mini|In Jerusalem gefundene eiserne und bronzene Pfeilspitzen, frühes 6. Jahrhundert v. Chr. (Israel Museum) Die zweiteVergleiche hierzu die erste Eroberung von Jerusalem (597 v. Chr.) durch das Heer des neubabylonischen Königs Nebukadnezar II. (Nabū-kudurrī-uṣur II.) Eroberung von Jerusalem durch das Heer des neubabylonischen Königs Nebukadnezar II. (Nabū-kudurrī-uṣur II., Regierungszeit 604–562 v. Chr.) entmachtete die Davids-Dynastie in Jerusalem und beendete die Existenz des Südreichs Juda, das zuletzt ein babylonischer Vasallenstaat gewesen war. Der Salomonische (Erste) Tempel wurde zerstört, die Jerusalemer Oberschicht teilweise deportiert. Als Jahr der Eroberung wird in der deutschsprachigen Literatur meist das Jahr 587 v. Chr. genannt (in diesem Artikel bezeichnet als Frühdatierung). In der englischsprachigen Forschung wird dagegen 586 v. Chr. (Spätdatierung) bevorzugt.Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. Berlin / Boston 2021, S. 300.

Die Quellenlage für diese zweite babylonische Eroberung Jerusalems ist ungünstiger als für die erste 597 v. Chr., weil die babylonische Chronik im Jahr 594 abbricht.

Vorgeschichte In der Endphase des Reichs Juda war die Bevölkerung Jerusalems stark gewachsen, was sich auch in über 100 nachgewiesenen späteisenzeitlichen Grabanlagen vor den Stadtmauern Jerusalems ausdrückt. Im Norden schloss sich ein unbefestigtes Siedlungsgebiet direkt an die Stadtmauern an. Ein Kranz von Großdörfern umgab mit seinem landwirtschaftlich genutzten Gebiet die ganze Stadt. Mehrere vorgeschobene Festungen markierten die Grenzen dieses Jerusalemer Siedlungsgebiets.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule. Winona Lake 2005, S. 206–210.

Zidkija als babylonischer Vasallenkönig

mini|Liste von Lebensmittelrationen für Jojachin von Juda und sein Gefolge (Tontafelfragment, Fundort Babylon, Vorderasiatisches Museum Berlin)Staatliche Museen zu Berlin, Sammlungen Online: Rationsliste für Gefangene mit Erwähnung des Königs Jojachin von Juda Die babylonische Chronik hebt als zentrales Ereignis des Palästina-Feldzugs Nebukadnezars die Eroberung Jerusalems im Jahr 597 v. Chr. hervor. Während der Belagerung starb König Jojakim, der im Vertrauen auf ägyptische Hilfevergleiche hierzu Pharao Psammetich II., regierte von 595–589 v. Chr. und Necho II. der bis kurz vor 597 v. Chr. an der Macht war, (Spätzeit des Alten Ägyptens) seine Tributzahlungen an Babylon eingestellt hatte. Sein Sohn und Nachfolger Jojachin unterwarf sich den Babyloniern und rettete dadurch den Bestand seines kleinen Königtums. Die Babylonier plünderten zwar die Stadt und nahmen viele Gefangene, aber sie beließen die Davids-Dynastie an der Macht und verzichteten auf die Zerstörung Jerusalems. Nebukadnezar setzte Jojachin ab und installierte dessen Onkel Mattanja auf dem Jerusalemer Thron, welcher sich nun Zidkija nannte. Zidkija musste einen Vasalleneid leisten.Abraham Malamat: The Last Kings of Judah and the Fall of Jerusalem. 1968, S. 145.

Aus babylonischer Sicht war diese Regelung geeignet, um das Reich Juda in einem stabilen Untertanenverhältnis zu halten: das Land war zwar wirtschaftlich sehr geschwächt, aber die Verwaltungsstrukturen noch intakt; König Zidkija wusste, wem er seine Königswürde verdankte; dass sein Neffe Jojachin im babylonischen Exil lebte, stellte ein zusätzliches Druckmittel dar.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule, Winona Lake 2005, S. 49–59. Für eine Gruppe von Exilierten, darunter auch der Prophet Ezechiel, war Jojachin weiter der einzig legitime König von Juda und Zidkija ein bloßer „Statthalter“ (). Ein Teil der Bevölkerung Judas hoffte auf die Rückkehr Jojachins nach Jerusalem (). Dies schwächte die Position Zidkijas, zumal er als „Konkursverwalter seines Bruders Jojachin“ (Herbert Donner) großen wirtschaftlichen Problemen gegenüberstand und Schwierigkeiten hatte, die mit Jojachin nach Babel deportierten Jerusalemer Spitzenbeamten durch geeignete Personen zu ersetzen.Herbert Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen, Band 2. 3., durchgesehene und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, S. 408.

Ab 596 lockerte sich die babylonische Kontrolle über die südliche Levante (in babylonischen Quellen bezeichnet als das Land Hattû). Zunächst war Nebukadnezar durch Feldzüge an der Ostgrenze seines Reichs gebunden, dann musste er eine Revolte in Babylon niederschlagen, an der hohe Militärangehörige beteiligt waren. Unterdessen regierte Psammetich II. über Ägypten und führte 593 in Nubien einen erfolgreichen Feldzug durch. In seinem vierten Regierungsjahr, 591, leitete er eine Expedition an der Küste Phöniziens. Die einzige Quelle hierzu ist der Papyrus Rylands IX. „Kulturgeschichtlich interessant ist, dass die Priester aller wichtigen Tempel mit Stabsträußen ihrer Götter den Feldzug begleiten sollten.“Manfred Weippert: Historisches Textbuch zum Alten Testament. Vandenhoeck &Ruprecht, Göttingen 2010, S. 401.

Oded Lipschits vermutet, dass Psammetich daran interessiert war, die ägyptische Vorherrschaft in der Levante zu erneuern. Die Kleinkönige in der Region gingen antibabylonische Bündnisse ein, was im Hintergrund von Ägypten gefördert worden sei.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule, Winona Lake 2005, S. 62–64. Wolfgang Helck versteht Psammetichs Expedition geradezu als zweijährigen Feldzug,Wolfgang Helck: Geschichte des alten Ägypten. Band 1. Brill, Leiden 1968, S. 254. andererseits wird gefragt, ob diese Expedition überhaupt militärischen oder eher diplomatischen und kultischen Charakter hatte. Eine Reaktion der Neubabylonier darauf ist jedenfalls nicht bekannt.Herbert Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Band 2. 3., durchgesehene und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, S. 410.

Im Februar 589 trat Pharao Apries seine Herrschaft über Ägypten an, und etwa zeitgleich änderte sich die babylonische Politik in Bezug auf das Land Hattû. Zug um Zug wurden die semi-autonomen Vasallenkönigreiche der Region entmachtet und in Provinzen umgewandelt, so dass die direkte babylonische Kontrolle effektiv bis an die ägyptische Grenze heranreichte.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule. Winona Lake 2005, S. 66. Die wirtschaftlichen Folgen für die südliche Levante waren schwerwiegend. Anfang des 6. Jahrhunderts verschwindet die griechische Importkeramik fast vollständig aus dem archäologischen Befund, um erst zum Ende des Jahrhunderts (also in der Perserzeit) wieder zurückzukehren: ein Indiz dafür, dass die Region unter babylonischer Herrschaft keine Überschüsse für den Export mehr erwirtschaftete und vom Fernhandel abgeschnitten war.Erasmus Gaß: Nebukadnezzar ante portas: Zu den babylonischen Interessen in der südlichen Levante. 2016, S. 255–257.

Zidkijas Abfall von Babylon Dass Zidkija sich entschloss, seine Vasallenpflichten nicht mehr zu erfüllen, war in Anbetracht seiner politisch-militärischen Schwäche extrem unklug. Am Hof gab es offenbar eine anti-babylonische Partei, die ihn dazu drängte; ob Ägypten zu diesem Zeitpunkt bereits im Hintergrund aktiv war und Unterstützung versprach oder erst später, als der Aufstand schon im Gange war, zu helfen versuchte, ist unbekannt.Herbert Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Band 2. 3., durchgesehene und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, S. 410. Es gibt Indizien dafür, dass Zidkija mit dem Stadtstaat Tyros und dem Ammoniterreich ein antibabylonisches Bündnis einging (vgl. ), aber militärisch waren diese Partner ohne großes Gewicht. Lipschits urteilt, dass es – abgesehen von der erwarteten ägyptischen Unterstützung – „ideologisch-theologische Faktoren“ gewesen seien, die die Jerusalemer Oberschicht veranlassten, den Aufstand gegen Babylonien zu wagen: Sie waren überzeugt, ihr Gott JHWH werde seine Stadt verteidigen. Jerusalem werde deshalb niemals von Feinden eingenommen werden.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule. Winona Lake 2005, S. 70–72.

Ablauf

Belagerung Jerusalems Mangels einer babylonischen Chronik ist die Route des babylonischen Heeres und die Eroberung kleinerer judäischer Orte nicht genauer bekannt. Laut erschien dieses Heer am 10. Tevet des 9. Regierungsjahrs Zidkijas vor den Mauern von Jerusalem und begann mit der Belagerung. Je nachdem, ob eine Früh- oder Spätdatierung vertreten wird, lässt sich dieses Ereignis unterschiedlich datieren: Frühdatierung: Anfang 588 (Christian Frevel, Bernd U. Schipper),Christian Frevel: Geschichte Israels. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 314.Bernd U. Schipper: Geschichte Israels in der Antike. Beck, München 2018, S. 68. Januar 588 (John Bright, Klaus Koenen),John Bright: Geschichte Israels: Von den Anfängen bis zur Schwelle des Neuen Bundes. Patmos, Düsseldorf 1966, S. 335. 15. Januar 588 (Abraham Malamat).Abraham Malamat: The Last Kings of Judah and the Fall of Jerusalem. 1968, S. 150 f. Spätdatierung: Anfang 587 (James Maxwell Miller/John H. Hayes, Oded Lipschits),James Maxwell Miller, John H. Hayes: A History of Ancient Israel and Judah. 2. Auflage. SCM Press, London 2006, S. 476.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule, Winona Lake 2005, S. 74. 23. Januar 587 (Hayim Tadmor).Hayim Tadmor: Chronology of the Last Kings of Judah. In: Journal of Near Eastern Studies, Band 15/4 (1956), S. 226–230. mini|Foto von Lachisch-Ostrakon 3 Die in den 1930er Jahren bei den Ausgrabungen von Tell ed-Duwēr gefundenen Lachisch-Briefe enthalten die Korrespondenz judäischer Offiziere. Aufschlussreich ist Ostrakon 3, aus dem hervorgeht, dass sich der judäische Oberbefehlshaber Konjahu ben Elnatan von Jerusalem nach Ägypten begab. Das heißt nach Herbert Donner entweder, dass der Belagerungsring um Jerusalem nicht geschlossen war oder die Belagerung nachlässig gehandhabt wurde.Herbert Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Band 2. 3., durchgesehene und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, S. 411. Manfred Weippert dagegen datiert die Lachisch-Briefe in die Zeit unmittelbar vor dem Beginn der babylonischen Belagerung Jerusalems.Manfred Weippert: Historisches Textbuch zum Alten Testament. Vandenhoeck &Ruprecht, Göttingen 2010, S. 407. Entweder setzte sich Konjahu nach Ägypten ab, weil er die militärische Situation Judas für aussichtslos hielt, oder er überbrachte ein offizielles Hilfegesuch seines Königs, das aber die ägyptische Interessenlage verkannte, so Schipper: „… weder Apries noch sein Vorgänger Psammetich II. hatten ein Interesse an Juda. Sie konzentrierten ihre Aktivitäten auf die Handelsstädte der Küstenebene.“Bernd U. Schipper: Geschichte Israels in der Antike. Beck, München 2018, S. 68.

Ein ägyptischer Entsatzversuch brachte den Jerusalemern nur vorübergehend Entlastung. Die ägyptischen Hilfstruppen zogen wieder ab; Genaueres ist über ihr Ergehen nicht bekannt. Diese ägyptische Intervention ist nur durch und Anspielungen bei Ezechiel belegt; ägyptische und babylonische Quellen schweigen. Anscheinend nutzte ein Teil der Jerusalemer die zwischenzeitliche Aufhebung der Belagerung dazu, um die Stadt zu verlassen und sich den Babyloniern zu ergeben. Diese Bevölkerungsgruppe wurde mindestens teilweise im Gebiet von Benjamin, im Umland von Mizpa, angesiedelt. Jeremias Versuch, sich dieser Gruppe anzuschließen, misslang – er wurde verhaftet und blieb gegen seinen Willen in Jerusalem.Oded Lipschits: The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule. Winona Lake 2005, S. 76 f.