Mbila ist eine im südlichen Afrika verbreitete Bezeichnung für unterschiedliche Xylophone und Lamellophone. In mehreren Bantusprachen sind wegen der Lautähnlichkeit von mbila und mbira beide Schreibweisen austauschbar und beide bedeuten im Singular „eine Klangplatte/Lamelle“ oder „ein Ton“ und zugleich als Pluralwort das hieraus gefertigte Instrument und den zugehörigen Musikstil. Sprachverwandt mit mbila/mbira ist limba/rimba, hiernach unter anderem malimba und marimba für mehrere Xylophone und Lamellophone, kalimba für ein Lamellophon sowie valimba für ein Rahmenxylophon in Malawi.
Zu den mbira oder mbila genannten Lamellophonen gehören bei den Shona in Simbabwe die mbira dza vadzimu und die mbira dza vaNdau sowie bei den Venda in Südafrika die mbila dza madeza (auch mbila deza).
Als mbila, Plural timbila, ist ein Xylophontyp in einigen Varianten mit einem individuellen Resonator unter jeder Klangplatte bei den Chopi im südlichen Mosambik bekannt. Größer, aber heute weitgehend verschwunden ist das mbila der südafrikanischen Venda. Das Verbreitungsgebiet der Bezeichnung mbila für Xylophone reicht bis in den Süden des Kongo und in den Südosten von Tansania, wo Makonde das dimbila, ein Holmxylophon mit sechs Klangplatten spielen. Noch weiter nördlich kommt an der tansanischen Küste ein marimba genanntes Trogxylophon vor. mini|Ein-Ton-Xylophon idimba mit Kalebassenresonator der Lunda in Sambia, das in anderen Regionen mbila, mbira oder limba genannt wird. Tropenmuseum, Amsterdam.
Verbreitung der Wortgruppe mbila/mbira mini|Dieses Lamellophon der Luvale im Nordwesten von Sambia liegt auf einer Kalebasse, die als Resonanzverstärker dient und damit dem oben abgebildeten Trogxylophon mit einer Klangplatte entspricht. Tropenmuseum, Amsterdam. Beide Instrumententypen sind mit unterschiedlichen Formen in der afrikanischen Musik weit verbreitet.Vgl. Michael Williams: Mbira/Timbila, Karimba/Marimba: A Look at Some Relationships Between African Mbira and Marimba. (PDF; 252 kB) In: Percussive Notes, Band 40, Nr. 1, Februar 2002, S. 32–39 Nicht nur mbila/mbira, auch Variationen anderer Namen werden in zahlreichen afrikanischen Sprachen gleichermaßen sowohl für Xylophone als auch für Lamellophone verwendet. Ein Grund ist, dass die Spielweise der einen Instrumentengruppe häufig für die Musik der anderen übernommen wird. Arthur Morris Jones stellte 1973/74 die These auf, Lamellophone seien als „tragbare Xylophone“ geschaffen worden. Große Xylophone mit acht Klangplatten werden von zwei gegenüber oder nebeneinander sitzenden Spielern mit einem Schlägel in jeder Hand bedient. Demnach würde ein Lamellophonspieler, der mit seinen beiden Daumen die Lamellen zupft, die Funktion der beiden Xylophonspieler übernehmen.Gerhard Kubik: Lamellaphone. 4. Early history. In: Grove Music Online, 2001 Der Austausch der alveolaren Konsonanten L und R kommt in Bantusprachen häufig vor, etwa bei den durch Metathese mit mbila verbundenen Bezeichnungen für Lamellophone -limba zu -rimba und -ndimba.
Das Wort ambira taucht erstmals in einer europäischen Sprache, auf Portugiesisch, 1609 im Werk Etiópia Oriental e Vária História de Cousas Notáveis do OrienteGeorge McCall Theal: Records of South-Eastern Africa. Collected in Various Libraries and Archive Departments in Europe. Band 7. Government of the Cape Colony, 1901 (portugiesischer Text und englische Übersetzung) des portugiesischen Missionars Frei João dos Santos († 1622) auf, worin dieser von seiner Reise in das Reich Kiteve östlich von Simbabwe im Jahr 1586 berichtet.Gerhard Kubik: Lamellaphone. 5. Written and iconographical sources. In: Grove Music Online, 2001 Dos Santos benennt mit ambira Xylophone und Lamellophone.
Der Wortstamm -mbila in afrikanischen Sprachen erstreckt sich über das südliche Afrika bis teilweise nach Ostafrika. Ein mbila genanntes Xylophon mit einer einzigen Klangplatte aus Hartholz über einem Kalebassenresonator, das mit einem Schlägel mit Gummikopf gespielt wird, kam nach einer Beschreibung von 1936 bei den Bassonge in Belgisch-Kongo vor.Olga Boone: Les xylophones du Congo Belge. In: Annales du Musée du Congo Belge, Ethnographie, Series 3. Tervueren 1936; nach: Mbila. In: Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 335 Es entspricht dem didimbadimba der dortigen Baluba.Didimbadimba. In: Sibyl Marcuse, 1966, S. 146; J. Gansemans, K.A. Gourlay, F.J. de Hen: Didimbadimba. In: Grove Music Online, 2001 Das simbila ist ein heptatonisch gestimmtes Xylophon mit Resonatoren der Kanyoka-Ethnie im Süden der Demokratischen Republik Kongo, über das Hugh Tracey in den 1950er Jahren berichtete. Ungewöhnlich ist die weit außerhalb dieser Region vorkommende, singuläre Bezeichnung timbili für ein Lamellophon der Wute-Ethnie in Kamerun. Gerhard Kubik (1964) hält eine sprachliche Verwandtschaft zu timbila für wenig wahrscheinlich.Gerhard Kubik: Generic Names for the Mbira. In: African Music, Band 3, Nr. 3, 1964, S. 25–36, hier S. 29 Für den Kongo sind die bekanntesten Bezeichnungen für Lamellophone -sanzi, -limba und -kembe. Im Süden des Kongo überwiegen -sanzi und -limba, im Norden und Osten ist der Wortstamm -kembe häufiger. Vermutlich um 1900 gelangte das Lamellophon vom Nordosten des Kongo nach Uganda, wobei -kembe im Süden Ugandas unter dem Einfluss der Bantusprachen aufgegeben wurde.
mini|Silimba der Lozi in Sambia. Der Wortstamm -limba wird regional zu kalimba, malimba, ilimba, silimba oder ähnlich abgewandelt. Vom Tal des Sambesi bis zur Südprovinz Katanga und nochmals im Norden des Kongo kommt der Stamm -sanzi vor. Das Verbreitungsgebiet von -sanzi überschneidet sich folglich unter anderem mit demjenigen von -limba. Letzteres umfasst ungefähr Simbabwe, Sambia, Malawi, Tansania und den Süden des Kongo: Kalimba nennen die Chewa in Malawi kleine Lamellophone mit fächerförmig angeordneten Lamellen und die Tumbuka solche mit einem Resonanzkasten und teilweise mit Mirlitonen. Bei den Gogo in Zentraltansania heißt ein ähnliches Lamellophon ilimba. Lamellophone mit vielen Lamellen in zwei Reihen und Xylophone mit einer Klangplatte an der Küstenregion von Tansania sind als malimba oder marimba bekannt. Silimba ist ein Xylophon der Lozi im Barotseland im westlichen Sambia und in der Umgebung der Victoriafälle.Claire Jones: A Modern Tradition: The Social History of the Zimbabwean Marimba. In: African Music: Journal of International Library of African Music, Band 9, Nr. 2, 2012, S. 32–56, hier S. 35
Mbira/mbila wird von Shona, Venda und anderen Ethnien im nördlichen Südafrika, in Botswana, Simbabwe und Mosambik für Lamellophone und Xylophone verwendet. In der Shona-Sprache ist mbira (Singular und Plural) eine allgemeine Bezeichnung für drei große, komplexe Lamellophontypen in Simbabwe und umliegenden Gebieten, während für andere Lamellophone eigene Namen wie njari, nyonganyonga, hera und matepe verwendet werden.Gerhard Kubik, 1999, S. 25
Die verwandten und gleichbedeutenden Substantive mbira/mbila und limba/rimba erhalten Präfixe zur Anzeige des Plurals wie ma- und ti- oder die Verkleinerungsform ka-. Zum Wortumfeld gehört der in vielen Bantusprachen vorkommende Verbstamm -imba, „singen“, dem zur Bedeutungserweiterung -ila oder -ira angehängt werden kann. Mbira und mbila hat somit die Grundbedeutung „für etwas singen“.John E. Kaemmer: Southern Africa: An Introduction. In: Ruth M. Stone (Hrsg.): The Garland Handbook of African Music. Routledge, New York 2008, S. 399
Die Bedeutungsübertragung der Wortgruppe mbila auf unterschiedliche Musikinstrumente steht nicht allein, beispielsweise wurden mit dem Wortstamm -dongo (-dungu) für Lamellophone in Uganda zuvor Saiteninstrumente (Leiern, Harfen und Musikbögen) bezeichnet.Gerhard Kubik, 1964, S. 30–32 Die Benennungen der Lamellophone richten sich nach den regionalen Besonderheiten der Aussprache, dem Instrumententyp, nach kulturell bedingten Klassifizierungssystemen und gelegentlich nach dem sozialen Kontext. Mambira heißt sowohl ein großes Lamellophon mit Kastenresonator bei den Bemba im nordöstlichen SambiaAndrew Tracey: Mbira, 2014, S. 422 als auch ein Trogxylophon in der Nähe des Chilwa-Sees in Mosambik.Gerhard Kubik: Generic Names for the Mbira. In: African Music, Band 3, Nr. 3, 1964, S. 33
Bei den Shona und Venda ist mbila die Bezeichnung für den Klippschliefer, der in Südafrika allgemein rock dassie heißt. Eine volksetymologische Herleitung des Namens für den Musikstil mbila verbindet den Lebensraum der Tiere in felsigen Berggebieten mit den Rückzugsorten der Venda in den Felshöhlen jener Berge, in die sie sich früher während Kriegszeiten versteckten. In den meisten Höhlen fanden die Venda Klippschliefer vor, die morgens einen Weckruf von sich gaben, der durch die Höhlenwände verstärkt wurde. Jäger können die Tiere durch diesen Ruf aufspüren.Ndwamato George Mugovhani, 2009, S. 46f Bei den Ndebele in Transvaal bezeichnet ilimba Klippschliefer und Xylophon.
Lamellophone mini|hochkant|Likembe der Ambundu in Angola. Redpath-Museum in Montreal. In europäischen Sprachen waren Lamellophone allgemein bis in die 1960er Jahre überwiegend als „sanza“ oder „sansa“ bekannt. Dieses Wort bezeichnet jedoch nirgendwo in Afrika Lamellophone, sondern geht auf eine irrtümliche Notiz David Livingstones anstelle der im Mündungsgebiet des Shire in den Sambesi in Mosambik vorkommenden Namen nsansi und sansi zurück. Ferner bedeutet kasansi am Sambesi „kleine sansi“, ein Lamellophon mit nur acht bis zehn Lamellen.Hugh Tracey: A Case for the Name Mbira. In: African Music, Band 2, Nr. 4, 1961, S. 17–25, hier S. 17 Livingstones Reiseerlebnisse erschienen ab 1858. Zur Korrektur des 100 Jahre lang fälschlich verwendeten Namens sansa schlug der Musikethnologe Hugh Tracey (1903–1977) erstmals 1953 vor, als allgemeine Bezeichnung dieses afrikanischen Instrumententyps mbira zu verwenden. Er argumentierte, der Instrumententyp habe unter dem Namen mbira seine größte handwerkliche und spieltechnische Verfeinerung erfahren. Auf Tracey geht die Inkonsistenz zurück, mbira in der Fachliteratur sowohl für die wenigen, von den Musikern im südlichen Afrika so bezeichneten Lamellophontypen als auch als Oberbegriff in der Literatur für die afrikanische Instrumentenfamilie insgesamt zu verwenden („mbira family“). Für diese trug Hugh Tracey annähernd 100 verschiedene regionale Namen zusammen.Hugh Tracey, 1961, S. 21f, 25
Da das Wort mbira tatsächlich nur in einer begrenzten Region vorkommt, ergaben sich Missverständnisse und Probleme bei der Zuordnung, als nun Instrumente in weit entfernten Gegenden, etwa in Westafrika, ebenfalls mbira genannt wurden. Um nicht afrikanische Namen über ihr Verbreitungsgebiet hinaus zu verallgemeinern, führte Gerhard Kubik 1966 den neutralen instrumentenkundliche Begriff „Lamellophon“ ein, der seitdem auch andere unpassende Benennungen wie „Daumenklavier“ oder früher englisch „kaffir piano“ ersetzen kann.Gerhard Kubik, 1999, S. 22