Stax Records ist ein US-amerikanisches Independent-Label in Memphis, das in den 1960er und 1970er Jahren Trends für die Entstehung der Soulmusik setzte (neben Motown in Detroit) und durch konsistente Studioproduktionen für die Entwicklung des „Memphis-Soul“ gesorgt hat.
Geschichte Gründung mini|Stax-Aufnahmestudios, seit 2003: Stax Museum of American Soul Music Die Labelgründer waren der weiße Bankangestellte und Hobby-Country-Fiddler Jim Stewart sowie dessen Schwester Estelle Axton, die im Dezember 1957 mit einem Hypothekendarlehen von US-Dollar 2.500 das Plattenlabel Satellite Records gründeten. Die Konkurrenz in Memphis war vergleichsweise groß: Sun Records hatten den Zenit des Erfolges erreicht, Hi Records versuchte Marktanteile dazuzugewinnen, die kleinen Echo-Tonstudios von Stan Kesler waren bereits etabliert und Goldwax Records begann 1964 mit der Arbeit. Memphis hatte sich mittlerweile zu einem Zentrum für viele Tonstudios und Plattenlabels entwickelt.James Dickerson, Goin’ Back to Memphis, 1996, S. 141. Die weißen Inhaber und Produzenten konzentrierten sich auf unbekannte schwarze Interpreten im weitgehend segregierten Memphis.Jon Pareles: Estelle Stewart Axton, 85, A Founder of Stax Records. In: New York Times, 27. Februar 2004. Die Musiker der Sessionbands waren hingegen, wie allgemein üblich, „rassisch“ gemischt.
Katalog Als erste Platte im Katalog mit Satellite #100 erschien im Januar 1958 mit dem lokalen Countrysänger Fred Byler die in einer Garage aufgenommene Single Blue Roses / Give Me Your Love, deren A-Seite der einzige jemals von Stewart komponierte Titel bleiben sollte. Es folgte das von Chips Moman komponierte Destiny von Charles Heinz (#101), das im August 1960 erschien und ebenfalls noch keinen Erfolg erzielte. Das Label hatte zunächst lediglich regionale Bedeutung und erwirtschaftete deshalb nur geringe Umsätze in der Umgebung, bis im Oktober 1960 Jerry Wexler von Atlantic Records aufmerksam wurde.
Grund war Cause I Love You (Satellite #102), ein im August 1960 erschienenes Duett von Rufus & Carla Thomas (Vater und Tochter), das regional etwa 15.000 Exemplare umgesetzt hatte;James L. Dickerson, Mojo Triangle: Birthplace of Country, Blues, Jazz and Rock & Roll, 2005, S. 141. eine im neuen Tonstudio, dem ehemaligen Capitol-Filmtheater in der East McLemore Avenue, einer überwiegend schwarzen Nachbarschaft, entstandene Aufnahme außerhalb der gewerkschaftlichen Mindestlöhne mit Booker T. Jones am Baritonsaxophon, Rufus’ Sohn Marvell Thomas (Piano) und Wilbur Steinberg (Bass).Rob Bowman, Soulsville U.S.A.: The Story of Stax Records, 1997, S. 9. Atlantic Records schloss mit Satellite einen Vertriebsvertrag, der einen nationalen Vertrieb sicherte. Der Titel wurde auf dem für Popmusik zuständigen Atlantic-Tochterlabel ATCO (#6177) erneut im September 1960 veröffentlicht, sein nationaler Vertrieb erbrachte nochmals 35.000 Stück Umsatz; das genügte dennoch nicht für eine Hitparadennotiz. Auch die Nachfolgesingle Gee Whiz (Look At His Eyes) von Carla Thomas als Solistin war im August 1960 im neuen Tonstudio entstanden und als Satellite #104 im November 1960 auf den Markt gekommen. Am 21. Januar 1961 wurde sie unter Atlantic #2086 veröffentlichtRob Bowman, Soulsville U.S.A.: The Story of Stax Records, 1997, S. 18. und kletterte bis auf Rang fünf der R&B-Charts und 10 der Popcharts mit einem Plattenumsatz von 500.000 Exemplaren.
Durch den Vertriebsvertrag erhielt Stax die Verkaufseinnahmen früher und damit die dringend benötigte Liquidität. Stax hatte die Kosten bis zur Fertigstellung des Mastertapes zu tragen, danach übernahm Atlantic die Herstellungs-, Werbe- und Vertriebskosten. Jerry Wexler griff künstlerisch meist nicht ein, „die durften tun, was sie wollten“.Soulsville U.S.A.: The Story of Stax Records, 1997, S. 13. Auf Satellite #107 erschienen im Juni 1961 die Mar-Keys mit dem Instrumentaltitel Last Night (aufgenommen im September 1960). Mit diesem 12-taktigen Blues auf Twist-Basis und der charakteristischen Melodieführung einer Farfisa-Orgel gelangten sie bis auf Rang zwei der R&B-Charts und Rang drei der Pophitparade. Dieser instrumentale Millionenseller aus Memphis bildete mit der Besetzung Wayne Jackson (Trompete/Posaune), Charles „Packy“ Axton (Tenorsaxophon, Sohn der Labelinhaberin Estelle Axton), Don Nix (Baritonsaxophon), Terry Johnson (Piano), Jerry Lee „Smoochie“ Smith (Piano/Orgel), Steve Cropper (Gitarre), Donald ‘Duck’ Dunn (Bass) und Jerry Johnson (Schlagzeug) den Kern der späteren Sessionband in den Stax-Studios.
mini|Booker T. & the MG’s – Green Onions
Mit Satellite #111 wurde im Oktober 1961 die letzte Platte als Satellite Records vermarktet, bevor das Label in Stax Records umbenannt wurde. Der Firmenname setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen Stewart und Axton zusammen zur Vermeidung von Verwechslungen mit einem gleichnamigen Plattenlabel in Los Angeles. Stewart, der noch nie mit schwarzer Musik in Berührung gekommen war, hatte nunmehr einen eigenständigen Musikstil gefunden. Die ersten Sessionmusiker und Komponisten (Booker T. Jones, Chips Moman (Gitarre) und David Porter) kamen aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Studios. Einen großen Anteil an der Anziehungskraft von Stax für junge Musiker aus der Nachbarschaft hatte der Plattenladen, den Estelle Axton im Eingangsbereich des ehemaligen Kinos eröffnete, und der schnell zum einen zum Treffpunkt der lokalen Jugendlichen wurde, zum anderen aber dem Label ermöglichte, schnell auf die neuesten Trends zu reagieren.
Eine weitere Studioband rekrutierte sich aus den Mar-Keys (Booker T. Jones, Steve Cropper) sowie Lewis Steinberg (Bass 1962–64) und Al Jackson (Schlagzeug). Auch sie versuchte den Erfolg mit einer Instrumentalaufnahme, nämlich unter dem Namen Booker T. & the M.G.’s mit dem Titel Green Onions (Stax #127). Auch dieser mit Stakkato-Gitarrenspiel von Cropper und einem markanten Orgelriff in F-Moll versehene Song entwickelte sich nach Veröffentlichung im Juli 1961 zum Millionenseller.Joseph Murrells, Million Selling Records, S. 160. Die Instrumentalgruppe trug mit ihrem funkigen Sound erheblich zur Imagebildung des Stax-Sounds und mit ihren vielen Instrumentaltiteln zum Label-Katalog bei. Die Band entwickelte sich zu einer der wenigen Sessionbands, die eigenständige Erfolge als Instrumentalgruppe aufweisen konnten.
mini|Otis Redding – (Sittin’ on) The Dock of the Bay
Im Oktober 1962 begleitete Booker T. Jones und seine M.G.’s (Abkürzung für Memphis Group) Otis Redding bei seinen ersten Aufnahmen zu Hey Hey Baby und These Arms of Mine, letzterer Titel gelangte bis auf Rang 20 der Rhythm-&-Blues-Hitparade. Seinen ersten Auftritt im Apollo hatte Redding bereits am 16. November 1963, ohne einen großen Hit in den Charts vorweisen zu können. Als Studioband hatten sich für Redding inzwischen Wayne Jackson (Trompete), Charles Axton (Tenorsaxophon), Floyd Newman (Baritonsaxophon), Booker T. Jones (Orgel/Piano), Johnny Jenkins (Gitarre), Donald „Duck“ Dunn (Bassgitarre) und Al Jackson (Schlagzeug) herauskristallisiert. Aus der Session vom 28. Dezember 1964 resultierten Mr. Pitiful / That’s How Strong My Love Is, die nach Veröffentlichung im Februar 1965 mit einem Rang 10 der R&B-Charts Reddings bisher beste Platzierung war. Vorerst größter Hit wurde die Soul-Ballade I’ve Been Loving You Too Long, entstanden am 19. April 1965.
Redding trat zwischen dem 8. und 10. April 1966 im „Whisky A Go Go“ in Los Angeles auf, eine Vielzahl der hier präsentierten Titel war später auf Platte – nach Abmischung in den Stax-Studios – erschienen. Seine produktivste Session stammt vom 13. September 1966, als 13 Titel eingespielt wurden. Im März 1967 folgte ein Auftritt im Pariser „Olympia“ sowie im Londoner „Astoria Theatre“. Am 17. Juni 1967 trat er beim Monterey Pop Festival auf. Seine vorletzte Studiosession stammt vom 6. Dezember 1967, als zehn Titel verewigt wurden. Am darauf folgenden 7. Dezember 1967 entstand noch das von Steve Cropper produzierte (Sittin’ on the) Dock of the Bay, garniert mit Wellenrauschen und Möwenklängen. Ein herber Verlust war der Tod von Otis Redding und dessen Begleitgruppe The Bar-Kays, die am 10. Dezember 1967 durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Die postume Veröffentlichung von Dock of the Bay am 8. Januar 1968 erbrachte mit einem ersten Platz in der R&B- und Pophitparade einen weltweiten Millionenseller. Reddings Schwerpunkt seiner Eigenkompositionen waren gefühlvolle Soul-Balladen, schnelle Songs wie Respect (9. Juli 1965) hingegen die Ausnahme.
Memphis-Soul Nachdem Atlantic es nicht gelungen war, den jähzornigen Wilson Pickett in New York erfolgreich zu produzieren, ging Wexler mit ihm in die Stax-Studios. In the Midnight Hour (aufgenommen am 12. Mai 1965) erhielt einen Schlagzeugrhythmus, der die zweite und vierte Note betonte und nicht wie üblich die erste und dritte und verkaufte 300.000 Exemplare.Soulsville U.S.A.: The Story of Stax Records, 1997, S. 62. Picketts drei Aufnahmesessions für Stax erbrachten lediglich eine albumfüllende Anzahl von Titeln mit annähernd identischer Besetzung, darunter aber Hits wie Don’t Fight It (12. Mai 1965), Ninety-Nine And A Half Won’t Do oder 634-5789 (Soulsville U.S.A.) vom 20. Dezember 1965. Midnight Hour erreichte den ersten Rang der R&B-Charts, 634-5789 blieb sogar sieben Wochen auf dem höchsten Platz.
Alle Titel, produziert von Jerry Wexler und begleitet von Booker T. and the MG´s plus den Memphis Horns waren zugleich auch mittelmäßige Crossover-Hits. Danach wechselte Pickett zu den FAME Studios, weil Jim Stewart im Dezember 1965 keine Fremdproduktionen für Atlantic Records mehr zuließ, um nicht die Sessionbands überzustrapazieren.Dorothy Wade/Justin Picardie, Music Man: Ahmet Ertegun, Atlantic Records and the Triumph of Rock 'n' Roll, 1990, S. 134 f. Im Juni 1965 kam Don Covay in die Studios, dessen Kompositionen durch andere Künstler zu Hits wurden (See-Saw für Aretha Franklin, Sookie Sookie für Steppenwolf).
Eddie Floyd – zusammen mit Steve Cropper als Komponisten für viele Stax-Titel verantwortlich – kam auf die Idee zum Aberglauben schürenden Titel Knock on Wood, den er selbst sang. Der Streit um das Erfolgspotenzial des Songs wurde kurz nach dem Aufnahmetag 13. Juli 1966 beigelegt, und nach seiner Veröffentlichung noch im selben Monat wurden 735.000 Exemplare umgesetzt;Soulsville U.S.A.: The Story of Stax Records, 1997, S. 99. es war erst der dritte Tophit von Stax in den R&B-Charts.
1966 stieß Bluesveteran Albert King mit seiner Gibson-Flying-V-Gitarre zum Label, in über einjähriger Produktionszeit (März 1966 bis Juni 1967) entstand mit dem Blues-Gitarristen und -Sänger das im August 1967 erschienene Album Born Under a Bad Sign. Sein typischer Bluesstil wurde hier mit der Bläsersektion an den Memphis-Sound angepasst, überzeugte auf dem Plattenmarkt und in den Hitparaden jedoch nicht.