mini|Ein Bürostuhl um 1995 Die Entwicklung des Bürostuhls führte vom schlichten und starren Holzstuhl für den Arbeitsplatz am Schreibtisch zum modernen drehbaren, auf Stuhlrollen oder Teppichgleitern gelagerten Stuhl mit Rückenlehne und je nach Anforderung auch mit Armlehnen. Er ist auf die Benutzung an Schreibtischen optimiert und aus Gründen der Ergonomie höhenverstellbar. Die Höhenverstellung erfolgt mit einer Gasdruckfeder. Eine Höhen- und Neigungsverstellung der Rückenlehne ist meist vorgesehen, oft auch eine Neigungsverstellung oder eine Sitzball-ähnliche, d. h. horizontal schaukelnde und/oder rundum pendelnde Lagerung der Sitzfläche. Durch die Lagerung auf Rollen kann der Stuhl im Sitzen bequem verschoben werden.

Geschichte mini|Konzept eines drehbaren Stuhls mit Lenkrollen aus dem Löffelholz-Codex von 1505 Die Geburtsstunde des Bürostuhls ist unbekannt. Das Konzept eines drehbaren Stuhls mit Lenkrollen hat Martin Löffelholz von Kolberg in seiner, 1505 entstandenen technologischen Bilderhandschrift, dem sog. Löffelholz-Codex, auf Folio 10r abgebildet.Löffelholtz-Kodex. Abbildungen und Beschreibungen von allerlei Handwerkszeugen, Folterinstrumenten, Jagdgeräten, Waffen ... und anderen Unterhaltungsaufgaben. Nürnberg um 1505. Biblioteka Jagiellońska, Ms. Berol. Germ. Qu. 132, Fol. 10r. Online Im 18. Jahrhundert dürfte die sitzende Arbeitsausführung im Büro die stehende Tätigkeit eines Buchhalters abgelöst haben. Der Wandel wird auch mit zunehmender Industrialisierung verbunden gewesen sein, ebenso begründet durch Ausbreitung der Verwaltungstätigkeiten angesichts wachsender Bürokratie, was zur Vermehrung der Arbeitsplätze mit Schreibtisch und Bürostuhl führte.

mini|Bürostuhl aus Holz für Personal, gebräuchlich ca. 1910 bis 1960 Die ersten Bürostühle waren schlichte Holzkonstruktionen ohne Armlehnen, denen schnell eine Konstruktion auch aus Metall mit Holzsitzfläche folgte. Die ersten Bürostühle waren ungepolstert; später folgte ihnen eine Polsterung durch ein mit dem Stuhl verbundenes einfaches Kissen mit Rosshaarfüllung. Etwa um 1840 gab es Bürostühle mit Federung, denen ca. 1850 beweglichere Konstruktionen folgten, zumindest ist ein amerikanisches Bürostuhl-Modell aus 1849 fotografisch überliefert, das bereits mit Armlehnen ausgestattet und drehbar war. Das Modell verfügte auch über die Möglichkeit gerollt zu werden, allerdings handelte es sich um sehr kleine Eisenrollen, die wenig schonend für Bodenbelag und Teppiche gewesen sein dürften. Zu dieser Zeit hatten Bürostühle lediglich vier Stuhlbeine bzw. ein Fußkreuz mit vier Fußrollen.

mini|Bürostuhl für Vorgesetzte (Höhenänderung durch Drehen), gebräuchlich ca. 1920 bis 1960 In Deutschland dürfte die Zeit der Einführung eines standardisierten hölzernen Bürodrehstuhls ohne Rollen um 1912 gewesen sein. Eine Höhenverstellung erfolgte durch Herauf- oder Herunterdrehen der dafür konstruierten Mittelachse: Albert Stoll präsentiert 1926 auf der Leipziger Messer eine Weiterentwicklung des amerikanischen Bürostuhls, sein „Federdreh“ ist der erste Drehstuhl mit drehbarer Säulenfederung.Unternehmensgeschichte des Büromöbelherstellers Stoll Eine Sonderstellung unter den Bürostühlen nimmt der Freischwingerstuhl aus dem Jahr 1928 von Marcel Breuer ein. In späteren Jahren wurde die vordere Senkrechte des Freischwingers leicht nach hinten abgeschrägt, um damit das Kippen des Stuhls nach vorne zu verhindern.

In den 1970er und 1980er Jahren veränderten sich die Anforderungen an Bürostühle gravierend. Die Berufsgenossenschaften, insbesondere die Verwaltungsberufsgenossenschaft (Abk. VBG), und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Abk. BAuA) rückten maßgeblich für den Bürostuhl die Sicherheitsaspekte (Unfall- und Kippsicherheit) und die Ergonomie aus gesundheitlichen Gründen in den Fokus. Der Bürodrehstuhl erhielt zahllose Veränderungen in der Mechanik des Drehens und des Neigens, der Federung wie auch der Lordosenstütze, sowie der atmungsaktiveren Polsterung, jedoch allem voran die Einführung des sicheren Fußkreuzes mit fünf Beinen mit Kunststoffrollen oder Kunststoffteppichgleitern.

Design 1969 konstruierte der Designer Rainer Bohl eine verstellbare Rückenlehne, die Teil des 1970–1974 von D-Team entwickelten Relax-o-flex® Synchron-Bürostuhls wurde. Die Designer Klaus Franck, abgerufen am 24. August 2011 und Werner Sauer entwickelten einen flexiblen Bürostuhl mit Synchronautomatik, der sich an den Benutzer anpasst: die FS-Linie (1980), die zahlreiche Preise erhielt. Auch Maarten Van SeverensMaarten Van Severen in der englischsprachigen Wikipedia 04.chair (2000), Herman Millers Embody Chair (2008) und Konstantin Grcics Bürostuhl 360° (2009) gehören zu den preisgekrönten Bürostuhl-Designs.Design, Ergonomie und Geschichte des Bürostuhls

Mechaniken und ihre Effekte Wippmechanik mini|Bürostuhl mit Wippmechanik, Funktionsprinzip Bei einer Wippmechanik sind Rückenlehne und Sitzfläche fest gekoppelt, so dass sich beim Zurücklehnen stets die Sitzfläche mitneigt. Der Winkel zwischen Rückenlehne und Sitzfläche bleibt konstant.

Das Absenken des Sitzes beim Zurückneigen verhindert, dass die Rückenlehne bei jedem Aufrichten dem Becken/Rücken einen Impuls nach vorne mitgibt. Dadurch wiederum wird verhindert, dass nach kurzer Zeit die Lendenwirbelsäule nicht mehr an der Lehne anliegt und es zur Fehlhaltung kommt.

Beim Vor- und Zurückschwingen in einem Stuhl mit solcher Mechanik kann ein Schaukelstuhleffekt entstehen, für den es im Wesentlichen zwei Ursachen gibt: Entweder liegt die Drehachse ziemlich in der Sitzmitte, dann kommen beim Zurückneigen die Knie nach oben. Oder der Anpressdruck der Rückenlehne (durch Gasfeder, Federn oder Torsionsstab erzeugt) ist zu schwach, wodurch der Sitzende ab einer mittleren Rückneigestellung bis zur maximalen Lehnenneigung kaum noch Unterstützung seines Rückens erfährt.

Moderne Sitze drehen sich deshalb an der Vorderkante und verfügen über eine individuelle Einstellung des Rückenlehnengegendrucks. Durch eine solche Kniewippmechanik wird der Schaukelstuhleffekt vermieden, indem die Drehachse, um die sich Sitzfläche und Rückenlehne bewegen, durch ein Kniegelenk nach vorne verlagert wird.

Nachteilig an Wippmechaniken ist, dass der Winkel zwischen Sitz und Rücken starr ist, und dadurch die Bewegung des sitzenden Körpers unnötig eingeschränkt wird. Dieses wird mit einer Synchronmechanik vermieden:

Synchronmechanik Die Synchronmechanik koppelt ebenso wie die WippmechanikDarstellung und Erläuterung Bürostuhlmechaniken inkl. Synchronmechanik und Wippmechanik, abgerufen am 21. Dezember 2021 die Rückenlehne mit der Sitzfläche, jedoch bewirkt hier eine Neigung der Rückenlehne eine typischerweise etwas geringere Neigung der Sitzfläche im Verhältnis 3:1 bis 2:1. Wenn beispielsweise die Rückenlehne um 10° nach hinten geneigt wird, sorgt die Synchronmechanik dafür, dass sich die Sitzfläche um typischerweise 5° nach unten neigt. Durch diese Kopplung vergrößert sich der Winkel zwischen Rumpf und Oberschenkeln beim Zurücklehnen, so dass sich die Gelenke des Menschen bewegen, der Körper streckt und damit die Durchblutung erleichtert wird. Außerdem soll dadurch der Abstützpunkt des Beckens besser erhalten bleiben.

Der große Vorteil der Wipp- und Synchronmechaniken gegenüber Mechaniken mit statischen oder nur pendelnden Rückenlehnen (siehe unten) ist, dass die Sitzenden sich entsprechend den Arbeitsanforderungen bewegen können und dennoch der Rücken dauerhaft vor Fehlhaltungen geschützt wird. Da die Beweglichkeit beim Sitzen auf einem Synchronmechanik-Bürostuhl durch einen Pendelsitz noch verstärkt wird, bewertete das Europäische Patentamt die „Gattung Synchronmechanik-Bürostuhl mit Pendelsitz‘“ als Erfindung, unabhängig von der speziellen Konstruktion.

Asynchronmechanik und Permanentkontaktmechanik Bei der Asynchronmechanik sind Rückenlehne und Sitzfläche entkoppelt. Sitzfläche und Rückenlehne sind getrennt einstellbar, was eine individuelle Anpassung der Neigungswinkel von Rückenlehne und Sitzfläche ermöglicht. Ist die Rückenlehne entarretiert, so schwingt sie frei und wird durch eine Feder permanent in Kontakt mit dem Rücken des Benutzers gehalten.

Hat der Sitz keine solche Verstellmöglichkeit, so heißt diese Mechanik Permanentkontaktmechanik (oft mit „PC“ abgekürzt). Diese Mechanik hat keinen zuvor erwähnten „Schaukelstuhleffekt“.

Hemdauszieheffekt Rutscht die Rückenlehne beim Zurücklehnen entlang des Rückens, so neigt sie dazu, das Hemd eines Benutzers nach oben zu schieben. Dieser sogenannte „Hemdauszieheffekt“ sollte immer so gering wie möglich sein. Diese Forderung gilt insbesondere für Asynchron- und Permanentkontaktmechaniken, bei denen die Winkeländerungen zwischen Sitzfläche und Rückenlehne und damit der Hemdauszieheffekt besonders groß sind.

Der Hemdauszieheffekt wird kleiner, wenn der Drehpunkt für Rückenlehnen-Schwenkbewegungen weit vorne liegt – möglichst vor der Position der Gasdruckfeder, die für die Höhenverstellung der Sitzfläche genutzt wird.

Beckenkontakt der Rückenlehne beim Zurücklehnen Es gibt technische Anforderungen an Bürostühle, die das sogenannte „Ergonomiesiegel“ erhalten wollen. In dieser Liste heißt es u. a.: „Rückenlehne: Beckenkontaktverlust beim Zurücklehnen: möglichst gering.“ Mit der goldenen Regel „Hintern hinten“ – d. h. heranrutschen an die Rückenlehne – lässt sich der Beckenkontaktverlust beim Zurücklehnen minimieren. Jeglichen Beckenkontaktverlust beim Zurücklehnen – und damit die permanente Unterstützung des Lendenwirbelbereichs, der so häufig von Bandscheibenvorfällen betroffen ist – vermeiden einige Bürostuhlhersteller, indem sie die Rückenlehne mit zwei Drehgelenken lagern. Eines befindet sich unten an der Mechanik, ein weiteres hinter der Rückenlehne in halber Höhe. Dadurch wird eine „aktive Lordosestützung“ erreicht, denn beim Zurücklehnen mit dem Oberkörper wird der Lendenwirbelbereich stärker oder schwächer gestützt, je nach Druck des Oberkörpers gegen die Rückenlehne.

Rückenlehnen Gepolstert Gepolsterte Rückenlehnen sollten in ihrer Form dem Rücken ergonomisch angepasst sein. Zur Kontrolle wird die Rückenlehne in einer annähernd aufrechten Position arretiert: Wenn sich der Sitzende mit seinem Becken hinten an die Rückenlehne setzt und sich dann an die Rückenlehne anlehnt, sollte das Polster die jeweilige Rückenform nachbilden. Feste Polsterungen formen einen Standard-Rücken nach DIN-Vorschrift, der jedoch selten der individuellen Rückenkrümmung entspricht. Der dadurch entstehende punktuelle Druckschmerz verleitet den Sitzenden, der Rückenlehne durch Vorrutschen auszuweichen, wodurch Fehlhaltungen möglich werden. Einstellbare Lordosenstützen (in der Höhe z. B. über die Rückenlehnenhöhe, in der Stärke über Verstellräder, Luftpumpen etc.) vermeiden Druckschmerzen. Es gibt viele Varianten mit unterschiedlicher Wirkung von passiven, einstellbaren Lordosenstützen, die sich auf oder in der Rückenlehnenpolsterung im LWS-Bereich befinden. Auch bei einer individuellen LWS-Unterstützung ist eine dauerhaft arretierte Rückenlehne nicht zu empfehlen, da ein ergonomischer Bürostuhl den Drang des Körpers nach Bewegung möglichst wenig einschränken soll.

Mit Netzbespannung