Heinrich Johannes Schoeneich (* 2. Januar 1948 in Datteln, Nordrhein-Westfalen) ist ein deutscher Facharzt für Chirurgie, plastische und ästhetische Chirurgie, Gründer und Vorstand der Sektion München / Interplast-Germany e. V., Fotograf und humanitärer Aktivist.

mini|Heinrich Schoeneich, 2011 Leben und Wirken Schoeneich wuchs in einer Medizinerfamilie auf, die ihn ethisch und humanitär prägte. Sein Vater, der Internist Paul Schoeneich, führte eine Hausarztpraxis in Gelsenkirchen-Erle. In den Jahren 1965 bis 1967 besuchte er das Internat des Landschulheims Schloss Heesen bei Hamm, das im Jahr 1957 von dem Reformpädagogen Arthur Theodor Gruelich gegründet wurde. Von 1968 an studierte er Allgemeinmedizin in Köln und schloss das Studium 1974 mit dem Staatsexamen ab. Seine Famulaturen absolvierte er zwischen 1972 und 1974 unter anderem in Peru, Japan und den USA.

Sein berufliches Schlüsselerlebnis war ein Aufenthalt in dem peruanischen Anden-Dorf Coina. Hier arbeitete er im Jahr 1975 im Hospital Andino del Alto Chicama einem kleinen Provinzkrankenhaus, das der Hamburger Chirurg, Idealist und Pionier Oswald(o) Kaufmann 1959 gebaut hatte. In vier Monaten als sogenannter Barfußarzt lernte er selbst mehr von den Einheimischen, als dass er ihnen hätte helfen können. Anstelle einer ärztlichen Tätigkeit im Entwicklungsdienst entschied er sich daher für die Weiterbildung zum Plastisch-Rekonstruktiven Chirurgen. Die Plastische Chirurgie schien ihm die geeignetste Disziplin, um mit einfachen Mitteln in medizinisch unterversorgten Ländern Hilfe zu leisten.

Noch im selben Jahr begann er die Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinchirurgie bei Georg Maurer und Rolf-Rüdiger Siebert sowie zum Facharzt für Plastische Chirurgie bei Ursula Schmidt-Tintemann und Edgar Biemer im Münchner Klinikum Rechts der Isar (1975–1986). Er promovierte 1977. Von 1980 an reiste er ehrenamtlich in sogenannte Entwicklungsländer und Krisengebiete in (Südost-)Asien, Lateinamerika und Afrika, um dort sozial benachteiligte Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, zu operieren. 1984 trat Schoeneich der Hilfsorganisation Interplast-Germany e. V. bei. 1990 eröffnete er eine Praxisklinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie in München, die er bis zum Frühjahr 2017 betrieb. 1994 gründete er die Interplast-Sektion München, als deren Vorstand er seither jährlich 3-4 humanitäre Operationseinsätze organisiert und durchführt. Seit ihrer Gründung 2004 leitet er gemeinsam mit André Borsche und Hein Stahl die Interplast-Stiftung für Humanitäre Plastische Chirurgie zur Förderung längerfristiger Projekte.

Seit dem Jahr 2012 referiert er auf Einladung des Nuklearmediziners Markus Schwaiger an der Technischen Universität München zu medizinischen und ethischen Aspekten seiner humanitären Arbeit. Die Medizinische Fakultät etablierte die Thematik unterdessen als fakultative Lehrveranstaltung.

Stellvertretend für Interplast-Germany e. V. und in Anerkennung seines Engagements in Afghanistan nahm er 2001 den Charity-Bambi des Hubert-Burda-Media-Konzerns entgegen. Im Jahr 2003 erschien der Dokumentarfilm „Unter der Haut – Das zweite Leben von Dr. Schoeneich“ der Regisseurin Andrea Schramm. 2006 erhielt er für seine humanitären Leistungen das Bundesverdienstkreuz.Auskunft vom 10. Juli 2019: „Unserer Datenbank ist zu entnehmen, dass Herr Dr. Schoeneich im Dezember 2006 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde.“, Ordenskanzlei, Bundespräsidialamt, Spreeweg 1, 10557 Berlin

Er war bis zu ihrem Tod mit der Iranerin Sima Schoeneich(†) verheiratet. Sie war OP-Schwester und bei den gemeinsamen Einsätzen darüber hinaus als Team-Coach und Dolmetscherin tätig. Sie haben zwei Kinder. Katharina Schoeneich ist Investment Managerin. Sie arbeitet für Interplast-München ehrenamtlich in den Bereichen Logistik und Buchführung. Moritz Schoeneich ist Facharzt für Plastische&Ästhetische Chirurgie. Beide nehmen an humanitären Einsätzen der Sektion München/Interplast-Germany e. V. teil.

Übersicht humanitäre Einsätze mit Interplast-Germany e. V. / Sektion München (1984–2020) mini|Humanitäre Einsätze weltweit 1984–2020

mini|Humanitäre Einsätze Burma/Myanmar 1997–2020

Zwischen 1984 und 2020 leitete und organisierte Schoeneich weltweit 38 humanitäre chirurgische Einsätze der Interplast-Germany e. V.-Sektion München resp. organisierte und nahm teil an Einsätzen anderer Interplast-Sektionen. Weitere 68 Einsätze realisierte er zwischen 1994 und 2020 in Burma/Myanmar.Daten ermittelt aus der Summe aller hier belegten Onlinequellen. Seit Februar 2020 konnten infolge der Covid-19-Pandemie keine Auslandseinsätze durchgeführt, lokale Projekte jedoch weiterhin finanziell unterstützt werden.

Erster kriegschirurgischer Einsatz – Thailand (1980)

Im Frühjahr 1980 assistierte Schoeneich sechs Wochen lang bei kriegschirurgischen Operationen in den Flüchtlingslagern Non(g) Mak Mun und Khao-I-Dang im thailändischen Grenzgebiet zu Kambodscha. Er gehörte zu einem medizinischen Team der Soforthilfe e. V., die drei Münchner Privatleute nach Bekanntwerden der Notlage der kambodschanischen Flüchtlinge Ende 1979 ins Leben gerufen hatten. Anfänglich in Kooperation mit Rupert Neudecks Komitee Ein Schiff für Vietnam, war sie während der sogenannten Emergency Period 1979–1981 nach eigener Aussage die erste Organisation vor Ort, die in größerem Umfang ärztliche Hilfe leistete.

Im Februar 1980 geriet die Arbeit der Soforthilfe e. V. und des Komitees Ein Schiff für Vietnam in die Kritik des Deutschen Roten Kreuzes. Der damalige Generalsekretär des DRK, Hans-Jürgen Schillig, warf ihnen „unqualifiziertes Amateurhelfertum“ vor und zitierte ihre Vertreter im März 1980 vor den Bundestags-Unterausschuss für humanitäre Hilfe. Der Ausschuss befand jedoch, die Unterstützungsgelder der Bundesregierung seien für die Aktivitäten der beiden Initiativen „hervorragend angelegt“.

Im Deutschen Ärzteblatt berichtete Schoeneich gemeinsam mit drei Kollegen vom Ausmaß der Gewalt in den Lagern, von Überfällen des Militärs und Evakuierungen. Neben den Folgen schwerer Unterernährung behandelten und dokumentierten sie eine Vielzahl von Infektionserkrankungen in Stadien, die Mediziner in Europa nur noch selten zu Gesicht bekamen. Die emotionalen Belastungen der ärztlichen Helfer schilderte der Unfallchirurg Norbert MoosAls Co-Initiator und Leiter des Forums für Fotografie, Köln, kuratierte Norbert Moos u. a. die Ausstellung Verletzbare Körper. 2006 (zs. mit Thomas Linden). in seinem Einsatztagebuch vom Juni 1980 in Die Zeit. Konfrontiert mit menschengemachtem, unaufhörlichen Leid sprach er von „ohnmächtiger Wut, unendlicher Traurigkeit“ und einem Schmerz, für den er „kaum ein psychisches Verarbeitungsmuster“ habe. Auch Schoeneich beschrieb seinen Einsatz als traumatisierende seelische Grenzerfahrung.

Kriegschirurgische Einsätze – Pakistan | Afghanistan (1991–2004) Einem Aufruf der Europäischen Union folgend, flog Schoeneich 1991 nach Peshawar in die pakistanisch-afghanische Grenzregion, um dort den Unfallchirurgen Ortwin Joch, Interplast-Kollege und Mitarbeiter des Deutschen Afghanistan Komitees (DAK), bei der Behandlung schwerverletzter Bürgerkriegs-Flüchtlinge aus Afghanistan zu unterstützen.

Elf Jahre nach den thailändischen trat er diese kriegschirurgischen Einsätze nun seelisch gewappnet und berufserfahrener an. Dennoch setzte ihm vor allem der Anblick der leidenden Kinder unvermindert zu.u. a. H. Schoeneich in: Curriculum Vitae; 2017 „In Afghanistan waren für uns die Einsätze besonders schwer, da wir Kriegschirurgie an Kindern ausgeübt haben. Es war für uns belastend, die minen-, schuss- und brandverletzten Kinder zu versorgen, die im Kriegsalltag aufgewachsen waren und keine Verbesserung ihrer Lebenssituation erwarten oder erhoffen konnten.“ Sie waren, bedingt durch Armut und den jahrzehntewährenden Krieg, medizinisch nur unzureichend oder überhaupt nicht versorgt. Neben Tumoren und angeborenen Missbildungen operierte er hier neuerlich Patienten, die an Verstümmelungen, Schuss- und Minenverletzungen, infizierten oder schlecht verheilten Wunden, bewegungseinschränkenden Brandnarben und, als indirekter Folge des Krieges, an Polioerkrankungen litten.

Schnell wurde deutlich, dass der übliche Einsatzturnus nicht ausreichen würde, um die große Zahl der Hilfebedürftigen aufzufangen. Auch das bis dahin noch übliche Ausfliegen besonders schwer Verletzter zur Behandlung in deutschen Krankenhäusern war für Interplast mit Kosten von 5.000 bis 100.000 DM pro Patient in dieser Situation nicht mehr realisierbar. Der Verein Help-Hilfe zur Selbsthilfe e. V., das Deutsche Afghanistan Komitee und Interplast-Germany e. V. riefen daher gemeinsam ein anfänglich vom Auswärtigen Amt bezuschusstes Projekt ins Leben, das in einer raschen Folge mehrerer Teams durchgehende Hilfe vor Ort gewährleisten sollte. In Ermangelung eigener Räumlichkeiten operierte fortan monatlich je ein Team zwei Wochen lang in zwei von Joch dafür ausgewählten Krankenhäusern der Stadt. Insbesondere Schoeneich und die Interplast-Sektion Frankfurt organisierten regelmäßige Einsätze.

1992 stellte das Auswärtige Amt die Förderung mit der Begründung ein, „keine Dauerflüchtlinge subventionieren“ zu wollen. Damit schieden der Verein Help e. V., der sich um die Organisation in Deutschland gekümmert, und auch das Deutsche Afghanistan Komitee, das bis dahin die organisatorischen Aufgaben in Peshawar übernommen hatte, aus dem Projekt aus. Die Europäische Union bewilligte zwar den Antrag auf Förderung, allerdings mit einem deutlich niedrigeren Budget, so dass die Zahl der Interplast-Teams reduziert werden musste.

Afghanistan Mit der Einnahme Kabuls durch die Mudjahedin 1994 kehrten viele der ins Ausland Geflohenen zum Wiederaufbau nach Afghanistan zurück. Auch die Verantwortlichen des Peshawar-Projekts verlegten den Hauptsitz ihrer Tätigkeit von Pakistan nach Afghanistan. Da die Hauptstadt Kabul aufgrund anhaltender Kämpfe zwischen den Truppen Ahmad Schah Massouds und erstarkenden Talibanmilizen weiterhin als zu unsicher galt, wählten sie das 120 Kilometer entfernte Dschalalabad als neuen Standort. Hier finanzierte Schoeneich gemeinsam mit der Interplast-Sektion Frankfurt und der Hilfe der Deutschen Botschaft den Auf- und Umbau eines zerstörten Hauses zum damals weltweit zweiten Interplast-Krankenhaus. Es wurde unter der Leitung Jochs im September 1995 in Betrieb genommen und galt Zeit seines Bestehens als die einzige kostenfreie Anlaufstelle für Rekonstruktive Chirurgie in der Region.

Talibanregime Im September 1996 eroberten die Taliban Dschalalabad und Kabul und unterwarfen das ganze Land einer radikalislamistisch-fundamentalistischen Zwangsherrschaft. Während die politische Lage zunehmend ausländische Helfer abschreckte, organisierten Interplast-Teams, wiederum in erster Linie Schoeneich und die Frankfurter Sektion, weiterhin Einsätze in Dschalalabad. Insgesamt führten sie hier ca. 4.500 Operationen durch. Im Oktober 1998 stellte die Europäische Union die Förderung des Projektes ein, da es „keinen lebensrettenden Maßnahmen diene“. Vorübergehend wieder vom Deutschen Auswärtigen Amt unterstützt, wurde das Krankenhaus schließlich von den Taliban beschlagnahmt und das Projekt Ende September 1999 zwangsweise abgebrochen.

Chak-e-Wardak