Ronco sopra Ascona, im alpinlombardischen Ortsdialekt Rónch [],Repertorio toponomastico ticinese. I nomi di luogo dei comune del Cantone Ticino: Ronco sopra Ascona. Hrsg. vom Staatsarchiv des Kantons Tessins, Bellinzona 2007, S. 167–170.Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 755. ist eine politische Gemeinde im Schweizer Kanton Tessin (Bezirk Locarno, Kreis Isole).
Geographie Die Gemeinde Ronco liegt einerseits zwischen Ascona und Brissago und anderseits zwischen dem Langensee (193 m ü. M.) und der Corona di Pinz (oder Corona dei Pinci; 1294 m ü. M.), reicht aber auch noch ein kleines Stück über den Grat hinaus in die Centovalli. Den höchsten Punkt der Gemeinde bildet mit 1374 m ü. M. der Berggrat in der Nähe der schon zu Brissago gehörenden Alpe di Naccio.
Das Dorfzentrum befindet sich auf einer Felsterrasse rund 160 Meter über dem See. Zur Gemeinde gehören überdies die in Hanglage situierten Ortsteile Livurcio, Croasca, Corafora, Capella Gruppaldo und Fontana Martina sowie das am See liegende Porto Ronco, die teilweise mit dem historischen Nucleo (Dorfkern) heute baulich verschmolzen sind.
In den Monti di Ronco liegen auf einer Höhe von 650 bis 1150 Meter die Alpsiedlungen Porano, Calzo, Cassina und Porera sowie gleich darüber die Monti di Schiavardo. Diese sind heute ausser über Fusswege auch über eine kurvenreiche Strasse ab Cappella Gruppaldo erreichbar und bieten eine Weitsicht auf den Langensee und die Tessiner Berge.
Geschichte Ortsname Der Name Ronco stammt von mittellateinisch runchum ‚frisch gerodetes Land, das urbar gemacht werden soll; Weinberg‘, was seinerseits auf lateinisch runcāre ‚graben, roden, urbar machen‘ zurückgeht.
Entwicklung Ronco wurde erstmals 1264 als Roncho de Schona ‘Ronco/Weinberg von Ascona’ erwähnt. Es bildete im Spätmittelalter mit Ascona eine Nachbarschaft mit eigenen Statuten von 1369. Eine selbständige Kirchgemeinde wurde es 1626, und 1641 löste sich die Dorfgemeinde von der Nachbarschaft. Vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert waren Generationen von Ronchesen insbesondere in Florenz, aber auch in Viterbo und Lucca als Illusionsmaler tätig, was sich auch in der Ausstattung grösserer Häuser in Ronco selbst zeigt(e).Sabrina Németh, Marino Viganò, Ivo Zanoni: Antonio Ciseri e gli antenati da Ronco a Firenze. Hrsg. von der Associazione Ronco sopra Ascona Cultura e Tradizioni. Pedrazzini, Locarno 2024; Marino Viganò: Antonio Ciseri: il protagonista e gli avi nella migrazione artistica ticinese, XVI–XIX secolo. Hrsg. von der Associazione Ronco sopra Ascona Cultura e Tradizioni. Pedrazzini, Locarno 2021. In der älteren Neuzeit waren Einwohner von Ronco überdies am Monopol für den Gepäckverlad am Zoll von Florenz und Livorno beteiligt, wovon noch heute eine Inschrift an der Kapelle von Gruppaldo zeugt.
Baulich sind die verschiedenen Epochen immer noch gut ablesbar. Neben mittelalterlichen Bauten und Elementen zeugen im 17. und 18. Jahrhundert umgeformte oder neugebaute Häuser, Raum- und Fassadenmalereien, granitene Eingangsportale sowie zierliche Balkone mit schmiedeeisernen Gittern von einem relativen Reichtum, der mit der damaligen Emigration bedeutender Teile der Bevölkerung in Zusammenhang zu bringen ist.
Heute ist Ronco nebst Wohnort ein beliebtes Feriendorf und weist dementsprechend einen hohen Bestand an Zweitwohnungen auf. 2020 betrug dieser Anteil gemäss Gebäude- und Wohnungsstatistik 75,5 %.Tessiner Zeitung, 9. April 2021, S. 3. Nach schweizerischer Gesetzgebung dürf(t)en daher keine Zweitwohnungen mehr erstellt werden.
Neben der politischen und der Kirchgemeinde existiert eine eigenständige Bürgergemeinde.Patriziato auf ronco-s-ascona.ch (abgerufen am 26. August 2024; italienisch).Patriziato di Ronco s/Ascona auf ti.ch/di/sel/patriziati/elenco-patriziati (abgerufen am 26. August 2024; italienisch). Bei einer Volksabstimmung im Jahr 2011 über eine – vom Kanton allerdings finanziell nicht unterstützte – Fusion der vier Gemeinden Ascona, Brissago, Losone und Ronco sopra Ascona sprach sich Ronco wie Ascona und Brissago gegen den Zusammenschluss aus.Nicht alle Gemeindem um Lugano stimmen einer Fusion zu. In: swissinfo.ch (abgerufen am 13. Oktober 2024). 2025 gaben Ronco sopra Ascona und Brissago bekannt, die schon jetzt in verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten, eine Fusion anzustreben.Tessiner Zeitung vom 26. September 2025, S. 12.
Künstlerdorf mini|hochkant=.7|Ronco sopra Ascona, Luftbild von Werner Friedli (1946) mini|hochkant=.7|Ronco sopra Ascona, Luftbild (1929) mini|hochkant=.7|Die Monti di Ronco, mit Porera in der Bildmitte mini|hochkant=.7|Langensee in Richtung Süden, von den Monti di Ronco aus gesehen
Das ursprüngliche Weinbauern- und Viehzüchterdorf entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert zu einem Künstlerdorf. Über längere Zeit wirkten in Ronco etwa der US-amerikanische Maler, Kupferstecher und Zeichner Gordon Mallet McCouch (1885–1956), der deutsche Maler, Graphiker und Schriftsteller Richard Seewald (1889–1976), der bernisch-zürcherische Kunstmaler Paul Werner Loosli (1895–1962), der deutsche Textilkünstler Rolf Lenne (1904–1986) sowie die im Circolo Verbano zusammengeschlossenen Maler Jan Schutter (1890–1956), Manfred Henninger (1894–1986), Erwin Schönmann (1906–1999), Willy Hug (1910–1996), Karl Gerber (1912–1974) und Rös Schutter-Peter (1920–2001)Vgl. Niklaus Starck: Circolo Verbano. Die Maler von Ronco sopra Ascona. porzio.ch, [Ascona 2015]..
Der zu Ronco gehörende Weiler Fontana Martina war zeitweilig eine kleine Land- und Künstlerkooperative, nachdem die damals zerfallene Häusergruppe 1923 vom Berner Buchdrucker Fritz Jordi (1885–1938) gekauft und zusammen mit dem vielseitig tätigen Künstler Heinrich Vogeler und dem Graphiker Clément Moreau wieder hergerichtet worden war;Vgl. Repertorio toponomastico ticinese. I nomi di luogo dei comune del Cantone Ticino: Ronco sopra Ascona. Hrsg. vom Staatsarchiv des Kantons Tessins, Bellinzona 2007, S. 197. auch Paul Klee (1879–1940) war ein häufiger Besucher. Ideales Ziel war die Errichtung eines künstlerischen Zentrums, wie es der Barkenhoff in Worpswede darstellte, und von Oktober 1931 bis November 1932 gab die Gruppe eine eigene Halbmonatszeitschrift namens «Fontana Martina» heraus.Neuausgabe: Fritz Jordi und Heinrich Vogeler (Hrsg.): Fontana Martina. Halbmonatsschrift. Vollständiger Faksimile-Druck der von Fritz Jordi und Heinrich Vogeler 1931/32 in Ronco s./Ascona herausgegebenen Halbmonatsschrift. Mit einem Anhang hrsg. von Dietger Pforte. Anabas-Verlag, Giessen 1976 und 1981.
In Ronco liessen sich auch etwa der Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898–1970) und seine Frau, die Schauspielerin Paulette Goddard (1910–1990), nieder, ebenso die Schriftstellerin Eveline Hasler (* 1933). Der Zitruspflanzenzüchter Edwin Frey (1911–2000) nannte eine seiner Züchtungen Corafora, benannt nach einer Örtlichkeit in Ronco.
Im frühen 20. Jahrhundert war der Hang zwischen Ascona und Ronco von Leuten besiedelt, die dem näheren und weiteren Umfeld der Aussteigerkolonie des Monte Verità zuzuordnen waren. In Ronco spielt auch der Roman Benedikta von Gabriele Reuter (1923), in dem «einige kitschig-schwärmerische Naturmenschen» auftreten.Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber, Frauenfeld 2000, S. 75.
Bevölkerung Entwicklung der Einwohnerzahl Einwohnerzahlen: Volkszählungsdaten
Bis ins 18. Jahrhundert zählte man in Ronco rund 100 fuochi ‚Feuer, Herdstellen‘, gemeint sind Familien, was einer Bevölkerung von 450 bis 500 Einwohnern entspricht. 1869 lebten in der Gemeinde 110 Familien; anschliessend sank die Bevölkerungszahl, so dass man 1900 nur noch 257 Personen zählte. 1941 wurden 426 Personen gezählt. Ab 1960 stieg die Bevölkerungszahl bis 1970 deutlich auf 682 Einwohner. Einen neuen Höchststand erlebte Ronco mit 745 Einwohnern im Jahr 1980, seither ist die Einwohnerzahl auf unter 550 Einwohner gesunken. Der Ausländeranteil lag Ende 2022 bei 135 Personen, was 25,1 % entspricht.
Die Gemeinde ist heute überaltert. Ende 2022 waren 219 Personen (40,7 %) 65 und mehr Jahre alt (kantonaler Durchschnitt: 23,6 %), 284 Personen (52,8 %) 20 bis 64 Jahre alt und nur 35 Personen (6,5 %) 0 bis 19 Jahre alt (kantonaler Durchschnitt: 17,6 %).Ronco sopra Ascona. In: Ufficio di statistica des Kantons Tessin (abgerufen am 3. Oktober 2024). Die eigene Primarschule wurde 2021 geschlossen, die Kinder besuchen heute diejenige von Brissago.David Leoni: Ronco s/Ascona: addio alla scuola, alunni a Brissago. In: laRegione, 17. Februar 2021 (abgerufen am 3. Oktober 2024).
Sprache und Dialekt Im Jahr 2000 waren 405 Einwohner italienischer, 222 deutscher, 8 französischer und 24 anderer Muttersprache. Im selben Jahr sprachen im Alltag 12 % der Bevölkerung ausschliesslich den örtlichen alpinlombardischen Dialekt und 28 % sowohl Dialekt als auch Italienisch. Der Anteil von Dialektsprechern liegt damit bedeutend tiefer als im Tessiner Durchschnitt (14 % ausschliesslich Dialekt, 40 % Dialekt und Italienisch).
Verkehr Ronco ist mit zwei Buslinien der Ferrovie autolinee regionali ticinesi (FART) öffentlich erschlossen. Der Bus Nummer 314 fährt vom Bahnhof Locarno nach Losone, Arcegno und bis zum Kern von Ronco sopra Ascona und zurück. Der Bus Nummer 316 fährt ebenfalls vom Bahnhof Locarno aus, berührt den Ortsrand von Ascona und fährt anschliessend durch den Asconatunnel dem Langensee entlang nach Porto Ronco und schliesslich nach Brissago und zurück.Buslinien der FART auf centovalli.ch (abgerufen am 15. März 2017).
Die Schiffanlegestelle Porto Ronco wird von April bis Oktober von der Società Navigazione del Lago di Lugano, welche die italienischen Navigazione Laghi 2018 abgelöst hat, bedient. Die Schiffe fahren nordostwärts Richtung Ascona und Locarno, südwestwärts Richtung Brissago sowie hinüber zu den Brissago-Inseln.
Wirtschaft Im Jahr 2000 arbeiteten 7 Personen im primären, 55 Personen im sekundären und 167 im tertiären Sektor. Drei Fünftel der Erwerbstätigen waren Wegpendler. In der Landwirtschaft waren 2007 noch drei Familien tätig (1990 noch neun). In Calzo oberhalb des Dorfes gibt es eine Ziegenfarm.
Sehenswürdigkeiten
mini|Casa Ciseri: illusionistische Malerei, 19. Jahrhundert mini|Cà di Pitur: illusionistische Wandmalerei, 19. Jahrhundert