mini|Stefan Stadtherr Wolter 2016 Stefan Stadtherr Wolter (* 24. Oktober 1967 in Eisenach als Stefan Wolter) ist ein deutscher Historiker und Autor. Er arbeitet zu den Themen Medizin-, Tourismus- und Militärgeschichte. Bekannt wurde er durch seine Autobiografie Hinterm Horizont allein – Der Prinz von ProraVom Pfarrerssohn zum „Prinz von Prora“. Die Geschichte eines NVA-Bausoldaten. Reportage von Florian Breitmeier NDR-Inforadio (Lebenswelten), 3. Oktober 2007 und seine Einflussnahme auf die Erinnerungskultur in Prora auf der Insel Rügen.
Biografie
Familiäre Herkunft Wolter ist der Sohn des Pfarrers Jürgen Wolter und dessen Frau Brigitte (geb. Begrich), die im Pfarrhaus Bornhagen und später in Reinsdorf/Artern aufwuchs, nachdem ihre Familie in Zusammenhang mit der Aktion Ungeziefer (1952) aus der Grenzregion umsiedeln musste. Dort hatte sich ihre Mutter, Enkelin des reiselustigen Landschaftsgärtners Ernst Robert Pietsch, als Fluchthelferin an der innerdeutschen Grenze betätigt. Ihr Vater, Jobst Begrich, hatte 1938 den Treueeid auf Adolf Hitler verweigert. Brigitte Wolter (* 1940), der als Pfarrerstochter in der DDR das Abitur und das gewünschte Medizinstudium verwehrt blieben, ist eine Großcousine des Theologen Joachim Begrich.Michael Hollenbach: Die Begrichs – eine Pfarrersfamilie (NDR-Info, 11. April 2015)
Ausbildung Stefan Wolter wuchs als drittes von vier Kindern im Pfarrhaus Kaltensundheim in der Hohen Rhön auf. Eingeschult wurde er in Kaltenwestheim. 1978 zog die Familie nach Eisenach ins Umfeld des Diakonissenhauses, wohin der Vater zum Rektor berufen wurde. Wolter setzte dort die „Polytechnische Oberschule“ in der 5. Klasse fort und konnte wegen des angegebenen Studienwunsches Theologie 1984 mit Hilfe des Landesbischofs Werner Leich auf die Erweiterte Oberschule (EOS) Ernst Abbe wechseln. In der Abiturstufe widersetzte sich Wolter der vormilitärischen Ausbildung, nachdem er sich bereits der Mitgliedschaft bei den Pionieren und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) verweigert hatte.
Nach der Militärzeit als Bausoldat in Prora (1986–1988) studierte Wolter wie seine Schwester Ulrike Wolter-Victor in Jena Theologie. In Jena erlebte Wolter die politische Wende und trat nach den Erlebnissen in Prora und der Verhaftung seitens der ungarischen Staatssicherheit während eines Urlaubsaufenthaltes im Sommer 1989 in Jena als einer der Ersten dem Neuen Forum bei. Die Zeit der politischen Wende widerspiegeln seine Briefe an eine in Ungarn lebende damalige Jurastudentin. Zu jenem Zeitpunkt erkrankte sein Vater an einer Gehirnblutung, die ihm zeitlebens das Kurzzeitgedächtnis raubte. Diese Erfahrung hat Stefan Wolter geprägt.
1990 wechselte Wolter nach Göttingen, was einem Neustart im Studium gleichkam. Während seines Studiums der Geschichte und Religion auf Lehramt, mit den Nebenfächern Pädagogik und Philosophie, begann Wolter eine Forschungsarbeit zur Armenkasse der Stadt Eisenach im 17. und 18. Jahrhundert, deren detaillierte Analyse ein Novum in der sozialgeschichtlichen Forschung darstellte. Erste Ergebnisse veröffentlichte er im Sommer 1996 in der Thüringischen Landeszeitung (Eisenach), die Wolter dafür eine Serie im ganzseitigen Format einräumte. 1997–1999 schrieb er seine Promotionsarbeit bei Ernst Schubert. Die Arbeit über das Sozialwesen der Stadt Eisenach und den Armenreformer Johann Carl Salomo Thon, die Aufschlüsse aus der Zeit der Eisenacher Bachs brachte, schloss er mit Magna cum laude ab.Rezipiert etwa in: Kathrin Imhof: Das Kinderseelhaus auf dem Kaulberg. Alltag des Bamberger Waisenhauses in der Frühen Neuzeit. In: Soziale Strukturen und wirtschaftliche Konjunkturen im frühneuzeitlichen Bamberg herausgegeben von Mark Häberlein und Robert Zink, Bamberg 2013, S. 131–198 und Katja Reinhardt (Hrsg.): Stapelstadt des Wissens: Jena als Universitätsstadt zwischen 1770 und 1830, Böhlau Verlag. Seit 1999 arbeitet Wolter freiberuflich in Berlin-Prenzlauer Berg. Seit 2015 lebt er verheiratet zudem in Vonhausen (Büdingen).
Werk Seinen ersten Artikel veröffentlichte Wolter mit 14 Jahren in der thüringischen Kirchenzeitung Glaube und Heimat. 1996 bis 1998 folgten erste Veröffentlichungen zu historischen Themen in thüringischen Zeitungen, insbesondere der Thüringischen Landeszeitung.
Seine drei Themen, wurzelnd in autobiografischen Bezügen, kristallisierten sich 1997 heraus. So gehörten zu seinen ersten größeren Veröffentlichungen medizinhistorische Aufsätze über die konfessionellen Krankenhäuser in Eisenach, die Beschäftigung mit der Geschichte des Reisens sowie die Mitwirkung am Buch der Thüringischen Landeszeitung (Herausgeber) Villen in Eisenach, was seine Sensibilität für Häuser und ihre Geschichten schärfte. Innerhalb von zwanzig Jahren (bis 2017) hat Wolter 25 Bücher sowie etwa ein Dutzend Aufsätze in drei Themengebieten veröffentlicht.
In den drei Jahren der Pandemie entstand die Website DenkMALProra, die fünfbändige Buchreihe Fabelhafte Reise, die zweibändige Briefedition Bekenntnis & Aufbruch sowie die Biografie Martin Begrich: Porträt eines Brasilienpfarrers nach Tagebüchern und Dokumenten. Der zusammenfassende Beitrag Martin Begrich: Ein deutscher Pfarrer und Historiker in São Paulo (Brasilien) im Spiegel seiner Tagebuchaufzeichnungen wurde seitens des Instituto Martius-Staden ins Portugiesische übertragen.
Medizingeschichte Im Mai 1997, aus Anlass des 100. Deutschen Ärztetages, gab die Stadtverwaltung Eisenach eine nach Wolters Idee gestaltete Broschüre mit ersten medizingeschichtlichen Aufsätzen heraus. Darunter eine im Hauptstaatsarchiv Weimar entdeckte seltene Zeitzeugenquelle aus dem Accouchierhaus Jena, die später mehrfach rezipiert wurde. Diesem Initial folgten eine Reihe medizingeschichtlicher Publikationen, etwa über die Klinikhistorien von Eisenach (2006), Quedlinburg (2007), Merseburg (2009), Bernburg (2011), Sommerfeld bei Berlin (2013), Rostock (2015), sowie dem größten Ordenskrankenhaus in Deutschland Barmherzige Brüder Regensburg (2019), die mit dem German Brand Award ausgezeichnet wurde.Doppelauszeichnung Clip für eine Zeitreise durch 90 Jahre Krankenhausgeschichte, In: Wochenblatt, 14. Juli 2020.
Im Carl-von-Basedow-Klinikum Merseburg mündete die Beschäftigung mit der politisch motivierten Schließung des Seminars der Schwestern des Diakonievereins Zehlendorf in eine Wiederbegegnung und Aussöhnung mit der Schwesternschaft nach mehr als 50 Jahren.Acht Chefärzte kamen und gingen in 100 Jahren. Zum Jubiläum des Carl-von-Basedow-Klinikums Merseburg ist eine neue Publikation erschienen, In: Mitteldeutsche Zeitung, 26. Oktober 2009.Saalekreis-Kurier, 21. November 2009, S.4Beim Festakt zum Jubiläum des Merseburger Gesundheitszentrums Säulenhaus im Jahr 2014 wirkte Wolter in einem Programm mit der Schauspielerin und Sängerin Andrea Kathrin Loewig mit. Supersonntag, 30. September 2014.
Aufgrund seines alltagsgeschichtlichen Ansatzes gehört Wolter zu den Pionieren einer Krankenhaushistoriografie, die in Bezug auf die DDR neben dem bis dahin üblicherweise auf Baugeschichte und Mangelwirtschaft gerichteten Fokus auch die gesellschaftlichen und politischen Komponenten des „Mikrokosmos Klinikum“ im Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit ernst nimmt. So ergibt sich ein differenziertes Bild der Krankenhäuser mit deren zugrunde liegendem Menschenbild, das die in der DDR Agierenden in ihren Lebensbezügen begreifbar macht.
Die im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Historia Hospitalium veröffentlichte Analyse der Zwangssterilisationen im Regierungsbezirk Magdeburg (2007) brach in jener Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte mit einem Tabu, wie der Medizinhistoriker Richard Kühl im Jahr 2010 kommentierte.
Tourismusgeschichte Zwischen 1999 und 2013 kommentierte und veröffentlichte Wolter drei historische Reiseberichte, worunter die des oberschlesischen Landschaftsgärtners Ernst Robert Pietsch auch in Polen, Dänemark und Schweden Beachtung fanden. Die zweite Auflage des Buches Reise nach Schweden und Dänemark im Jahre 1908 erschien 2002 als Hörbuch.
Militärgeschichte und Erinnerungskultur in Prora Seit 2005 arbeitet Wolter die DDR-Nutzungsgeschichte des „Koloss von Prora“ in Eigeninitiative auf. Angeregt durch seine Autobiografie Hinterm Horizont allein – Der Prinz von Prora gründeten im Jahr 2008 ehemalige Proraer Soldaten, Bausoldaten und Sympathisanten den gemeinnützigen Verein Denk-MAL-Prora e.V. Ziel war es, die bis dahin verdrängte Geschichte der DDR von Prora kritisch in die Erinnerung zurückzurufen. Im Jahr 2009 leistete der Verein Bildungsarbeit zur DDR-Geschichte auf dem damals eröffneten Jugendzeltplatz Prora. Aufgrund beklagter politischer Widerstände löste sich der 35 Mitglieder zählende Verein zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit (2010) symbolträchtig wieder auf. In einer Presseerklärung kritisierte Stefan Wolter die „fragwürdige selektive und unglaubwürdige Erinnerungskultur in Mecklenburg-Vorpommern“, die sich lediglich auf die KdF-Bad-Planung beziehe. Die Gedenktafel für die Bausoldaten in Block V, die auf Wolters Initiative zurückgeht, hat die Wahrnehmung und historische Beurteilung des Kolosses seitens der offiziellen Gedenkstättenarbeit schließlich verändert. Im Anschluss an die Anbringung der Tafel bekannte die Landesfachstelle für Gedenkstättenarbeit „Politische Memoriale“ Mecklenburg-Vorpommern:„Die Auseinandersetzungen um den Erinnerungsort bezogen sich lange Zeit auf die Bedeutung Proras in der NS-Zeit, die DDR-Militärgeschichte war Gegenstand zumeist verklärender Ausstellungsprojekte. (…) Die Diskussion um die Bewahrung von Überresten aus der Bausoldatenstationierung veränderte die Wahrnehmung des Ortes, von einem NS-Erinnerungsort zu einem Ort mit ‚doppelter Vergangenheit‘.“Sämtliche denkmalpflegerische Unterschutzstellungen bezüglich der DDR-Geschichte Proras gehen auf Wolters Initiative zurück. Im Mittelpunkt der Bemühungen stand über zehn Jahre hinweg ein Gemeinschaftsraum der Bausoldaten mitsamt Ausmalung, dessen Geschichte Wolter erforscht und publiziert hat. Für Aufsehen sorgte 2017 Wolters Rettung eines Wandbildes an einer ehemaligen Polytechnischen Oberschule in Prora, das der Usedomer Künstler Klaus Rößler zum Thema „Wehrbereitschaft der Jugend“ gestaltet hatte.Anne Ziebarth: Proraer Kult-Wandbild ist gerettet In: Ostsee-Zeitung vom 30. Oktober 2017, abgerufen am 26. Januar 2018. Wolter ist Mitinitiator des Zeitzeugenprojekts „Virtuelles Museum Proraer Bausoldaten“ (2007) von Tobias Bemmann und betreibt die Plattform Denk-MAL-Prora, die aus dem gleichnamigen Verein hervorgegangen war. 2011–2014 publizierte Wolter in der gleichnamigen Schriftenreihe sechs Bände, die sich mehrheitlich direkt mit dem Ort Prora auseinandersetzen. 2015 prägte Wolter für den bis zur politischen Wende abgeriegelten Kern des Kolosses den Begriff „stalinistische Großkaserne“. Von dieser Interpretation ausgehend will Wolter die Einseitigkeit bisheriger Darstellungen seitens Politik und Medien verdeutlichen und überwinden. Im 30. Jahr der Deutschen Einheit, im Jahr 2020, forderte Stadtherr Wolter erneut eine „geschichtspolitische Wende in der Bewertung von Prora“.Historiker wünscht sich geschichtspolitische Wende in der Bewertung von Prora, In: Ostsee-Zeitung, 2. Oktober 2020
In jüngerer Zeit weitete Wolter den Blick auf Ostdeutschland insgesamt und kritisiert im Nachhinein geschaffene „falsche Kontinuitäten durch falsche Fassaden“, wie sie sich am wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss widerspiegeln. Sie würden Geschichtsklitterung beflügeln und Erfahrungsräume der Ostdeutschen negieren.
Rezeption