Die Beyköy-Texte sind ein Konglomerat aus Abzeichnungen hieroglyphenluwischer Inschriftenfragmente sowie vorgeblichen Übersetzungen keilschriftluwischer Texte. Mit Ausnahme der 1889 von William M. Ramsay beschriebenen hieroglyphenluwischen Trachytinschrift Beyköy 1 aus dem 13. Jahrhundert v. Chr., die im Gebiet des Ortes Beyköy in Westanatolien, etwa 34 km nördlich von Afyonkarahisar, entdeckt wurde, wird angenommen, dass es sich bei den Texten um moderne Fälschungen handelt.
Die als Beyköy 2–4 bezeichneten angeblichen Nachzeichnungen hieroglyphenluwischer Kalksteininschriften und vermeintliche Übersetzungen keilschriftlicher Bronzetafeln stammen aus dem Nachlass des 2012 verstorbenen britisch-niederländischen Prähistorikers James Mellaart, stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara von 1959 bis 1961. Nach seinen handschriftlichen Aufzeichnungen seien die Inschrift Beyköy 2 und die keilschriftlichen Texte bereits 1878 bei Beyköy entdeckt worden, und Abzeichnungen bzw. Übersetzungen später auf großen Umwegen in seinen Besitz gelangt. Die Bezeichnungen Beyköy 1–4 wurden von Eberhard Zangger und Frederik C. Woudhuizen eingeführt, wobei sie hinsichtlich der Nomenklatur an die von Ramsay entdeckte Inschrift anknüpften.
Kurz nach der Publikation der vermeintlichen Abzeichnungen der Hieroglypheninschriften sowie des Inhalts der Keilschriftübersetzungen durch Zangger und Woudhuizen im Jahr 2017 gelangte Zangger bei der Durchsicht von Mellaarts komplettem Nachlass im Februar des darauffolgenden Jahres zu dem Schluss, dass Mellaart im Verlauf seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in großem Umfang Fälschungen angefertigt hatte, um seine Deutungen der kleinasiatischen Frühgeschichte zu untermauern. In der Folge distanzierten sich Zangger und Woudhuizen von der Authentizität der vermeintlichen Keilschriftübersetzungen. Hinsichtlich der hieroglyphenluwischen Inschriften hielten sie jedoch an deren Echtheit fest, womit sie innerhalb der Fachwelt eine isolierte Position einnahmen. In das Corpus der luwischen Hieroglypheninschriften von John David Hawkins wurde keine der Inschriften von Beyköy aufgenommen.
Beyköy 1 mini|Beyköy 1 nach William Ramsay. 1889 beschrieb der schottische Althistoriker und Epigraphiker William M. Ramsay (1851–1939) eine Inschrift, die er bereits 1884 auf einem großen, vermutlich trachytischen Steinblock an der Flanke eines Hügelgrabes aufgefunden hatte. Die Lage des Grabbaus bestimmte er auf etwa eine englische Meile südlich von Beyköy. Ramsay fertigte eine Kopie des Fragments an und identifizierte sie als Hieroglypheninschrift. Die Zeichen waren in zwei breiten, durch ein schmales Reliefband getrennten Zeilen angeordnet und bildeten in vertikaler Abfolge einzelne Worte. Die gegenläufige Ausrichtung eines Fußes in der oberen sowie einer Hand in der unteren Zeile deutete er als Hinweis auf zeilenweise abwechselnde Schreibrichtung (Bustrophedon-Schreibung).William M. Ramsay: Syro-Cappadocian Monuments in Asia Minor. In: Mittheilungen des Kaiserlich Deutschen Archaeologischen Instituts 14/1 (1889), Nr. 5, S. 181f. (Digitalisat); vgl. auch ders.: A Study of Phrygian Art (Part I). In: The Journal of Hellenic Studies 9 (1888), S. 350–382, hier: S. 372. Das Fragment wurde 1900 von Leopold Messerschmidt in das Corpus Inscriptionum Hettiticarum aufgenommen.Leopold Messerschmidt: Corpus inscriptionum Hettiticarum (= Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft, Bd. 5,4), Berlin 1900, S. 32 u. Tfl. 36 (Digitalisat). Bereits 1939 galt das Fragment als verschollen; trotz mehrerer intensiver Suchaktionen konnte es später nicht wieder aufgefunden werden.Vgl. Kurt Bittel: Die Reliefs am Karabel bei Nif (Kemal Pasa). Nebst einigen Bemerkungen über die hethitischen Denkmäler Westkleinasiens. In: Archiv für Orientforschung 13. (1939/41), S. 181–193, hier: S. 191f.; Franz Steinherr: Die hieroglyphenhethitische Inschrift des Reliefs A am Karabel. In: Istanbuler Mitteilungen 15 (1965), S. 17–23, hier: S. 23; Émilia Masson: Les inscriptions louvites hiéroglyphiques de Köylütolu et Beyköy. In: Kadmos. Zeitschrift für vor- und frühgriechische Epigraphik 19/2 (1980), S. 106–22, hier: S. 118–120; Max Gander: Geschichte und Geographie Westkleinasiens in der Hethiterzeit, Heidelberg 2022, S. 500.
Zu Zeiten Ramsays konnten luwische Hieroglyphen noch nicht gedeutet werden. Eine erste, auf den Abzeichnungen von Ramsay fußende Übersetzung der Inschrift wurde 1980 von Émilia Masson vorgelegt.Émilia Masson: Les inscriptions louvites hiéroglyphiques de Köylütolu et Beyköy. In: Kadmos. Zeitschrift für vor- und frühgriechische Epigraphik 19/2 (1980), S. 106–22, hier: S. 118–120. Will man Frederik C. Woudhuizen folgen, so bezieht sich der Text mit gewisser Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Militärkampagne in der späten Regierungszeit des hethitischen Großkönigs Muwattallis II. (1295–1272 v. Chr.). Die Abfassung sei demnach in jene Phase zu datieren, in der Urhi-Teššup, der spätere Muršili III, nach dem frühen Tod seines Halbbruders Kurunta – der irgendwann nach der Abfassung des Tawagalawa-Briefes (um 1280 v. Chr.) verstorben war – die Stellung des tuhkanti („designierten Thronfolgers“) übernommen hatte.Eberhard Zangger/Frederik C. Woudhuizen: Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor. In: Talanta 50 (2018), S. 9–56, hier: S. 18; Frederik C. Woudhuizen: The Luwians of Western Anatolia. Their Neighbours and Predecessors, Oxford 2018, S. 80; ders.: Luwian Hieroglyphic Texts in Late Bronze Age Scribal Tradition, Wiesbaden 2021, S. 49f. Da abgesehen von diesem kleinen Fragment praktisch kein weiteres Material vorliegt, lassen sich keine Aussagen zu den historischen Zusammenhängen oder zur politischen Geographie der Region treffen,Max Gander: Geschichte und Geographie Westkleinasiens in der Hethiterzeit, Heidelberg 2022, S. 496. zumal es sich möglicherweise um ein Spolium handelt, das erst in phrygischer Zeit angetragen wurde.Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), S. 87–124, hier: S. 105. Der Inschriftenblock hat keine Aufnahme in das aktuelle Corpus der luwischen Hieroglypheninschriften erfahren.
Die Beyköy-Texte aus dem Nachlass von James Mellaart Nachlass von James Mellaart Im Juni 2017 erhielt der Geoarchäologe Eberhard Zangger über Alan Mellaart, den Sohn des 2012 verstorbenen Archäologen James Mellaart,Zur Person Mellaart vgl. insbes. Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420; den Themenband von Jan Stronk/Maarten de Weerd (Hrsg.): Talanta. Proceedings of the Dutch Archaeological and Historical Society 50 (2018); und Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020. Zugang zu bislang unveröffentlichten Manuskripten aus dessen Nachlass. Mellaart, von 1959 bis 1961 stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara und anschließend Dozent für prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul, zählte zu den prägenden Vertretern der prähistorischen Archäologie Kleinasiens und war insbesondere durch die Entdeckung der jungsteinzeitlichen Siedlung Çatal Höyük international bekannt geworden. In seinem Nachlass hatte Mellaart Unterlagen hinterlassen, die sich auf teils hieroglyphenluwische, teils keilschriftliche Bronze- und Kalksteininschriften aus der Zeit der Seevölkerinvasion bezogen. Seinen Notizen zufolge seien diese Inschriften im 19. Jahrhundert beim Dorf Beyköy entdeckt, später jedoch verloren gegangen. Zangger war bereits 1995 im Zuge von Telefongesprächen und Briefwechsel mit Mellaart auf die keilschriftlichen Inschriften aufmerksam geworden, die Mellaart schon Anfang der 90er Jahre in mehreren Publikationen am Rande erwähnt hatte.Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg, Zürich 2017, S. 299–301; Abbildungen der ersten Seite des zweiten und die letzte Seite des ersten Briefes von Mellaart an Zangger abgedruckt auf S. 218f. Nur ein sehr geringer Teil von Mellaarts hieroglyphischen und keilschriftlichen „Entdeckungen“ war zum Zeitpunkt seines Todes veröffentlicht – ein Umstand, der diese Vorfälle deutlich von Mellaarts übrigen Fälschungsaffären unterscheidet.John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier: S. 119–122.