brunner, Mitinhaber der Weingroßhandlung Brunner & Sohn erwarb 1879 das Anwesen und baute das Haus um. 1879 wurde an die östliche Seite des Hauses eine Vorhalle mit Terrasse angefügt, eine Ansicht des Projekts ist überliefert. Zusätzlich ließ Brunner ein Gewächshaus sowie ein Wirtschaftsgebäude mit Gärtnerwohnung errichten, letzteres befand sich vermutlich an der Stelle des später auf dem Grundstück gebauten Hauses Halberstädter Straße 58.

Nach dem Tode Brunners im Jahr 1905 blieb seine Witwe Johanna Eigentümerin der Villa bis 1922, die Etagen wurden vermietet. Für die Jahre 1920 bis 1922 war im Magdeburger Adressbuch ebenfalls Richard von Bötticher, Regierungspräsident a. D., als Eigentümer eingetragen. 1922 verkauften die Brunner’schen Erben Haus und Gelände an den Bauingenieur Karl Hugo Paul Ludwig. Seine Firma für Hoch- und Tiefbau sowie Feuerungs- und Ofenbau, K. H. Ludwig, befand sich stadteinwärts in Laufweite an der Halberstädter Straße 129d (heute Nr. 28).

Ludwig veranlasste die Sanierung und Modernisierung der Villa. So wurden ein Anbau auf der Rückseite mit Wassertoiletten, Treppenhaus und Eingang erstellt. Die im Dachgeschoss befindlichen Mägdekammern bekamen Fenster, die vom vorherigen Besitzer, Hermann Brunner, angefügte Terrasse wurde mit Mauerwerk und Verglasung zu einem Wintergarten geschlossen. Die Remisen wurden zu Garagen umgebaut.

1933 ließ Ludwig das weiträumige Grundstück hinter dem Haus in 36 Grundstücke parzellieren und verkaufte diese Flächen. Die Umsetzung des Bauungsprojektes zog sich jedoch über mehrere Jahre hin; im 1937 erschienen Magdeburger Pharus-Plan ist das Areal noch als weitgehend unbebaute Grünfläche eingezeichnet. Auf diese Weise entstand die heutige Brunnersiedlung.Nadja Gröschner, Dieter Niemann, Eine Straße mit Charakter und Geschichte, Die Halberstädter Straße in Magdeburg, dr. ziethen verlag Oschersleben 2007, ISBN 978-3-938380-57-4, Seite 52

1936 wurde auf der Westseite der Villa ein weiterer Anbau angefügt. In seiner heutigen Form zeigt der Anbau keine Fenster zur Straßenseite.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ändert sich die Benutzung: 1950 teilten sich, neben dem Hausherren, weitere sieben Mieter die Räume. Zu DDR-Zeiten befand sich eine Mütterberatung sowie ein Kinderarzt im Erdgeschoss, der Eingang hierfür lag auf der Rückseite. Nach der Wende und langem Leerstand wurde eine denkmalgerechte Renovierung ausgeführt, die einen ursprünglichen Eingang wieder zur Strasse öffnete. Beim „Tag des offenen Denkmals“ im September 2001 war die Villa Teil des Programmes der Stadt Magdeburg. Seitdem wird das Gebäude gewerblich genutzt.

Literarische Erwähnungen Die in der Halberstädter Straße 126a aufgewachsene Schriftstellerin Nomi Rubel beschreibt in ihrem autobiographischen Roman Schwarz-braun ist die Haselnuß einen Kindergeburtstag in der Villa, um 1916. “Die Möbel, Erbstücke, sind abgenutzt, die Farben der Teppiche verblichen. Aber die Decken sind hoch, man hat Platz in den Räumen. Es ist kühl, aber man kann atmen”. Die Villa gefällt ihr.

1932 mietete der Magdeburger Rechtsanwalt Hans-Ulrich Haller-Munk eine „Sechs-Zimmer-Flucht“ in der „luxuriösen Villa“. Der Verlust seiner Anwaltszulassung, 1933, und des damit verdienten Einkommen zwingen ihn zum Auszug. Der jüdische Schriftsteller Erich Munk beschrieb das Verlassen der Villa als ein Schlüsselelement in der Biografie seines Bruders.

Literatur Nadja Gröschner, Dieter Niemann, Eine Straße mit Charakter und Geschichte, Die Halberstädter Straße in Magdeburg, dr. ziethen verlag Oschersleben 2007, ISBN 978-3-938380-57-4, Seite 52. Vermutlich versehentlich wird die Villa hier der Hausnummer 125 der ursprünglichen Nummerierung der Halberstädter Strasse zugeordnet. Der Magdeburger Adressbücher nach müsste es sich aber um das Haus Nr. 126 halten. Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt, Band 14, Landeshauptstadt Magdeburg, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2009, ISBN 978-3-86568-531-5, Seite 244.

Einzelnachweise

Kategorie:Kulturdenkmal in Magdeburg Kategorie:Erbaut in den 1860er Jahren Kategorie:Villa in Magdeburg 060