mini|Nassenfels im raetischen Limesvorland

Das Kastell Nassenfels, seltener auch Erdkastell Nassenfels oder Holz-Erde-Lager Nassenfels, erhielt höchstwahrscheinlich bereits während seines Bestehens den Namen der später am gleichen Ort expandierenden Zivilsiedlung Scuttarensium. Nassenfels war ein nur wenige Jahrzehnte besetzter römischer Truppenstandort, den die damalige Heeresleitung nach dem Überschreiten der Donau in den neunziger Jahren des ersten Jahrhunderts n. Chr. einrichtete. Aus der zur Provinz Raetien gehörenden Anlage entwickelte sich ein wichtiger, im Limeshinterland gelegener Zivilort. Mit dem Limesfall um 259/60 n. Chr. und der damit einhergehenden Zerstörung des Ortes kam das römische Leben zum Erliegen. Heute ist von den teils umfangreichen antiken Gebäuderesten in und um den oberbayerischen Markt Nassenfels, Landkreis Eichstätt, nichts mehr oberirdisch erhalten.

Lage

Der Nassenfelser Raum wurde bereits von den Menschen der Steinzeit aufgesucht. Auf dem Juraplateau des Speckbergs bei Nassenfels wurde ab 1963 die größte paläolithische Freilandstation Süddeutschlands ergraben.U.a.: Friedbert Ficker: Die paläolithische Freilandstation Speckberg bei Nassenfels. In: Historische Blätter für Stadt und Landkreis Eichstätt 18, 1969, S. 9–12; Sondierungen in der Paläolithischen Freilandstation „Speckberg“. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 31, 1966, S. 1–33. Während der durch die Archäologin Anneli O’Neill geleiteten Untersuchung einer 3000 Quadratmeter großen Fläche auf der Flur „Maueräcker“ kamen im Herbst 2010 neben den erwarteten zivilen nachkastellzeitlichen Befunden aus dem frühen 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr. auch eisenzeitliche Grubenhäuser sowie zwei Gräber (101 und 102) aus der Glockenbecherzeit zu Tage. Zu deren Ausstattung gehörten eine steinerne Armschutzplatte, Silexpfeilspitzen sowie sorgfältig gearbeitete Keramik.Anneli O’Neill: Zwei glockenbecherzeitliche Gräber in Nassenfels. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2010 (2011), S. 37–38.

Ein wichtiges römisches Expansionsziel von der Donau nach Norden zur Alp und zum Riesbecken war sicherlich die Erschließung dieses Siedlungskammer mit ihren fruchtbaren Lößböden.Claus-Michael Hüssen: Römische Okkupation und Besiedlung des mittelraetischen Limesgebietes. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 71, von Zabern, Mainz 1991, S. 5–22; hier: S. 7. Von dieser Vegetationskraft berichtet bereits der bayerische Geschichtsschreiber Johannes Aventinus (1477–1534).Johannis Aventini – Des Hochgelerten weitberümbten Beyerischen Geschichtschreibers Chronica Feyerabend, Frankfurt a. Main 1580, S. 160. So wurde auch das Kastell auf gutem Boden nördlich über der Schutter errichtet. Diese fließt von Nassenfels aus nach Südosten zur Donau hin ab und schafft damit für kleine Wasserfahrzeuge eine direkte Verbindung. Die Garnison lag am südlichen Fuß der Fränkischen Alb in den westlichen Ausläufern des Ingolstädter Beckens.Wolfgang Czysz, Lothar Bakker u. v. a.: Die Römer in Bayern. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1600-2, S. 485.

Name

Der Name Scuttarensium leitet sich von der durch Nassenfels fließenden Schutter und dem gleichnamigen, von ihr geformten Tal her.Dietwulf Baatz: Der römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. Mann, Berlin 1993, ISBN 3-7861-1701-2, S. 310. Der Name Schutter wird auf einen keltischen Ursprung zurückgeführt.Hans Bauer: Schwabmünchen. Historischer Atlas von Bayern. Teil Schwaben, Reihe I, Heft 15. Hrsg. von der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Akademie der Wissenschaften, Laßleben, München 1994, ISBN 3-7696-9947-5, S. 15. Erhalten blieb der antike Ortsname durch eine Spolie mit sorgfältig gehauenen Buchstaben, die bis 1953 in der Friedhofsmauer vermauert war und sich heute im Vorraum zur 1741 geweihten katholischen Kirche St. Nikolaus in Nassenfels befindet. Der als Tabula ansata ausgeführte Stein wurde in der Zeit nach dem Ende der Garnison im 2. Jahrhundert geschaffen und bekundet eine Weihung an Mars und Victoria.; Epigraphische Datenbank Heidelberg; Ubi erat Lupa (mit Fotos). Der Ortsname in der Inschrift ist zwar nur mehr in Resten lesbar, doch ist der lateinische Name der Schutter – Scutara – urkundlich auch noch für die Zeit vor der ersten Jahrtausendwende belegt.Karlheinz Dietz: Bemerkungen zu Inschriften aus Nassenfels, Lkr. Eichstätt, Oberbayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 71 (2006), S. 36–37; hier: S. 34.

Marti et Victoriae vik(ani) Scu[t]t(arienses) cur(am) ag(entibus) C(aio) Iul(io) Impetrato et T(ito) Fl(avio) Gemellino IMP C[o?]M III

Übersetzung: „Dem Mars und der Victoria haben (dieses Monument) die Einwohner des Vicus an der Schutter (gesetzt) unter der Leitung des Caius Iulius Impetratus und des Titus Flavius Gemellinus …“

Der restliche Text ist strittig. Die Abkürzungen werden von verschiedenen Epigraphikern unterschiedlich aufgelöst. Neben imp(ensis) com(munibus) f(ecerunt)Karlheinz Dietz: Bemerkungen zu Inschriften aus Nassenfels, Lkr. Eichstätt, Oberbayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 71 (2006), S. 36–37; hier: S. 35. kann sich der Althistoriker Karlheinz Dietz auch eine Konsuldatierung vorstellen: Imp(eratore) C[o]m(modo) III, was eine Datierung für das Jahr 181 n. Chr. ergäbe.Karlheinz Dietz: Bemerkungen zu Inschriften aus Nassenfels, Lkr. Eichstätt, Oberbayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 71 (2006), S. 36–37; hier: S. 36.

Forschungsgeschichte

Generationen von Forschern und Historikern trugen sich mit dem Gedanken, in Nassenfels ein Kastell zu verorten. Alle Indizien schienen das zu bestätigen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah es danach aus, als wären erstmals fassbare Hinweise auf den Garnisonsort entdeckt worden. So berichtete die Reichs-Limeskommission, dass es bei Grabungen im Jahr 1901 so schien, als ob sich endlich die Lage eines römischen Erdkastells bestimmen lasse.Bericht über die Arbeit der Reichslimeskommission im Jahr 1901 In: Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts 17, Reimer, Berlin 1902, S. 71. Der damals entdeckte Wall wurde jedoch im Winter 1911/12 bei einer erneuten Untersuchung geschnitten, wobei sich dessen nachrömische Struktur herausstellte. In seiner Tiefe stießen die Ausgräber allerdings auf eine starke Kulturschicht mit Fundmaterial des 2. Jahrhunderts n. Chr.Die Erforschung des obergermanisch-raetischen Limes 1908–1912. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 7, 1912, Baer, Frankfurt am Main 1913, S. 173.

Erst Anfang der 1990er Jahre wurden letztendlich Teile der Umwehrung des Holz-Erde-Lagers entdeckt. Von 2010 bis 2016 sind bisher unangetastet gebliebene Teile des nördlichen Kastellareals und des Vicus durch die Erschließung eines Neubaugebiets in der seit alters her für Funde bekannten Flur „Maueräcker“ vollständig überbaut worden.

Baugeschichte

Im Zuge der römischen Inbesitznahme des donauabwärts gelegenen Territoriums entstanden erste vorgeschobene Militärlager und Kastellketten in Holz-Erde-Bauweise. Zu den ganz frühen Anlagen dieser Entwicklung zählen das zwischen 79 und 81 n. Chr. noch auf der donauabwärts gerichteten Seite errichtete Kastell EiningKastell Eining bei ; genauer: Epigraphische Datenbank Heidelberg und das im Neuland durch eine Bauinschrift auf das Frühjahr 80 n. Chr. datierte Kastell Kösching,Kastell Kösching bei ; ; Inschrift bei Ubi erat lupa. dem auf der südlichen Donauseite gegenüber das wohl bereits in den vierziger Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr.Hans Schönberger u. a.: Kastell Oberstimm. Die Grabungen von 1968 bis 1971. (= Limesforschungen – Studien zur Organisation der römischen Reichsgrenze an Rhein und Donau 18), Mann, Berlin 1978. S. 14. errichtete Kastell OberstimmKastell Oberstimm bei lag, das in dieser Zeit eine wichtige Rolle als Garnisonsort spielte.

Möglicherweise in einer zweiten Welle entstanden um 90 n. Chr., während der Regierungszeit des Kaisers Domitian (81–96), in rascher Folge weitere Garnisonen. Hierzu zählt Kastell Nassenfels, das vielleicht bereits über den bereits bestehende Standort Neuburg an der DonauKleinkastell Neuburg bei erschlossen wurde. Eine Donaubrücke zehn Kilometer westlich von Neuburg und südlich des Dorfes Stepperg ließ sich laut dendrochronologischer Splintgrenzdatierung allerdings erst auf die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. (145 ± 10, 165 ± 5) fixieren.Marcus Prell: Römische Flußbrücken in Bayern zum aktuellen Forschungsstand. In: Louis Bonnamour (Hrsg.): Archéologie des fleuves et des rivières. Editions Errance, Paris 2000, ISBN 2-87772-195-7, S. 65–69; Marcus Prell: Die römische Donaubrücke bei Stepperg. Taucharchaologische Untersuchungen 1992 bis 1996. Sonderdruck aus dem Neuburger Kollektaneenblatt 145 (1997), S. 1–80.Römerstraße nach Nassenfels bei ; Römerstraße nach Nassenfels bei ; Römerstraße nach Nassenfels bei ; Römerstraße nach Nassenfels bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei ; Römerstraße zur Donausüdstraße bei Westlich von Nassenfels waren römische Truppen zur Sicherung des fruchtbaren Riesbeckens bereits wesentlich weiter nördlich vorgestoßen und hatten die Kastelle Weißenburg,Kastell Weißenburg bei Munningen,Kastell Munningen bei Unterschwaningen,Kastell Unterschwaningen bei und GnotzheimKastell Gnotzheim bei eingerichtet. Möglicherweise zeitgleich entstand das nordöstlich von Nassenfels gelegene Kastell Pfünz.Kastell Pfünz bei Dieser Standort kann unter anderem nach Meinung des Archäologen Dietwulf Baatz (1928–2021) vielleicht als vorgeschobener Nachfolger von Nassenfels angesehen werden.

Eine gut ausgebaute Straße verband Eining mit den fast auf einer Linie liegenden Kastellen Pförring,Kastell Pförring bei einer trajanischen Gründung, Kösching und Nassenfels. Von diesem Knotenpunkt aus waren im Süden Neuburg und die Donausüdstraße, nach Norden Pfünz, das frühestens während der Regierungszeit Kaiser Hadrians (117–138) gegründete BöhmingKastell Böhming bei und das Gebiet der Germania magna zu erreichen. Eine weitere Trasse verband Nassenfels mit dem vielleicht ebenfalls in domitianischer Zeit entstandenen Kastell Oberdorf.Stempel des südgallischen Töpfers FLAVIVS GERMANVS auf glatter Sigillata. Nach Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“: ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 130 sowie Liste 10, Nr. 4 und Tafel 154, Abb. 16.Kastell Oberdorf bei

Von dem um 90 n. Chr. entstandenen Holz-Erde-Lager in Nassenfels, insbesondere seiner Innenbebauung, ist bisher nur sehr wenig bekannt geworden. Die rund 1,50 bis 1,70 Hektar große Anlage orientiert sich relativ genau nach den Haupthimmelsrichtungen, wobei lediglich der westlichste Teil, dort aber in seiner vollen Nord-Süd-Ausdehnung, archäologisch erschlossen ist. Der mittlere und östliche Lagerabschnitt wird unter anderem durch die spätere Vicus-Bebauung stark gestört. Die heutige Geniusstraße folgt in ihrem östlichen Abschnitt dem Verlauf der Südfront des Kastells. An ihrem Ende stößt sie auf den Winkelmannweg. Dieser folgt der alten römischen Trasse geradeaus nach Norden; er stößt noch im Ort auf die west-östlich verlaufende Römerstraße, die sich ebenfalls an einer antiken Trasse orientiert.Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer: Der römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008. ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 186–187 (mit Abb.).