Das Institut für Musikästhetik, gegründet 1967 als „Institut für Wertungsforschung“, ist eine Einrichtung der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Als einziges Institut dieser Art im deutschsprachigen Raum widmet es sich spezifisch der philosophischen Durchdringung musikalischer Phänomene.
Idee und Aufgabe mini|Palais Meran, Sitz des Instituts für Musikästhetik Das Institut fördert und betreibt Forschung und Lehre auf dem Feld der Musikästhetik. Diese untersucht grundlegende Voraussetzungen musikalischer Theorie und Praxis. Ideen wie Form, Struktur, Gehalt, Zeit, Ausdruck, Verstehen, Interpretation und Werk sind für die musikalische Produktion und Rezeption fundamental. Sie bilden den thematischen Kern einer historisch fundierten Philosophie der Musik. Als Ästhetik reflektiert sie insbesondere Wertungen, die auf Musik (und allgemeiner auf Kunst) bezogen werden, sowie die Maßstäbe, auf denen solche Wertungen implizit oder explizit beruhen. Typischerweise verfährt Musikästhetik interdisziplinär: Den begrifflichen Reichtum der philosophischen Tradition gelte es zu dem empirischen Wissen von ästhetischen Empfindungen und Urteilen in Beziehung zu setzen, um so beide weiterzuentwickeln.Elisabeth Freismuth (Hrsg.): Entwicklungsplan 2016 bis 2019. Universität für Musik und darstellende Kunst, Graz 2016, S. 27–28.
Gründung und Entwicklung Ära Kaufmann mini|Harald Kaufmann, Fingerübungen (1970) Das Institut für Musikästhetik wurde am 29. September 1967 als Institut für Wertungsforschung (ursprünglich: „Institut für musikalische Wertungsforschung“) an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz gegründet.Steiermärkisches Landesarchiv Graz, K. 30/Nr. 59. Zit. nach Ingeborg Harer: Visionen einer Pionierin: Vera Schwarz (1929–1980) und ihre Konzepte zur Etablierung des Fachgebietes Alte Musik/Aufführungspraxis. In: Barbara Boisits, Ingeborg Harer (Hrsg.): Alte Musik in Österreich. Forschung und Praxis seit 1800. Mille Tre, Wien 2009 (= Neue Beiträge zur Aufführungspraxis. Band 7), S. 359–390, hier: S. 360–361, sowie Quellennachweis auf S. 385. Bereits am 16. März 1967 wurde in einer Kollegiumssitzung der Akademie mitgeteilt, die Errichtung zweier neuer Institute wissenschaftlichen Charakters sei geplant: „1. Institut für Werkpraxis (Alte Musik, Ensemble), 2. Institut für Wertungsforschung“ (Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Kollegiumsprotokoll AV/HK/06.07.1998). Es war zunächst als „Institut für Kulturpublizistik“ geplant gewesen.Steiermärkisches Landesarchiv (STLA), Schuber 78, X-38, GZ AK-38-1966-67 Die Akademie bestellte Harald Kaufmann, der das Institut 1966 konzipiert hatte, zu dessen erstem Vorstand.Gottfried Krieger: Ein Pionier der Musikpublizistik in Österreich. Zum Leben und Wirken von Harald Kaufmann (1927–1970). In: Österreichische Musikzeitschrift. Band 65, 2010, Heft 7–8, S. 4–12. Beim Symposion im Gründungsjahr 1967 hielt Theodor W. Adorno, der Kaufmann hoch schätzte,Theodor W. Adorno: Brief an Harald Kaufmann vom 31. Oktober 1967. In: Werner Grünzweig, Gottfried Krieger (Hrsg.): Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik. Wolke, Hofheim, 1993, S. 274–275, hier: S. 274: „Selten habe ich bei einem Menschen geistige Integrität und strategische Begabung so glücklich verbunden gefunden wie bei Ihnen; das Ihnen zu sagen, drängt es mich sehr.“ Adorno betonte Kaufmann gegenüber, „daß es ganz wenige Institutionen gibt, denen ich mich so tief verbunden fühle wie Ihrem Institut“ (Theodor W. Adorno: Brief an Harald Kaufmann vom 8. Januar 1968. In: Werner Grünzweig, Gottfried Krieger (Hrsg.): Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik. Wolke, Hofheim 1993, S. 277). ein Grundsatzreferat.Theodor W. Adorno: Reflexion über Musikkritik. In: Harald Kaufmann (Hrsg.): Symposion für Musikkritik. Institut für Wertungsforschung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst, Graz 1968, S. 7–21, wiederabgedruckt in Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Band 19, hrsg. von Rolf Tiedemann und Klaus Schultz. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1984, S. 573–591. – Peter Vujica verspottete das „Symposion für Musikkritik“ in zwei Artikeln als „Sternfahrt der Beckmesser“ und „musikkritische Artus-Runde“ (Kleine Zeitung 14. sowie 15. Oktober 1967). In zwei Bänden eigener Untersuchungen – Spurlinien. Analytische Aufsätze über Sprache und Musik sowie Fingerübungen. Musikgesellschaft und Wertungsforschung,Lafite, Wien 1969 und 1970. Die Fingerübungen sind dem Gedächtnis Adornos, der im Jahr zuvor verstorben war, gewidmet. – entwarf Kaufmann programmatisch Ideen für die neue ForschungsstätteAm stärksten programmatisch sind die zuerst 1967 vorgetragenen Thesen über Wertungsforschung. In: Fingerübungen. Musikgesellschaft und Wertungsforschung. Lafite, Wien 1970, S. 12–23. In ihnen gibt Kaufmann „einen Überblick über die Grundlagen und Kategorien der Arbeit am Institut für Wertungsforschung in Graz“ (Gerhard Schuhmacher: Musikästhetik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973, S. 51). Vgl. a. Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Harald Kaufmann, Thesen über Wertungsforschung. In: Lexikon Schriften über Musik. Bd. 2: Musikästhetik in Europa und Nordamerika. Bärenreiter/Metzler, Kassel 2022, S. 432–433. und wandte sie exemplarisch, in Fallstudien, an. Der Saarbrücker Musikwissenschaftler Werner Braun charakterisierte Kaufmanns Programm so: „In der modernen ‚Wertungsforschung‘ geht es um die Aufhellung möglichst aller verborgenen Prämissen für das ‚antizipatorische‘ ästhetische Urteil. Durch Tests will der Leiter des hierfür eingerichteten Grazer Instituts, Harald Kaufmann, die Assoziations- und Vermittlungsketten bloßlegen und so den ‚Gruppennormen‘ auf die Spur kommen.“Werner Braun: Musikkritik. Versuch einer historisch-kritischen Standortbestimmung. Gerig, Köln 1972 (= Musik-Taschen-Bücher Theoretica. Band 12), S. 116 f. Vom 16. bis zum 19. Dezember 1969 lehrte György Ligeti ‚über avantgardistische Kompositionstechniken und Kriterienfindung‘ am Institut. Dietmar Polaczek, in: Neue Zeit, 18. Dez. 1969, S. 4. Der von 1958 bis 1970 währende Briefwechsel zwischen Ligeti und Kaufmann findet sich in: Werner Grünzweig, Gottfried Krieger (Hrsg.): Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik. Wolke, Hofheim 1993, S. 164–262. Zu Kaufmann/Ligeti vgl. auch Julia Heimerdinger: Sprechen über Neue Musik. epubli, Berlin 2014, S. 144–145.
Am 1. Juni 1970 wurde bei Kaufmann septische Pleuropneumonie diagnostiziert.Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Persakt Harald Kaufmann AV 96/1, 10 P Am 29. Juni 1970 wurde er durch Entschließung des Bundespräsidenten der Republik Österreich, Franz Jonas, zum ordentlichen Hochschulprofessor ernannt. Kaufmann starb am 9. Juli 1970 im Alter von 42 Jahren in Graz.
Ära Kolleritsch mini|Palais Meran Graz, Südflügel Nach Kaufmanns jähem Tod übernahm Otto Kolleritsch (1934 – 2023) im selben Jahr die Leitung des Instituts, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2002 innehatte. In der Ära Kolleritsch wurde das Institut vom Palais Saurau in den Südflügel des Palais Meran verlegt. Während dieser Periode ergab sich zum einen die Möglichkeit, die Symposien an den Steirischen Herbst anzubinden. Dies erforderte eine thematische Abstimmung mit der (von Peter Vujica und Emil Breisach begründeten) Konzertreihe ‚Musikprotokoll‘ des Avantgardefestivals. Zum anderen verschob Kolleritsch den Schwerpunkt der Institutsarbeit zur Rezeptionsgeschichte hin und verknüpfte deren Ansatz in den 1990er Jahren mit der kulturwissenschaftlichen Moderne/Postmoderne-Diskussion.Vgl. Otto Kolleritsch (Hrsg.): Wiederaneignung und Neubestimmung. Der Fall „Postmoderne“ in der Musik. Universal Edition, Graz 1991, sowie, in stärker systematischem Aufriss, Susanne Kogler: Adorno versus Lyotard. Moderne und postmoderne Ästhetik. Alber, Freiburg i. Br./München 2014. Kogler wurde 2001 bei Otto Kolleritsch promoviert. Kolleritsch schloss die von Kaufmann favorisierten Methoden empirischer Sozialforschung aus und beschränkte die Verfahrensweisen der Institutsarbeit auf die von den Geistes- und Kulturwissenschaften gepflegten. (Teils auch eher intuitives) Werten ersetzte die Wertungsanalyse.Eingewandt worden ist gegen die Grazer „Wertungsforschung“ der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, sie habe „de facto“ die wissenschaftliche Untersuchung von Wertungen durch publizistische Aufwertung Neuer Musik, also Forschung durch Parteinahme ersetzt. „Werturteile bilden sich im gesellschaftlichen Konsens. Die Wissenschaft vermag, sie zu registrieren und nach einer entsprechenden Erklärung zu suchen. Sie sollte sich jedoch davor hüten, sich zum Sprachrohr dieser oder jener Seite zu machen, will sie sich nicht um ihre Glaubwürdigkeit bringen.“ (Hellmut Federhofer, Neue Musik und moderne Demokratie. In: International Review of the Aesthetics and Sociology of Music (IRASM). XXX (1999), H. 1, S. 3–13, hier S. 12, vgl. S. 5–6). Den Nachlass Harald Kaufmanns, dessen Ideen nun in den Hintergrund gerieten,Gottfried Krieger: Erleben – Analysieren – Kritisieren. Zum Wechselverhältnis von Praxis und Theorie bei Harald Kaufmann. In: Werner Grünzweig, Gottfried Krieger (Hrsg.): Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik. Wolke, Hofheim, 1993, S. 9–14. verlegte dessen Witwe und Erbin, Erika Kaufmann, von Graz an das Archiv der Akademie der Künste Berlin.Homepage Musikarchiv der Akademie der Künste Berlin Die Leistungen Kolleritschs, die eine Festschrift zu seinem 60. Geburtstag würdigte,Doris Leitinger (Hrsg.): Kritische Musikästhetik und Wertungsforschung. Zum 60. Geburtstag des Herausgebers. Universal Edition, Graz/Wien 1996 (= Studien zur Wertungsforschung. Band 30). gipfeln nach Ansicht des Theologen und Musikers Johann Trummer (1940 – 2019) in einem „unüberbietbaren Lebenswerk“.Johann Trummer: Glückwunsch für Otto Kolleritsch. In: Doris Leitinger (Hrsg.): Kritische Musikästhetik und Wertungsforschung. Zum 60. Geburtstag des Herausgebers. Universal Edition, Graz/Wien 1996 (= Studien zur Wertungsforschung. Band 30), S. 120–130, S. 124
Ära Dorschel mini|Andreas Dorschel, Wien 2019