Die Psychiatrie (auch Seelenheilkunde genannt) ist die medizinische Fachdisziplin, die sich mit der Vorbeugung, Diagnostik und Behandlung von psychischen Störungen beschäftigt. Sie hat sich als eigenständige Disziplin aus der Nervenheilkunde entwickelt, die früher auch das Gebiet der heutigen Neurologie abdeckte.

Der Begriff Psychiatrie wurde 1808 von dem in Halle wirkenden Arzt Johann Christian Reil geprägt,Mechler: Das Wort Psychiatrie. In: Der Nervenarzt. Band 34, 1963, S. 405 f. der darunter die „therapeutische Funktionalisierung seelischer Wirkungen“ verstand.Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Medizin in der griechischen und römischen Antike. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 915–920; hier: S. 918 (zitiert). Ursprünglich benutzte man (wie Reil erstmals 1808Biographisches Archiv der Psychiatrie: Reil, Johann Christian.) das Wort Psychiaterie, das später zu Psychiatrie umgewandelt wurde und sich aus den altgriechischen Wörtern ψυχή, psyché, deutsch „Seele“, und zusammensetzt.

Fachbereiche Innerhalb der Psychiatrie haben sich viele Spezialfächer entwickelt. Das Wesen der Psychiatrie liegt dabei vor allem in der Erkenntnis des Zusammenwirkens biologischer, entwicklungspsychologischer und psychosozialer Faktoren auf den psychopathologischen Befund des Patienten. Innerhalb der Psychiatrie sind neben den psychologischen Unterdisziplinen auch Teilgebiete mit biologisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung zu finden: DisziplinBeschreibungPsychopathologiebeschäftigt sich mit der Erfassung der verschiedenen Formen von krankhaft verändertem Erleben und Verhalten. Dazu werden auf psychologischer Ebene Symptome mit Krankheitswert beschrieben, die in ihrer Komplexität dann als Erscheinungsformen psychischer Erkrankungen benannt werden.AllgemeinpsychiatrieKlinischer Teil des Faches, welcher sich mit den psychischen Erkrankungen und Störungen des Erwachsenenalters beschäftigt.Akutpsychiatriebehandelt psychiatrische Notfälle.Suchtmedizinbehandelt Patienten mit stoffgebundenem (Alkohol, Nikotin, Cannabis, Heroin etc.) oder stoffungebundenem (Spielsucht etc.) Missbrauchs- oder Abhängigkeitsverhalten.Gerontopsychiatriewird allgemein als Psychiatrie für Menschen im höheren Lebensalter verstanden, wobei das Lebensalter (>60 Jahre) nur eine ungefähre Richtmarke ist. Dabei geht es zum einen um Menschen, die bereits in jüngeren Jahren psychisch erkrankt sind und deren Behandlung unter Berücksichtigung altersbedingter Besonderheiten fortgesetzt werden muss, und zum anderen um Menschen im höheren Lebensalter, deren psychische Erkrankung aus dem Altern selbst resultiert.Forensische Psychiatriebefasst sich mit der Behandlung und Begutachtung von psychisch kranken und suchtkranken Rechtsbrechern (siehe auch Maßregelvollzug).Psychosomatische MedizinUrsprünglich aus der Psychiatrie hervorgegangen, stellt sie inzwischen ein eigenes Fachgebiet dar und kann als Bindeglied zwischen der Inneren Medizin und der Psychiatrie verstanden werden. Sie beschäftigt sich mit den Psychosomatosen, mit den somatoformen Störungen und den somatopsychischen Anpassungsstörungen, Erkrankungen, bei denen Wechselwirkungen zwischen psychischen und körperlichen Faktoren (Psychosomatik) die zentrale Rolle spielen. Dabei stehen psychotherapeutische Verfahren zur Linderung oder Heilung im Vordergrund.Biologische PsychiatrieSammelbegriff für psychiatrische Forschungsansätze, die auf biologischen Methoden beruhen. Dazu zählen neuroanatomische, neuropathologische, neurophysiologische, biochemische und genetische Ansätze.Kinder- und JugendpsychiatrieEigenständiges medizinisches Fachgebiet, das sich mit den psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen bis zum 21. Lebensjahr befasst.Militärpsychiatriebefasst sich mit geistigen Störungen innerhalb militärischer Konstellationen mit dem Ziel, die Gesundheit von so vielen Militärangehörigen wie möglich sicherzustellen, sowie auch mit der Behandlung der infolge von psychischen Erkrankungen als untauglich angesehenen Armeeangehörigen.Transkulturelle Psychiatriebefasst sich mit den kulturellen Aspekten der Entstehung, Häufigkeit und Art psychischer Störungen und mit den sogenannten kulturgebundenen Syndromen.NeuropsychiatrieDie Neuropsychiatrie beschäftigt sich mit neurologischen Vorgängen bei psychischen Störungen.S. C. Yudofsky, E. H. Hales: Neuropsychiatry and the Future of Psychiatry and Neurology. In: American Journal of Psychiatry. 159 (8), 2002, S. 1261–1264. Da für immer mehr psychische Störungen organische Wechselwirkungen entdeckt werden, ist sie ein an Bedeutung gewinnender Wissenschaftszweig.J. B. Martin: The integration of neurology, psychiatry, and neuroscience in the 21st century. In: American Journal of Psychiatry. 159 (5), 2002, S. 695–704. doi:10.1176/appi.ajp.159.5.695. PMID 11986119 Zu psychischen Störungen wie Zwangsstörung, Tourette-Syndrom und Schizophrenie gibt es fundierte Erkenntnisse über neurologische Veränderungen.N. Ozaki, D. Goldman, W. H. Kaye, K. Plotnicov, B. D. Greenberg, J. Lappalainen, G. Rudnick, D. L. Murphy: Serotonin transporter missense mutation associated with a complex neuropsychiatric phenotype. In: Molecular Psychiatry. Band 8, 2003, S. 933–936.W. Goodman: What Causes Obsessive-Compulsive Disorder (OCD)? In: Psych Central. 2006. Abgerufen am 4. November 2011 auf C. A. Ross, R. L. Margolis, S. A. Reading u. a.: Neurobiology of schizophrenia. In: Neuron. Band 52, Nr. 1, Oktober 2006, S. 139–153.Christopher Smith: A Tourette syndrome primer for therapists. 2008, ISBN 978-0-549-72050-8.Mary M. Robertson: Gilles de la Tourette syndrome: the complexities of phenotype and treatment (PDF; 303 kB). In: British Journal of Hospital Medicine. Band 72, Nr. 2, Februar 2011.SozialpsychiatrieMit dem Begriff Sozial- und Gemeindepsychiatrie wird das Konzept der sogenannten gemeindenahen psychiatrischen Versorgung umschrieben. Es hat zum Ziel, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen – genauso wie Menschen mit körperlichen Erkrankungen – in der Nähe ihres Wohnortes behandelt werden können.

Behandlungsansätze

Die modernen psychiatrischen Behandlungsansätze sind durch „multimodale“ Konzepte gekennzeichnet. Demnach sollen in einer Behandlung alle Lebensbereiche des Patienten berücksichtigt und unterschiedliche Therapieansätze miteinander kombiniert werden. Die wichtigsten Grundsätze moderner psychiatrischer Behandlung sind dementsprechend: Freiheit ist wichtiger als Gesundheit. Das heißt in erster Linie, dass Patienten das Recht haben, Behandlungen abzulehnen. Gleichstellung der seelisch und körperlich Kranken. Dieser Grundsatz ist in den Versorgungsstrukturen wichtig, da durch ihn ausreichende Mittel für die Versorgung begründet werden. Gemeindenahe Versorgung: Patienten haben das Recht, in Kliniken und Einrichtungen behandelt zu werden, die in der Nähe ihres Wohnortes liegen; dies hat in Deutschland zur Einrichtung von kleinen psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern und zur Auflösung vieler Landeskrankenhäuser geführt. Das Ziel einer psychiatrischen Behandlung ist nicht nur Heilung, sondern auch Verbesserung der Lebensqualität, d. h. das Leben mit der Krankheit.

Psychotherapie Die Psychotherapie steht als Oberbegriff für die professionelle Behandlung psychischer Störungen mit psychologischen Mitteln.Stichwort im DORSCH (Enzyklopädie für Psychologie) Sie umfasst alle verbalen und nonverbalen psychologischen Verfahren, die auf die Behandlung psychischer und psychosomatischer Krankheiten, Leidenszustände oder Verhaltensstörungen zielen. In der Verhaltenstherapie steht die Hilfe zur Selbsthilfe für den Patienten im Mittelpunkt, um ihm nach Einsicht in Ursachen und Entstehungsgeschichte seiner Probleme Methoden an die Hand zu geben, mit denen er zukünftig besser zurechtkommt. Beispielsweise versucht die kognitive Verhaltenstherapie, dem Betroffenen seine Gedanken und Bewertungen verständlich zu machen, diese gegebenenfalls zu korrigieren und in neue Verhaltensweisen umzusetzen. In der Tiefenpsychologie (z. B. der Psychoanalyse) und in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie findet eine Auseinandersetzung mit unbewussten, in der Lebensgeschichte, meist in der Kindheit verankerten Motivationen und Konflikten statt. Das Ziel ist, die unbewussten Hintergründe und Ursachen aktueller Leiden oder sich in der Lebenshistorie wiederholender Konflikte zu klären und diese durch Bewusstmachung aufzulösen oder abzuschwächen.

Psychopharmaka Die Psychopharmakologie und Psychopharmakotherapie beschäftigen sich mit der Beeinflussung des Seelen- und Gemütszustandes durch Medikamente. Psychopharmaka machen seit den 1960er Jahren den weitaus größten Teil der „körperlichen“ – also nicht psychotherapeutischen – Behandlungsmethoden in der Psychiatrie aus.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4.

Zwangsbehandlung

mini|hochkant|Stuhl zur Abwendung von Bewegungsunruhe Zwangsbehandlung ist die unabhängig vom aktuellen Willen des Patienten durchgeführte Summe von angewandten Therapien und freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Psychiatrie. Sie wird bei selbst- oder fremdgefährdenden Zuständen angewandt und unterliegt richterlicher Kontrolle. Methoden äußeren Zwangs können auch die Selbstbestimmung beschränken. Hierbei steht die Legitimierung sowohl in therapeutischer als auch in juristischer Hinsicht im Vordergrund.

Fachgebietsgrenzen Die Abgrenzung der Psychiatrie von anderen medizinischen Disziplinen ist teilweise fließend. In der psychosomatischen Medizin werden vorwiegend Patienten behandelt, bei denen seelische Störungen schwerwiegende Auswirkungen auf das körperliche Befinden haben (z. B. Essstörungen). Fließend sind die Grenzen der Domänen von Neurologie und Psychiatrie beispielsweise bei hirnorganischen Psychosyndromen und Demenzen sowie angesichts der seit Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmenden Erkenntnis, dass viele psychische Störungen auch neurobiologische Ursachen haben können.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden im deutschsprachigen Raum Patienten unter 21 Jahren mit seelischen Erkrankungen behandelt. Für diese Patientengruppe gibt es auch altersspezialisierte Kliniken. Der Arzt für Psychotherapie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, der Kinder- und Jugendpsychiater, ist eine seit 1993 eigenständige Facharztgruppe, die ihre Ausbildung teilweise in pädiatrischen und psychiatrischen Kliniken überwiegend aber in Kinder- und Jugendpsychiatrischen Fachkliniken absolviert. Jugendliche Patienten mit seelischen Störungen sollen und werden daher von Kinder- und Jugendpsychiatern ambulant und gegebenenfalls in kinder- und Jugendpsychiatrischen Krankenhäusern behandelt, gerade wenn die Beschwerden sehr schwerwiegend sind oder plötzlich auftreten.

Die Psychologie ist eine eigenständige empirische Wissenschaft, während die Psychiatrie ein Teilgebiet der Medizin ist. Die Psychologie beschreibt und erklärt das Erleben und Verhalten des Menschen, seine Entwicklung im Laufe des Lebens und alle dafür maßgeblichen inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen. Psychologen arbeiten u. a. im Bereich der Diagnostik und Therapie psychischer Störungen. Approbierte Psychotherapeuten sind eigenständig in der Therapie psychischer Störungen tätig. Psychologische Psychotherapeuten arbeiten im Gegensatz zu Ärztlichen Psychotherapeuten nur mit psychotherapeutischen Methoden – nicht mit pharmakologischen, apparativen oder chirurgischen Mitteln.

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