hochkant|mini|Forschungseinrichtungen in Porton Down Porton Down ist eine Forschungseinrichtung in der südenglischen Grafschaft Wiltshire, die vor allem als Zentrum der britischen Chemie- und Biowaffenforschung bekannt wurde. Weite Teile der Anlage unterliegen auch heute noch der Geheimhaltung.
Geschichte hochkant|mini|Erprobung von Mörsern in Porton Down während des Ersten Weltkriegs Am 22. April 1915, während der Zweiten Flandernschlacht, hatten die Deutschen erstmals in großem Umfang erfolgreich Giftgas eingesetzt, indem sie Chlorgas aus Metallzylindern ausströmen ließen. Am 25. September antworteten die Briten in der Schlacht bei Loos mit einem eigenen, gleichartigen Angriff. Ein ständiger Wettlauf der Krieg führenden Parteien um immer wirksamere Gaswaffen hatte begonnen.
Im Januar 1916 erwarb das britische Kriegsministerium die ersten 12 Quadratkilometer Gelände im Süden der Salisbury Plain, auf denen die Wissenschaftler bald mit ihrer Arbeit begannen. In Freilandversuchen und speziellen Gaskammern wurde die Wirkung verschiedener chemischer Kampfstoffe auf Menschen und Tiere erprobt. Außerdem wurden Leichen und Organe von Giftgasopfern von der Front in Frankreich untersucht. Bis zum Ende des Krieges war die Belegschaft auf mehr als 1000 Soldaten und Wissenschaftler sowie etwa 500 zivile Arbeitskräfte angewachsen.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 73
Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde beschlossen, die Forschungseinrichtungen in Porton Down weiter zu betreiben. Neben der Entwicklung verschiedener Gaswaffen, darunter giftige Handgranaten und Rauchbomben mit Adamsit, wurde auch an konventionellen Waffen gearbeitet. So wurden etwa Panzerabwehrwaffen hergestellt und der Stokes-Mörser verbessert.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 75 Außerdem entwickelte man in Porton Down ein Verfahren zum gezielten Absprühen von Senfgas aus Flugzeugen in bis zu 4500 Metern Höhe.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 75 + S. 89
1940 wurden die Forschungsarbeiten auf biologische Kampfstoffe ausgeweitet. 1942 führten Wissenschaftler aus Porton Down auf Gruinard Island Versuche mit Milzbrand-Sporen durch. Im gleichen Jahr wurden in Porton Down in einer eigens entwickelten Anlage 5 Millionen Portionen Viehfutter abgepackt, die mit Milzbrand verseucht waren und die im Rahmen der Operation Vegetarian über Deutschland abgeworfen werden sollten. Auch wenn es nie zu einem tatsächlichen Einsatz kam, handelte es sich hierbei um die erste Massenproduktion biologischer Waffen in der Geschichte.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 145 Noch 1980 behauptete die britische Regierung, das Vereinigte Königreich hätte niemals „mikrobische oder andere biologische Kampf- und Giftstoffe in solchen Mengen besessen oder erworben, dass sie für Waffenzwecke hätten benutzt werden können“.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 142
Um die Ausbreitung von Bakterienwolken zu untersuchen, wurden in Wohngegenden von Salisbury und Southampton (ungiftige) Rauchwolken freigesetzt. Zwischen Frühjahr 1957 und Herbst 1959 wurde in zahlreichen Gegenden des Vereinigten Königreichs Zink-Cadmium-Sulfid versprüht und dessen Ausbreitung beobachtet. Die Wissenschaftler aus Porton Down hatten diese Substanz gewählt, weil sie sich auch in geringen Mengen noch leicht nachweisen lässt.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 247
Die Wissenschaftler führten ihre Versuche jedoch nicht nur im Vereinigten Königreich selbst durch, sondern nutzten auch Versuchsgelände in den USA, Kanada, Australien, Indien und Nigeria.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002
Nach Angaben der britischen Regierung wurde die Entwicklung eigener biologischer und chemischer Waffen in den 1950er Jahren eingestellt. Seitdem würde nur noch Forschung zum Schutz gegen solche Kampfstoffe betrieben. Dazu würden weiterhin geringe Mengen an biologischen und chemischen Kampfstoffen produziert. Außerdem befindet sich in Porton Down eine Anlage zur fachgerechten Beseitigung von chemischen Waffen.The Truth About Porton Down, 26. Juni 2016
Porton Down ist heute die weltweit älteste Produktionsanlage für chemische Kampfstoffe.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 67
Nach dem Ausbruch der Asiatischen Grippe 1957 wurden in Porton Down 600.000 Dosen eines entsprechenden Impfstoffs produziert.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 264
Erst Ende der 1960er Jahre gab die britische Regierung die Existenz der Forschungseinrichtung offiziell zu.Hubert Erb: Das Porton-Down-Syndrom holt Großbritannien ein, Heise online, 27. August 2001
Heute umfasst das Gelände eine Fläche von 28 Quadratkilometern.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 279 Betreiber der militärischen Forschungseinrichtungen ist das Defence Science and Technology Laboratory, das dem Verteidigungsministerium des Vereinigten Königreichs untersteht.
1979 wurde ein Teil der Einrichtungen organisatorisch abgespalten; diese gehörten später zu Public Health England, welches dem Gesundheitsministerium unterstand. 2015 wurde die Firma Porton Biopharma gegründet, um die pharmazeutischen Entwicklungen und Fertigungskapazitäten von Public Health England in Porton Down kommerziell zu nutzen. Unter anderem werden verschiedene Impfstoffe gegen Milzbrand angeboten bzw. neu entwickelt.
In Porton Down arbeiten über 3000 Wissenschaftler; das jährliche Gesamtbudget beträgt 500 Millionen Pfund Sterling.Michael Mosley: Inside Britain's secret weapons research facility, BBC, 28. Juni 2016
Etwa 1500 Hektar des Geländes sind FFH-Gebiet und werden vom UK Environmental Change Network beobachtetThe Porton Down ECN Site, einem Forschungsverbund des Natural Environment Research Council, der langfristige Umweltveränderungen und ihre Auswirkungen auf Ökosysteme im Vereinigten Königreich erforscht.
Namen der militärischen Einrichtungen in Porton Down War Department Experimental Station (1916) → Royal Engineers Experimental Station (1916) → Chemical Warfare Experimental Station (1929) → Chemical Defence Experimental Station (1930) → Chemical Defence Experimental Establishment (1948) → Chemical Defence Establishment (1970) → Chemical & Biological Defence Establishment (1991) Biology Department, Porton (1940) → Microbiological Research Department (1948) → Microbiological Research Establishment (1957) → Chemical & Biological Defence Establishment (1991) Chemical & Biological Defence Establishment (1991) → (Teil der) Defence Evaluation and Research Agency (2001) → (Teil des) Defence Science and Technology Laboratory (2004)
Tierversuche
Bereits während des Ersten Weltkriegs wurde in Porton Down die Wirkung von Giftgas auf die verschiedensten Tierarten untersucht. Später gab es auf dem Gelände sogar eigene Farmen, die ausschließlich dazu bestimmt waren, Tiere zu züchten, die für Tierversuche mit Massenvernichtungswaffen benötigt wurden. Unter anderem wurden Ratten, Schimpansen, Schafe, Ziegen, Katzen und Hunde verwendet.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 71 + S. 276
Bei den bereits erwähnten Experimenten auf Gruinard Island wurden Schafe verwendet, die zuvor den Bauern aus der Umgebung abgekauft worden waren.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 117
Im Sommer 1952 und 1953 infizierten Wissenschaftler aus Porton vor der Küste der schottischen Insel Lewis and Harris von einem Schiff aus mehrere tausend Kleinsäuger und etwa 100 Affen, die sich in Käfigen auf Flößen befanden, mit Bakterien. In den folgenden beiden Jahren fanden ähnliche Experimente wegen des besseren Wetters auf den Bahamas statt.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 247ff.
Allein zwischen 1952 und 1970 wurden in Porton Down 1000 Affen, fast 200.000 Meerschweinchen und 1,75 Millionen Mäuse „verbraucht“.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 263 Noch 2013 wurden Experimente unter anderem an 5.641 Mäusen und 447 Hausmeerschweinchen durchgeführt.Andy Lines: Outrage as animals 'tortured' in gruesome Porton Down military experiments, Daily Mirror, 11. März 2015 Dabei handelte es sich nicht nur um Versuche mit biologischen und chemischen Waffen. So wurden etwa Schweine Explosionen ausgesetzt, nachdem sie teilweise in Schutzwesten gesteckt worden waren.Martin Bagot: Live pigs strapped into body armour and blown to PIECES by British Army training in the UK, Daily Mirror, 26. März 2014
Versuche an Menschen
Bereits in den 1920er Jahren wurden in Porton Down Versuche an Menschen durchgeführt, unter anderem mit Diphenylarsinchlorid und Senfgas.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 75f.
Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurden in über 20.000 Fällen chemische Kampfstoffe an meist ahnungslosen eigenen Soldaten erprobt, darunter viele Wehrpflichtige. Viele von ihnen glaubten, an der Entwicklung eines neuen Medikaments gegen Schnupfen mitzuwirken.Peter Michalski: Tödliche Experimente, Welt am Sonntag, 26. August 2001Tom Levine: Britische Armee soll Soldaten falsch informiert haben: Ermittlungen wegen Tests mit Giftgas Sarin, Berliner Zeitung, 23. August 1999 In mindestens 3400 Fällen handelte es sich um Tests mit NervenkampfstoffenRob Evans: The past Porton Down can't hide, The Guardian, 6. Mai 2004, aber auch Senfgas, LSD und das Tränengas CS wurden an Menschen getestet. Im Mai 1953 starb der 20-jährige RAF-Angehörige Ronald Maddison, nachdem ihm Sarin auf den Unterarm getropft worden war.Robert Harris, Jeremy Paxman: Der lautlose Tod - Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen, Heyne Verlag, 2002, S. 279Peter Michalski: Tödliche Experimente, Welt am Sonntag, 26. August 2001Tom Levine: Britische Armee soll Soldaten falsch informiert haben: Ermittlungen wegen Tests mit Giftgas Sarin, Berliner Zeitung, 23. August 1999Porton Down death inquest opens, BBC news, 5. Mai 2004 Trotzdem wurden die Versuche mit Nervenkampfstoffen noch mindestens bis 1958 fortgesetzt.MoD tests on humans 'unethical', BBC news, 14. Juli 2006 An den Spätfolgen der Versuche in Porton Down sollen bis heute etwa 25 Menschen gestorben sein.Hubert Erb: Das Porton-Down-Syndrom holt Großbritannien ein, Heise online, 27. August 2001
1967 wurden von Wissenschaftlern aus Porton Down in einem Londoner Krankenhaus Patienten, die Leukämie oder Krebs im Endstadium hatten, mit deren Einverständnis mit Kyasanur-Wald-Fieber und dem Langat-Virus infiziert (welches mit dem FSME-Virus verwandt ist). Zwei davon starben an Enzephalitis. Offiziell sollten die Viren als Heilmittel für die Patienten erprobt werden, doch wurde das Kyasanur-Wald-Fieber zur damaligen Zeit in Fort Detrick, dem US-amerikanischen Gegenstück zu Porton Down, als mögliche Biowaffe angesehen.Justine Picardie: The Toxic Avenger, The Independent, 30. September 1995
Juristische Aufarbeitung