Marie-Pierre Pruvot, genannt Bambi (auch bekannt unter dem Pseudonym Marie Pierre Ysser, * 11. November 1935 in Isser, Algerien)Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. ist eine französische Pionierin und Idol der Trans-Bewegung, Revuestar der 1950er bis 1970er Jahre, Lehrerin, Schriftstellerin.
Leben Kindheit Bambi wurde als Jean-Pierre Pruvot im Dorf Isser geboren, im damaligen Département Grande Kabylie, in Algerien. Im Alter von ca. 3 bis 6 Jahren begann sie die Kleider und Röcke ihrer älteren Schwester zu tragen, mit Beginn ihrer Schulzeit wurde ihr dies jedoch von ihren Eltern verboten.Persönliche Äußerungen von Bambi während der Sendung Transgenres – la fin d'un Tabou? im französischen Fernsehen im November 2017, gesehen Januar 2018. Siehe auch: Marie Pierre Pruvot: Marie parce que c'est jolie, Editions Bonobo, 2007 (Autobiographie, französisch), erste Kapitel Laut eigener Aussage wurde ihre Kindheit, „…obwohl im Allgemeinen glücklich, …teilweise verpfuscht, …, durch den Gegensatz einerseits zwischen meinem Wunsch, ein Mädchen zu sein – und sogar der Gewissheit, dass ich es bin und bleiben werde-, und andererseits den Blicken, den Worten meiner Umgebung, allen Hindernissen, die man meiner inneren Wahrheit entgegenstellt. Mit der Zeit fühle ich die Last einer von außen auferlegten Verdammung, die mich zu einer ständigen Anstrengung zwingt (Stimme, Frisur, Kleidung, Gesten, Gang…), um einen Skandal zu vermeiden, besonders nach dem Tod meines Vaters, der mich empfindlich trifft (Ich bin in dem Moment 14 Jahre alt).“„Mon enfance, bien que globalement heureuse, est en partie gâchée, du plus loin qu’il me souvienne, par l’opposition entre, d’une part, ma volonté d’être une fille, et même la certitude que je le suis et le resterai, et d’autre part, les regards, les paroles de mon entourage, tous les obstacles de la réalité qu’on oppose à ma vérité intérieure. Au fur et à mesure que le temps passe, je sens peser une condamnation extérieure qui m’oblige à une constante contention (voix, coiffure, vêtements, gestes, démarche…) pour éviter le scandale, surtout après la mort de mon père, qui me fragilise (j’ai alors 14 ans).“ Siehe: Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018.
Während ihrer Schulzeit in Ménerville (arab.: Thénia) war sie ein zurückgezogenes Kind, das die meiste Zeit in ihrem Zimmer mit Lesen verbrachte, und „… auf ein Wunder wartete, das aus mir die Frau macht, die ich bin“.„Pendant tout le temps passé au collège, à Ménerville (en arabe : Thénia) je passe ma vie à lire dans ma chambre (je réussis donc très bien à l’école) et à attendre un miracle qui fera de moi la femme que je suis.“ Siehe: Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Nach der dritten Klasse wechselte sie auf ein Lycée für Buben in Algier.
Sie begann erheblich unter ihrer Situation zu leiden, was sich auch auf ihre schulischen Leistungen niederschlug.„Après la classe de 3ème, je vais au grand lycée de garçons d’Alger. Je souffre alors du dérisoire de ma situation. Je ne peux plus étudier.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Mit 16 Jahren hatte sie ein Schlüsselerlebnis, als sie in einem Kasino während einer Tournee des Pariser Travestie-Cabarets Le Carrousel die später berühmte Transfrau Coccinelle sah, die zu dieser Zeit bereits durch Hormone und einige Schönheitsoperationen ein weibliches Aussehen angenommen hatte, aber noch vor ihrer geschlechtsangleichenden Operation stand. Daraufhin beschloss Bambi, nach Paris zu gehen, um dort als Frau zu leben und im dortigen Travestieleben ihr Glück zu versuchen.„Avant d’abandonner (j’ai 16 ans 1/2) je découvre au casino tout proche une tournée du Carrousel, avec Coccinelle, qui en est à ses débuts. Mon sort est fixé.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018.
Zeit in Paris Bis zu ihrem Debüt im Travestie-Cabaret Chez Madame Arthur in Paris musste sie warten, bis sie das legale Alter von 18 Jahren erreicht hatte. Im September 1954 wechselte sie zum Carrousel.„Je débute chez Madame Arthur à 18 ans (âge légal). En septembre 1954, je rentre au Carrousel.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Sie nahm den Künstlernamen „Bambi“ an, arbeitete und wohnte zusammen mit Coccinelle, die „Alles tut, um mir zu helfen“.„Je travaille et j’habite avec mon amie Coccinelle qui fait tout pour m’aider.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Siehe auch: Marie Pierre Pruvot: Marie parce que c'est jolie, Editions Bonobo, 2007 (Autobiographie, französisch), S. 140–166. Im Gegensatz zu ihren Travestie-Kollegen traten die beiden nicht nur auf der Bühne als Frauen auf, sondern lebten rund um die Uhr ein alltägliches Leben als Frau, obwohl das öffentliche Tragen von Frauenkleidern für Personen, die als körperlich männlich geboren und registriert waren, zu dieser Zeit strengstens verboten war und von der Polizei verfolgt wurde.„La police est alors tatillonne, interdit le port du vêtement féminin. Il faut lutter, tenir tête, ne pas lâcher.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Bambi nahm Östrogene zum Zwecke der Verweiblichung ihres Körpers. Neben Coccinelle wurde sie zu einem Star der Szene und trat auch auf Tourneen des Carrousel auf.„L’année suivante, Coccinelle part en tournée, je suis vedette au Carrousel. Un an plus tard, c’est moi qui pars en tournée.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018.
Zwei Jahre nach Coccinelles geschlechtsangleichender Operation (1958) bei Dr. Georges Burou in Casablanca, die damals weltweit als Sensation durch die Presse ging, ließ sich auch Bambi operieren, und war von da an auch körperlich eine Frau. Ihr bisheriger Freund und Partner verließ sie daraufhin.„Coccinelle a découvert les oestrogènes, elle découvre à Casablanca le docteur Burou. Elle se fait aussitôt opérer, alors que j’attends deux ans avant d’en faire autant. Cela brouille mes amours avec mon ami.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018.Zum gesamten Themenkomplex der Operationen von Coccinelle und Bambi, siehe auch: Marie Pierre Pruvot: Marie parce que c'est jolie, Editions Bonobo, 2007 (Autobiographie, französisch), S. 187–188, und S. 194–203.
Nachdem das Carrousel in den Club Elle et Lui verlegt wurde, begegnete sie dort Ute, einer lesbischen Frau aus Deutschland, die sich „Eric“ nannte, und mit der sie zusammen auftrat.„Le Carrousel change d’adresse et devient contigu à Elle et Lui, club « féminin » où je fais la connaissance d’une « garçonne », Ute, qui prend le nom d’Eric et devient mon inoubliable partenaire. Nous présentons ensemble des numéros saphiques tant chez Elle et Lui qu’au Carrousel et dans les tournées.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Es entwickelte sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung.Marie Pierre Pruvot: Kapitel „Ute“, in Marie parce que c'est jolie, Editions Bonobo, 2007 (Autobiographie, französisch), S. 208–214.
Wegen ihrer algerischen Abstammung und wegen des algerisch-französischen Krieges in den 1960er Jahren, musste Bambi trotz vollzogener Geschlechtsangleichung und trotz ihrer eindeutig weiblichen Erscheinung Jahre auf eine Korrektur ihrer Ausweispapiere warten. Sie wandte sich schließlich direkt an algerische Autoritäten und erhielt die gewünschte Namensänderung. Von da an hieß sie offiziell Marie-Pierre Pruvot; automatisch bekam sie dabei auch einen Geburtseintrag als „weiblich“.„Lorsque Coccinelle se marie, je n’ai pas encore obtenu mon état civil féminin. La guerre d’Algérie, suivie de la sécession, me plonge dans l’embarras. J’attends qu’on rapatrie mon état civil. En désespoir de cause, je me rends à Alger où les autorités Algériennes m’accordent aussitôt le changement : Jean-Pierre devient Marie-Pierre, née de sexe féminin. Ce jugement s’applique en France automatiquement, sans procédure d’exequatur.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018.
Studien und Karriere als Lehrerin Während sie nachts ihren Lebensunterhalt weiterhin mit Auftritten im Carrousel verdiente, begann sie nebenher tagsüber für ihr Baccalauréat zu lernen, das sie schließlich mit 33 Jahren nachholte. In der Folge studierte sie französische Literatur an der Sorbonne, mit allen erforderlichen Abschlüssen (1972 Licence, 1973 Maîtrise, 1974 Capes), und bekam schließlich 1974 von der Éducation Nationale eine Stelle als Lehrerin für französische Literatur an einer Schule in Cherbourg zugewiesen.„Tout en travaillant au Carrousel, je me remets aux études. Je passe mon bac à 33 ans. Je rentre à la Sorbonne. Licence 1972. Maîtrise 1973. Capes 1974. C’est cette même année que je suis nommée professeur de lettres à Cherbourg.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. Da sie dort ihre ehemaligen Kontakte zum Pariser Nachtleben vermisste, wechselte sie zwei Jahre später an das Collège «Pablo Picasso» in Garges-lès-Gonesse in der Region Paris. Hier unterrichtete sie 25 Jahre, ohne dass ihre Vergangenheit als „Travestie“-Star ans Licht kam. Am Ende ihrer Laufbahn als Lehrerin wurde sie mit den „Palmes académiques“ ausgezeichnet.„…C’est pour moi un grand succès, mais ma séparation d’avec le Carrousel me fait beaucoup souffrir. Je rentre après deux ans en région parisienne dans un collège de réputation très moyenne, « Pablo Picasso » à Garges-lès-Gonesse. Je m’y attache et j’y reste 25 ans. On me décore des Palmes Académiques. Jamais mon passé de « travesti » n’a transpiré tout au long de ma carrière à l’Education Nationale.“ Siehe die Biographie von Bambi auf ihrer offiziellen Website, gesehen Januar 2018. An ihrer Schule war sie zu diesem Zeitpunkt erst die zweite Lehrerin, der diese Ehrung zuteilwurde.Marie Pierre Pruvot: Marie parce que c'est jolie, Editions Bonobo, 2007 (Autobiographie, französisch), S. 276.
Nach der Pensionierung: Bücher, Filme, Ehrungen Nach ihrer Pensionierung veröffentlichte Bambi verschiedene Bücher, zunächst unter dem Pseudonym Marie-Pierre Ysser den Roman J'inventais ma vie – zu dem sie später noch mehrere Fortsetzungsbände schrieb – und 2007 auch ihre Autobiographie Marie parce que c'est jolie („Marie, weil es so hübsch ist“; Editions Bonobo). Von der französischen Trans-Bewegung wird sie seitdem als eine der wichtigsten Pionierinnen verehrt.
Marie Pierre Pruvot wurde in den nächsten Jahren in mehrere Talkshows des französischen Fernsehens eingeladen (u. a. am 28. Januar 2008 von Mireille Dumas in «Vie privée, vie publique» auf France 3).Bambi in verschiedenen Fernsehsendungen(französisch), abgerufen am 18. Januar 2018. Der Filmemacher Sébastien Lifshitz verfilmte ihr Leben unter Verwendung von altem Bild- und Filmmaterial: Der Film Bambi erhielt 2013 auf der Berlinale den Teddy Award als bester Dokumentarfilm und wurde 2014 für den César nominiert in der Kategorie „bester Kurzfilm“. Schon zuvor hatte sie neben April Ashley, Colette Berends u. a. in dem niederländischen Dokumentarfilm I am a woman now (urspr.: Casablanca Revisited, 2011) von Michiel van Erp mitgewirkt, wo es um das Leben einiger Transmenschen geht, die von Dr. Georges Burou in Casablanca operiert wurden. Bambi/Marie Pierre Pruvot ist auch in der Fernseh-Dokumentation Absolument Trans von Stéphanie Cabre und Claire Duguet zu sehen (Erstsendung am 9. Juni 2016 um 22:25 Uhr auf Arte). Im Juli 2015 wurde sie für die italienische Ausgabe der Vogue von dem New Yorker Fotografen Steven Meisel fotografiert."Bambi dans le VOGUE Italia par Steven Meisel",(französisch), abgerufen am 18. Januar 2018."Bambi en couverture de "Vogue" (französisch), abgerufen am 18. Januar 2018.