mini|Abwurf der Flugblätter über dem Graben in der Wiener Innenstadt, rechts oben der Stephansdom Der Flug über Wien war ein Propagandaflug mehrerer italienischer Aufklärungsflugzeuge während des Ersten Weltkrieges. Bei dem von dem Schriftsteller Gabriele D’Annunzio am 9. August 1918 angeführten Unternehmen wurden mehrere tausend Flugblätter über Wien abgeworfen.
Vorgeschichte Gabriele D’Annunzio spielte bereits im Oktober 1915 mit dem Gedanken, über die Hauptstadt des Kriegsgegners zu fliegen. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon als Flugzeugbeobachter ausgezeichnet und Propagandaschriften über Triest (7. August 1915) und Trient (20. September 1915) abgeworfen. Zuvor musste er alle Hebel in Bewegung setzen und selbst bei Ministerpräsident Salandra vorstellig werden, damit er mit 52 Jahren überhaupt in den aktiven Dienst gestellt wurde.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 52–87.
mini|Der Flug D’Annunzios über Triest im August 1915 illustriert von Achille Beltrame Der Flug über Wien war keine ausschließliche Idee D’Annunzios. Er griff diese vielmehr bei einem Gespräch mit Ugo Ojetti im Oktober 1915 auf und konnte sie in der Folgezeit geschickt für sich vereinnahmen, auch wenn sie wegen des zu diesem Zeitpunkt unzureichenden Fluggerätes reine Utopie blieb.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 100, 189–190.
Der Gedanke ließ ihn dennoch nicht los. Nach einem Feindflug über Görz unterzeichnete er ein Erinnerungsfoto mit Donec at metam: Vienna (dt. Bis zum Ziel: Wien). Die Ambitionen D’Annunzios erhielten nach seiner im Januar 1916 erlittenen Augenverletzung einen Dämpfer, als er bei einer Notlandung mit dem Kopf auf den Flugzeugrumpf aufschlug. Der Poet stellte es im Nachhinein so dar, als ob er gegen das Maschinengewehr des Flugzeugs gestoßen sei. Nach dem Unfall war er auf dem rechten Auge für einige Stunden blind. Aus Angst, nicht mehr fliegen zu dürfen, ließ er sich trotz Beschwerden nicht behandeln, was ihn schließlich den Verlust des rechten Augenlichtes und eine erzwungene Erholungspause kostete.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 109–120
Im Dezember 1916 griffen einige Offiziere des 4. Bombergeschwaders die Idee wieder auf. Als Anfang 1917 der neue wesentlich verbesserte Caproni-Bomber vom Typ Ca. 3 zur Verfügung stand, wollte man das zögerliche Oberkommando vor vollendete Tatsachen stellen. Aufgrund widriger Umstände und voller Einsatzpläne musste das heimlich geplante Vorhaben jedoch immer wieder verschoben werden. Dennoch ließ man nicht davon ab, da man befürchtete, D’Annunzio würde bei einer Zusage des Oberkommandos den Vorzug erhalten. Ende August 1917 konnte endlich der Abflug auf den 30. August festgelegt werden.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 189–190.
D’Annunzio, von seiner Augenverletzung mittlerweile genesen, erfuhr von dem eigenmächtigen Unternehmen und konnte es durch geschickte Intervention bei den Vorgesetzten gerade noch verhindern. Er machte sich nun selbst daran, eine entsprechende Freigabe zu erhalten. Nach einem Brief an Cadorna erhielt er grünes Licht für einen neunstündigen Testflug, der am 4. September erfolgreich abgeschlossen wurde. Eine endgültige Freigabe blieb ihm jedoch versagt, da man nach der Intervention Benedikts XV. und seiner Friedensnote Dès le début die Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit der provokanten Aktion nicht gefährden wollte.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 192–196.
Nach der für Italien katastrophalen Zwölften Isonzoschlacht Ende Oktober 1917 musste das Unternehmen hintangestellt werden. Im Frühjahr 1918 wurde das Interesse D’Annunzios nach einigen erfolgreichen Langstreckenoperationen mit Flügen über Innsbruck, Friedrichshafen, Cattaro und Zagreb neu geweckt. Mitte Juni 1918 entschloss sich das italienische Oberkommando, den Wienflug mit der 87ª Squadriglia Serenissima durchzuführen, die mit dem schnellen einsitzigen Fernaufklärer S.V.A. 5 ausgerüstet war, was zum automatischen Ausschluss des mittlerweile zum Major beförderten D’Annunzio geführt hätte. Nach energischen Protesten D’Annunzios gestand man ihm zu, mit einem zweisitzigen Prototyp von S.V.A. an dem Unternehmen teilzunehmen, der allerdings bei einem Testflug Anfang Juli zu Bruch ging. Daraufhin wurde in aller Eile eine zweisitzige S.V.A. 10 für den Flug umgebaut.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 257–264.Giorgio Apostolo: I preparativi dell’impresa, S. 66–67.
Die Flugvorbereitungen Am 29. Juli 1918 traf bei der 87ª Squadriglia der Einsatzbefehl ein. Sobald die Wetterverhältnisse es zuließen, konnte der Flug nun jederzeit durchgeführt werden. Die Leitung unterstand Gabriele D’Annunzio als ranghöchstem Offizier.
Die Operation besaß laut Oberkommando einen ausschließlich demonstrativen Charakter, weder der Stadt noch ihren Einwohnern sollte Schaden zugefügt werden. Der Operationsplan sah vor, dass 14 Maschinen in zwei übereinander leicht versetzt fliegenden Dreiecksformationen vom Flugfeld San Pelagio bei Padua nach Wien und zurück fliegen sollten. Für den Hinflug wurde die Route San Pelagio, Livenza-Mündung, Cividale, Triglav, Klagenfurt, Große Saualpe, Bruck, Mürztal, Wiener Neustadt, Wien gewählt. Der Rückflug sah eine südöstlichere Route entlang der Südbahnstrecke Wien–Graz–Triest und über Grado entlang der Adriaküste und Venedig zurück nach San Pelagio vor. Alle Flugzeuge waren so auszurüsten, dass sie im Falle einer Notlandung zerstört werden konnten. D’Annunzio trug zudem, wie bei seinen bisherigen Feindflügen auch, eine Giftkapsel bei sich, um sich einer eventuellen Gefangennahme entziehen zu können. Neben dem Abwurf von Flugblättern sollten ausgewählte Ziele, wie Eisenbahnknotenpunkte und Industrieanlagen in Wiener Neustadt, fotografiert werden. Antonio Locatelli führte neben der fest montierten Bordkamera noch einen kleinen Handapparat mit, mit dem er während des Fluges Aufnahmen von den anderen Maschinen machte.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 261–262
Sollte Wien nicht erreicht werden, mussten die Flugblätter wieder zur Basis zurückgebracht werden. Ein Abwurf andernorts war auf das Strengste verboten. Die Texte waren von D’Annunzio und Ugo Ojetti verfasst worden. Letzterer war seit März 1918 Kommissar für Feindpropaganda im italienischen Generalstab. Insgesamt wurden drei verschiedene Flugblätter mit einer Auflage von knapp 400.000 Stück gedruckt. Die von Ojetti verfassten Texte lagen auch in deutscher Übersetzung vor, während der von D’Annunzio verfasste Text vom Oberkommando für zu unverständlich gehalten und nicht übersetzt wurde. Jede Maschine sollte 20 Kilogramm Flugblätter mitführen.Museo dell’Aeronautica Gianni Caproni (Hrsg.): Gabriele D’Annunzio avviatore, S. 258 mini|Über Wien abgeworfenes Flugblatt mit der Tricolore. Der Text stammt von Ugo Ojetti.Der Text des deutschen Flugblatts:Das Bild links zeigt das Flugblatt in italienischer Sprache. Hier wird jedoch der Text der deutschen Version wiedergegeben (siehe Link zum Österreichischen Staatsarchiv sowie Diskussion).Österreichisches Staatsarchiv, abgerufen am 27. Dezember 2017. WIENER! Lernt die Italiener kennen. Wenn wir wollten, wir könnten ganze Tonnen von Bomben auf euere [sic] Stadt hinabwerfen, aber wir senden euch nur einen Gruss [sic] der Trikolore, der Trikolore der Freiheit. Wir Italiener führen den Krieg nicht mit den Bürgern, Kindern, Greisen und Frauen. Wir führen den Krieg mit euerer [sic] Regierung, dem Feinde der nationalen Freiheit, mit euerer [sic] blinden, starrköpfigen und grausamen Regierung, die euch weder Brot noch Frieden zu geben vermag und euch nur mit Hass und trügerischen Hoffnungen füttert.
WIENER! Man sagt von euch, dass ihr intelligent seid, jedoch seitdem ihr die preussische Uniform angezogen habt ihr [sic] seid auf das Niveau eines Berliner-Grobians [sic] herabgesunken, und die ganze Welt hat sich gegen euch gewandt. Wollt ihr den Krieg fortführen? Tut es, wenn ihr Selbstmord begehen wollt. Was hofft ihr? Den Entscheidungssieg, den euch die preussischen [sic] Generale versprochen haben? Ihr Entscheidungssieg ist wie das Brot aus der Ukraina [sic]: Man erwartet es und stirbt bevor es ankommt. Bürger Wiens! Bedenkt was euch erwartet und erwacht! HOCH LEBE DIE FREIHEIT! HOCH LEBE ITALIEN! HOCH LEBE DIE ENTENTE!
Der Abflug wurde für den 2. August um 5:15 Uhr festgelegt. Am 2. August hoben 14 Maschinen, 13 einsitzige S.V.A. 5 und eine doppelsitzige S.V.A. 10, wie geplant ab, mussten aber über Udine aufgrund schlechten Wetters wieder umkehren. Auf dem Rückflug kam Nebel auf und die Formation löste sich befehlsgemäß auf. Einige Flieger kamen vom Kurs ab und landeten in Verona, Ferrara, Bergamo und Bologna, wobei mehrere Maschinen bei der Landung beschädigt wurden und ausfielen. Am 5. August war die Staffel wieder einsatzbereit. Nachdem am 6. und 7. August die Wetterverhältnisse keine weiteren Starts zuließen, gelang am 8. August mit den verbliebenen elf Maschinen der zweite Startversuch. Doch auch dieser Versuch scheiterte nach wenigen Flugstunden an den schlechten Wetterbedingungen über den Alpen. Die von Ludovico Censi geflogene S.V.A. 5, die aufgrund technischer Probleme erst später startete, kam beim Versuch, die Formation einzuholen, vom Kurs ab und geriet in schwere Turbulenzen, so dass sich der Pilot gezwungen sah, die mitgeführten Flugblätter über feindlichem Gebiet abzuwerfen, was den Überraschungseffekt der ganzen Operation in Frage stellte. Nach dem erneuten Fehlversuch wollte das Oberkommando die Operation absagen, da man die Maschinen für andere Aufgaben dringend benötigte. Dem Staffelführer Hauptmann Alberto Masprone und D’Annunzio gelang es, einen 24-stündigen Aufschub für einen letzten Versuch zu erhalten. Da das Oberkommando befohlen hatte, dass mindestens fünf Maschinen Wien erreichen mussten und ansonsten die Operation abzubrechen sei, versammelte D’Annunzio am 9. August kurz vor dem Start die von ihm auserwählten Piloten Natale Palli, Antonio Locatelli, Gino Allegri, Aldo Finzi und Piero Massoni um sich. Sich dieser letzten Chance bewusst, musste die Gruppe ihm schwören, ihn auf jeden Fall bis nach Wien zu begleiten.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio, S. 265–267.
Der Flug mini|Gabriele D’Annunzio und Natale Palli Am 9. August hoben elf Maschinen um 5:50 Uhr von San Pelagio in Richtung Wien ab. Kurz darauf mussten zwei Flugzeuge wegen Motorproblemen wieder umkehren, während die Maschine von Hauptmann Masprone notlanden musste. Die verbliebenen acht S.V.A., neben den fünf von D’Annunzio auserwählten „Verschwörern“ waren noch Ludovico Censi, Giordano Granzarolo und Giuseppe Sarti (teilweise auch als Giovanni Sarti bezeichnet) mit dabei, setzten den Flug ohne Probleme fort. Um 6:40 Uhr wurde die Formation mit Palli und D’Annunzio an der Spitze in Caorle zum ersten Mal von österreichisch-ungarischen Beobachtern gesichtet. Weitere Sichtmeldungen folgten, ohne dass offensichtliche Gegenmaßnahmen getroffen wurden. Bei Klagenfurt wurde die Staffel von zwei Fliegern einer Flugschule bemerkt. Als sie diese Meldung machten, schenkte man ihnen jedoch keinen Glauben. Ab der Saualpe war der Himmel bedeckt, was die Bodensicht behinderte und die Navigation erschwerte, aber auch die Gefahr, vom Boden aus entdeckt zu werden, verringerte. Um 8:10 Uhr wurden zwischen Judenburg und Graz Motorengeräusche vernommen, die Wolken verhinderten aber eine Identifizierung der Maschinen, die mittlerweile ihre maximale Flughöhe von 3.650 m erreicht hatten.Baldassare Catalanotto: Il volo su Vienna, S. 79–80