mini|Neues Kesselhaus der Augsburger Kammgarn-Spinnerei (1999). Standort: Ambergerwiese/Prinzstraße Die Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS) war eines der ehemaligen Textilunternehmen im Augsburger Textilviertel. Sie bestand von 1836 bis 2002 und beschäftigte zeitweise über 2000 Arbeitnehmer.
Das Werksgelände lag zwischen Prinzstraße, Schäfflerbachstraße und Provinostraße. Weithin sichtbar ist das zur Prinzstraße ausgerichtete, der AVG-Haltestelle „Textilmuseum“ gegenüberliegende neue Kesselhaus mit Firmenschriftzug und Fabrikschlot. Dort führt die alte Fabrikstraße bis zur Provinostraße und zum Staatlichen Textil- und Industriemuseum. Im Zuge der Neuerschließung der ca. 12,9 ha großen Industriebrache werden seit Ende 2009 große Teile des Komplexes abgerissen. Geplant sind Wohnbebauung und Einzelhandel, eine Kindertagesstätte und ein Stadtteilzentrum.
Geschichte Anfänge in Nürnberg mini|hochkant|Johann Anton Friedrich Merz, um 1860 Der Nürnberger Kaufmann Johann Anton Friedrich Merz gründete 1834 in Nürnberg die Kamm-Woll-Garn-Spinnerey-Fabrik Friedrich Merz & Co. Mitgesellschafter war Otto Ritter von Stransky. Merz begann mit 8 Feinspinnmaschinen in Räumen seines Partners von Stransky. Der Antrieb der Maschinen erfolgte über einen Göpel, der von Ochsen angetrieben wurde. Er verarbeitete österreichische und ungarische Wolle und lieferte die Garne vor allem nach Sachsen. Die Nachfrage war sofort so groß, dass Merz sofort eine Vergrößerung seiner Fabrik plante. Er suchte in Bayern ein Anwesen, auf dem ihm Wasserkraft zur Verfügung stehen sollte. Merz strebte dadurch eine Reduzierung der Betriebskosten an. Dafür bot sich das wasserreiche, am Fluss Lech gelegene Augsburg an. Auch sein Partner von Stransky hatte dorthin Kontakte, seine Frau war eine Tochter des Augsburgers Bankiers Johann Lorenz von Schaezler.Augsburger Kammgarn-Spinnerei (Hrsg.), Werner Genzmer: 100 Jahre Augsburger Kammgarn-Spinnerei. 1836-1936. Augsburg 1936.
Umzug nach Augsburg Merz kaufte für 11.000 Gulden die ehemalige Samassa’sche Tabakmühle vor dem Schwibbogentor mit zwei Radrechten und 1 ½ Tagewerk Wiese und um das Unternehmen dort als Kammgarn-Spinnerey J. Fr. Merz & Cie. fortzuführen. Um die königliche Konzession für den Betrieb der Fabrik zu bekommen, musste er ein Kapital von 100.000 Gulden nachweisen. Dieser Nachweis gelang ihm wieder mit Hilfe seines Partners von Stransky. Noch Ende des Jahres 1836 zog Merz mit seinem Maschinenpark von Nürnberg nach Augsburg um. Der Start in Augsburg war schwierig, denn ein Konjunktureinbruch sorgte für sehr schlechte Garnpreise; Merz dachte schon an die Schließung der Fabrik.
Merz versuchte, sich mit einer Verbesserung der Garnqualität auszuzeichnen. Dafür unternahm er Reisen nach England und Frankreich, um dort die Kammgarn-Spinnerei-Technik zu studieren. Er achtete insbesondere auf eine einwandfreie Qualität der zu verspinnenden Wolle und kaufte die Wolle auf den europäischen Börsen selbst ein. Die Produktionsabläufe gestaltete er nach dem Vorbild der französischen Spinnereien. Dafür holte er auch zwei Textilingenieure aus Paris und Facharbeiter aus dem Elsass nach Augsburg. Zu den Verbesserungen gehörte, die Wolle nicht mehr mit der Hand, sondern mit Maschinen zu kämmen. Dafür erwarb er 1841 zwei Kamm-Maschinen von Collier in Paris. In den ersten Jahren in Augsburg war Merz mit einem ständigen auf und ab der Konjunktur konfrontiert. Schaden vom Unternehmen vermied er dadurch, dass er nie größere Warenlager vorhielt und damit mit Warenbeständen nicht spekulierte. mini|Gründungsurkunde der Augsburger Kammgarn-Spinnerei AG, 1845
Umwandlung zur Augsburger Kammgarn-Spinnerei AG mini|Aktie über 5000 Mark der Augsburger Kammgarn-Spinnerei vom 23. Oktober 1920 Eine besondere starke Nachfrage nach Garnen im Jahr 1844 veranlasste Merz, die Fabrikanlagen in Augsburg deutlich zu vergrößern. Merz wollte ein weiteres anschließendes Grundstück mit Wasserkraft kaufen und in Maschinen der Maschinenfabrik André Koechlin in Mühlhausen investieren. Dazu reichten jedoch seine Finanzmittel nicht aus. Deshalb plante er im Frühjahr 1845 unter Mitwirkung die beiden Augsburger Bankiers Wilhelm Heinrich von Schaezler und Ferdinand Benedikt von Schaezler die Umwandlung seines Unternehmens in eine Aktiengesellschaft, um den dafür notwendigen Kapitalbedarf von 700.000 Gulden zu decken. Ferdinand von Schaezler hatte schon an der Gründung der Aktiengesellschaft der Mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg im Jahr 1836 mitgewirkt und damit industrielle Erfahrung.
Am 24. November 1845 wurde die Augsburger Kammgarn-Spinnerei AG gegründet. 22 Augsburger Bürger zeichneten die Aktien. Größter Einzelaktionär wurde Merz, gefolgt von der Ehefrau seines Partners Nanette von Stransky geb. von Schaezler. Unter den Erstaktionären finden sich außerdem mehrere Mitglieder der Familie Schaezler. Die Aktiengesellschaft übernahm sämtliche Aktiva und Passiva der Kammgarn-Spinnerey J. Fr. Merz & Cie. und die Pläne zur Erweiterung des Unternehmens von Friedrich Merz. mini|Augsburger Kammgarn-Spinnerei, 1856 (Nordansicht)
1845 bis 1859 Die folgenden 14 Jahre waren von starken Schwankungen der Konjunktur gekennzeichnet. Sie waren von 7 Verlustjahren und 7 Gewinnjahren gekennzeichnet. Zu den Verlustjahren gehörte vor allem das Jahr 1848, in dem Merz nur mit sehr verkürzten Arbeitszeiten seine Spinnerei laufen ließ. Dennoch, die Belegschaft wuchs von 400 auf 600 Arbeitnehmer und die Zahl der Spindeln von 10.000 auf annähernd 40.000. Im Jahr 1848 gründete er eine Betriebskrankenkasse und 1857 einen Unterstützungsfonds für erwerbsunfähige Mitarbeiter. 1854 begann er mit dem Bau von Werkswohnungen im sogenannten „Kammgarnquartier“ in der unmittelbaren Nachbarschaft zum Werk.
Weiteres Wachstum und der Tod des Firmengründers mini|Augsburger Kammgarn-Spinnerei, 1888 (Ansicht von Südwest) mini|Entwicklung der AKS anhand der Anzahl der Spindeln Merz sorgte für weiteres Wachstum des Unternehmens. 1864 produzierten 40.200 Spindeln über 1000 Tonnen Garne. Der Unternehmensgründer Friedrich Merz starb im Jahr 1867 im Alter von 64 Jahren. Friedrich Firnhaber übernahm als Vorstand die Leitung der AKS und sicherte ihr weiteres Wachstum. 1872 machte sich AKS von den heimischen und osteuropäischen Wollen unabhängig und setzte hauptsächlich australische Merinowolle ein. Zur Jahrhundertwende 1900 wurde auf 60.000 Spindeln produziert.
Der Erste Weltkrieg und Weimarer Republik Der Erste Weltkrieg brachte zwar keine Verluste an Gebäuden und Maschinen, es gingen jedoch wesentliche ausländische Märkte verloren. Die Belegschaft umfasste am Kriegsende nur noch 500 Arbeitnehmer. Im Jahr 1919, dem ersten Nachkriegsjahr, beschäftigte AKS wieder 1100 Arbeitnehmer. Das Inflationsjahr 1923 überstand die AKS, weil ihr Verband für das Inlandsgeschäft vorschrieb, die Rechnungen nur noch in niederländischen Gulden auszuweisen. Diesem Beispiel folgten auch die Webereien, Strickereien und Wirkereien. Die Festschrift aus dem Jahr 1986 zeigt die Bilanz des Unternehmens zum 31. Dezember 1923 mit den Inflationszahlen. Der Gewinn wird dort mit 189 Trillionen (189.282.000.000.000.000) Mark ausgewiesen.150 Jahre Augsburger Kammgarn-Spinnerei AG 1836-1986. (Festschrift) Augsburg 1986. (Exemplar im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg)
In der 1936 – zur Zeit des Dritten Reichs – geschriebenen Festschrift der AKS werden die positiven Entwicklungen während der Zeit der Weimarer Republik ausgespart und im Sinn der Nazipropaganda die Erfüllungspolitik der Weimarer Republik kritisiert. Positive Entwicklungen werden dort erst ab dem Jahr 1933 gesehen, wobei in der Festschrift erwähnt wird, dass 1933 mit 2454 die bisher höchste Zahl an Beschäftigten erreicht und die Produktion gegenüber 1914 um die Hälfte gesteigert wurde.Augsburger Kammgarnspinnerei (Hrsg.), Werner Genzmer: 100 Jahre Augsburger Kammgarn-Spinnerei 1836-1936. Augsburg 1936, S. 82.
Tatsächlich hatte sich das Unternehmen bereits während der Weimarer Republik von den Folgen des Ersten Weltkriegs erholt. So bezifferte die Frankfurter Zeitung am 23. Februar 1929 die Gewinne der AKS in 1926 mit 712.000 RM, 1927 mit 954.000 RM und 1928 mit 908.000 RM. Für das Jahr 1928 nannte die Frankfurter Zeitung am 20. Februar 1931 eine Spindelzahl von 96.328 und Vollbeschäftigung für das Jahr 1930.
Die Festschrift von 1936 erwähnt außerdem den Erwerb der 1803 gegründeten Feintuchweberei Forstmann & Huffmann AG in Werden an der Ruhr mit 700 Arbeitnehmern im Jahr 1924 (1925 umbenannt in Werdener Feintuchwerke AG)Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 37. Ausgabe 1932, Band 1, S. 640. (Die Kapitalerhöhung von 2 Mio. RM auf 2,7 Mio. RM ist in dieser Quelle nicht zu verifizieren, erfolgte also möglicherweise erst nach 1931!); AKS erhöhte das Kapital dieser Aktiengesellschaft von 2 Mio. RM auf 2,7 Mio. RM. Auch dies spricht nicht für die dargestellte negative wirtschaftliche Entwicklung in dieser Zeit.
Zeit des Nationalsozialismus In Hitlers Kriegswirtschaft hatte der Maschinenbau Vorrang, auf die Textilindustrie wurde keine Rücksicht genommen. Bereits Anfang März 1934 wurde der Import von Baumwolle verboten, und in einer weiteren Verordnung vom 19. Juli 1934 wurde die Arbeitszeit für die Textilbetriebe um 30 % eingeschränkt. Die Arbeitnehmer mussten dadurch erhebliche Lohneinbußen hinnehmen. Die Lohnkürzungen wurden bei der AKS jedoch nicht widerstandslos hingenommen. Im Sommer 1933 kam es auch bei der AKS zu Tumulten, das Unternehmen entwickelte sich zu einem von den Nazis besonders gefürchteten Widerstandsnest. Der Unternehmensgewinn wurde dadurch allerdings nicht beeinträchtigt. In der Bilanz der AKS des Jahres 1934 wurde ein Gewinn von 554.000 RM ausgewiesen.
Nach den Ausführungen von Loibl stand AKS 1936 fast vor der Stilllegung. Im Bilanzbericht der AKS für das Jahr 1936 wird berichtet, dass die Arbeitszeit wegen Wollmangels herabgesetzt wurde und die Produktion auf die Verarbeitung von Zellwolle umgestellt wurde. In der Bilanz des Jahres 1937 wird die Zahl der Beschäftigten mit 2.259 und die bezahlten Löhne und Gehälter mit 3.673.151,00 RM angegeben. Die Festschrift des Jahres 1936 stellt dies anders dar. So seien im Jahr 1935 eine Produktionsmenge von 2,7 Mio. kg Kammgarn auf 92.000 Spindeln und mit 2.400 Mitarbeitern erreicht worden. Dies entsprach der Nazi-Propaganda, wirtschaftliche Erfolge sollten dem Hitler-Regime zugeschrieben werden.
Der Zweite Weltkrieg AKS produzierte während des Zweiten Weltkriegs mit sinkenden Belegschaftszahlen und Umsätzen bis zum 25. Februar 1944. Ein verheerender Bombenangriff in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 zerstörte nicht nur weite Teile der Altstadt von Augsburg, sondern 90 % der Fabrikanlagen der AKS. Die AKS gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den Augsburger Fabriken, die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigten. Das Entbindungslager („Ela“) im Betriebslager der Augsburger Kammgarnspinnerei wurde im Juni 1943 als zentrale Entbindungseinrichtung für den Gau Schwaben in Betrieb genommen. 282 Geburten sind beim Standesamt registriert, aber nur sechs Sterbefälle. Wegen Bombenschäden in der AKS wurde das „Ela“ im Mai 1944 verlegt.
Nachkriegszeit Das Jahr 1945 war auch für AKS die Stunde Null; der Wiederaufbau der Fabrikanlagen begann, aus den Trümmern wurden die noch verwertbaren Maschinen geborgen und betriebsfähig gemacht. In behelfsmäßig hergestellten Räumen und den nicht zerstörten Kellern konnte AKS bereits Ende 1945 mit der Produktion in eingeschränkten Umfang neu beginnen.