mini|Giovanni Volpato — Galleria Farnese

Die Galleria Farnese ist eine mit Fresken und antiken Skulpturen ausgestattete Galerie im Piano Nobile des Palazzo Farnese in Rom. Die Fresken an der Decke und den Seitenwänden stammen von den Bologneser Künstlern Annibale Carracci und dessen Bruder Agostino. Ihr Auftraggeber war Kardinal Odoardo Farnese (1573–1626), der letzte männliche Nachkomme der Familie Farnese, der den Palazzo bewohnte. Mit diesem Werk gelang es den Künstlern eine neue Art der Freskomalerei und somit einen der wegweisenden Dekorationszyklen des Seicento zu schaffen. Viele Elemente der großen Dekoration des 17. Jahrhunderts fanden hier ihren Ausgang.

Geschichte mini|Lage der Galleria im Piano Nobile

Kardinal Odoardo Farnese war ein direkter Nachfahre Papst Paul III. und entstammte dem in Parma und Piacenza regierenden herzoglichen Hause Farnese. Nach dem Tod seines Onkels, des Großen Kardinals Alessandro Farnese im Jahr 1589 erhielt er als Legat auch das Verfügungsrecht über sämtliche Besitzungen in Rom, einschließlich des Palazzo Farnese. 1591 wurde er zum Kardinal erhoben.R. Zapperi: Der Neid und die Macht. S. 117. Sein Bestreben war es, die Innenausstattung des Familienpalastes fortzuführen und insbesondere den Großen Saal und die Galerie mit Fresken dekorieren zu lassen, um die Ruhmestaten seines Vaters Herzog Alessandro Farnese (1545–1592) zu verewigen. Das Bildprogramm sollte die bereits in anderen Räumen dargestellten Familienepen aufnehmen. Zu diesem Zweck berief Odoardo Farnese 1594 die beiden aus Bologna stammenden Maler Annibale und Agostino Carracci nach Rom.R. Zapperi: Der Neid und die Macht. S. 120. Sie hatten in ihrer Heimatstadt mit ihrem Cousin Ludovico zahlreiche Werke geschaffen und die Accademia dei Desiderosi, eine Künstlerschule, gegründet. Die Beziehungen der Farnese zu den Brüdern Carracci gingen auf Aufträge des Herzogs von Parma, Ranuccio I. Farnese, dem Bruder des Kardinals, zurück. Den ersten Raum, den Annibale Carracci ab dem Sommer 1595 mit einem Herkules-Zyklus malte, war das Schlaf- und Arbeitszimmer des Kardinals, bekannt daher unter dem Namen Camerino d’Ercole. Die Pläne zur Ausschmückung des Großen Saals (heute Salone d’Ercole) wurden nach 1602 endgültig aufgegeben, nachdem die Zeremonien anlässlich der Hochzeit im Mai 1600 von Ranuccio Farnese mit der Nichte des Papstes Clemens VIII., Margherita Aldobrandini, auf Geheiß des Papstes nicht im Palazzo Farnese stattgefunden hatten.

Unmittelbar nach Vollendung dieser ersten Arbeit erhielt Annibale den Auftrag zur Freskierung der Decke der Galerie, die auf der Rückseite des Palazzo Farnese zum Tiber hin gelegenen ist. Diese war, bevor Giacomo della Porta den Palastteil fertigstellte, eine offene Loggia gewesen und sollte nun einen Teil der berühmten antiken Skulpturensammlung der Farnese aufnehmen. Zeitweise arbeitete auch Agostino Carracci in der Werkstatt seines Bruders Annibale. Insbesondere gehen die beiden erotischen Darstellungen Aurora und Kephalos und Gefolge der Meeresgöttin auf seine Hand zurück. 1600 verließ er jedoch die Werkstatt und Rom und ging nach Parma, wo er bereits 2 Jahre später verstarb. Im Mai 1601 lud Kardinal Odoardo den Neffen des Papstes, Kardinal Pietro Aldobrandini zur Einweihung der fertigen Fresken einR. Zapperi: S. 141, der so begeistert war, dass er dem Maler Annibale Carracci unmittelbar einen Auftrag für ein Gemälde erteilte.Gemälde: noli me tangere (Rühr mich nicht an!) – heute: London, National Gallery

Die Fresken an den Seitenwänden hat Annibale wahrscheinlich zwischen 1602 und 1604 mit Domenichino und weiteren Mitarbeitern wie Giovanni Lanfranco, Sisto Badalocchio und dem Neffen Annibales, Antonio Carracci ausgeführt. Dominichino wird das Einhorn an der Langseite des Saals zugeschrieben.

Annibale Carracci war vom Auftraggeber für sein umfangreiches Werk nur schlecht entschädigt worden und erschöpft von so viel in den Jahren verbrauchter schöpferischer Energie, sodass er lediglich noch die Vorzeichnungen für die beiden großen Fresken zur Legende des Perseus an den Schmalseiten lieferte.Connaissance des’arts

Die Fresken der Galleria wurden 2014/2015 umfangreich restauriert.Sopraindendenza Speciale per il Patrimonio Storico e Polo Museale della Città di Roma

Die Galleria und ihre Fresken Die Galerie hat die Form einer antiken Loggia mit einer Länge von rund 20 m und ca. 6,5 m Breite. Der Raum wird von einem tiefgezogenen, in seinem Scheitel fast 10 Meter hohen Tonnengewölbe überspannt, das von breiten Hohlkehlen getragen und durch zwei Scheingesimse begrenzt wird. An beiden Langseiten sind Nischen eingelassen, in denen bedeutende antike Skulpturen aus der Sammlung Farnese aufgestellt waren. Drei Glasfenster an der südwestlichen Langseite erhellen das Innere des Raumes.

Der großzügige Raumeindruck, der einem Betrachter geboten werden sollte, wird durch ein Zusammenspiel verschiedener Mittel erreicht. Die Oberfläche des Deckengewölbes ist tief herabgezogen, die Decke in eine Vielzahl von Feldern gegliedert, die durch ein kompliziert anmutendes, ornamental und figürliche ausgestaltetes Rahmensystem voneinander abgegrenzt sind. Die Wirkung des zentralen, langes Hauptbilds wird durch die zwei Steilbilder in goldenen Rahmen zu beiden Seiten verstärkt. Paare von Atlanten in Grisaille sind Träger des Gewölbes, wie in der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo, denen zu Füßen nackte, muskulöse Männer sitzen. Teilweise verdeckte Medaillons aus Scheinbronze erwecken den Eindruck von Tiefe, ebenso der immer wieder aufscheinende blaue Himmel, der Raum und Unendlichkeit vermittelt und den Eindruck von Heiterkeit, Ausgelassenheit und Freiheit unterstreicht. Die Seitenwände sind durch den Rhythmus von Pilastern und Nischen bestimmt und dienen der personifizierten Huldigung und Repräsentanz bedeutender Mitglieder der Familie Farnese.

Vorbilder für die Gestaltung der Scheinarchitektur an Decke und Seitenwänden finden sich in den von Pellegrino Tibaldi geschaffenen Fresken im Palazzo Poggi in Bologna (1550/51), wie auch in Dekorationen von Francesco Salviati im Palazzo Ricci-Sacchetti (1551–1554) in Rom, die Annibale Carracci bekannt waren und die er für seine Entwürfe heranzog.Julian Kliemann, Michael Rohlmann: Wandmalereien in Italien, Hochrenaissance und Manierismus 1510 –1600, S. 452 ff. Michelangelos Decke der Sixtinische Kapellen und Raffaels Fresken für die Villa Farnesina standen ebenfalls Pate für das Werk.

In 13 Szenenbildern und 12 Medaillons an der Decke wird aus dem mannigfaltigen, erotischen Liebesleben der antiken Götterwelt erzählt. Die Seitenwände mit den 4 Familienwappen, den 4 Impresen und den 10 antiken Statuen hingegen dienen der Repräsentation und Familienpolitik der Farnese. Die Malerei bemächtigt sich in der Dekoration der Galleria der Darstellungsprinzipien möglichst aller anderen Künste. Skulptur und Architektur, Musik und Tanz sowie auch die Literatur erscheinen in Carraccis Bildern zu einer Einheit verschmolzen.Kurt Zeitler: Ausstellungskatalog der Staatlichen Graphischen Sammlung München: Grande Decorazione, Italienische Monumentalmalerei in der Druckgraphik, Deutscher Kunstverlag, Berlin, München, 2018, ISBN 978-3-422-07489-7

Die ikonographischen Bestimmungen und die zentralen Handlungssituationen sind im Wesentlichen dem Buch Das Bildprogramm der Galleria Farnese in Rom von Iris Marzik entnommen. zentriert|800px|Deckenfresken der Galleria Farnese

Die Deckenfresken

Decken-Fresken Titel Beschreibung der Deckenfresken 1 Triumphzug des Bacchus und der Ariadne.Tietze: Seite 73 f. 150px|zentriert Mittel- und Höhepunkt des gesamten Bildprogramms der Galleria bildet das Fresko mit dem Triumphzug des Bacchus und der Ariadne, dem Sieg der Liebe und damit dem berühmten Motto der Antike, Vergils „amor vincit omnia“ Ausdruck verleihend. Der von seinem Feldzug aus Indien siegreich zurückkehrende BacchusNonnos von Panopolis: Dionysica, Band 3, 287 f. trifft auf der Insel Naxos, die von Theseus verlassene kretische Königstochter Ariadne. Er verliebt sich in sie und nimmt sie zur Frau. Die Darstellung zeigt, links im Vordergrund, den efeubekränzten Gott Bacchus, in einem von zwei LeopardenIn der Antike galt der Leopard als wichtiges ikonographisches Attribut des Gottes Bacchus/Dionysos gezogenen goldenen Wagen. In seiner Rechten hält er den Thyrsos–Stab, in der Linken eine Weintraube. Der Elefant im Hintergrund verweist auf seine Rückkehr aus Indien. Hinter Bacchus, in blauem Gewand, erscheint Ariadne in einem silbernen Wagen, von zwei weißen Ziegenböcken gezogen. Über ihrem Kopf leuchtet die Corona BorealisZu den verschiedenen Sagen und Auslegungen zur Corona der Ariadne: Hyginus Mythographus, Poeta Astronomica II.5, S. 188 f., ihre Morgengabe, deren Edelsteine zu Sternen verwandelt wurden, als Zeichen ihrer Vergottung. Ein nackter Jüngling mit seinem Hirtenstab, tanzend mit einer Tamburin schlagenden Mänade, stellt die Verbindung zu einem Thiasos von ausgelassenen Bacchanten auf der rechten Bildhälfte her. Im Zentrum der Gruppe reitet ein betrunkener Silen, der sich nur gestützt von Faunen, auf seinem Esel halten kann. Zwei Repoussoirfiguren am linken und rechten Rand des Bildes liegend, beobachten das bacchantische Treiben. 2 Pan und DianaVergil: Georgica III, 391, S. 144 f. 150px|zentriert Diana (Luna) lässt sich von Pan, dem Gott Arkadiens, mit schneeweißer Wolle in einen Hain locken und verführen (So hat Pan, der Gott Arkadiens Dich Luna, wenn man dem glauben kann, durch ein Geschenk von schneeweißer Wolle heimlich in tiefe Wälder gelockt und Du hast Dich nicht geweigert.). Das Thema ist Vergils Georgica entnommen. 3 Merkur bringt Paris den goldenen Apfel 150px|zentriert Anlässlich der Hochzeit von Peleus und Thetis wirft Eris, die Göttin der Zwietracht, die nicht zum Fest eingeladen ist, einen goldenen Apfel mit der Aufforderung in die Menge, die Schönste solle ihn sich nehmen. Darüber geraten die drei Göttinnen Juno, Venus und Minerva in so heftigen Streit, dass Jupiter den Götterboten Merkur beauftragt Paris, dem Sohn des trojanischen Königs Priamos, den Apfel auf den Berg Ida zu bringen und sein Urteil zu sprechen. So wird der Apfel Gegenstand des verhängnisvollen Parisurteils, das den trojanischen Krieg auslösen wird. Die schöne Helena, um die Paris wirbt, ist bereits mit Menelaos, dem König von Sparta vermählt. In der dargestellten Szene hält Merkur in einer Hand eine Posaune, in der anderen den goldenen Apfel, die er dem sitzenden Hirten Paris übergibt. Erzählt wird die Geschichte aus der griechischen Mythologie bei Lukian.Lukian: Göttergespräche XX Das Urteil des Paris 4 Venus und Anchises 150px|zentriert Venus sitzt nackt und verführerisch auf einem goldenen Bett. Ihr zur Seite der jugendliche Anchises, Sohn des trojanischen Königs Kapys, der mit einer Hand das rechte Bein der Göttin anhebt und mit der anderen ihren Schuh entfernt. An ihrem linken Bein schmiegt sich Amor, einen Fuß auf einem Schemel mit der Inschrift GENUS UNDE LATINUMaus diesem Geschlecht entstammt der Latiner - Virgil; Aeneis I,6.; ein Hinweis darauf, dass aus dieser Verbindung Aeneas, König von Troja und der Stammvater der Römer hervorging. Die Darstellung ist dem Homerischen Hymnus an Aphrodite entnommen.Homer: Hymnus V an Aphrodite, Verse 155 ff. 5 Aurora und KephalosHyginus, Fabeln 189, S. 145 ff. 150px|zentriert Aurora, die Göttin der Morgenröte, verliebt sich in den schönen, aber sterblichen Jäger Kephalos. In der dargestellten Szene hält Aurora Kephalos in ihrem goldenen Wagen fest, er wendet sich ab und versucht sich ihrer Umarmung zu entziehen. Ihm zu Füßen liegt sein treuer Hund Laelaps, der zu ihm aufblickt. Über den beiden Schimmeln schwebt der Blumen streuende Lucifer (Phosphorus), der Sohn Auroras, während der alte Tithonus, der trojanische Prinz und Ehemann Auroras in der rechten Ecke zusammengekauert schläft.