mini|hochkant|Antike Bronzeskulptur im Rheinischen Landesmuseum Bonn, die die Attribute diverser Götter vereint, um deren Wirkkräfte zu bündeln
Synkretismus bezeichnet in der Religionswissenschaft die Verbindung und Vermischung von Religionen oder religiösen Traditionen. Er ist eng verbunden mit der Erforschung der Geschichte der Religionen in der Zeit des Hellenismus und der Spätantike, in der es zu intensiven Religionskontakten kam, so beispielsweise mit der Erforschung der Gnosis und des Manichäismus. Weiterhin spielt der Begriff in Theologie und Missionswissenschaft eine Rolle, in deren Kontext er häufig mit einer negativen Wertung belegt war. In jüngster Zeit wird der Begriff Synkretismus wieder verstärkt im Zusammenhang mit sogenannten Neureligiösen Bewegungen verwendet.Berner: "Synkretismus". 2001, S. 144.
Charakteristik Jedes Denk- und Glaubenssystem bewegt sich zwischen den Extremen Dogmatismus und Veränderung. Neue Denk- und Glaubensvorstellungen entstehen durch allmähliche Abnutzung der alten bzw. der Entstehung von äußeren oder inneren Feindbildern oder aber infolge von plötzlich hereinbrechenden Naturkatastrophen, Migrationsbewegungen, militärischen Eroberungen, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen etc. Von großer Bedeutung ist auch der Volksglaube, der durch Kontakte mit der Außenwelt einem beständigen Wandel unterliegt.
Positionen in der heutigen Religionswissenschaft betrachten ein gewisses Maß an Synkretismus als weit verbreitetes Phänomen, da dies eine naheliegende Folge des Umgangs mit Fremdheit oder Neuem ist. Diesem Vorgang wird daher umgangssprachlich oft eine gewisse „Natürlichkeit“ unterstellt. Aber sogar innerhalb einer Konfession treten praktisch Widersprüche und Ansichtsströmungen auf. Dieser Vorgang widerspricht jedoch dogmatischen Vorstellungen, die im Laufe der Zeit in manchen Religionsorganisationen (z. B. Kirchen) wachsen und einer Beliebigkeit entgegenwirken sollen. Monotheistische Religionen grenzen sich von synkretistischen Tendenzen in der Regel stärker ab als Religionen, deren innere Struktur ohnehin einen gewissen Pluralismus aufweist. Bei der im 3. Jh. in Persien entstandenen Religion des Manichäismus, deren Kennzeichen ein dualistisches System ist, in dessen mythologischem Beginn sich das Reich der Finsternis und das Reich des Lichtes gegenüberstehen, handelt es sich sogar um eine bewusst synkretistische Religion, die behauptete, alles bisherige Wissen aufgenommen zu haben und sich dem jeweiligen religiösen Umfeld anpasste (noch heute wird zum Beispiel eine Statue des Mani als Buddha verehrt).Siegfried_G._Richter: Das koptische Ägypten. Schätze im Schatten der Pharaonen (mit Fotos von Jo Bischof). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-8053-5211-6, S. 112–116. Erkenntnistheoretisch ist weder ein synkretistisches noch ein dogmatisches System naheliegender.
Beispiele mini|Caodaismus-Tempel in Tây Ninh, Vietnam Der BuddhismusEin Lehrsystem gilt als buddhistisch, wenn es sich innerhalb des Rahmens der Vier Siegel bewegt: 1. Alles Erschaffene ist unbeständig 2. Alle verunreinigten Dinge sind leidhaft 3. Alle Erscheinungen sind leer und selbst-los. 4. Nirvana ist Friede. Aus: Das Auge einer neuen Achtsamkeit, S. 134, Dalai Lama. beispielsweise ist offen für andere Lehren. Er verneint allerdings kategorisch die Existenz einer Seele (atma) und die Existenz einer Persönlichkeit (pudgala).Anukul Chandra Banerjee: The Vaibhasika School of Buddhist Thought. 1982 Insbesondere in Nepal, Japan, Vietnam und China ist es üblich, nicht einer Religion „anzugehören“, sondern verschiedene Religionen und Lehren (Buddhismus, Hinduismus, Daoismus, Konfuzianismus, Shintō) nach eigener Vorstellung zu mischen (vgl. Shinbutsu-Shūgō, Japanische Götter, Drei Lehren, Quanzhen-Daoismus). Auch werden deren Heiligtümer abwechselnd verehrt.
Durch die aggressive, eurozentrische Missionierung im Zeitalter der Kolonisierung kam es bei nahezu allen indigenen Völkern weltweit zur Vermischung von ethnischen und christlichen Glaubensinhalten und Praktiken.
Der amerikanische Anthropologe Melville J. Herskovits bezeichnete die vordergründige Übernahme der katholischen Heiligenverehrung durch afrikanische Sklaven in Amerika und der Karibik als „synkretistische Kulte“, die in Wirklichkeit dazu genutzt wurden, die afrikanische Spiritualität zu tarnen.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7. S. 146. Aus dieser Verbindung entstanden die afroamerikanischen Religionen Candomblé, Macumba, María-Lionza, Obeah, Rastafari, Santería, Umbanda und Voodoo.mini|Maximón vereint indianische und kolonialzeitliche Glaubensvorstellungen.Der im Hochland von Guatemala verehrte „Heilige“ Maximón vereint indianische und kolonialzeitliche Glaubensvorstellungen.
Der vietnamesische Caodaismus integriert unter anderem christliche Heilige, Moses, Mohammed, vietnamesische Nationalhelden, Konfuzius, Persönlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte und das magische Auge.
Synkretistische Kulte bilden sich häufig um die Verehrung eines Heiligen durch Mitglieder von zwei oder mehreren Religionsgemeinschaften. In Indien haben synkretistische Praktiken von Hindus und Muslimen eine lange, religiös fundierte Tradition, für welche besonders die Philosophie Kabirs (1440–1518) steht. Der aus einer Familie von Webern stammende und als Muslim erzogene Mystiker sprach sich für die Universalität der Religionen aus, deren einziger Unterschied letztlich der Name Gottes sei. Kabirs mystische Erfahrung und Gottesliebe beeinflusste die Bhakti-Bewegung und den Sikhismus. Zahlreiche heilige Stätten in Indien werden von Hindus und Muslimen verehrt.Vgl. J. J. Roy Burman: Hindu-Muslim Syncretism in India. In: Economic and Political Weekly, Bd. 31, Nr. 20, 18. Mai 1996, S. 1211–1215. In Bengalen befolgen die Baul eine von religiösen Ritualen geprägte Lebensweise, die auf sufischen und hinduistischen Glaubenselementen basiert. Am Mausoleum des religiösen Dichters Manomohan Datta (1877–1909) im Distrikt Brahmanbaria im Osten von Bangladesch bringen Hindus und Muslime gleichermaßen Opfergaben dar und pflegen tägliche, wöchentliche und jährliche Rituale. Für Manomohan, der den Koran rezitierte, aber sich nicht als Muslim bezeichnete, war Religion universal und der Weg, um die letzte Wahrheit zu finden.Masahiko Togawa: Syncretism Revisited: Hindus and Muslims over a Saintly Cult in Bengal. In: Numen, Bd. 55, Nr. 1, 2008, S. 27–43, hier S. 39.
In Marokko gibt es eine religionsübergreifende Heiligenverehrung. Muslime verehren auch die Grabmale jüdischer Heiliger, die als gemeinsames religiöses Erbe wertgeschätzt werden.Eric Maroney: SCM Core Text: Religious Syncretism. SCM Press, London 2006, S. 87. Beim auf eine schwarzafrikanische Tradition zurückgehenden, religiösen Derdeba-Ritual in Marokko können Muslime und Juden mitwirken.
Abgrenzung zur Assimilation mini|Ein animistischer Ai To’os vor der Kirche von Maubisse (Osttimor)
Die heidnischen Kulte in den synkretistischen Glaubenswelten wurden häufig uminterpretiert. Hier ist der Begriff des Synkretismus nicht mehr ganz zutreffend und geht in Assimilation über. Die Uminterpretationen der religiösen Formen missionierter Völker erlaubten nicht die gleichzeitige (adäquate) Verehrung der vormals verehrten Götter, sondern nur die Praktizierung der traditionellen Riten unter neuer, christlicher Vorgabe.
Ägyptische Mythologie
In der Ägyptologie bezeichnet der Synkretismus die Verschmelzung verschiedener Götter zu einem neuen Ganzen. Dabei wurden auch Götter eroberter Völker verschmolzen und so in den ägyptischen Kult aufgenommen.
Neuheidentum (Wicca) Eine moderne Bewegung in Europa, die vielfach synkretische Züge annimmt, ist Wicca als eine Hauptströmung des Neuheidentums, die Keltischen Neopaganismus mit den Philosophien der mystisch-magischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts verbindet. Über Wicca wird u. a. auch eine Brücke zu Thelema und Theosophie geschaffen, deren Ziel es war, eine neue Religion aufzubauen. Bei Wicca sind römisch-katholische Elemente auszumachen, wie etwa die Übernahme der kirchlichen apostolischen Sukzession.
Begriffsgeschichte
Von Antike bis zum „synkretistischen Streit“ In der Antike ist der Begriff „συγκρητισμός“ bei Plutarch (ca. 50–125 n. Chr.) belegt. Er benennt damit eine Sitte der Kreter, trotz innerer Streitigkeiten im Falle einer äußeren Bedrohung zusammenzustehen.
In der frühen Neuzeit greift Erasmus von Rotterdam den Begriff Synkretismus auf und führt ihn in die philosophisch-theologischen Debatten ein. In Anknüpfung an Plutarch bezeichnet Erasmus mit Synkretismus ein Zusammengehen von Personen oder Parteien mit divergierender Auffassungen angesichts einer Gefährdung von außen.
In den christlich-theologischen Debatten der Folgezeit erhält der Synkretismus-Begriff eine zunehmend negative Bestimmung als „Verfälschung“, „Verwässerung“ und als „falscher Friede“ unter den christlichen Bekenntnissen, der eine behauptete „Reinheit“ der christlichen Lehre gefährdet (siehe „synkretistischer Streit“).Rudolph: Synkretismus. Vom theologischen Scheltwort zum religionswissenschaftlichen Begriff. 1979, S. 194–196.
Moderne Definitionen Eine religionswissenschaftliche Diskussion mit dem Ziel einer Präzisierung des bisher diffusen und unscharfen Synkretismus-Begriffs entwickelte sich erst im 20. Jahrhundert. So sieht Gerardus van der Leeuw, einer der Hauptvertreter der Religionsphänomenologie, im Synkretismus eine notwendige Durchgangsstufe der Entwicklung einer jeden Religion, in deren Verlauf religiöse Phänomene zu einer endgültigen Gestalt zusammenwachsen. Nach Leeuw liegt das „Wesen“ des Synkretismus in der Bedeutungsverschiebung religiöser Erscheinungen, die die Dynamik religionsgeschichtlicher Entwicklungen ausmacht.Rudolph: Synkretismus. Vom theologischen Scheltwort zum religionswissenschaftlichen Begriff. 1979, S. 197. Später sprachen sich Forscher wie der amerikanische Religionshistoriker und Orientalist Robert D. Baird generell gegen eine Verwendung des Synkretismusbegriffs in der Religionswissenschaft aus, da der Begriff als wissenschaftliche Kategorie zu allgemein und aufgrund seiner Historie negativ vorbelastet sei.Rudolph: Synkretismus. Vom theologischen Scheltwort zum religionswissenschaftlichen Begriff. 1979, S. 198–199.
Der Berliner Religionswissenschaftler Carsten Colpe hat im Rahmen seiner Forschungen in den 1970er Jahren den Blick auf moderne Formen des Synkretismus gelenkt. Colpe entwirft eine Typologie von Synkretismus, die sich am Grad der Intensität von Verbindungen religiöser Phänomene zu einer neuen Form orientiert. Colpe schlägt als die drei Grade seiner Typologie Symbiose, Akkulturation und Identifikation vor.Rudolph: Synkretismus. Vom theologischen Scheltwort zum religionswissenschaftlichen Begriff. 1979, S. 202–203.
Für den englischen Religionswissenschaftler Michael Pye ist Synkretismus Ausdruck der Dynamik religiöser Entwicklungen. Nach seiner Auffassung stellt temporäre Ambiguität der Bedeutung religiöser Elemente innerhalb eines religiösen Systems den Schlüssel zum Verständnis von Synkretismus dar.Rudolph: Synkretismus. Vom theologischen Scheltwort zum religionswissenschaftlichen Begriff. 1979, S. 202.
Der Bayreuther Religionswissenschaftler Ulrich Berner hat ein sog. „heuristisches Modell der Synkretismus-Forschung“ entwickelt. Im Rahmen seines Modells wendet Berner den Systembegriff, den er von Thomas Luckmann übernommen hat, auf Religion an. Dies ermöglicht ihm, zwischen einen Synkretismus auf Systemebene – der Religion als ganzes System – und auf Elementebene, also auf der Ebene einzelner religiöser Elemente – zu differenzieren.Rudolph: Synkretismus. Vom theologischen Scheltwort zum religionswissenschaftlichen Begriff. 1979, S. 205–206; siehe auch Berner: Untersuchungen zur Verwendung des Synkretismus-Begriffs. 1982.