mini|Erste der „sieben Todsünden“: Hochmut

Unter Hochmut (; altgriechisch αλαζονεία ; ), auch Anmaßung, Überheblichkeit und Arroganz oder Prätention genannt, wird das Auftreten von Personen verstanden, die ihren Wert, ihren Rang oder ihre Fähigkeiten unrealistisch hoch einschätzen.

Seit seiner Entstehung in der biblischen Zeit hat das Wort ‒ parallel zur Weiterentwicklung des Menschenbildes ‒ einen beständigen Bedeutungswandel durchlaufen.

Etymologie Das Wort geht auf das althochdeutsche Hohmuot zurück. Muot bedeutete ursprünglich so viel wie Stimmung, Hohmuot drückte somit eine hohe Stimmung oder edle Gesinnung aus. Später diente das Wort als Lehnübersetzung des lateinischen superbia. Eine vergleichbare Bedeutung des umfassenden Begriffes Hochmut hat das Wort Arroganz. Etymologisch betrachtet ist es eine seit dem 14. Jahrhundert belegte Entlehnung aus lat. arrogantia. Dem Wort liegt das lat. Verb ar-rogare zugrunde, das im übertragenen Sinne die Bedeutung von sich anmaßen erhalten hat. Deswegen wird Arroganz auch mit dem Wort Anmaßung übersetzt.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma Arroganz. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es für Arroganz folgende lexikalische Bedeutungen: Anmaßung, Hochmut, Dünkel.Brockhaus: Konversationslexikon. Vierzehnte vollständig neubearbeitete Auflage. Brockhaus, Leipzig 1895, Bd. 1, Lemma Arrogant. Und zu diesem Bedeutungskreis gehört auch der Standesdünkel.

Zu dem Substantiv Arroganz ist um 1700 infolge eines französischen Einflusses das Adjektiv arrogant aufgekommen. Die deutsche Übersetzung für das französische Wort lautet dünkelhaft, überheblich, eingebildet.Duden: Das Fremdwörterbuch. Mannheim 2007, Lemma arrogant. Das deutsche Adjektiv dünkelhaft ist abgeleitet vom Wort dünken, wonach – im übertragenen Sinne – etwas den Anschein hat.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma dünken. Wenn es sich beim Anschein beispielsweise um eine Fehleinschätzung eigenen Könnens und eigener Kompetenzen handelt, dann kann bei einer Person eine Form von Selbstüberschätzung vorliegen. Diese Verhaltensweise eröffnet möglicherweise andere Problemfelder, die unter den Begriffen Anstand, Höflichkeit, Eitelkeit, Narzissmus und soziale Distanz dargestellt werden. Eine extreme Form der Selbstüberschätzung wird Hybris genannt.

Die neue Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel verzeichnet unter dem Begriff Stolz folgende WörterFranz Joseph Schierse: Neue Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel. Neu bearbeitet und erweitert von Winfried Bader. 5. Auflage. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1996, S. 1587.: Anmaßung; Hochmut, hochmütig; Hoffart; Überheblichkeit, überheblich; Übermut, übermütig; Vermessenheit, vermessen.

Zitat

Begriffsgeschichte Judentum Bereits im Alten Testament finden sich zahlreiche Textstellen, in denen der Hochmut gebrandmarkt wird. Der bekannteste Satz steht in den Sprüchen Salomos: . Hebräisch גָּאוֹן (ga’on) und latein. superbia werden als „Hochmut“, „Hoffart“, „Selbstüberhebung“, „Stolz“ und „Arroganz“ übersetzt. Das Alte Testament stellt unmissverständlich klar, dass allein Gott groß ist: .Zitiert nach: Franz Xaver Himmelstein: Predigten auf alle Sonn- und Festtage des ganzen Jahres, 4. Band, G. Joseph Manz, Regensburg 1852, S. 64 (). .

Griechische und römische Antike Aristoteles hat in seiner Nikomachischen Ethik das Konzept der megalopsychia (μεγαλοψυχία; „Hochsinn“, „Großgesinntheit“, „Seelengröße“) entwickelt, des angemessenen Selbstbewusstseins und des berechtigten Stolzes. Aristoteles hielt die Megalopsychia für eine bedeutende Tugend und behielt diesen Begriff Personen vor, die großer Dinge würdig seien. Megalopsychia ist die Selbstwertschätzung des Menschen, der sich in seinem Streben nach ethischen Tugenden für ehrenwert erachten kann.Martin Doehlemann: Mut zum Stolz und Hochmut. Bedingungen einer höheren Kultur. Lit Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-643-11397-9, S. 59 (). Wer nur kleiner Dinge würdig sei und dies realistisch einschätze, sei nicht großmütig, sondern lediglich besonnen. Wer sich tiefer stelle, als ihm zustehe, sei „kleinmütig“. Den umgekehrten Fall markiert die chaunótēs (χαυνότης; „Torheit“, „Stolz“, „Aufgeblasenheit“): „Wer sich großer Dinge für würdig hält, ohne es zu sein, ist aufgeblasen“.Nikomachische Ethik, Kapitel 46

Drei Jahrhunderte später stellte Cicero die Magnanimitas („Hochherzigkeit“, „Seelengröße“) neben die Tapferkeit (fortitudo) und erklärte diese Verbindung zur Kardinaltugend, besonders zur Tugend des guten Staatsmannes. Ihre Kennzeichen seien der Einsatz für das sittlich Gute, die Sorge für Mitmenschen und Gemeinwesen, die Geringschätzung äußerer Werte (besonders des Geldes) und Gleichmut, mit der die wunderlichen Wirren des Schicksals ertragen werden. Die Magnanimitas ist also im starken Gegensatz zum Hochmut zu sehen. Unbescheidenheit beschrieb Cicero als eine Degenerationsform von Hochsinn: Im ersten Jahrhundert n. Chr. hat Seneca auf eine weitere Stärke der Magnanimitas hingewiesen: Sie mache den Menschen widerstandsfähig gegen äußere Angriffe; ein hochherziger Mensch werde niemals der Meinung sein, dass ihm eine Schmähung zugefügt werde.Seneca: De constantia sapientis. Zitiert nach Klaus-Dieter Nothdurft: Studien zum Einfluss Senecas auf die Philosophie und Theologie des zwölften Jahrhunderts. E. J. Brill, Leiden / Köln 1963, S. 84 ().

Der bereits bei Homer gebräuchliche Begriff der Hybris bezeichnete, wie Walter Arnold Kaufmann aufgewiesen hat, weder ein Laster noch ein Gefühl, sondern den frevelhaften Charakter einer Handlung, und hat mit Hochmut insofern nur indirekt zu tun.Walter Arnold Kaufmann: Tragödie und Philosophie. J.C.B. Mohr/Paul Siebeck, Tübingen 1980, ISBN 3-16-942682-6, S. 75.

Frühes Christentum mini|Fall der Laster, Klosterkirche Fürstenzell (Niederbayern)

Das christliche Neue Testament führte die jüdische Lehre zunächst geradlinig fort: . Hochmut ist die Weigerung des Menschen, die Herrschaft anderer (und sei es die Herrschaft Gottes) über sich anzuerkennen. Als – vermutlich von Euagrios Pontikos ausgehend – im 4. und 5. Jahrhundert die christliche Achtlasterlehre entstand, war der Hochmut von Anfang an Teil davon. Während Johannes Cassianus den Hochmut um 420 aber noch als das geringste Laster der acht Hauptlaster eingestuft hatte, stellte Gregor I. den Hochmut im 6. Jahrhundert an die Spitze.Willemien Otten: The Texture of Tradition. In: Irene Backus (Hrsg.): The Reception of the Church Fathers in the West. From the Carolingians to the Maurists. Band 1, Brill Verlag, Leiden / New York / Köln 1996, ISBN 90-04-09722-8, S. 30, ().

Beeinflusst war diese Neubewertung von Augustinus, der den Hochmut unter anderem in seinem Hauptwerk De Trinitate als das verwerflichste Laster bezeichnet hatte."Die Tugenden der Römer waren glänzende Laster." Kurt Flasch: Augustin. Einführung in sein Denken. Reclam, Stuttgart 2. A. 1994, S. 389. Gegenüber dem alttestamentlichen Konzept vom Hochmut als Aufbegehren gegen den Machtanspruch Gottes vertrat Augustinus freilich einen verfeinerten Begriff, der die christliche Erlösungslehre inkorporiert hatte: Der Hochmütige begehrt gar nicht so sehr gegen Gott auf, aber er glaubt sich aus eigener Kraft entsündigen zu können. Weil er sich damit der Erlösung durch den Heiland Jesus Christus zu entziehen sucht, die das Fundament der christlichen Lehre bildet, befindet er sich zum göttlichen Gesetz im maximalen Widerspruch.Burghard Meyer-Sickendiek: Affektpoetik. Eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3065-6, S. 150f (); Augustinus: De trinitatis, 4. Buch

Mittelalter mini|Gott (= Löwe) bestraft den Hochmut des Menschen (= Soldat) – San Pietro fuori le mura (Spoleto)

Im Mittelalter wurde die Magnanimitas in Teilen der Kultur erneut aufgewertet und erhielt vorübergehend etwas von dem Glanz zurück, den sie in der Antike besessen hatte.

Einen Beitrag dazu leistete im 13. Jahrhundert Thomas von Aquin, der sich um eine Versöhnung des christlichen Denkens mit dem der Griechen bemüht hat. Thomas stand zwar in der Tradition Augustinus’ und hielt ‒ mit Jesus Sirach 10.15 ‒ den Stolz (superbia) für den Ursprung aller Sünde. Das Fundament für das christliche Stolzverbot erblickte er in den Zehn Geboten, von denen bereits die ersten vor allem den einen Zweck verfolgen: den Menschen dem Willen Gottes zu unterwerfen, damit er Gottes Gesetz erfülle.Thomas von Aquin: Summa theologica, 2. Teil, Quaestio 170, 2. Artikel Andererseits unterschied Thomas klar zwischen superbia und der aristotelischen magnanimitas (Hochherzigkeit), wobei er der Hochherzigkeit nunmehr eine christliche Deutung verlieh: Ein Mensch, der hochherzig eine Tugend umzusetzen suche, könne ‒ wenn er sich seiner eigenen Mängel bewusst ist ‒ gleichzeitig Demut empfinden. Hochherzigkeit und Demut bilden insofern keinen Gegensatz.Thomas von Aquin: Summa theologica, 2. Teil, Quaestio 129, 3. Artikel

Im Mittelhochdeutschen erschien ‒ als Lehnübersetzung der Magnanimitas ‒ erstmals das Wort hôchmuot. Der Wortbestandteil -muot bzw. -mut bedeutet hier „Gemüt“ und „Gemütszustand“. Die Wortbildung erfolgte nach demselben Muster wie bei den Wörtern Übermut, Schwermut oder Wankelmut.

Die aristokratische Ritterkultur des süd- und mitteldeutschen Raumes verdrängte diesen mit Sündhaftigkeit behafteten Terminus jedoch bald und setzte an seine Stelle den hôhen muot, also die freudige Lebenserhöhung, das Selbstwertbewusstsein und das Streben nach hohen Dingen, als dessen Motor nicht zuletzt die Hohe Minne fungierte. Der Hohe Mut ‒ eine Wiederbelebung der antiken Magninimitas, der beherrschten Selbstachtung ‒ war ein rein adliges Privileg.; Martin Doehlemann: Mut zum Stolz und Hochmut. Bedingungen einer höheren Kultur. Lit-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-643-11397-9, S. 60.

Als die Ritterkultur im 14. und 15. Jahrhundert an Bedeutung verlor, trat in der Literatur an die Stelle des „Hohen Mutes“ erneut das Konzept des sündhaften Hochmuts.Martin Doehlemann: Mut zum Stolz und Hochmut. Bedingungen einer höheren Kultur. Lit Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-643-11397-9, S. 60.

Frühe Neuzeit Martin Luther übersetzte das lateinische Magnanimitas 1545 noch als „stolzer Mut“.Sprichwörter, 16.18, Ausgabe von letzter Hand

Wertung der römisch-katholischen Kirche Für die römisch-katholische Kirche ist Stolz (so der Weltkatechismus, KKK 1866) resp. Hochmut, Hoffart oder Überheblichkeit, lat. superbia, die erste der sieben Hauptsünden oder, bei Thomas von Aquin, eine Wurzelsünde noch über den Hauptsünden (Thomas listet bei den letzteren stattdessen die verwandte Eitelkeit).S. th. II/II 132 und 162. Stolz ist nach Thomas „ein ungeordnetes Streben nach eigenem Herausragen“.S. th. II/II 162 II. Nach St. Gregor kommt Stolz in vier Formen vor:

das Gute, das man besitzt, sich selbst zuzuschreiben; es zwar auf Gott zurückführen, aber auf Rechnung der eigenen Verdienste setzen; sich Vorzüge beilegen, die man nicht besitzt; Vorzüge, die man besitzt, mit Selbstgefälligkeit und Verachtung anderer hervorkehren.Moralia XXIII 7.

Dagegen ist Selbstachtung ebenso wie die Achtung des Mitmenschen eine positive Pflicht, bestehend „in der richtigen Schätzung dessen, was wir an uns und anderen finden, und in der aufrichtigen Anerkennung des Wertes oder Unwertes desselben, verbunden mit dem Wunsche und Bestreben, das Wertvolle und Würdige zu erhalten und zu schützen, das Unwürdige aber zu entfernen.“Ferdinand Elger, Lehrbuch der katholischen Moraltheologie § 245, Leitmeritz 1851, dem auch die Übersetzung aus Gregors Moralia entnommen ist.

Sozialgeschichtliche Perspektive