Eine Konkurrenzgesellschaft oder auch Wettbewerbsgesellschaft ist eine Gesellschaftsform, die wesentlich durch Konkurrenz als dominante Interaktionsform ihrer Mitglieder gekennzeichnet ist, während Wettbewerb darauf ausgerichtet ist, im Rahmen ritualisierter oder institutionalisierter Regeln eine optimale oder zumindest bessere Lösung für eine Aufgabe zu realisieren.Hartmut Rosa: Wettbewerb als Interaktionsmodus – Kulturelle und sozialstrukturelle Konsequenzen der Konkurrenzgesellschaft. In: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 2006. Heft 1, S. 82–104. Konkurrenz ist in Konkurrenzgesellschaften sowohl auf der Makroebene (der Gesellschaft als Ganzer und vor allem der Systeme der Wirtschaft und der Politik) als auch auf der Mesoebene (vor allem in den Bildungseinrichtungen) und der Mikroebene (in der Mentalität der Individuen) beobachtbar. Konkurrenz gilt als „Epochenparadigma“ gegenwärtiger westlicher Gesellschaften.Thomas Kirchhoff (Hrsg.): Konkurrenz. Historische, strukturelle und normative Perspektiven. Transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 7.
Der Begriff Konkurrenzgesellschaft wird auch verwendet, um ein Unternehmen zu bezeichnen, das mit einem anderen Unternehmen konkurriert, aus dessen Perspektive die betreffende Aussage erfolgt.
Makroebene Wirtschaft Konkurrenz gilt als tragende Säule marktwirtschaftlicher Systeme. Solche Systeme zu schützen, wenn im Fall von Kartell-, Oligopol- oder Monopolbildungen die Konkurrenz eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt wird, ist Hauptaufgabe von Kartellbehörden. Konkurrenz soll verhindern, dass Monopolisten Preise nach Belieben festsetzen können, da die Gegenseite nicht auf alternative Angebote ausweichen kann. Monopolanbieter können darüber hinaus selbst entscheiden, welche Qualität ihr Angebot hat und zu welchen Bedingungen Kunden es erhalten.
In funktionierenden marktwirtschaftlichen Systemen mit hinreichend Konkurrenz sorgt diese dafür, dass der Marktpreis stets ein Gleichgewichtspreis ist, der zuverlässig den Grad der Knappheit eines Angebots signalisiert. Hohe Preise schaffen Anreize, das Angebot zu erhöhen und so die Knappheit zu reduzieren. Befürworter der Marktwirtschaft betonen, dass es keine bessere Form der Allokation von Produktionsfaktoren gebe. Marktteilnehmer, die mit den für sie „zu hohen“ (Nachfrager) bzw. „zu niedrigen“ (Anbieter) Preisen nicht zurechtkommen, scheiden im Extremfall aus dem Marktgeschehen aus, was zu einer „Marktbereinigung“ führt.
Die Effizienz der Konkurrenzwirtschaft ermögliche Wohlstand und schaffe damit letztlich auch die Überschüsse, die für Ausgaben des Sozialstaats zur Verfügung gestellt werden können.Hartmut Rosa: Kritik der Zeitverhältnisse. Beschleunigung und Entfremdung als Schlüsselbegriffe einer erneuerten Sozialkritik. In: Rahel Jaeggi, Thilo Wesche (Hrsg.): Was ist Kritik. Frankfurt am Main 2009, S. 20.Hans Willgerodt: Lexikon der Sozialen Marktwirtschaft. Artikel Leistungsprinzip. Konrad-Adenauer-Stiftung.
Politik Das westliche Modell der Demokratie beruht im Wesentlichen auf dem Konkurrenzmodell der Demokratie. Diesem zufolge kommt es nicht darauf an (anders als beim Identitätsmodell der Demokratie), den angeblich „objektiv richtigen“ „Volkswillen“ durchzusetzen, sondern konkurrierende Parteien müssen sich bemühen, vom Wähler möglichst viele Stimmen zu erhalten, damit sie auf der Grundlage der Mehrheit der erzielten Wählerstimmen auf Zeit ihre Vorstellungen von Politik in die Praxis umsetzen können. Haben Politiker nach Ansicht der Wähler „versagt“, können sie bei der nächsten Wahl durch Stimmentzug abgewählt werden. Ziel der Parteien ist es zu bewirken, dass möglichst viele Wähler bei der nächsten Wahl ihnen und nicht konkurrierenden Parteien die Stimme geben.
Gesellschaft Marktgemäßes Verhalten ist bei Mitgliedern einer Konkurrenzgesellschaft in allen Bereichen des Lebens zu beobachten. Ihre Arbeitskraft gilt als Humankapital, das einen möglichst hohen Wert erhalten bzw. beibehalten soll. Bei Arbeitnehmern soll die Vermietung der Ware Arbeitskraft zu möglichst hohen Gehältern bzw. Löhnen führen. Die Kategorie des Werts nimmt allgemein eine ökonomische Färbung ein: Als „wertvoll“ gelten Menschen, die interessant, attraktiv und vor allem „nützlich“ für den Bewertenden sind. In Konkurrenzgesellschaften sind Rankings sehr beliebt. Alles mögliche wird messbar und damit vergleichbar gemacht und kann einen durch das Ranking „objektivierbaren“ Kaufpreis erhalten. Im Bereich der Pflege kommt es beispielsweise nicht auf „pflegerische Zuwendung“ an, sondern darauf, „Verrichtungen“ abrechnen zu können (wie auch bei der „käuflichen Liebe“).Ulrich Schneider: Warum Geld und Profitdenken uns zu schlechteren Menschen machen. In: Huffington Post. 23. Oktober 2014. Generell besteht in Konkurrenzgesellschaften eine starke Motivation, andere zu übertreffen oder zu besiegen.
Mit großer Selbstverständlichkeit sprechen heute viele im Zusammenhang mit Liebesbeziehungen und Lebensgemeinschaften von „Partnermärkten“ und den Chancen und Risiken Partnersuchender auf diesen MärktenJakob Schrenk: Berechenbare Liebe. neon.de. 30. November 2008. und zeigen damit, dass auch sie den Partner, den sie „haben“ wollen, entsprechend ihren „Präferenzen“ auswählen (ein Begriff aus der Konsumforschung, der die Auswahlentscheidung zwischen verschiedenen Waren oder Dienstleistungen durch Kunden erklären soll).Hannes Foth, Svenja Wiertz: Die Ökonomisierung der Nähe als Herausforderung für die Ethik. In: Matthias Mahring (Hrsg.): (= Schriftenreihe des Zentrums für Technik- und Wirtschaftsethik am Karlsruher Institut für Technologie. Band 8). Karlsruhe 2016, ISBN 978-3-7315-0514-3, S. 401–420.
Eine wichtige Domäne des Konkurrenzdenkens ist der Sport. Nicht nur im Fußball geht es darum, als Sieger aus einer Partie hervorzugehen und den anderen zum Verlierer zu machen. In anderen Sportarten werden die Besten prämiert, z. B. nach Art der Olympischen Spiele mit einer Gold-, Silber- oder Bronzemedaille. Der Vierte und alle folgenden gehen leer aus. Das Beispiel Sport zeigt aber auch deutlich, dass die Interaktionsmodi Konkurrenz und Kooperation einander nicht ausschließen.Sonja Römer: Konkurrenz belebt die Kooperation. In: Bild der Wissenschaft. 2. Oktober 2008. Besonders beim Mannschaftssport ist zu beobachten, dass ein gelungenes Teamwork die Erfolgschancen einer Mannschaft erhöht. Ähnliche Effekte können auch in Einzelsportarten wie z. B. in der Leichtathletik beim Staffellauf beobachtet werden.
Eine zentrale Rolle spielt in der Konkurrenzgesellschaft die Leistungsbereitschaft. 2012 warnte z. B. Oliver Kahn, dass den Deutschen ohne Ehrgeiz ein Absturz ins Mittelmaß drohe.Peter Seiffert: Unbedingter Leistungswille – Ohne Ehrgeiz versinkt Deutschland im Mittelmaß. focus.de. 22. August 2012. Der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt bewertet diese Haltung als „kategorischen Komparativ entfesselter Selbst- und Fremdüberbietung“.Matthias Burchardt: Inklusion oder Emanzipation von Menschen mit Behinderung? Kritische Analyse des politisch propagierten Inklusionsmodells. In: Deutscher Bundesverband für Logopädie (Hrsg.): Forum Logopädie. Heft 5, September 2015, S. 9, abgerufen am 14. Mai 2021. (PDF)
Mesoebene Schulen sind Institutionen, auf denen Kinder und Jugendliche auf ein Leben als Erwachsene in der Konkurrenzgesellschaft vorbereitet werden sollen. Daher meint Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes: „Eine Schule ohne Stress ist eine schlechte Lebensvorbereitung.“Anna Petersen, Anika Wacker: Eine Schule ohne Stress ist eine schlechte Lebensvorbereitung. die-journalisten.de GmbH. 12. Januar 2017. Zeitdruck gehöre zur Schule, seit es diese Institution gebe. Unnötig sei allerdings Schulstress, der durch überzogene Erwartungen der Eltern oder dadurch entstehe, dass Kinder an einer bestimmten Schulart überfordert seien. Die „Fähigkeit, auch mal die ein oder andere Woche vor Abschlussprüfungen durchzulernen, oder die Härte, mit zeitlich begrenztem Leistungsdruck umzugehen, sind nicht nur in der Schule, sondern auch im späteren Leben eminent wichtig“, meint Meidinger. „Gerade Abiturientinnen und Abiturienten berichten ja in den Abiturzeitungen gerne rückblickend davon, dass die Schulzeit abgesehen von den paar Wochen vor dem Abitur gar nicht so stressig war, wie behauptet wird.“
Andererseits wendet sich Meidinger gegen eine weitere Verdichtung des Unterrichts: „Bildung braucht Zeit, Zeit für Üben, Reflektieren, Vertiefen und kritische Auseinandersetzung. Wir müssen unseren Kindern angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen eher mehr Zeit zum Lernen und Reifen bieten als weniger.“ Die Sorge, dass unter dem „späten“ Berufseinstieg junger Deutscher und Bildungsinländer die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands leiden könnte, teilt Meidinger nicht.
Wie sehr an deutschsprachigen Schulen das Anspruchsniveau zugenommen hat, ist an den Irritationen bemerkbar, die verbalisierte Zeugnisnoten auslösen, wenn man sie ernst nimmt: Eine 4 soll angeblich ausreichen, und eine 3 den Empfänger des Notenergebnisses (und seine Eltern) „befriedigen“, d. h. zufriedenstellen. In Bayern benötigen Grundschüler in Klasse 4 einen Notenschnitt von 2,33, wenn sie ein Gymnasium besuchen sollen, und einen Schnitt von 2,66, wenn sie eine Realschule besuchen sollen. Ein Durchschnitt von 3,0 führt dort im Regelfall zu einer Anmeldung des Schulkindes auf der zuständigen Hauptschule.Katja Schnitzler: Burnout in der vierten Klasse. sueddeutsche.de. 28. Januar 2013.
In Marketing-Kreisen heißt es: „Gut sein [= Note 2] reicht nicht, wenn die Kunden Besseres erwarten“.FMVÖ-Recommender-Verleihung 2017: „Gut sein reicht nicht, wenn die Kunden Besseres erwarten“. APA-OTS Originaltext-Service GmbH. Wien 2017.
Mikroebene Susanne Gaschke hat sich mit der „Generation Zuviel“ beschäftigt, womit sie die zwischen 1965 und 1985 Geborenen meint: „Zu viel Information. Zu viele Wahlmöglichkeiten. Zu viel Konkurrenz. Zu viel Unsicherheit. Zu viele Verpflichtungen gleichzeitig.“ Die deutsche Wiedervereinigung habe, so Gaschke, „eben nicht ins harmonische Ende der Geschichte, sondern direkt hinein in eine ganz große, schlagartig globalisierte Unübersichtlichkeit mit den Krisen eines entfesselten Finanzkapitalismus, mit ‚9/11‘, unverständlichem Terror und archaisch anmutenden Religionskriegen weltweit“ geführt. Die Nebenwirkung der großen Bildungsreform der 60er-Jahre sei ein verschärfter Ausscheidungskampf. Studien- und Berufsanfänger hätten eine extrem vorsichtige, sich alle Optionen stets offen haltende „Null-Fehler“-Mentalität. Die Konkurrenz auf dem qualifizierten Arbeitsmarkt habe die Preise verdorben. Weil es jetzt so viele besser Gebildete gebe, so Gaschke, verdienten sie alle im Schnitt weniger.Susanne Gaschke: Wie sich die „Generation Zuviel“ selbst überfordert. welt.de. 28. Januar 2015.
Für die wenigen und durchschnittlich relativ spät geborenen Kinder, die Angehörige der „Generation Zuviel“ bekämen, gelte aus Elternsicht: „Das Abitur ist ein Muss“, weil nur das Abitur als „konkurrenzfähiges Bildungsziel“ erscheine. Tatsächlich bietet ein Studium künftigen Akademikern in Deutschland im Regelfall eine hohe Bildungsrendite,Peter Draheim, Gitta Egbers, Annette Fugmann-Heesing, Bernd Schleich, Uwe Thomas, Marei John-Ohnesorg, Alexander Schulz: Bildung macht reich – Mehr Praxisorientierung in Bildung und Weiterbildung Thesenpapier der Arbeitsgruppe Bildungs-, Forschungs- und Innovationspolitik des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2009. was die o. g. These von den „verdorbenen Preisen“ auf dem Arbeitsmarkt relativiert, und mindert das Risiko, arbeitslos zu werden.
Kritik der Konkurrenzgesellschaft Grenzen des Wachstums