mini|Abtei Marienberg im italienischen Vinschgau mini|Benediktinerstift Marienberg

Die Abtei Marienberg () oder Abtei der Seligen Jungfrau Maria () ist ein Kloster und exemtes Stift des Benediktinerordens im Vinschgau in Südtirol (Oberitalien).

Lage Das Stift Marienberg liegt, als weiß getünchter festungsartiger Bau von weitem sichtbar, in einer Hangmulde oberhalb von Burgeis am orografisch rechten Talhang des Oberen Vinschgaus. Auf einer Höhe von etwa ist es die höchstgelegene Benediktinerabtei Europas. Verkehrsmäßig erschlossen wird sie durch eine gut ausgebaute Bergstraße, die Burgeis/Burgusio mit den Weilern Amberg und Prämajur sowie mit der Ortschaft Schlinig im Schlinigtal verbindet.

Geschichte Gründung im Engadin Die Gründung des Klosters Marienberg (früher auch Mariaberg genannt) ist auf ein churrätisches Edelfreiengeschlecht zurückzuführen: auf die Herren von Tarasp. Ihr Bestreben war es, in der Nähe ihrer Burg Tarasp bei Schuls ein Hauskloster zu errichten. In der Zeit zwischen 1087 und 1095 gründeten die Brüder Eberhard und Ulrich II. von Tarasp – Letzterer war Bischof von Chur – ein erstes Kloster und statteten es mit reichhaltigem Stiftungsgut aus. Dem jungen Kloster wurde die Existenz im Engadin aber nicht leicht gemacht; von widrigen Umständen, einer feindlich gesinnten Bevölkerung und einem Brand ist die Rede, so dass sich die Gründerfamilie schließlich aus dem Engadin zurückzog und einen Neuanfang im Vinschgau versuchte. Ulrich III. von Tarasp, der Großneffe der Gründer, holte mit dem ersten Abt des Klosters, Albert I. von Ronsberg, bei Papst Eugen III. die Erlaubnis zur Verlegung des Klosters nach St. Stephan oberhalb von Burgeis ein, auf Grund und Boden, der den Tarasps gehörte.

Umsiedlung in den Vinschgau mini|St.-Stephan-Kapelle bei Marienberg mit Blick auf Mals Die Umsiedlung erfolgte 1146. Der neue Standort erwies sich jedoch als ungünstig: St. Stephan liegt auf einem trockenen und windigen Hangrücken, weit entfernt von Quellen oder Wasserläufen. Eine neuerliche Erlaubnis des Papstes war notwendig, um die endgültige Verlegung weiter nach Norden an den heutigen Standort durchführen zu können. Dort am Almeinabach stand schon eine Marienkapelle gleichen Namens, deren Marienpatrozinium nach der Übersiedlung 1149/50 auf das Kloster überging. Die Bausteine stammten zu einem guten Teil von der Burg Kastellatz weiter oben am Berghang, die der Gründerfamilie gehörte, und die sie zu diesem Zwecke schleifen ließ.

Starthilfe aus Ottobeuren Die ersten Mönche kamen vom Benediktinerkloster Ottobeuren; dies deshalb, weil es das Hauskloster der Grafen von Ursin-Ronsberg war, die mit den Edelfreien von Tarasp verwandtschaftliche Beziehungen hatten. Zudem war Uta, die Frau des Stifters Ulrich III., wahrscheinlich eine Schwester des Abtes Albert von Ronsberg. Die Mönche erbauten am neuen Standort zuerst eine Krypta, die am 13. Juli 1160 vom Churer Bischof Adalgott zu Ehren der hl. Dreifaltigkeit, der Gottesmutter Maria und allen Heiligen geweiht wurde. Die Klosterkirche wird wohl als Nächstes in Angriff genommen worden sein, weil 1180 durch Bischof Heinrich II. von Chur die Chorseitenkapellen geweiht wurden. Am 28. Oktober 1201 wurde die Klosterkirche vom Bischof Reinher della Torre der hl. Dreifaltigkeit, dem hl. Kreuz und der Jungfrau Maria geweiht. Nebenpatrone wurden diejenigen Heiligen, deren Reliquien von Ulrich III. von Tarasp aus Köln nach Marienberg überführt worden waren: der hl. Bischof Sebastian sowie die hl. Climaria und die hl. Panafreta, die beide zu den 11.000 Jungfrauen gehörten, die in Köln mit der hl. Ursula den Märtyrertod erlitten hatten. (Ebenso kam die Abtei in den Besitz von Reliquien der hl. Emerentiana, die seit dem Jahre 1630 als zweite Patronin der Stiftskirche verehrt wird.) Im Ergebnis dieser Bemühungen war „Marienberg als Gedächtnisstiftung der Tarasper … ein Ort von Memoria, des kultischen Gedenkens und der im liturgischen Gebet erreichten Gemeinschaft von Lebenden und Toten. In diesem Rang als ‚Hauskloster‘ zeigte sich der Wunsch nach Überzeitlichkeit des Adels.“Hannes Obermair: Macht, Herrschaft, Kultur im Tiroler Alpenraum des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Helmut Stampfer (Hrsg.): Romanische Wandmalerei im Alpenraum. Wissenschaftliche Tagung, 16. bis 20. Oktober 2001, Bildungshaus Schloss Goldrain (= Veröffentlichungen des Südtiroler Kulturinstitutes. Band 4). Athesia-Tappeiner, Bozen 2004, ISBN 88-7073-353-X, S. 11–24, hier S. 17. Die Verbindung zu Ottobeuren blieb über Jahrhunderte bestehen.Jeremias Schröder: Niemand ist eine Insel. Klöster zwischen Autonomie und Vernetzung. In: Erbe und Auftrag. Jg. 95, 2019, S. 32–44, hier S. 35.

Vogtei Weil der einzige Sohn des Stifterehepaares, Ulrich IV., selbst in das Kloster eintrat, wurden die Rechte der Vogtei 1160 von Ulrich III. an seinen Vetter Egino I. von Matsch übertragen. Die Beziehungen des Klosters zu diesen „Edlen von Matsch“ waren zwiespältig. Es gab Vertreter der Familie, die sich redlich um das Kloster kümmerten. Der Chronist Goswin von Marienberg überliefert die großzügigen Gesten des Vogtes Hartwig II., „der wie ein guter Onkel niemals nach Marienberg kam, ohne für die Mönche irgendeinen guten Bissen mitzubringen“. Andere waren roh im Umgang, habsüchtig und darauf bedacht, möglichst viel aus dem Kloster herauszupressen. Ihre Streitsucht brachte das Kloster in Situationen, die dessen wirtschaftliche Überlebensfähigkeit bedrohten. Eine Fehde der Matscher mit den Reichenbergern führte 1274 zur Plünderung des Klosters durch Schweighard von Reichenberg. Unter Ulrich II. gipfelten die Auseinandersetzungen des Klosters mit ihren Vögten in der Ermordung des Abtes Hermann von Schönstein, der beim Prälatenstein in Schlinig 1304 enthauptet worden sein soll. Zwar gingen die Vogteirechte 1313 an die Herzöge von Österreich über, den Matschern gelang es jedoch, sie wieder als Afterlehen in ihre Hände zu bringen. Erst 1421, nach einem 30-jährigen Machtkampf mit den Churer Bischöfen, verloren die Matscher alle ihre Vogteirechte an den Tiroler Landesfürsten.

Chronist Goswin mini|Abtei, Blick auf Burgeis Goswin von Marienberg war ein Mönch des Klosters, dessen Wirken hauptsächlich in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts fällt.Zu ihm Josef Riedmann: Der Chronist Goswin von Marienberg, in: Rainer Loose (Hrsg.): Der Vinschgau und seine Nachbarräume. Vorträge des landeskundlichen Symposiums veranstaltet vom Südtiroler Kulturinstitut in Verbindung mit dem Bildungshaus Schloß Goldrain, Schloß Goldrain, 27. bis 30. Juni 1991. Athesia, Bozen 1993, S. 149–163. Im Jahre 1393 enden alle Hinweise auf seine Tätigkeit, so dass davon ausgegangen werden kann, dass er damals oder wenig später verstorben ist. Das Spärliche, was über ihn bekannt ist, stammt aus seinen eigenen Aufzeichnungen. Ihm verdankt die Nachwelt einen umfangreichen schriftlichen Nachlass. Er hat Musikhandschriften verfasst, Urbare und Dokumentabschriften (sog. Reskripte) für das Kloster erstellt und mit seinen historischen Aufzeichnungen überaus wichtige Details der Geschichte Tirols und Graubündens überliefert, etwa zu den Auswirkungen der Pestepidemie um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk ist das Registrum monasterii Montis sancte Marie, eine Geschichte Marienbergs von dessen Anfängen in Schuls, von der Verlegung nach Marienberg, von den Zeiten unter den verschiedenen Äbten und vom Ausbau der Rechte und Besitzungen bis 1393. Er hat darin Urkunden von Päpsten und Landesfürsten zusammengetragen und wörtliche Vertragstexte festgehalten, um – was er auch klar ausspricht – die Rechte des Klosters unantastbar zu machen.

Zeit bis zur Aufhebung Nicht nur durch seine Vögte, die Matscher, hatte das Kloster unzählige Konflikte zu erleiden. Nach dem Bau der Fürstenburg durch Bischof Konrad von Chur (1272–1281) am Hangfuß unterhalb des Klosters waren es auch die Bischöfe von Chur, die sich massiv in das Klosterleben einzumischen versuchten. Der Streit um die Frage, ob das Kloster dem Bischof oder nur direkt dem Papst (exempt) unterstellt sei, wurde erst im Jahre 1659 beigelegt. Bis in die Anfangszeit des 17. Jahrhunderts hinein hatte das Kloster mit Katastrophen, Religionswirren, mit wirtschaftlichem Niedergang und Zerfallserscheinungen zu kämpfen.

1418 machte ein verheerender Brand den weitgehenden Neubau des Klosters erforderlich. Auch die Verleihung der Pontifikalien im Jahre 1440 durch Papst Eugen IV. zeigte keine Wirkung. Im Engadinerkrieg 1499 entging das Kloster der Brandschatzung, weil es die Bündner als Engadiner Gründung anerkannten. Bei den Bauernaufständen unter Michael Gaismair 1525 wurde das Kloster stark geplündert und vieler seiner Archivstücke beraubt. 1606 wurde die Aufhebung des Klosters erwogen, weil zeitweilig nur mehr ein Mönch dort lebte.

Ein Umschwung gelang erst unter Abt Matthias Lang (1615–1640), der aus der Abtei Weingarten in den Vinschgau kam und als zweiter Gründer des Klosters gilt. Er leitete eine innere Erneuerung ein und ließ Umbaumaßnahmen durchführen. Personelle Probleme gab es nicht, weil aus Deutschland, in dem der Dreißigjährige Krieg wütete, viele Mönche in Marienberg Zuflucht suchten. Unter Abt Jakob Grafinger (1640–1653) wurde die romanische Stiftskirche barockisiert (1642–1647).

Neben ihrer seelsorglichen Tätigkeit hatten sich die Mönche schon seit dem Mittelalter schulischen Tätigkeiten gewidmet. Es wurde Latein und Musik unterrichtet. 1724 wurde vom Kloster aus in Meran ein humanistisches Gymnasium, das Benediktinergymnasium Meran, gegründet, in dem die männliche Jugend Latein und Griechisch erlernen konnte und in den Guten Sitten unterwiesen wurde.

Der Aufhebung unter Joseph II. entging das Kloster nur knapp, gerade dank seiner Unterrichtstätigkeiten. Unter der bayerischen Verwaltung ereilte das Stift 1807 dann doch dieses Schicksal. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde das Kloster in Beschlag genommen, die Mönche ins Stift Fiecht bei Schwaz eingewiesen und das Inventar verschleudert. Auch das Gymnasium in Meran wurde geschlossen.

Neubeginn nach der napoleonischen Zeit mini|Inneres der Klosterkirche Kaiser Franz I. von Österreich ordnete 1816 die Wiedererrichtung des Stiftes Marienberg an, unter der Bedingung, dass der Lehrbetrieb in Meran wieder aufzunehmen sei. Abt Karl Mayr (1816–1855) gelang dies unter schwierigsten Umständen. Das Gymnasium entwickelte sich zu einer wichtigen und anerkannten Bildungseinrichtung. Unter dem Faschismus wurde das Gymnasium in Meran 1928 auf politischen Druck hin geschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Kloster ein fünfklassiges Privatgymnasium eingerichtet, das im Schuljahr 1985/1986 endgültig seinen Betrieb einstellte.

Heute Heute sind Marienbergs Mönche für die umliegenden Dörfer und Pfarreien im Obervinschgau seelsorglich tätig, sie betreuen Klosterwallfahrten und veranstalten Besinnungskurse. Vor allem leben und pflegen sie das benediktinische Erbe der römisch-katholischen Kirche. Zurzeit (Februar 2025) zählt die Abteigemeinschaft sieben Mitglieder: unter einem Abt fünf Patres und einen Frater.

In den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, dem Berghang zugewandt, wurde im Jahre 2007 ein Museum (ora et labora) eröffnet, in dem das historisch, kulturell und religiös wertvolle Vermächtnis des Stiftes auf 300 Quadratmetern Ausstellungsfläche gezeigt wird. Zudem bestehen auf dem Gelände des Stiftes ein Gästehaus (Abt-Hermann-Haus), ein Klosterladen und ein Café (Invito) mit zweigeschossigem Außenbereich. Angeboten werden auch Führungen durch Kirche, Krypta, Schaudepot und Bücherei – ebenso zum frühchristlichen Friedhofskirchlein St. Stephan ob Burgeis.

Die Abtei Marienberg gehört zur Schweizerischen Benediktinerkongregation.

Romanische Fresken mini|Südlicher Engel mini|hochkant|Christus in der Mandorla (Apsiskalotte)