Oxycodon (auch Dihydrohydroxycodeinon) ist ein stark wirkendes semisynthetisches Opioid mit hohem Suchtpotenzial, das vor allem als Schmerzmittel bei starken Schmerzen des Menschen angewendet wird. Es wirkt an den μ-, κ- und δ-Opioidrezeptoren in Gehirn, Rückenmark und Organen. Die Schmerzlinderung setzt in der Regel innerhalb von 15 Minuten ein und hält bei retardierter Freisetzung bis zu 12 Stunden an. Häufigste Nebenwirkungen sind Übelkeit, Verstopfung und Schläfrigkeit; gefährlichste Nebenwirkung ist die lebensbedrohliche Atemdepression bei Überdosierung. Typische Darreichungsform ist die Tablette. Oxycodon hat seit Ende der 1990er Jahre im Rahmen der Opioidkrise in den Vereinigten Staaten Bekanntheit erlangt.
Entwicklungsgeschichte Oxycodon wurde 1916 von Martin Freund (1863–1920) und Edmund Speyer (1878–1942) an der Universität Frankfurt/MainM. Freund, E. Speyer: Über die Umwandlung von Thebain in Oxycodeinon und dessen Derivate. In: Journal für Praktische Chemie, Band 94, Nr. 1, 1917, S. 135–178. doi:10.1002/prac.19160940112 entwickeltV. V. Acharya, M. Richardson u. a.: Guaranteed to Fail. Princeton University Press, 2011, ISBN 978-0-691-15078-9, S. 165. ()W. Sneader: Drug discovery: a history. Wiley, 2005, ISBN 0-471-89980-1, S. 119. und ein Jahr später von Merck in Darmstadt unter dem Namen Eukodal als schmerz- und hustenstillendes Mittel auf den Markt gebracht.S. Bernschneider-Reif: Zwangsarbeit – Aufarbeitung – Aufbauarbeit. Möglichkeiten eines pharmazeutischen Unternehmens gegen das Vergessen und für die Zukunft. In: Geschichte der Pharmazie. 2002, S. 33–37. (Nach einem Vortrag auf dem Congressus Historiae Pharmaciae 2001). Seit 1919 wird es als Analgetikum therapeutisch genutzt.
Die ersten Fälle von Oxycodon-Missbrauch, der in Analogie zum Morphinismus Eukodalismus genannt wird, wurden zu Beginn der 1920er Jahre geschildert.L. Stern-Piper: Die Senkungsgeschwindigkeit des Blutes bei chronischem Morphinismus und Eukodalismus. In: Klin Wchnschr., Band 4, 1925, S. 548. Im Zweiten Weltkrieg wurden dem Diktator Adolf Hitler von seinem Leibarzt Theo Morell angeblich regelmäßig Oxycodoninjektionen verabreicht.Oliver Das Gupta: Wie Adolf Hitler von Drogen abhängig wurde., Interview mit Norman Ohler. In: Süddeutsche Zeitung. 14. September 2015.
Die übliche Dosierung wurde in den 1960er Jahren mit 5 bis 10 mg als Hydrochlorid angegeben.Gustav Ehrhart, Heinrich Ruschig (Hrsg.): Arzneimittel. Entwicklung, Wirkung, Darstellung. 2 Bände. Verlag Chemie, Weinheim 1968, S. 320. Eukodal war bis 1990 in Deutschland im Handel und wurde wegen des sehr hohen Sucht- und Missbrauchspotenzials vom Markt genommen.Oxycodon (Oxygesic®): Missbrauch, Abhängigkeit und tödliche Folgen durch Injektion zerstoßener Retardtabletten. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, 2003; abgerufen am 7. Februar 2014.
In Deutschland und den Vereinigten Staaten wird Oxycodon unter den Markennamen Oxygesic (und generischen Namensformen) bzw. Oxycontin als verschreibungspflichtiges Medikament vertrieben. Zusätzlich unterliegt Oxycodon in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Oxycodon ist in verschiedenen Arzneiformen erhältlich. Es gibt u. a. Tabletten mit rascher Freisetzung, Retardtabletten (5–120 mg Wirkstoff enthaltend), Zäpfchen, Hartkapseln (mit 5–20 mg Wirkstoff) und sehr schnell wirksame Injektionslösungen (10 mg Wirkstoff pro Milliliter).
Seit Herbst 2006 gibt es Oxycodon zusammen mit dem Opioidantagonisten Naloxon als Kombinationspräparat. Diese agonistisch-antagonistisch wirkende Kombination, unter dem Handelsnamen Targin (als Retardtablette mit 5 bis 80 mg Oxycodon und 2,5 bis 40 mg Naloxon) wie Oxygesic von Mundipharma vertrieben, soll hauptsächlich der von Opioiden verursachten Verstopfung (Obstipation) entgegenwirken. Zudem kann der Naloxon-Anteil, wie auch bei der Kombination Tilidin/Naloxon, die missbräuchliche Verwendung speziell durch Drogenabhängige verhindern.
Im Zusammenhang mit dem dramatisch angestiegenen Oxycodonmissbrauch in den USA entwickelte ein Unternehmen ein Retardpräparat, das missbrauchsresistent sein soll (Remoxy). Es handelt sich um eine Kapsel, die sich leicht herunterschlucken lässt. Der Wirkstoff, Oxycodon, befindet sich im Kapselinneren in einer klebrigen, zähflüssigen Masse, die sich weder injizieren noch schniefen lässt. Weder durch Einlegen in hochprozentigen Alkohol noch durch Zerkleinern nach Einfrieren (bis −80 °C) kann das Oxycodon freigesetzt werden. Die FDA versagte dem Medikament 2018 aufgrund eines ungünstigen Risiko-Nutzen-Verhältnisses die Zulassung für den US-amerikanischen Markt.
Seit 2007 ist Oxycodon als Generikum erhältlich.
Wirkung Oxycodon wirkt an verschiedenen Opioidrezeptoren im Gehirn als Agonist und hat keine antagonistischen Effekte. Die schmerzstillende Wirkung,Postoperative Schmerztherapie: bessere Analgesie mit Oxycodon gegenüber bedarfsgesteuerter Medikation. In: Journal Med., 12. Mai 2006. also die analgetische Potenz, entspricht etwa der zweifachen des Morphins und hält 4 bis 6, bei Retardpräparaten 8 bis 12 Stunden an. Wegen seiner zusätzlichen Wirkung am κ-Rezeptor wurde sowohl eine bessere Verträglichkeit als auch eine bessere Wirkung bei neuropathischen Schmerzen propagiert, wofür es jedoch keine kontrollierten, randomisierten Studien gibt.
In Fixkombination mit Naloxon wird Oxycodon auch beim Restless-Legs-Syndrom angewendet.Neue Opioid-Indikation: Oxycodon/Naloxon gegen Restless Legs. In: Deutsche Apotheker Zeitung, 2014.
Oxycodon wirkt auch dämpfend auf das Hustenzentrum; die Substanz wurde daher in der Vergangenheit wie Codein auch als Hustenmittel-Wirkstoff verwendet.
Nebenwirkungen Oxycodon hat – wie alle Opioidanalgetika – ein Sucht- und Abhängigkeitspotenzial. Es kann, wie andere Opioide, eine psychische Abhängigkeit und bei langfristiger Einnahme auch eine körperliche Abhängigkeit verursachen. Zudem gibt es ein Missbrauchspotenzial ähnlich dem anderer starker Opioide.Der Notstand wird die Schmerzmittelsucht nicht beenden. Zeit Online, 11. August 2017.T. J. Cicero u. a.: The Changing Face of Heroin Use in the United StatesA Retrospective Analysis of the Past 50 Years. jamanetwork.com, 2014.
Oxycodon hat ein signifikantes Euphorisierungspotenzial. Die stärkere suchterzeugende Wirkung im Vergleich zu Morphin erklärt sich aus der Tatsache, dass (auch bei den retardierten Präparaten) etwa ein Drittel des Wirkstoffes innerhalb der ersten 15 Minuten freigesetzt wird, die Wirkung tritt dann nach ca. 10–20 Minuten ein. Kontrollierte Studien zu diesem für die Praxis relevanten Problem wurden bisher nicht veröffentlicht.Schmerztherapie mit Opioiden. In: Der Arzneimittelbrief, 2011, Nr. 45; abgerufen am 7. Februar 2014. Es wird davor gewarnt, dass durch missbräuchliches Zerreiben oder Mörsern der Tabletten das Retardierungssystem zerstört und der gesamte Inhalt sofort wirksam wird, so dass eine Überdosierung eintreten kann, die zu Atemdepression mit möglicherweise tödlichem Ausgang führt.
Oxycodon weist außerdem die üblichen unerwünschten Wirkungen der Opioide auf, z. B.: Krämpfe der Bronchialmuskeln, Krämpfe der glatten Muskulatur der Gallengänge, Miosis, Stimmungsveränderungen (unter anderem Angst, Depression, Euphorie), Schlafstörungen, Nervosität, Veränderungen der Leistungsfähigkeit (wie Denkstörungen, Sprachstörungen, Verwirrtheit, Erinnerungslücken), Wahrnehmungsstörungen (etwa Depersonalisation, Halluzinationen, Geschmacksstörungen, Sehstörungen), Sedierung (Müdigkeit bis Benommenheit), Schwindel, Kopfschmerzen, Tremor, unwillkürliche Muskelkontraktionen, Koordinationsstörungen, Unwohlsein, epileptische Krampfanfälle (besonders bei Vorliegen einer Epilepsie bzw. Neigung zu Krampfanfällen), Blutdrucksenkung, Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Beschwerden, Blasenentleerungsstörungen (Harnverhalt), Schwitzen.Gelbe Liste, Website.
Analytik Zur zuverlässigen qualitativen und quantitativen Bestimmung in unterschiedlichem Untersuchungsmaterial wird nach angemessener Probenvorbereitung die Kopplung der Gaschromatographie oder HPLC mit der Massenspektrometrie eingesetzt. Als Untersuchungsmaterial kommen Blutserum, Blutplasma oder Urin zum Einsatz.B. Scheidel, M. A. Maritz, Y. J. Gschwind, K. Steigerwald, V. Guth, P. Kovacs, H. Rey: Bioavailability of oxycodone after administration of a new prolonged-release once-daily tablet formulation in healthy subjects, in comparison to an established twice-daily tablet. In: Int J Clin Pharmacol Ther., November 2017, Band 55, Nr. 11, S. 881–890. PMID 28933336B. A. Goldberger, C. W. Chronister, M. L. Merves: Quantitation of oxycodone in blood and urine using gas chromatography-mass spectrometry (GC-MS). In: Methods Mol Biol., 2010, Band 603, S. 453–460. PMID 20077097 Auch Haare eignen sich als Untersuchungsmaterial.J. Jones, K. Tomlinson, C. Moore: The simultaneous determination of codeine, morphine, hydrocodone, hydromorphone, 6-acetylmorphine, and oxycodone in hair and oral fluid. In: J Anal Toxicol., April 2002, Band 26, Nr. 3, S. 171–175. PMID 11991534R. Kronstrand, M. Forsman, M. Roman: Quantitative analysis of drugs in hair by UHPLC high resolution mass spectrometry. In: Forensic Sci Int., Februar 2018, Band 283, S. 9–15. PMID 29241093 Semiquantitative Immunoassays stehen ebenfalls für die Analytik zur Verfügung.K. L. Johnson-Davis, A. J. Sadler, J. R. Genzen: A Retrospective Analysis of Urine Drugs of Abuse Immunoassay True Positive Rates at a National Reference Laboratory. In: J Anal Toxicol., März 2016, Band 40, Nr. 2, S. 97–107. PMID 26668238R. B. Dixon, B. Davis, A. Dasgupta: Comparison of Response of DRI Oxycodone Semiquantitative Immunoassay With True Oxycodone Values Determined by Liquid Chromatography Combined With Tandem Mass Spectrometry: Sensitivity of the DRI Assay at 100 ng/ml Cut-Off and Validity of Semiquantitative Value. In: J Clin Lab Anal., Mai 2016, Band 30, Nr. 3, S. 190–195. PMID 25715994
Betäubungsmittelrechtliche Regelungen in Deutschland Oxycodon ist in Deutschland ein verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges BetäubungsmittelAnlage III (zu § 1 Abs. 1) verkehrsfähige und verschreibungsfähige Betäubungsmittel zum Betäubungsmittelgesetz, gesetze-im-internet.de und darf nur auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Der unerlaubte Besitz sowie der ungenehmigte Handel und die Weitergabe von Betäubungsmitteln werden mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe bestraft (Betäubungsmittelgesetz § 29).
Das Mitführen eines Opioid-Ausweises (Name des Medikamentes, verordnete Dosis, Name des Patienten, Geburtsdatum, verordnender Arzt) kann gerade für Führer von Kraftfahrzeugen oder anderen versicherungsrelevanten Fahrzeugen bei Verkehrskontrollen sinnvoll sein, um nachzuweisen, dass kein Drogenmissbrauch vorliegt. Bei Reisen ins Ausland wird der Ausweis nicht als offizielles Dokument anerkannt.
Für Reisen unter Mitnahme von Betäubungsmitteln gelten innerhalb und außerhalb Europas besondere Vorschriften. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bietet Regelungen und Formulare auf seiner Website an.Reisen mit Betäubungsmitteln. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
Oxycodon als gesellschaftliches Problem
Der US-amerikanische Pharmakonzern Purdue Pharma L.P. wurde im Jahr 2007 zu 634,5 Mio. US-Dollar Strafe verurteilt, weil er in der Packungsbeilage des Schmerzmedikaments Oxycontin nicht ausreichend gekennzeichnet hatte, dass das darin enthaltene Oxycodon wie andere Opioide ein hohes Abhängigkeitspotenzial besitzt.E. Chasan: Purdue Frederick pleads guilty in OxyContin case. reuters.com, 7. Mai 2007. Oxycontin kam nach der Zulassung durch die FDA auf den Markt, obwohl es keine Langzeitstudien und keine Bewertung und Berücksichtigung seiner Suchtwirkung gegeben hatte.Confirmation Hearing for FDA Commissioner Nominee: CSPAN3. December 14, 2021 10:00am-12:14pm EST. .