Harm Paulsen (* 19. Oktober 1944 in Lübeck; † 25. August 2026 in Schleswig) war ein deutscher Experimentalarchäologe und Archäotechniker.

Leben und Wirken Nach dem Besuch des Katharineums zu Lübeck absolvierte er bis 1964 eine Ausbildung zum Elektrotechniker und verpflichtete sich anschließend bei der Bundesmarine als Radartechniker. Als er während eines Rettungseinsatzes im Skagerrak schwer verletzt wurde, quittierte er den Dienst. An den gesundheitlichen Folgen des Unfalls litt er noch mehrere Jahrzehnte.

1968 wechselte er auf Vermittlung von Karl Wilhelm Struve an das damalige Landesamt für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig auf Schloss Gottorf, das heutige Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein, wo er zunächst als Grabungstechniker, dann als Zeichner für Publikationen und die archäologische Landesaufnahme tätig war. Von 1985 bis zu seinem Ruhestand 2009 war Paulsen am Archäologischen Landesmuseum Schleswig-Holstein angestellt, wo er sich auch hauptamtlich verstärkt mit Rekonstruktionen und Öffentlichkeitsarbeit beschäftigen konnte.

Als Autodidakt eignete sich Paulsen ein breites Spektrum urgeschichtlicher Handwerkstechniken an. Neben der Schlagtechnik von Feuersteingeräten und der Bearbeitung von Felsgestein befasste er sich mit der Herstellung von Keramik und Bernsteinschmuck, der Bearbeitung von Knochen und Geweih sowie mit der Verarbeitung von Kupfer, Bronze und Eisen. Seit Mitte der 1970er Jahre wirkte er regelmäßig im Steinzeitdorf des dänischen Freilichtmuseums Hjerl Hede, wo er Rekonstruktionen praktisch erprobte und prähistorische Handwerkstechniken öffentlich vorführte. Repliken seiner archäologischen Objekte und zugehörige Erläuterungen wurden in der von Mamoun Fansa 1990 initiierten Ausstellung Experimentelle Archäologie in Deutschland im Staatlichen Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Oldenburg gezeigt. Die erfolgreiche Ausstellung gastierte im Anschluss 14 Jahre lang in 30 europäischen Städten, wo sie von etwa einer halben Million Besuchern gesehen wurde.

Die von Paulsen zusammen mit Ulrich Stodiek entwickelte Ausstellung „Mit dem Pfeil, dem Bogen … – Technik der steinzeitlichen Jagd“ entstand 1996 für das Staatliche Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Oldenburg und wurde ebenfalls jahrelang als Wanderausstellung gezeigt. Später wirkten beide maßgeblich an der Wanderausstellung „Fleisch – Jäger, Fischer, Fallensteller in der Steinzeit“ mit.

In seiner Heimatstadt Schleswig war er an der Gründung der Wikinger-Truppe „Opinn Skjold“ beteiligt, einer der angesehensten und ältesten Living-History-Gruppen Deutschlands. Paulsen initiierte außerdem die rekonstruktive Restaurierung der neolithischen Megalithanlage von Waabs-Karlsminde und leitete weitere Grabrekonstruktionen in Mildstedt, Langholz, Goosefeld und Molfsee.

Ein weiterer fachlicher Schwerpunkt lag auf prähistorischen Bögen und Pfeilen; 1998 veröffentlichte er eine Untersuchung der eisenzeitlichen Bogen- und Pfeilfunde von Nydam. Nach der Entdeckung der Gletschermumie Ötzi fertigte Paulsen funktionsfähige Nachbildungen von dessen Ausrüstung an und beteiligte sich an ihrer wissenschaftlichen Interpretation. Die unter anderem auf Paulsen zurückgehende Hypothese, dass die beiden schussbereiten Pfeile von unterschiedlichen Personen gefertigt worden waren, wurde durch eine 2018 veröffentlichte Untersuchung gestützt.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Film- und Fernsehproduktionen (Auswahl) Paulsen wirkte als Fachberater, Darsteller beziehungsweise Studiogast an mehr als 100 Film- und Fernsehproduktionen mit.

1989: Vom Baum zum Einbaum (Dokumentarfilm von Kurt Denzer) – Dokumentation von Paulsens Nachbau eines wikingerzeitlichen Einbaums 1994: Löwenzahn: Peters Reise in die Steinzeit – als Steinzeitforscher 1997: mittendrin, Folge „Nährstoffe“ – als Steinzeitmensch 1998: Ötzi – Der Mann aus dem Eis (SPIEGEL-TV-Dokumentation von Tillmann Scholl) – als er selbst 1998: Tigerenten Club, Folge 120 – Gast mit seiner Wikingergruppe 2002: Tabaluga tivi, Folge 271 – Studiogast als Experimentalarchäologe 2002: FOCUS TV: Kriminalfall Ötzi ungelöst – Forscher glauben jetzt an einen Ritualmord in den Alpen – als Experimentalarchäologe 2003: Der Schlitten der Steinzeit – Transport eines Megalithen (Kurzfilm) – Drehbuch und Mitwirkung 2005: Der Aalstecher (Kurz-Dokumentarfilm von GeoTV Kiel) – Demonstration eines steinzeitlichen Fischfanggeräts 2005: Digging for the Truth: The Iceman Cometh – als ExperimentalarchäologeDigging for the Truth: The Iceman Cometh. History Channel, Staffel 1, Folge 6, 2005, ab 22:34 Min. 2007: Steinzeit – Das Experiment – Experte und Ausbilder der Teilnehmenden 2007: Tigerenten Club: Steinzeitfamilie, Folge 594 – Studiogast 2009: Terra X: Atlantis – Das Geheimnis der Eiszeitjäger – als er selbst 2011: Planet Wissen: Archäologie – Auf den Spuren unserer Ahnen – Studiogast 2012: Kopfball, Folge 141 – Rekonstruktion mittelalterlicher Brandpfeile 2013: Planet Wissen: Wie Gunter Schöbel die Steinzeit wieder auferstehen lässt – Studiogast 2018: Terra X: Die Reise der Menschheit – Der Aufbruch – als Archäotechniker 2022: Terra X: Ungelöste Fälle der Archäologie – Verlorene Techniken 2025: Pfeil sucht Bogen – das Ahrensburger Steinzeitexperiment (Kurz-Dokumentarfilm) – Rekonstruktion eines Bogens der Ahrensburger Kultur

Ehrungen 2008 – Verdienstorden des Landes Schleswig-Holstein als Gründer und Vorsitzender des Wikingervereins Opinn-Skjold e. V.Impressum des Vereins; abgerufen am 29. Dezember 2017. 2010 – Silberne Halbkugel des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz als „Vorreiter der Experimentalarchäologie in Deutschland“.2010 Silberne Halbkugel. Harm Paulsen auf dnk.de; abgerufen am 29. Dezember 2017. 2011 – Deutscher Archäologiepreis der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte.

Sonstiges Paulsen erwähnte in seinen Vorträgen häufig, dass er auf 43 verschiedene Arten Feuer machen kann.

Literatur

Weblinks Harm Paulsen: Zwischen Ötzi und den Wikingern. auf shz.de

Einzelnachweise

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