Unter Klostermedizin versteht manHans H. Lauer (2005), S. 758. die „Heilkunde des 6. bis 12. Jahrhunderts, die im Abendland weitgehend von Mönchen ausgeübt wurde“. Die Klostermedizin war somit ein Teil der mittelalterlichen Medizin und basierte vor allem auf der Phytotherapie. Der Begriff, früher auch beschrieben mit den Bezeichnungen „Mönchsmedizin“,Karl Sudhoff: Eine Verteidigung der Heilkunde aus den Zeiten der „Mönchsmedizin“. In: Sudhoffs Archiv. Band 7, (1913–)1914, S. 223–237 und 362.Vgl. auch Erwin H. Ackerknecht: Kurze Geschichte der Medizin. 4. Auflage (unter dem Titel Geschichte der Medizin). Stuttgart 1979, S. 75. „monastische Medizin“ und „Klerikermedizin“,Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 56.Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in schweizerischen Landen. Orell Füssli, Zürich 1922 (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, 1), S. 3–38 wurde geprägt, weil seit dem Frühmittelalter die Hospitäler von den Klöstern betrieben wurden. Mönche und Nonnen verfügten über grundlegende Kenntnisse zur Heilwirkung von Kräutern und Heilpflanzen.Hermann Fischer: Mittelhochdeutsche Rezeptare aus bayerischen Klöstern und ihre Heilpflanzen. In: Mitteilungen der Bayerischen Fotanischen Gesellschaft zur Erforschung der heimischen Flora IV, 6, 1926, S. 69–75; auch in: Medizin im mittelalterlichen Abendland. Hrsg. von Gerhard Baader und Gundolf Keil, Darmstadt 1982 (= Wege der Forschung, 363), S. 83–94. Klosterschulen wie die von Fulda, Reichenau, St. Gallen, Chartres und Tours waren von etwa 800 bis 1050, der Periode der Karolingischen Medizin, für die allgemeine und medizinische Bildung von Bedeutung.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 17. Die Medizin des Mittelalters innerhalb wie außerhalb der Klöster baute auf den Lehren von Hippokrates und Galenos auf und basierte vor allem auf der Humoralpathologie, also der Lehre von den Körpersäften.
Klostermedizin ist ein Begriff für eine Epoche der Medizingeschichte und wird von Wissenschaftlern nicht als Synonym für alternative Heilverfahren verwendet, auch nicht für die so genannte Hildegard-Medizin.
Historischer Hintergrund Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs und durch die Unsicherheiten der sich neu bildenden christlichen Kultur in Europa kam es zu Umbrüchen in der Kultur und der Zivilisation, auch zum Verschwinden des bis dahin bestehenden medizinischen Systems, der Medizin des Altertums. Während die altgriechische Medizin in der byzantinischen Medizin fortlebte, konnten im lateinischen Westeuropa nur Bruchstücke gerettet werden.Tobias Niedenthal: Wie die Heilkunst in die Klöster kam. In: Rudolf Walter (Hrsg.): Gesundheit aus Klöstern. Verlag Herder, Freiburg 2013. S. 6f. ISBN 978-3-451-00546-6 Die germanischen Stammesrechte handelten mitunter verschiedene Probleme der Heilkunde ab, die sowohl Elemente aus der antiken wissenschaftlichen Medizin als auch aus der heidnisch-religiösen germanischen Heilkunde aufwiesen.Vgl. auch Gerd G. Koenig: Schamane und Schmied, Medicus und Mönch: Ein Überblick zur Archäologie der merowingerzeitlichen Medizin im südlichen Mitteleuropa. In: Helvetia Archaeologica. Band 13, 1982, S. 75–154. Diese bestand wiederum aus einfachen Rezepten, aber auch Zaubersprüchen, Beschwörungen, Segen und Gebeten.Eckart: Geschichte der Medizin, 1998, S. 103.
Als Klostermedizin wird in der Medizingeschichte die Zeit vom Frühmittelalter bis zum Hochmittelalter bezeichnet. Die Hauptphase dauerte vom 8. bis Mitte des 12. Jahrhunderts.Eckart: Geschichte der Medizin, 1998, S. 101. In dieser Zeit lag die medizinische Versorgung in Europa vor allem in den Händen von Mönchen und Nonnen. Im Westen galt Medizin in dieser Zeit als Handwerk und als angewandte Theologie, es gab außerhalb der Klöster keine Ausbildung für Ärzte. Krankheiten galten als von Gott gesandt, auch die Epidemien wie die Pest. Eine Heilung ohne Gottes Hilfe galt als unmöglich.
Entwicklung der Klostermedizin Bereits in den um 325 entstandenen Mönchsregeln des Pachomius wird die Pflege kranker Mitbrüder erwähnt.Bernhard Dietrich Haage: Medizinische Literatur des Deutschen Ordens im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 217–231, hier: S. 219. Etwa 527 gründete Benedikt von Nursia das erste Kloster auf dem Monte Cassino. In seiner Ordensregel (Regula Benedicti) legte er fest, dass die Krankenpflege die wichtigste Aufgabe der Mönche sei. Jedes Kloster sollte dafür einen eigenen Raum einrichten und einen Mönch (als Mönchsarzt) ausbilden, den Infirmar. Damit übernahmen die Klöster zu Beginn ihres Auftretens eine soziale Aufgabe für die Allgemeinheit. Das dahinter stehende Prinzip war die Barmherzigkeit (caritas). Diese Regel Benedikts war die Basis der Klosterheilkunde. Papst Gregor der Große befand die Regula Benedicti für vorbildlich und erklärte sie daher für alle katholischen Orden für verbindlich. Auch der spätantike Gelehrte und Kanzler des fortschrittlichen Ostgotenkönigs Theoderich in Ravenna Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus forderte um 560, dass Mönche heilkundliches Grundwissen haben sollten. Cassiodorus war dem Benediktinerorden beigetreten, schuf Grundlagen für das mittelalterliche Bildungswesen und gründete das Kloster Vivarium. Der Orden des Heiligen Lazarus, der Orden des Johannes und andere Orden gründeten zahlreiche Spitäler, wo Kranke ebenso wie Arme und Alte Zuflucht fanden.
Während etwa Bischof Gregor von Tours im Merowingerreich noch skeptisch gegenüber der MedizinHans H. Lauer (2005), S. 758 f. war, förderte der Karolinger Kaiser Karl der Große die Heilkunde seiner Zeit, indem er ein Gesetz erließ, das Klöstern und auch Städten das Anlegen von Kräutergärten und die darin zu züchtenden Pflanzen verbindlich vorschrieb (capitulare de villis). Der so genannte St. Galler Klosterplan, der erhalten ist, zeigt die ideale Anlage eines Klostergartens; für jede Heilpflanze wurde ein eigenes Beet angelegt. Es handelte sich um 16 Pflanzen. Der Abt des Benediktiner-Klosters Reichenau, Walahfrid Strabo (808–849), beschreibt in seinem Lehrgedicht Hortulus 24 Pflanzen. Zu den Heilpflanzen gehörten unter anderem Salbei, Wermut, Fenchel, Schlafmohn, Liebstöckel, Kerbel, Flohkraut, Betonie, Rettich und Minze. Zu den namentlich bekannten Mönchsärzten gehörten etwa Notker II.Johannes Duft: Notker der Arzt. Klostermedizin und Mönchsarzt im frühmittelalterlichen St. Gallen. St. Gallen 1972 (= 112. Neujahrsblatt St. Gallen). und Iso von St. Gallen im Benediktinerkloster St. Gallen.
Die Mönche und Nonnen verfügten (z. B. mit dem in vielen Klöstern bereitgestellten umfangreichen Werk des Isidor von Sevilla) über wissenschaftliche und heilkundliche Literatur, sammelten Erfahrungswissen im Umgang mit den Heilkräutern und gaben ihr Wissen innerhalb der jeweiligen Klöster weiter. Jahrhundertelang waren außerhalb der Klöster keine ausgebildeten Mediziner tätig. Auf dem Konzil von Aachen wurde 817 die Ausübung der Krankenpflege zudem vor allem den Mönchen und Nonnen zugewiesen, wodurch auch die Entstehung von Klosterhospitälern als organisierte Einrichtungen der medizinischen Versorgung, zum Teil auch unter Mitwirkung von Mönchsärzten (Klosterärzten), bis zum Konzil von Clermont von 1130, das den Mönchen zumindest offiziell ärztliche Tätigkeiten untersagte, begünstigt war.Erwin H. Ackerknecht: Kurze Geschichte der Medizin. 4. Auflage (unter dem Titel Geschichte der Medizin). Stuttgart 1979, S. 76.Hans H. Lauer (2005), S. 760. In der Bevölkerung existierte eine zum Teil von Aberglauben geprägte Volksmedizin, die aber – wie auch das Werk von Plinius dem ÄlterenBernhard Dietrich Haage: Liebe als Krankheit in der medizinischen Fachliteratur der Antike und des Mittelalters. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 173–208, hier: S. 186 f. – Eingang in die Klostermedizin fand. Außerdem gab es Handwerksärzte, zu denen die Bader und die Scherer in den Badehäusern gehörten.
Die Klostermedizin fand einen Höhepunkt im Werk Hildegards von Bingen im zwölften Jahrhundert, die fest an Gott als endgültige Heilung aller Krankheit glaubte.Irmgard Müller: Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen. Heilwissen aus der Klostermedizin. Salzburg 1982.Barbara Fehringer: Das „Speyerer Kräuterbuch“ mit den Heilpflanzen Hildegards von Bingen. Eine Studie zur mittelhochdeutschen „Physica“ – Rezeption mit kritischer Ausgabe des Textes, Würzburg 1994 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 2).
Im Hochmittelalter wurde in Salerno eine der ersten medizinischen Universitäten in Europa gegründet. Von Spanien, wo das breite Wissen der orientalischen Medizin auf die abendländische Kultur traf, ging langsam eine Akademisierung der Laienmedizin aus. In Bologna wurde 1111 eine der ersten medizinischen Universitäten gegründet, 1187 folgte Montpellier, dann Paris. Im 13. Jahrhundert wurde die ärztliche Approbation eingeführt. In der Zeit der Renaissance verlor die Klostermedizin (fachsprachlich auch als Präsalernitanische Medizin oder vorsalernitanische MedizinAugusto Beccaria: I codici di medicina del periodo presalernitano (secoli IX, X e XI). Rom 1956 (= Storia e letteratura. Band 53). bezeichnet) allmählich ihre Vorrangstellung gegenüber Laienheilern.Vergleich auch Peter Assion: Geistliche und weltliche Heilkunst in Konkurrenz. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde. 1976/1977, S. 7–23. Albertus Magnus bemühte sich darum, das Wissen der Klosterheilkunde mit der Medizin zu verbinden.
Auf Grund der Reformation wurden in Nordeuropa viele Klöster geschlossen, während der Gegenreformation entstanden jedoch wiederum neue. In dieser Zeit entstanden die Klosterapotheken, in denen vor allem Heilkräuter verkauft wurden.Vgl. auch Rainer Schnabel: Pharmazie in Wissenschaft und Praxis, dargestellt an der Geschichte der Klosterapotheken Altbayerns vom Jahre 800 bis 1800. München 1965. Diese stellten jedoch eine Konkurrenz zu den weltlichen Apotheken dar, so dass mancherorts die Klosterapotheken verboten wurden. Heute befindet sich nach wie vor, aufbauend auf der Tradition der Klosterspitäler, ein Teil der Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft.
Werke zur Klostermedizin