Die Geschichte der Medizin im Altertum ist die Geschichte der Heilkunde der alten KulturvölkerPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 1–13 (Heilkunde der alten Kulturvölker). und kann unterteilt werden in Medizin im Alten Ägypten (etwa 3000–332 v. Chr.), Medizin des Zweistromlandes (zwischen 5000 und 538 v. Chr.), die altjüdische Medizin des Judentums (etwa 1220 v. Chr. bis 70 n. Chr.), und die antike Medizin im antiken Griechenland (etwa 3000 v. Chr. bis 2. Jahrhundert v. Chr.) und im Römischen Reich (etwa 800 v. Chr. bis 400 n. Chr.) Zudem gab es eine Medizin der alten Perser (etwa 1000–300 v. Chr.), die Medizin Altindiens (zwischen 5000 und 500 v. Chr.), Altchinas (etwa zwischen 1800 v. Chr. und 220 n. Chr.) und des alten Japans (660 v. Chr. bis 8. Jahrhundert n. Chr.) sowie die Heilkunde der Kulturvölker Altamerikas und die des germanisch-keltischen Altertums (etwa 2000 v. Chr. bis 400 n. Chr.)Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 1–14. Die Medizin des antiken Griechenlandes kann als Wiege der europäischen Medizin angesehen werden: Die medizinischen Schriften der Antike wurden ab dem 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzt und bildeten nach dem Ausklang der antiken Medizin (etwa 400 bis 800 n. Chr.)Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 17. die Grundlage der Medizin in der mittelalterlichen islamischen Welt. Ab dem 12. Jahrhundert wurden die Schriften der islamischen Ärzte – wie Avicenna oder Rhazes – von europäischen Autoren wie beispielsweise Gerhard von Cremona wiederum ins Lateinische übersetzt und beeinflussten die medizinische Lehre noch bis ins 17. Jahrhundert hinein.
Medizin im Zweistromland (Mesopotamien) mini| Die mesopotamische Medizin ist insbesondere in von Sumerern, Babyloniern und Assyrern verfassten Texten überliefert. Die ersten erhaltenen Zeugnisse der Medizin aus Sumer, Beschwörungen gegen Tierbisse sowie gegen Krankheiten bei Mensch und Tier, entstanden um 2700 v. Chr.Stefan Maul, Wolfhart Westendorf: Erste Medizinkonzepte zwischen Magie und Vernunft. In: H. Schott (Hrsg.): Die Chronik der Medizin. Chronik-Verlag, Dortmund 1993. S. 16–33 (online). Wenig später werden Ärzte erstmals erwähnt und 2100–2000 v. Chr., der 3. Dynastie von Ur, entstanden therapeutische Anweisungen für Breiumschläge und Arzneien zur innerlichen und äußerlichen Anwendung, die bereits komplett frei von Magie waren. Dennoch wurden auch um 1800 v. Chr. noch Behandlungen von Ärzten und Beschwörern gemeinsam vollzogen. (Neben hochangesehenen Priesterärzten, die sich vorwiegend als „Internisten“ betätigten, gab es den Berufsstand der Heiler, denen eher praktische chirurgische Tätigkeiten oblagenCarl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildung und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 8 f. (Babylon und Assyrer).). Bei Opferschauen übernahm ein Seher die Leberschau und andere divinatorische Verfahren. Dadurch wurden detaillierte Kenntnisse der Anatomie vor allem des Schafes gewonnen, das Innere des menschlichen Körpers jedoch blieb verschwommen.
Krankheit wurde oft als Besessenheit von Dämonen und bösen Geistern interpretiert, BabMed – Babylonische Medizin, Freie Universität Berlin. die Epilepsie galt als Wirken eines Utukku-Dämons (vgl. Alû). Die Kindersterblichkeit und das Kindbettfieber führte man auf Lamaštu zurück. Aus allen Epochen der Keilschriftkultur sind zahlreiche Tafeln mit Beschwörungen und exorzistischen Ritualen überliefert.
Besonders aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. sind sehr viele medikamentöse Therapien überliefert, die zur Zeit der Aufzeichnung zum Teil bereits über tausend Jahre alt waren. Die meisten stammen aus der assyrischen Hauptstadt Aššur und in Form von Keilschrifttexten des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus der Bibliothek von König Aššur-bāni-apli (bekannt als Assurbanipal)Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 2. in Ninive. Erhalten sind Tausende Rezepte, die oft auch Symptome, den Namen der Krankheit und die Heilanzeige sowie Angaben zur Herstellung der Arzneien und die Art der Anwendung enthalten. Arzneidrogen aus Pflanzen, Tieren, aber auch Mineralien wurden mit Bier, Wein, Milch, Öl oder Wasser vermischt. Manche Drogen wurden auch einfach dem Essen beigegeben oder zu Pillen verarbeitet. Ebenso kannte man Pflaster und Verbände, Salben auf Basis von Talg, Butter und Öl, Tampons und Zäpfchen, Klistiere, Räucherungen sowie Dampfbäder und Gurgelmittel. Für Aussehen und Wirkung der Drogen gab es umfangreiche, übersichtlich aufgebaute Nachschlagewerke. Ein erhaltenes Nachschlagewerk zur Diagnose, bestehend aus 40 Tontafeln, enthält mehrere tausend Einträge.
In Babylonien wurde die Tätigkeit der Ärzte, nicht aber der Beschwörer, von Gesetzen reguliert. Sie enthielten Richtlinien für die Entlohnung nach Operationen, aber auch Sanktionen gegen Ärzte, die während der Operation den Tod eines Patienten verursachten. Der Codex Hammurapi aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. (um 1700 v. Chr.), neben den Keilschrifttexten auf Tontäfelchen und Siegeln die früheste Quelle zur Babylonischen Medizin,Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 1990; 3., überarbeitete Auflage ebenda 1998, S. 39. enthält neun Paragraphen§ 215–223. (von insgesamt 282), die medizinische Themen (insbesondere Chirurgie) behandeln. So musste der behandelnde Arzt auch Strafe zahlen, wenn er bei Operationen im Schädelbereich ein Auge des Patienten verletzt hatte.Martha Haussperger: Gab es vor Hippokrates bereits eine empirische Medizin in Vorderasien? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 17, 1998, S. 113–128; hier S. 125. Da in der mesopotamischen bzw. babylonischen Medizin Krankheiten unter anderem auf das Wirken von Göttern und Dämonen sowie auf schwarze Magie zurückgeführtMartha Haussperger: Mesopotamische Medizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 974–979; hier: S. 974. wurde, bestand eine Haupttätigkeit der Heilkundigen darin, magische Handlungen durchzuführen, insbesondere auch herauszufinden, welcher Dämon für die betreffende Erkrankung ursächlich ist und eine Beschwörung desselben durchzuführen bzw. zu veranlassen.Benedikt Ignatzek: Krankheitsdämon. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 803 f.
Eine der wichtigsten Heilgötter war Ištar. In Hanilgabat war die schwarze Šauška berühmt,I. Wegner: Gestalt und Kult der Istar-Sawuska in Kleinasien. Alter Orient Altes Testament 36. Neukirchen-Vluyn 1981. eine Statue dieser Gottheit wurde von den Mittani-Königen Šuttarna II. und Tušratta sogar nach Ägypten gesandt, als Amenophis III. erkrankte.
Beruhend unter anderem auf mesopotamischer und ägyptischer Medizin, deren ärztliche Vertreter zur Krankenbehandlung hethitischer Herrscher hinzugerufen wurden, zeigte auch die in Anfang des 20. Jahrhunderts gefundenen Keilschrifttexten belegte Hethitische Medizin eine gewisse Eigenständigkeit.Kamal Sabri Kolta, Ahmet Ünal: Hethitische Medizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 586–590.C. Burde: Hethitische medizinische Texte. Wiesbaden 1974 (= Stud. Bogazköy-Texten, 19).
Ägyptische Medizin
Die ersten Zeugnisse verfeinerter Medizin stammen aus Ägypten. Bereits um das Jahr 2600 v. Chr. waren die Ägypter in der Lage, erste chirurgische Messer aus Kupfer herzustellen, die zu kleineren Operationen wie Beschneidungen verwendet werden konnten. Diese zu der Zeit übliche Praxis wurde vermutlich von den Juden oder Arabern übernommen. Im Smith-Papyrus, einer Textsammlung über Chirurgie, deren überlieferte Kopie um etwa 1700 v. Chr. entstand, deren Originalfassung aber vermutlich 1000 Jahre früher verfasst wurde, ist außerdem die Verwendung von feinen Kupfernadeln zum Nähen von Wunden und die Desinfizierung mit Honig beschrieben. Ärzte waren zumeist Priester. An einer Mumie aus der 5. Dynastie (ca. 2500 v. Chr.) fand man eine wirksame Schiene für ein gebrochenes Schienbein. Eine weitere Auflistung medizinischer Erkenntnisse findet sich im Papyrus Ebers aus dem Jahre 1550 v. Chr., dessen Inhalt jedoch hauptsächlich aus einer Auflistung von magischen Getränken sowie Zaubersprüchen besteht.
In Ägypten weit verbreitete Krankheiten waren vor allem die Pest, Bindehautentzündung (was vor allem durch feinen Sand und Staub sowie das Fehlen von ausreichender Hygiene bedingt war und in vielen Fällen zu Blindheit führte), Hepatitis und Wurmerkrankungen. Ein weiteres Problem war, dass sich die Zähne der Ägypter aufgrund von Sand in der Nahrung und Steinabrieb beim Mahlen von Getreide übermäßig abnutzten. Die ägyptischen Ärzte fertigten bereits (Zahn-)Prothesen an, die sie mit Goldbändern befestigten.
Die altägyptischen Ärzte besaßen des Weiteren auch anatomische Kenntnisse. So wussten sie über die Wichtigkeit des Herzens, hatten aber kein Wissen vom Blutkreislauf. Da sie erkannten, dass ein Mensch ohne Herz nicht lebensfähig war, fassten sie das Herz als Sitz der Intelligenz und Seele auf. Das Herz war folgerichtig das einzige Organ, das bei der Mumifizierung nicht entnommen wurde. Auf dieser Praktik gründete sich das anatomische Wissen der Ägypter, da für die Mumifizierung der Körper geöffnet wurde und so Erkenntnisse über den menschlichen Körperbau gewonnen werden konnten.
Die größte Verehrung als Arzt erfuhr Imhotep, ein Gelehrter am Hof des Pharaos Djoser. Imhotep wurde in späteren Zeiten die Begründung der ägyptischen Medizin nachgesagt. Auch soll er die Technik der Mumifizierung weiterentwickelt haben, in dem er die inneren Organe der Toten entnehmen ließ, um sie in speziellen Gefäßen, den Kanopen, aufzubewahren. In der ägyptischen Spätzeit, im „Neuen Reich“, wurde er unter anderem auch als Gott des Heilwesens verehrt und die Griechen erkannten in ihm ihren Heilgott Asklepios und nannten ihn Imuthes. Allerdings sind die ihm zugeschriebenen medizinischen Errungenschaften nicht zeitgenössisch nachgewiesen und vermutlich über Jahrhunderte in der Legendenbildung gewachsen.
Medizin in der Bibel Das Alte Testament enthält Gesundheitsvorschriften, die zwischen dem achten und dem dritten Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben wurden. Krankheit, insbesondere durch Altersschwäche oder Verwundungen nicht erklärbare, wurde angesichts der monotheistischen Konzeption des Gottesbildes bzw. auf Grund der „Alleinursächlichkeit“ des Gottes Jahwe als Strafe Gottes und nicht (mehr) dämonologisch verursacht betrachtet (Erst im Neuen Testament wird Krankheit auch wieder auf Dämonen zurückgeführt).Hermann-Josef Stipp: Bibel. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 173–175. Kleriker waren mehr mit der Kontrolle der Einhaltung der Gesundheitsvorschriften als mit tatsächlicher Heilung beschäftigt. Regelungen, die Reinlichkeit, Sanitäranlagen und Abfallentsorgung betrafen, entsprachen in ihren Intentionen heutigen Standards.
Die Gesundheitsvorschriften sind niedergeschrieben im 3. Buch Mose, dem Levitikus. Orthodoxe Juden befolgen diese Vorschriften bis heute.
Medizin im antiken Griechenland