Umschichtung oder auch Berufsumschichtung bezeichnete die Maßnahmen jüdischer Organisationen, Juden, die in den von ihnen bislang ausgeübten Berufen nicht mehr tätig sein durften oder in ihnen keine oder nur noch geringe Fortkommenschance hatten, neue berufliche Zukunftsperspektiven zu vermitteln. Umschichtung bedeutete vor allem die Qualifizierung für landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten.
Zur Definition des Begriffs Umschichtung Der Duden kennt Umschichtung vorwiegend im Zusammenhang mit dem Finanzwesen.Duden: Bedeutung von Umschichtung In dieser Bedeutung ist der Begriff auch im Internet überwiegend geläufig. Es ist meist von „umstrukturieren“, „umgruppieren“, „umschichten“ oder „verlagern“ die Rede, wenn es um Budget-, Etat- oder Depotangelegenheiten geht. In diesen Bedeutungshorizont würde auch die folgende Definition noch passen: „Der Begriff Umschichtung bezeichnet die Umwandlung von materiellen oder immateriellen Werten eines Unternehmens in liquide Form.“Lexikon Förderung: Umschichtung Definitorisch wird „umschichten/Umschichtung“ auch in Zusammenhang mit demographischen Entwicklungen gebraucht: „Die Bevölkerung schichtet sich um (die Struktur der Bevölkerung verändert sich).“ Andere Erklärungen benutzen den Begriff Umschichtung im Zusammenhang mit Veränderungen am Arbeitsmarkt: „Der deutsche Arbeitsmarkt steht mit der bevorstehenden Digitalisierung der Wirtschaft nach Prognosen von Arbeitsmarktforschern vor einer massiven Job-Umschichtung. Zwar würden mit der sogenannten Wirtschaft 4.0 bis 2025 unter dem Strich kaum Arbeitsplätze wegfallen. Hunderttausende von Beschäftigten müssten sich aber beruflich völlig neu orientieren, geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.“Wirtschaft 4.0 führt zu Job-Umschichtung
Näher an die historische Bedeutung des Begriffs kommt eine Definition der Deutschen Rentenversicherung. Sie konstatiert: „Von der Berufsumschichtung waren jüdische Personen betroffen, die ihre Beschäftigung oder Tätigkeit aus Verfolgungsgründen verloren hatten, also zunächst ‚arbeitslos‘ wurden. Diese Berufsumschichtung (auch unter der hebräischen Bezeichnung ‚Hachscharah‘ bekannt) hatte den Zweck, auf manuelle Berufe umzuschulen, weil es mit diesen Berufen eher möglich war, einen neuen Arbeitsplatz zu erhalten; insbesondere boten sich dann aber bessere Auswanderungsmöglichkeiten. Die Berufsumschichtung wurde in verschiedener Weise in Umschichtungsstellen des Handwerks, der Landwirtschaft und der Hauswirtschaft durchgeführt (zum Beispiel auf Bauernhöfen, Gütern, landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Schulen). Die Zeit der Berufsumschichtung ist als weitere verfolgungsbedingte Arbeitslosigkeit anzuerkennen. Dass eine Ausbildung durchgeführt wurde, steht der Annahme von Arbeitslosigkeit nicht entgegen, weil die Berufsumschichtung keine dem vor der Verfolgung angestrebten oder ausgeübten Beruf entsprechende Lebensgrundlage bot.“Berufsumschichtung von Arbeitslosen
Alle diese Definitionen treffen nicht zu oder beschreiben, wie im letzten Fall, allenfalls partiell das, was weiten Teilen der jüdischen Bevölkerung Deutschlands nach 1933 als zwangsweise berufliche Neuorientierung zugemutet wurde. Politisch gewollte Verdrängung aus dem Beruf als „verfolgungsbedingte Arbeitslosigkeit“ zu deklarieren, verweist auf einen verwaltungstechnischen Jargon, der Dolf Sternbergers Aus dem Wörterbuch des Unmenschen näher steht als dem Leiden der Opfer dieser „verfolgungsbedingten Arbeitslosigkeit“.
Sieht man von dem Definitionsversuch der Deutschen Rentenversicherung ab, dann muss man allerdings auch konstatieren, dass der Begriff Umschichtung in Bezug auf eine berufliche Neuorientierung jüdischer Menschen fast ausschließlich als Definition eines Prozesses aus jüdischer Sicht gebraucht wurde: positiv schon vor 1933 aus zionistischer Sicht, und zunächst eher neutral als Konzept einer Anpassung an veränderte politische Verhältnisse. Doch die Bedeutung des Begriffs blieb nicht konstant, sie unterlag einem Wandel je restriktiver die nationalsozialistische Politik gegenüber den Juden wurde und ging letztlich in dem Begriff Hachschara auf, dessen Bedeutungshorizont relativ weit gespannt war: „Ausbildung, Vorbereitung, ‚Umschichtung‘, Vorbereitung für den Weg nach Palästina“.HACHSCHARA LANDWERK AHRENSDORF – Begriffsklärung Ursprünglich allerdings war es ein eher zweistufiges Konzept, das die Begriffe verband: „Umschichtung war die Antwort darauf, dass nach 1933 junge Jüdinnen und Juden zu den meisten Berufen keinen Zugang mehr hatten. Daraufhin wurden Schulungen für landwirtschaftliche und handwerkliche Berufe in geschlossenen jüdischen Ausbildungslagern angeboten. Hachscharah ist hebräisch und bedeutet „Vorbereitung“, meint: Vorbereitung auf eine neue Existenz in Erez Jisrael (= Land Israel).“Der Weg von Kindern und Jugendlichen nach Palästina Diese Zweistufigkeit betont auch Josef Olbrich in seiner Beschreibung des Wandels der Politik des „Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau“:Zur Unterscheidung zwischen „Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau“ und der Reichsvertretung der Deutschen Juden siehe: Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland und Jüdische Selbsthilfe.
Umschichtung und Hachschara spielten auch eine wichtige Rolle in den Bildungsprogrammen vieler Schulen im Exil und der Jüdischen Landschulheime. Anna Essinger formulierte das für die von ihr geleitete Bunce Court School, an der überwiegend jüdische Emigrantenkinder unterrichtet wurden, so: „Wir versuchten von Anfang an, den Kindern klarzumachen, daß ein Universitätsstudium nicht nur schwierig, sondern in einigen Fällen unmöglich wäre, aber selbst wo es finanziell möglich war, hielten wir es für unklug, sich in dieser Weise zu spezialisieren. Unser Leben in der Schule ließ sie erkennen, daß man auch an anderen Tätigkeiten Freude finden kann.“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943). In: Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. Die Verdrängte Pädagogik nach 1933. rororo, Reinbek 1983, ISBN 3-499-17789-7, S. 81–82.
Auf universitäre Berufsperspektiven zu verzichten, mussten jedoch nicht nur junge Jüdinnen und Juden, sondern nach 1933 immer mehr auch Erwachsene.
Umschichtung als zionistisches Konzept vor 1933 Im Jahre 1934 veröffentlicht der Autor Fritz Friedländer den Aufsatz „Der Kampf um die preußische Judenemanzipation im Jahre 1833“. Darin wird für eine Entwicklung im frühen 19. Jahrhundert der Begriff Umschichtung verwendet: „Seit dem Erwachen des Emanzipationskampfes haben die Juden Staunenswertes geleistet, um die Emanzipation zu verdienen. Die Eigenschaften, die man an ihnen tadle, seien nichts weiter als die Reaktion auf die Unterdrückung. Die berufliche Umschichtung der jüdischen Jugend ist im vollen Gange. Sie kehrt sich vom Schacherhandel ab und wendet sich manchenorts dem Handwerke zu. Demnach ist als Tatsache festzuhalten, dass der Geist der Juden im allgemeinen auf einer Stufe steht, die Achtung gebietet, und jeder voreiligen Anschuldigung die Stirn bieten darf.“Fritz Friedländer: Der Kampf um die preußische Judenemanzipation im Jahre 1833. Es ist jedoch schwer zu sagen, ob der von Friedländer benutzte Begriff tatsächlich schon in den 1830er Jahren gebräuchlich war, oder ob der Autor den Begriff aus seinem Zeitverständnis heraus für die Beschreibung einer früheren Entwicklung benutzte. In den 1930er Jahren jedenfalls war der Begriff Umschichtung längst bekannt und gehörte, lange bevor die nationalsozialistische Politik Umschichtung zu einer Überlebensnotwendigkeit für Juden in Deutschland werden ließ, zum Konzept zionistischer Bestrebungen. Ein Beispiel hierfür liefert der jüdische Jugendbund Blau-Weiß: „Im Blau-Weiß-Bund wurden nach der Balfour Erklärung 1917, die das Recht der Juden auf den Aufbau einer »nationalen Heimstätte« in Palästina verbriefte, Berufsumschichtung, landwirtschaftliche Ausbildung und Einwanderung in Palästina zur bestimmenden Zielsetzung. In Halbe bei Potsdam und auf dem Markenhof bei Freiburg im Breisgau schufen Blau-Weiße Lehrgüter für die Hachschara, so hieß die landwirtschaftliche und handwerkliche Pionierausbildung als Vorbereitung auf die Arbeit in Palästina. […] Die ersten Unternehmungen des Blau-Weiß in Palästina scheiterten, fast die Hälfte der 977 Auswanderer kehrte wieder nach Deutschland zurück. Grund war die gesellschaftliche Isolation der landsmannschaftlich organisierten Gruppen und Zwistigkeiten mit der Gewerkschaft Histadrut. Mit dem Ende der Projekte in Palästina war dann auch das Ende von Blau-Weiß in Deutschland besiegelt.“Ulrike Pilarczyk: Gemeinschaft in Bildern. 2009, S. 44. Zionistische Umschichtungskonzepte waren damit nicht obsolet geworden; sie erfuhren ihre Renaissance nach 1933.
Umschichtung als notwendige Folge nationalsozialistischer Politik Umschichtung als zionistisches Konzept war nach dem Scheitern des Verbandes Blau-Weiß keineswegs vom Tisch, doch wurde sie zunächst vor einer veränderten politischen Situation in Deutschland zu einer Notwendigkeit. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 und der am 7. April 1933 erfolgten Verabschiedung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums durften Tausende Beamte, darunter sehr viele Hochschulangehörige, Lehrer und Juristen sowie angehörige selbständiger Berufe wie Notare oder Patentanwälte, ihren Beruf nicht mehr ausüben. In einem Leitartikel für die in Paris erschienene erste Ausgabe der Zeitschrift Der Ausweg. Monatschrift für Umschichtung, Wanderung, Siedlung sprach James Grover MacDonald, Hoher Kommissar für Flüchtlingsfürsorge beim Völkerbund und späterer erster US-amerikanischer Botschafter in IsraelAdvocate for the Doomed: The Diaries and Papers of James G. McDonald, 1932–1935 in diesem Zusammenhang von der Zerrüttung jüdischer Existenzen in Deutschland und unterstrich die Notwendigkeit der Juden, ihre Kinder zu ihrer Hände Arbeit zu erziehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ihr Leben in neuem Milieu, unter neuen Verhältnissen, zu verdienen. Sei es Palästina, sei es ein anderer Weltteil, wo sie sich niederlassen wollen, sei es, dass sie in Europa bleiben wollen, in jedem Fall sind sie sich darüber im klaren, dass sie als Bauern oder als industrielle Arbeiter weit eher ihr Brot finden können, denn als Aerzte, Rechtsanwälte. Kaufleute oder kleine Angestellte.Der Ausweg. No. 1, November 1934. MacDonald sah aber auch, dass dies vor dem Hintergrund der jüdischen Geschichte keine leichte Aufgabe war: „Jahrhundertelang waren die Juden unter den härtesten Verhältnissen gezwungen, ein Stadtvolk zu werden. Ihr Beschäftigungsfeld war begrenzt. Sie durften sich nicht der Landwirtschaft widmen, und auch viele freie Berufe waren ihnen verschlossen. Erst im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde ihnen der Weg zu diesen Berufen freigegeben.“