mini|Dorfkirche Gägelow, Nordseite (2008) mini|Ansicht von Südost mit ehemaliger Sakristei (2008) mini|Südseite (2008) Die evangelische Dorfkirche Gägelow ist eine frühgotische Feldsteinkirche im Ortsteil Gägelow von Sternberg im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehört zur Kirchengemeinde Dabel im Kirchenkreis Sternberg in der Propstei Wismar der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche). Das Chorgestühl wird auf das Entstehungsjahr 1247 datiert und gilt als das älteste erhaltene Chorgestühl in Deutschland.Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Ausgabe Oktober 2024 (S. 34/35): Ein Superlativ bekennt Farbe
Geschichte Die Ortsbezeichnung Gägelow ist vermutlich in die Wendenzeit zurückzuführen. Nach dem altslawischen Wort gogoli (für Quäkente) wird der Ort mit Entenort in Verbindung gebracht.Paul Kühnel: Die slawischen Ortsnamen in Mecklenburg. In: MJB 46, 1881, S. 46–47.
Bischof Hermann von Schwerin überwies am 1. Januar 1270MUB II. (1864) Nr. 1178. die Kirche von Gägelow – Goghelow – zusammen mit den Kirchen in Schwaan, Hohen Sprenz, Lüssow, Alt Güstrow, Kritzkow, Groß Raden, Sternberg, Kambs und Witzin dem Archidiakonat des Kollegiatstiftes zu Bützow – de Butzowe. Dort und in der Umgebung – außer in Gägelow auch in Sternberg, Mustin, Zülow, Pastin, Rosenow, Holzendorf, Borkow und Woserin – war die alte Adelsfamilie Kramon schon vom 13. Jahrhundert her begütert und machte sich in den Jahren 1319 und 1320 durch reiche Zuweisungen an Pfarre und Kirche zu Gägelow verdient. Zwei Angehörige derselben Familie waren in vorreformatorischer Zeit Pfarrer zu Gägelow: Um 1319 war Helmold von Kramon Pfarrer in Gägelow – Helmoldus de Cramona plebanus in GogelowMUB VI. (1870) Nr. 4090. – und trug selber durch reiche Dotationen wesentlich zur Ausstattung seiner Pfarre bei. Um 1440 war dann Otto von Kramon Kirchherr zu Gägelow. Von seinen Vettern Conrad und Heinrich von Kramon kaufte er 20 Hufen zum Eigentum der Pfarre und erlangte von Herzog Heinrich II. ihre Befreiung vom Lehen mit ritterschaftlichen Pflichten für sich und seine Nachfolger.Gustav Willgeroth: Gägelow.1925, S. 174. Auch nach der Reformation hatten die von Kramon das Kirchenpatronat inne und setzten 1579 Adam Lönnis als Prediger ein. Die Pastiner Bauern mochten diesen nicht und verklagten die von Kramon beim Herzog Ulrich in Güstrow. Bis 1624 blieb das Kirchenpatronat bei den von Kramon. Danach hatte das Kloster Dobbertin das Patronat inne. 1633 berichtet Pastor Johann Goeß, der 1638 auch an der Pest starb, dass Gägelow von Soldaten niedergebrannt und die Gemeinde durch Hunger, Pest und Schwert fast ganz aufgerieben war: „Die Kirche ist verwüstet und lange Jahr, Tag und Nacht unverschlossen gewesen, aller Kirchenornat ist hinweggestohlen. Das Kirchenbuch und alle alten Urkunden, deren eine ziemliche Anzahl gewesen, sind abhanden gekommen. Ist also der Gottesdienst eine geraume Zeit unterlassen worden und die Kirche und Gottes Haus wüste gestanden und die Gemeinde eine geraume Zeit ohne Prediger gewesen.“Gustav Willgeroth: Gägelow. 1925, S. 174–179. Bei seinem Amtsantritt 1650 schrieb Pastor Heinrich Rehe „zu Gägelow noch immer danieder, daher ich ein halbes Jahr in Sternberg mich aufgehalten habe und folgendes fast anderthalb Jahr in Dabel“. Anno 1652 hatte man das Pfarrhaus zu bauen angefangen, gleichzeitig die Küsterei, 1654 ist die Scheune gebaut, 1665 das Backhaus, „daß also innerhalb von 15 Jahren alle Zimmer, so zuvor gewesen, wiederum in Stand gebracht worden sind. Die Kirche ist sehr oft baufällig gewesen, der Turm so sehr verdorben, daß er nichts nütze gewesen. Anno 1652 hat man nun befunden, daß etliche Spähn und Hölzer der Kirche abgefault und auf dem Gewölbe gelegen sind, und man hat zu der Zeit andere Hölzer daruntergebracht und dem gänzlichen Ruin, soweit möglich gewesen, gewehret“. 1775 ging das Patronat vom Borkower Stallmeister Seitz für 1000 Reichstaler in Landesherrlichen Besitz über.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Gägelow. 1901, S. 168. 1832 erstritt Pastor Behm einen Erbpachtkontrakt über das Gägelower Pfarrgut, durch den die Pfarrinhaber im Wesentlichen von der Gutslast befreit wurden.Gustav Willgeroth: Gägelow. 1925, S. 178.
Die Gägelower Kirche wurde nach der Restaurierung am 21. Februar 1858 in Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit Großherzog Friedrich Franz II. feierlich eingeweiht.
Baugeschichte Die Kirche ist ein altes, auf tiefgegründeten Feldsteinfundamenten gebautes Gebäude, aus zum Teil behauenen Feldsteinen und in den Fensteröffnungen und Gliederungen aus Backsteinen errichtet. Während der mittelalterlichen Bauphasen wurde der Chor um 1260 und das Langhaus um 1270 errichtet.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 339. Hier wurde Ruchow 1267 nach der zeitlichen Sakralarchitektur sehr ähnlich wie Gägelow gebaut. In der Gägelower Feldsteinkirche muss es um die Mitte des 14. Jahrhunderts gebrannt haben, denn das Dachtragwerk von Chor und Langhaus wurden zwischen 1353 und 1354 erneuert. An den Mauern im Dachraum und im Choreinzugswinkel konnten Brandspuren nachgewiesen werden.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 148, 362. Bei der Dacherneuerung wurden Abbundzeichen mit gerissenen und geteilten, ausgestemmten Zeichen mit anliegenden Verbindungszeichen verwendet. Die Dendrodaten 1354 der Kirche zu Gägelow als „Schwesternbau“ liegen ein gutes Jahrhundert hinter der Erbauungszeit der nahe gelegenen Kirche zu Ruchow.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 186.
Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges war 1653 in einem Visitationsprotokoll zu lesen: In der Folgezeit wurde die Kirche zu Gägelow offensichtlich instand gesetzt, denn 1684 soll sie ausgemalt worden sein, was im Lande zu der sprichwörtlichen Wendung „So bunt als die Gägelow’sche Kirche“ führte.Friedrich Lisch: Ueber Kirchen-Restaurationen in Mecklenburg namentlich zu Dobbertin und Gägelow. In: Archiv für Landeskunde in den Großherzogthümern Mecklenburg. Nr. 5, 1858, S. 132. Aus alten unvollständigen Kirchenakten ist zu entnehmen, dass zwischen Juli und September 1794 die Herzoglich Mecklenburgische Regierung zur Reparatur der Kirche und des Turmes angewiesen hatte, dass aus ihren Forsten „unentgeltlich“ Holzmaterial und aus den Ziegeleien 9.500 Dachsteine und 3.500 Mauersteine „gegen Erlegung des Brennerlohns“ angeliefert werden.
1857 wurde die Kirche durch den Schweriner Landbaumeister Voß einer vollständigen Restaurierung unterzogen. Die Malerarbeiten führte der Schweriner Maler Theodor Fischer, der auch im Schweriner Schloss und der Schlosskirche tätig war, aus. Er wohnte beim Erbpächter Schmidt in Gägelow. Die Entwürfe auf den Kartons hatte der Geheime Archivrat Lisch aus Schwerin geprüft, die danach „zur allgemeinen großer Befriedigung“ ausgeführt wurden, die Kosten übernahm der Gutsherr Fabricius auf Rothen.Friedrich Lisch: Ueber Kirchen-Restaurationen in Mecklenburg namentlich zu Dobbertin und Gägelow. In: Archiv für Landeskunde in den Großherzogthümern Mecklenburg. Nr. 5, 1858, S. 133.
Am 5. November 1969 wurde das verfallene Pfarrhaus zum Abbruch freigegeben mit der Verpflichtung, den Standort der Ruine so einzuebnen, dass kein Schutt zurückbleibt.Hansherbert Lange: 725 Jahre Gägelow. 1995, S. 29. Die Pfarrscheune und der Wagenschauer waren schon 1963 abgebrochen worden. 1994 konnte mit ersten Sicherungs- und Sanierungsarbeiten an der Kirche begonnen werden. Der Kirchturm wurde mit Schiefer neu eingedeckt und der Dachstuhl ausgebessert. Die Dächer von Kirchenschiff und Chor wurden mit Dachziegeln neu eingedeckt. Der Wetterhahn mit der Inschrift FF (Friedrich Franz) 1796 und die Kugel erhielten nach der Reparatur eine neue Vergoldung. Mit Münzen und Dokumenten versehen wurden beide zur 725-Jahr-Feier von Gägelow am 2. Juni 1995 auf die Turmspitze gebracht. Die Fenster erhielten eine neue Verglasung und die Kirche einen Stromanschluss. 1997 hatte die Wismarer Restauratorin Annette Seiffert in Vorbereitung einer späteren inneren Sanierung der Kirche alte Wandmalereien unter der weißen Farbschicht freigelegt.Heidrun Pätzold: Geheimnis ist gelüftet: Es gibt die Wandmalereien. SVZ Sternberg 28. August 1997.
Ende September 2017 wurde der Förderverein für den Erhalt der Kirche zu Gägelow e.V. im Pfarrhaus zu Dabel gegründet.Rüdiger Rump: Kulturgut und Kleinod wird belebt. SVZ Sternberg, 1. Oktober 2017.
Baubeschreibung Äußeres Die Dorfkirche Gägelow ist ein sorgfältig ausgeführter einschiffiger Feldsteinbau aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts mit eingezogenem Chor auf quadratischem Grundriss mit einem Backsteingiebel ähnlich demjenigen der Dorfkirche Ruchow. Die ehemalige Sakristei auf der Südseite wird als Grabkapelle der Familie von Bülow genutzt und besitzt einen Giebel aus Backstein mit dreifachem Zahnfries.Georg Dehio: Gägelow, Gem. Pastin, Lkr. Parchim. 2000, S. 146. Der barocke Westturm aus Backsteinen und mit Schiefer eingedeckten kurzen Pyramidenhelm entstand vermutlich im Jahr 1796Im Glockenstuhl befindet sich die Jahreszahl 1735. als Ummauerung eines älteren hölzernen TurmsGeorg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Mecklenburg-Vorpommern. 2. Auflage. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2016, ISBN 978-3-422-03128-9, S. 156. und verdeckt teilweise den Westgiebel mit steigendem Rautenfries. Die Backsteine haben eine Abmessung von 26 cm × 13 cm × 9,5 cm. Der Chorgiebel zeigt über doppeltem Zahnfries ein großes Blendenkreuz mit zu Dreiergruppen gekuppelten Blenden und an den Schrägen einen ansteigenden Spitzbogenfries. An der Nord- und Südseite des Schiffs sind je zwei Lanzettfenster mit schrägen Laibungen zu Dreiergruppen zusammengefasst, wobei das mittlere Fenster im Scheitel höher liegt als das äußere. Der Chor besitzt auf seiner Ostseite eine dreiteilige und an der Süd- und Nordseite eine zweiteilige Fenstergruppe, letztere wurde durch den Nordanbau von außen geschlossen. Die beiden spitzbogigen Portale des Schiffs mit abgetreppten Gewänden sind vermauert. Im Norden ist eine Vorhalle aus Backstein angebaut, die wohl aus dem 18. Jahrhundert stammt.
Inneres Das Innere des Schiffs und des Chores sind mit Domikalgewölben geschlossen, die mit Bandrippen und Scheitelringen versehen und durch einen spitzbogigen Gurtbogen und einen sehr breiten Triumphbogen voneinander geschieden sind.
Wand- und Gewölbemalereien Ihren Ruf im Lande und über die mecklenburgischen Grenzen hinaus hat die Kirche durch ihre innere Bemalung der Gewölbe mit dem Spruch: „So bunt as de Gägelowsch Kark“ (so bunt wie die gägelowsche Kirche) erhalten.Friedrich Lisch: Die Kirche zu Gägelow (bei Stenberg). In: MJB 8. 1843, S. 101. Im Jahr 1857 wurde das Kircheninnere einer umfassenden Restaurierung unter Leitung von Landesbaumeister Voß aus Schwerin unterzogen, bei der das gesamte Gestühl erneuert und die Wände eine „neue Tünche“ erhielten. Aus dieser Zeit stammt auch die Wandmalerei von Theodor Fischer, die in der Laibung des Triumphbogens Brustbilder von Mose, Jesaja und Johannes dem Täufer zeigt. An der westlichen Stirnwand des Bogens ist Christus mit Engeln dargestellt. Die drei Gewölbe, jedes von acht Feldern, waren in Hellgelb und Grau mit Arabesken und Schnörkelwerk verziert.
Altar Zur früheren Ausstattung gehörte auch ein einfacher, roh gearbeiteter, aus Eichenholz geschnitzter Flügelaltar mit übermalten Figuren, die Petrus mit Schlüssel, Maria, Christus am Kreuze, Johannes Evangelist mit Buch und Paulus mit Schwert darstellen. Die Flügel wurden 1683 auf Kosten der Dorothea von Halberstadt, Witwe des Friedrich von Zülow zur Rechten mit der Auferstehung, zur Linken mit einer Kreuzabnahme in schlechtem Geschmack übermalt. Im selben Jahr sind auch die Altarschranken erneuert worden.