mini|Carl Michael Bellman, Gemälde von Per Krafft d. Ä., gemalt 1779 im Auftrag des Königs, aus der Nationalen Porträtgalerie, Schloss Gripsholm

Carl Michael Bellman (* in Stockholm; † 11. Februar 1795 ebenda) war ein schwedischer Dichter, Musiker und Entertainer. Er gilt den Schweden noch heute als ihr Nationaldichter (riks-skalden), geehrt als der „schwedische Anakreon“ und als der „Troubadour des Nordens“, dessen Werk seit zwei Jahrhunderten gepflegt wurde und bis heute lebendig geblieben ist.

Leben mini|Das Geburtshaus Bellmans Carl Michael Bellman wurde 1740 als erstes Kind eines Sekretärs in der Schlosskanzlei, Johan Arendt Bellman d. J. (1707–1765), und der Catharina Hermonia, Tochter des Pfarrers Michael Hermonius, im Stockholmer Stadtviertel Mariaberget auf Södermalm geboren. Er war ein Enkel von Johan Arndt Bellman d. Ä. (1664–1709), dem Sohn eines Einwanderers aus der Gegend um Bremen, der Professor für lateinische Rhetorik an der Universität Uppsala gewesen war.

In Stockholm verbrachte Carl Michael Bellman fast sein gesamtes Leben. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und erhielt durch Privatunterricht eine sorgfältige religiöse und königstreue Ausbildung. Sein Studium an der Universität Uppsala brach er jedoch, sehr zum Leidwesen seines Vaters, schon nach einem Semester ab, um sein Leben fortan ganz der Entwicklung seiner künstlerischen Talente zu widmen. mini|hochkant|Der junge Bellman, gemalt von seinem Freund Elias Martin um 1764 Der junge Dichter Bellman konnte nicht mit Geld umgehen. Er erhielt 1759 nur eine unvergütete Anstellung bei der Reichsbank, lebte aber trotzdem über seine Verhältnisse. Er besuchte, um Anregungen für seine Lyrik zu finden, regelmäßig Kneipen und Gesellschaften und nahm hohe Kredite auf. Daher wurde er ständig von Gläubigern bedrängt, die er später in seinen Liedern verspottete, zum Beispiel in den Liedern N:o 11, N:o 19 und N:o 20. Anfang 1764 musste er dann Konkurs anmelden. Erst als König Gustav III., ein großer Förderer schöner Künste, 1772 durch das ihn huldigende Lied Gustafs Skål (ein Trinkspruch) auf ihn aufmerksam wurde, änderte sich Bellmans Lage. Der König ließ ihm fürderhin aus seiner Privatschatulle großzügige finanzielle Unterstützungen zukommen und sorgte nach einer gereimten Bittschrift Bellmans auch dafür, dass dieser 1776 mit dem Titel eines Hofsekretärs und einem Jahresgehalt von 1000 Talern bei der Königlichen Lotterie angestellt wurde. Dies ermöglichte Bellman am 19. Dezember 1777 die Heirat mit Lovisa Frederica Grönlund (* 16. Oktober 1755), der Tochter eines Gewürzhändlers, die ihm vier Söhne schenkte. mini|hochkant|Bellman weint um das in der Seeschlacht verlorene Flaggschiff Bellman hatte ein erstaunliches Talent, leicht und schnell aus dem Stegreif zu dichten. Schon als Vierzehnjähriger hatte er während einer schweren Erkrankung im Fieberwahn in Versen gesprochen. Durch seine Vortragskunst als Sänger, Imitator unterschiedlichster Instrumente und als humorvoller Conférencier wurde er rasch zu einem der beliebtesten Gesellschafter und Unterhalter der reichen Gesellschaft Stockholms. Er begleitete sich auf der Cister (zu sehen auf dem Gemälde von Per Krafft dem Älteren) oder auf dem Hamburger Citrinchen, einer kleineren Cister mit glockenförmigem Korpus. Dieses trug er stets griffbereit am Gürtel unter dem Mantel.

Bellman war bekannt dafür, dass er stundenlang improvisieren konnte. Seine Gedichte waren oft Schöpfungen des Augenblicks, wurden aber von ihm danach kontinuierlich überarbeitet und innig mit Musik verflochten. Dazu nutzte er bekannte Opernarien und Themen aus der klassischen Musik, aber auch Volkslieder aus ganz Europa, sowie eigene Kompositionen (siehe die umfassende Analyse der Musik in seinen Liedern). Seine Veröffentlichungen in Zeitungen und mit handschriftlichen Kopien von Notenblättern verschafften ihm bald große Popularität. Seine Lieder wurden nicht nur in Stockholm wie Gassenhauer von Mund zu Mund weitergegeben. mini|hochkant|Bellman, müde und verdrossen, von Tobias Sergel skizziert Nach vielen vergeblichen Bemühungen gelang es Bellman dann, dank neuer Drucktechnik für den Notensatz, sein Hauptwerk zu veröffentlichen: 1790 erschienen Fredmans epistlar (Fredmans Episteln), zu denen der angesehene Dichter Johan Henrik Kellgren ein anerkennendes Vorwort schrieb, und für die Bellman 1793 die Lundblad-Preismedaille der schwedischen Akademie erhielt. 1791 folgte Fredmans sånger (Fredmans Lieder). Die insgesamt etwa 1800 überlieferten Dichtungen Bellmans stellten vermutlich nur einen Teil seines Schaffens dar.

Nachdem der König, dem er sein Epitheton als „schwedischer Anakreon“ verdankte, nach einer Adelsverschwörung 1792 einem Attentat zum Opfer gefallen war, verlor Bellman seinen finanziellen Rückhalt. Von seinen Gläubigern mit Prozessen verfolgt, kam er schließlich 1794 wegen einer Bagatelle für zwei Monate in das Schuldgefängnis. Dort verschlimmerte sich die Lungentuberkulose, an der er 1795 starb. Begraben wurde er auf dem Stockholmer Clara-Kirchhof, das Grab ist nicht mehr auffindbar. Bellmans Witwe überlebte ihn um mehr als 50 Jahre und starb 1847 mit 91 Jahren.

Ergänzende biografische Details Bellman wurde im Haus seiner Urgroßmutter, dem Großen Daurerschen Haus, Hornsgatan 29 A, geboren. Auf Carl Michael folgten noch 14 weitere Geschwister, von denen sieben im Kindesalter starben. 1743 zog die Familie in das Kleine Daurersche Haus im Björngårdsbrunngränd (heute: Bellmansgatan 24) um.

Seine Schulden waren bis 1763 auf den enormen Betrag von 18.000 Reichstalern angewachsen, so dass er vor seinen Gläubigern nach Norwegen fliehen musste. Er konnte zwar einen Monat später mit einem schützenden königlichen Geleitbrief zurückkehren, verlor aber seine Stelle bei der Reichsbank. Nachdem er einige Monate auf dem Landgut seiner Familie, Visbohammar in Södermanland, zugebracht hatte, fand er auf Empfehlung eines Freundes eine Anstellung im Manufakturkontor bis zu dessen Auflösung Ende 1766 und kam schließlich in der Kanzlei der Königlichen Generalzolldirektion unter. Als auch diese 1772 aufgelöst wurde, erhielt Bellman sein dortiges Gehalt weiter. Von 1770 bis 1774 lebte er im Haus Urvädersgränd 3 in Södermalm.

Am 19. Dezember 1777 heiratete er Lovisa Frederica Grönlund, mit der er die Söhne Gustav (* 1781), Carl (* 1787) und Adolf (* 1790) hatte; ein weiterer Sohn, Elis (* 1785), starb kurz nach seinem zweiten Geburtstag an den Pocken. Die Söhne Gustav und Carl wurden Soldaten und sind in jungen Jahren verschollen, Adolf wurde Seidenhändler in Stockholm und starb kinderlos 1834. Seine nach Gustavs III. Ermordung zunehmende finanzielle Misere machte es ihm immer schwerer, seine Familie zu unterhalten, die deshalb mehrmals in immer schlechtere Wohnungen umziehen musste und nach seinem Tod völlig mittellos zurückblieb.

Werk Als Autor debütierte Bellman 1757 mit einer Übersetzung der Evangelischen Todesgedanken von David von Schweinitz ins Schwedische. Es folgten weitere religiöse, bald aber auch satirische Schriften wie die Tankar om flickors ostadighet (Gedanken über die Unbeständigkeit der Mädchen, 1758) oder die Gesellschaftssatire in Versen Månan (Der Mond, 1760). Bellmans Hauptwerke sind die beiden Liedersammlungen Fredmans epistlar (Fredmans Episteln) mit 82 Liedern und Fredmans sånger (Fredmans Lieder) mit 65 Liedern. Ursprünglich plante Bellman, sein Hauptwerk in einem einzigen Liederbuch zu veröffentlichen. Doch die noch unausgereifte neue Drucktechnik für die Notenschrift zwang ihn zur Teilung in zwei Bände. Seine übrigen Werke (religiöse und patriotische Lyrik, Satiren, Schauspiele, Gelegenheitsdichtung und Übersetzungen, u. a. von Gellerts Fabeln) treten in ihrer Bedeutung dahinter zurück. mini|Bellmans erster Entwurf zur Epistel 48 Der Name „Fredmans Episteln“ knüpft an die Episteln des Apostels Paulus an. In den 82 Episteln sind jedoch – aus Rücksicht auf bigotte Zeitgenossen – keine Bibelparodien enthalten. Erst im Folgeband Fredmans Lieder hat Bellman dann 8 Parodien auf biblische Gestalten aufgenommen. Anstatt auf Bibelfiguren wird in den Episteln häufig Bezug auf mythologische Gestalten der Antike genommen, so auf den Weingott Bacchus, auf die Göttin Venus und ihr nordisches Pendant Fröja sowie auf den Fährmann Charon. Bellmans Protagonisten artikulieren häufig auch Bellmans Kritik an der Oberschicht. Dabei lässt er, wie in den griechischen Dramen, diese von Personen des untersten Standes äußern, um Zensur oder Strafmaßnahmen gegen den Autor zu vermeiden – ein dramatischer Kunstgriff, den schon William Shakespeare zur Meisterschaft gebracht hatte.

Die Versform seiner Lieder ist überaus kunstvoll und vielfältig. Ihr Inhalt ist teils lyrisch und emotional, dann wieder derb, lustvoll und aus dem prallen Leben gegriffen. Sie handeln sowohl von fröhlicher Geselligkeit als auch von alltäglichen Abenteuern seiner Protagonisten, enthalten aber immer wieder ganz unerwartete Klagen über die Vergänglichkeit von Schönheit und Liebe und elegische Betrachtungen über den Tod. Einige davon sind wie ein dramatisches Memento mori (Episteln 27, 30, und 81), andere behandeln zwar auch den Tod, aber augenzwinkernd, und nur zur Belustigung des Publikums (Episteln 52, 65, 82). mini|Movitz spielt Bassgeige von Elis Chiewitz Die Texte schildern kleine Dramen aus der Lebenswelt der Unterschicht, wobei ein fester Kreis von Personen auftritt. Bellman projizierte seine eigenen Stärken und Schwächen in drei Hauptakteure der Episteln. Der schönheitsdurstige, aber versoffene Uhrmacher Fredman ist Bellmans Sprachrohr, einst ein bekannter Uhrmacher, nun aber ohne Uhr, Werkstatt und Geschäft. Der Tapetenmaler und stadtbekannte Virtuose auf mehreren Instrumenten, namens Vater Berg, ist im ersten Teil der Episteln die Hauptperson. Movitz, der schwindsüchtige Trinker und Musiker, übernimmt diese Rolle ab der Epistel 27. Er wird in den späteren Episteln zum Alter Ego Bellmans, so dass Bellman sogar einige seiner Briefe mit "Movitz" signierte. So wie Bellman leidet auch Movitz an Tuberkulose, in der Epistel N:o 30 von Bellman berührend geschildert. Häufig kommt auch der abgedankte Korporal Mollberg vor, erst ein reicher Hausbesitzer, dann gescheiterter Unternehmer, nun Ritter ohne Haus, Pferd und Schabracke. Er spielt Harfe in Stockholms Kneipen und bezog dabei in Epistel N:o 45 Prügel. Alle in den Liedern agierenden, namentlich genannten Ritter des von Fredman gegründeten "Ordens des Bacchus" sind Gescheiterte und stadtbekannte Trinker. mini|hochkant|Ulla Winblad, die Schönste der Schönen, von Elis Chiewitz (1784–1839) Die weibliche Hauptperson ist Ulla Winblad, eine Nymphe und Inkarnation der Liebesgöttin. Wie fast alle Figuren Bellmans ist sie eine poetisch erhöhte, aber reale Person aus dem Stockholm des 18. Jahrhunderts. Maria Kristina Kiellström inspirierte Bellman zu seiner Schöpfung Ulla Winblad. Als Mädchen von einem Edelmann verführt, wurde sie, von der Familie verstoßen, nach dem Tod ihres Kindes eine Nobelprostituierte. Sie wurde von den Sittenwächtern verfolgt (wie Ulla in Epistel N:o 36), dann aber, auf Bellmans Intervention, durch eine arrangierte Heirat mit dem realen Zollinspektor Norström (Ullas Verlobter in Epistel N:o 48) wieder gesellschaftsfähig gemacht. Sie und ihre Freundinnen nutzt Bellman zur Kritik an der Doppelmoral und der Unterdrückung der Frauen seiner Epoche. Seine männlichen Protagonisten artikulierten Bellmans mit Humor camouflierte Kritik am allzu lockerem Liebesleben und übermäßigem Alkoholkonsum der Zeitgenossen.