mini|Wappen des Hauses Savoyen seit 1890 mini|Karte der Entwicklung des Herrschaftsgebiets der Savoyer in Oberitalien bis 1789
Das Haus Savoyen ist eine ursprünglich burgundische, später italienische Dynastie, die 1003 gegründet wurde sowie seit dem Hochmittelalter über die Territorien Savoyen und Piemont, später auch über die Grafschaft Nizza, Sardinien und Ligurien herrschte und von 1861 bis 1946 die Könige Italiens stellte. Zeitweise regierte das Herrschergeschlecht auch über angrenzende Teile Frankreichs (Bresse, Bugey, Gex) und der Schweiz (Waadtland, Genf, Teile des Unterwallis).
Mittelalter Herkunft Als Gründer des Hauses gilt Humbert I. Weißhand, ein Feudalherr von ungesicherter Herkunft, der 1003 Graf von Salmourenc im Viennois, 1017 Graf von Nyon am Genfersee und 1024 Graf des Aostatals am östlichen Abhang der Westalpen war. 1034 erhielt er einen Teil der Maurienne als Lohn von Konrad dem Salier für die Unterstützung seines Anspruchs auf das Königreich Burgund. Er erhielt auch die Grafschaften Savoyen, Belley, Tarentaise und das Chablais.
Aufstieg der Grafen von Savoyen im Hochmittelalter mini|hochkant|Münze (Denaro Segusino) mit dem Porträt von Graf Peter I. von Savoye, Mitte des 11. Jahrhunderts mini|Savoyen um das Jahr 1200
Mit diesen Territorien verfügte Humbert über drei der wichtigsten Alpenpässe, den Mont Cenis, den Großen Sankt Bernhard und den Kleinen Sankt Bernhard. Sein Sohn Otto heiratete 1046 Adelaide, die älteste Tochter von Odalrich-Maginfred, Markgraf von Turin aus der Familie der Arduine, der unter anderem über die Grafschaften Turin, Auriate, Asti, Bredulo und Vercelli herrschte, die zusammen etwa der heutigen Region Piemont und einem Teil Liguriens entsprechen. Humbert starb im Jahre 1048. Ihm folgte sein Sohn Amadeus, nach dessen Tod das Land auf Otto überging. Auf diese Weise wurde Otto Herrscher über Territorien beidseitig der Alpen, ein Umstand, der noch bis 1860 wichtigen Einfluss auf die Politik des Hauses Savoyen haben sollte. Nach Ottos Tod im Jahre 1060 folgte ihm seine Witwe Adelaide, aber noch vor ihrem Tod 1091 wurden seine Söhne Peter I. und nach ihm Amadeus II. Herrscher über die Grafschaft.
Unter Humbert II. (Regierungszeit 1078–1080) kam es zu ersten Auseinandersetzungen gegen die Piemonteser Kommunen, aber er, seine Nachfolger Amadeus III. (der auf dem Heimweg vom Zweiten Kreuzzug starb) und Thomas I. verfolgten ihnen gegenüber eine Politik der Versöhnung. Thomas, der bis 1222 regierte, war Ghibelline und sorgte für einen erheblichen Bedeutungszuwachs Savoyens, denn er wurde zum Reichsvikar ernannt und erlangte wichtige Erweiterungen seines Territoriums namentlich in Bugey, in der Waadt, konkret 1240 in Payerne und Romont, 1272 in Romainmôtier (nordwestlich der Alpen) sowie Carignano, Pinerolo, Moncalieri und Vigone (südöstlich der Alpen). Im Weiteren herrschte er über Genf, Albenga, Savona und Saluzzo. Nach seinem Tod wurden diese Territorien unter seinen Söhnen aufgeteilt: Thomas II. erhielt das Piemont, Aimone das Chablais, Peter und Philipp weitere Lehen, und Amadeus IV., der älteste, die Grafschaft Savoyen und eine allgemeine „Überherrschaft“ über die Besitztümer seiner Brüder. Weitere Brüder erhielten Bischofsämter außerhalb der Stammlande, Bonifaz schließlich wurde Erzbischof von Canterbury.
Peter II. reiste mehrmals nach England. Eine seiner Nichten, Eleonore von der Provence, wurde Ehefrau des englischen Königs Heinrich III., eine andere, Sancha von der Provence, Ehefrau von Richard von Cornwall. Heinrich machte Peter zum Earl of Richmond und stattete ihn mit einem Palast an der Themse aus, der den Namen Savoy Palace erhielt. Graf Peter erlangte auch zusätzliches Territorium im Waadtland und besiegte Rudolf von Habsburg bei Chillon.
mini|Chambéry 1645 Nachdem Thomas II. mehrere Städte und Festungen im Piemont eingenommen hatte, verlor er diese wieder und wurde vorübergehend von den Bürgern Turins inhaftiert. Von den Söhnen Thomas’ I. hinterließ nur er männliche Erben. Sein Sohn Amadeus V., genannt „der Große“, herrschte von 1285 bis 1323 und gilt als „Vereiniger“ der verstreuten Gebiete des Hauses. Als Amadeus seine Regentschaft antrat, wurden die Lehen wie folgt aufgeteilt: die Grafschaft Savoyen wurde sein eigenes Territorium, das Fürstentum Piemont ging an seinen Neffen Philipp und die Waadt wurde an seinen Bruder Ludwig vergeben. Zwar wurde diese Gliederung 1295, als Chambéry zur Hauptstadt Savoyens wurde, formal bestätigt und dennoch erlangte Amadeus die Vorherrschaft über alle Besitztümer, was auch zu einer politischen Vereinheitlichung innerhalb des Landes führte. Durch Eroberungen, Kauf und geschicktes Verhandeln gewann er Lehen, die seine Vorgänger verloren hatten, zurück. In zahlreichen Feldzügen bekämpfte er die Dauphins des Viennois, die Grafen des Genevois, die Bürger von Sion und Genf, die Markgrafen von Saluzzo und Montferrat und die Barone von Faucigny. Zudem wirkte er als Friedensstifter zwischen Frankreich und England und begleitete Kaiser Heinrich VII. auf dessen Italienfeldzug.
Auf Amadeus V. folgten seine Söhne, Eduard der Liberale (1323–1329) und später Aimone der Friedfertige (1329–1343). Aimone gilt als einer der fähigsten Fürsten seines Geschlechts, gelang es ihm doch, die Verwaltung und das Justiz- und Finanzwesen Savoyens zu reformieren.
mini|Nizza 1624 Sein Sohn Amadeus VI. (Regierungszeit 1343–1383), genannt Il Conte Verde („der grüne Graf“), folgte ihm im Alter von nur neun Jahren nach. Amadeus machte sich sowohl einen Ruf als Kreuzritter als auch in einem Feldzug gegen die Osmanen, den er 1366 anführte. Der Vertrag von Paris von 1355 beendete die Spannungen, die sich zwischen ihm und Frankreichs Königshaus aufgebaut hatten. Der Graf wollte die an Savoyen angrenzende Dauphiné erwerben, doch war ihm Frankreich mit einem höheren Preis und zufälligem Erbanfall zuvorgekommen. 1356 wurden die Savoyer als Reichsvikare amtsführende Stellvertreter des Kaisers. Damit konnten sie über die Rechtsprechung ihre Territorialherrschaft aufbauen, also allgemein über ein Gebiet und dessen Einwohner bestimmen und nicht, wie im Feudalwesen, mit einzelnen konkreten Rechtstiteln über bestimmte Personengruppen.Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz, S. 17. hier + jetzt Verlag, Baden 2010. Mit seinem Entscheid, die italienischen Besitzungen gegenüber jenen am Fuße der französischen Alpen und jenen in der Westschweiz vorrangig zu behandeln, leitete Amadeus VI. eine Entwicklung ein, die für die Savoyer-Dynastie noch von großer Bedeutung werden sollte. Er vermittelte zwischen Mailand und dem Haus Montferrat (1379), zwischen den Familien Scaliger und Visconti und zwischen den Republiken Venedig und Genua nach dem Chioggia-Krieg (alle 1381). Amadeus war einer der ersten Souveräne, der ein System kostenloser Rechtsberatung für die Armen einführte. Als er Ludwig von Anjou in seinem Anspruch auf das Königreich Neapel aktiv unterstützte, starb er während des Feldzuges in Campobasso an der Pest.
Sein Sohn Amadeus VII., genannt Il Conte Rosso („der rote Graf“), herrschte von 1383 bis 1391. In seiner Jugend nahm er an der Seite Karls V. von Frankreich an einem Feldzug in Flandern teil. 1388 gelang es ihm, die Grafschaft Nizza für sich zu vereinnahmen, womit Savoyen einen Zugang zum Mittelmeer erhielt. Im selben Jahr verlor der Graf gegen die Eidgenossen im Oberwallis die Schlacht bei Visp.Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern. Bde. 6–7. Historischer Verein des Kantons Bern, Bern 1867, S. 344.
Herzöge von Savoyen im Spätmittelalter mini|hochkant|Wappen der Herzöge von Savoyen im Scheibler’schen Wappenbuch mini|Amadeus VIII. als Gegenpapst Felix V. Während der langen Herrschaft von Amadeus VIII. (1391–1440), Sohn von Amadeus VII., erlebte Savoyen eine Blütezeit. Der Graf konnte seine Territorien sowohl in der Genferseeregion (Pays de Gex) wie auch in Italien (Piemont) arrondieren. 1416 besuchte ihn König Sigismund in Chambéry und erhob ihn zum Herzog. 1430 führte Amadeus gegen den Widerstand des Adels und der Städte, die ihre Privilegien in Gefahr sahen, die Statuta Sabaudiæ ein, ein umfassendes Gesetzbuch, das für das gesamte Herzogtum Gültigkeit hatte. 1434 zog sich der Herzog in die Kartause Ripaille am Genfersee zurück, wo er im Hintergrund weiter wirkte und vermittelte, während er die Tagesgeschäfte seinem Sohn Ludwig überließ. Obwohl Amadeus nicht dem Klerus angehörte, wurde er auf dem Konzil von Basel 1439 überraschend gegen den amtierenden Papst Eugen IV. zum Gegenpapst gewählt. Zehn Jahre amtete er unter dem Namen Felix V., bis er zurücktrat und lediglich die Kardinalswürde behielt. Felix’ Widersacher Papst Eugen IV. dämonisierte in einer Bulle von 1440 das Herzogtum Savoyen (und dort vor allem die Hochtäler im Wallis, in der Waadt, in den Savoyer Alpen und im Aostatal) als ein Hort von Hexen, wobei die Begriffe Hexe, Ketzer und Waldenser vermischt wurden.Rudolf Pfister: Kirchengeschichte der Schweiz. Theologischer Verlag, Zürich 1954, Band 1, S. 341. Gemäß dem Historiker Wolfgang Behringer fanden die ersten massiven Hexenverfolgungen in Europa um das Jahr 1428 in Savoyen statt.Wolfgang Behringer: Hexen – Glaube, Verfolgung, Vermarktung. Verlag C. H. Beck, München 2002, S. 37, 108.mini|Savoyen im 15. Jahrhundert.Amadeus’ Sohn Ludwig (Regierungszeit 1440–1465), der als erster den Titel Prinz von Piemont trug, konnte nicht an die politischen und diplomatischen Erfolge seines Vaters anknüpfen. Er heiratete 1433 Anne de Lusignan aus dem Haus Lusignan, das damals Zypern beherrschte. Ludwig hatte in der Folge die Intrigen des zypriotischen Hofstaats seiner Ehefrau ebenso auszuhalten wie die Ambitionen seiner französischen und Mailänder Nachbarn. 1446 musste er das Valentinois an die französische Krone abtreten. Der Zugriff auf Mailand, wo das Geschlecht Visconti in männlicher Linie 1447 ausgestorben war, misslang. Als Amadeus 1448 von Jean I. das Fürstentum Monaco gegen eine jährliche Rente angeboten wurde, lehnte er aus Furcht vor den Feinden in Nizza und Turbia ab.Bettina Grosse de Cosnac: Die Grimaldis. Geschichte und Gegenwart der Fürstenfamilie von Monaco. Bastei Verlag, Köln 2007, S. 25. 1452 sagte sich Freiburg im Üechtland, welches sich im Alten Zürichkrieg stark verausgabt hatte, von Habsburg los und stellte sich unter den Schutz des Herzogs, der der Stadt alle Kriegsschulden erließ. Die letzten Jahre seiner Regierungszeit waren durch Verschwörungen des Adels, in die auch sein jüngster Sohn Philipp de Bresse verwickelt war, geprägt. mini|Italien um 1494. Der Herrschaftsbereich des Hauses Savoyen erstreckte sich beidseits der Alpen von der Bresse im Westen bis zum Piemont im Osten.
Auf Ludwig folgte sein Sohn Amadeus IX. (Regierungszeit 1465–1469), der wegen einer epileptischen Erkrankung die Regentschaft 1469 seiner Ehefrau Yolande, einer Schwester des französischen Königs Ludwig XI., überließ. Diese Machtverschiebung löste in Savoyen einen Bürgerkrieg zwischen den französischen und den burgundischen Parteigängern aus, denn sowohl der französische König als auch der burgundische Herzog Karl der Kühne, der eine expansive Politik betrieb, versuchten Savoyen als ihren Bündnispartner zu gewinnen. Schließlich entschied sich Yolande 1475 gegen ihren Bruder und für Karl; eine folgenschwere Wahl, denn damit wurde Savoyen mitten in die Burgunderkriege hineingerissen. Der Herzog von Burgund stand nämlich im Konflikt mit den ebenfalls aufstrebenden Eidgenossen und wurde von diesen in mehreren Schlachten, die auch savoyardische Territorien tangierten (siehe Schlacht auf der Planta), vernichtend geschlagen. 1476 musste Yolande Teile der Waadt an Bern abtreten sowie ihre Rechte über das Wallis und Freiburg im Üechtland aufgeben. Damit begann der Niedergang der savoyardischen Macht in der heutigen Westschweiz.