Die Literatur Costa Ricas ist die Literatur des zweitkleinsten spanischsprachigen Staates Lateinamerikas, welcher der aus dem spanischen Generalkapitanat Guatemala hervorgegangenen Zentralamerikanischen Konföderation bis 1838 angehörte und danach selbstständig wurde. Wie in den anderen Staaten Zentralamerikas setzte hier eine eigenständige literarische Entwicklung erst viel später ein als in den Zentren Mexiko, Peru oder in der La-Plata-Region. Dazu trug bei, dass Costa Rica bis in die 1840er Jahre nur durch die Umschiffung von Kap Hoorn erreichbar war. Die Literatur des kleinen Landes führte lange Zeit ein Schattendasein und fand erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts Beachtung außerhalb der Landesgrenzen. Heute drückt sich in der Literatur des Landes ein europäisches Lebensgefühl stärker aus als in anderen Literaturen Zentralamerikas.
Vorgeschichte Die Ureinwohner des Nordens Costa Ricas waren kulturell von den Hochkulturen Zentralamerikas beeinflusst, die des Südens von Stämmen aus dem heutigen Kolumbien (u. a. den Chibcha), entwickelten jedoch keine eigene Schriftkultur. Die Bewohner der Cordillera de Talamanca bedienten sich allerdings der Knotenschrift mit dem Quipu, die auch die Inka verwendeten.
Die spanische Kolonialzeit brachte keine relevanten literarischen Werke hervor. Erst um 1830 entstanden die ersten Druckereien und wurden die ersten Zeitungen in dem kleinbäuerlich besiedelten Land verlegt. Eine mächtige Pflanzeraristokratie existierte hier nicht. Der Kaffeeexport förderte jedoch den Aufstieg einer liberalen Händleroligarchie und brachte dem Land seit den 1840er Jahren einen Modernisierungs- und Wachstumsschub, der alle gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche umfasste, so auch das Erziehungssystem und andere staatliche Institutionen.
1890–1990: Romantik und Costumbrismo mini|hochkant|Aquileo Echeverría Die sich seit etwa 1880/90 konstituierende Nationalliteratur mit ihren weitgehend auf die Hauptstadt San José konzentrierten Institutionen (Nationalbibliothek, -archiv, -theater. Liceo der Costa Rica), ihren Mythen und Helden huldigte weitgehend dem säkularen Kult des Positivismus. Vertreter einer solchen positivistischen, zugleich antiamerikanischen und antikatholischen Ideologie war der Philologe Carlos Gagini (1865–1925), der Essays, Grammatiken, Wörterbücher der indigenen Sprachen, historische Erzählungen, Theaterstücke und Zarzuelas verfasste. Als Begründer einer realistischen Erzähltradition kann Manuel Argüello Mora (1834–1902) gelten. Der als Waisenkind bei seinem Onkel, dem Präsidenten Juan Rafael Mora Porras, aufgewachsene Argüello Mora, der in La trinchera (1899) den desaströsen Feldzug seines Onkels gegen den US-amerikanischen Filibuster William Walker 1856 schilderte und ihm 1859 zeitweise ins Exil folgte, verfasste mit Luisa, Mi familia und Misterio (1887/88) die ersten, der Romantik und dem Costumbrismo verhafteten Romane Costa Ricas sowie später weitere historische Romane und Erzählungen.Kurzbiographie auf encyclopedia.com Er wird wie auch der Lyriker Pío Víquez, der Romanautor Jenaro Cardona und der Historiker Manuel de Jesús Jiménez Oreamuno zur Generación del Olimpo (auch Elite des Olimpio, Generación del 900 oder Lira costarricense) gezählt, einer Generation, die die Kultur des liberalen Nationalstaats in Opposition zum Machtanspruch der Katholischen Kirche begründeten. Deren wichtigster Vertreter war der Journalist und Diplomat Manuel González Zeledón (Magón, 1864–1936) mit seinem Roman La propia (1909) und seinen Cuadros de costumbres.
Ländliche Lebensformen spiegeln sich in der Lyrik des mit Rubén Darío befreundeten Aquileo Echeverría (1866–1909). Echeverría gilt heute noch als Costa Ricas Nationalpoet.Mittelamerikanische Literatur. In: Der Literatur-Brockhaus. Mannheim 1988, Bd. 2, Sp. 622. Joaquín García Monge (1881–1958) schrieb den ersten bedeutenden Roman Costa Ricas El moto (1900) über einen armen jungen Bauern, der sich der Poesie verschrieben hat, und seine Geliebte. Monge gründete 1919 die demokratisch-pazifistische Kulturzeitschrift Repertorio Americano, ein bedeutendes Diskussionsforum der Intellektuellen des Landes. Zeitweise wurde er des Anarchismus verdächtigt.
1920–1950: Vom Simbolismo zum sozialen Realismus der Generación del 40 Der Costumbrismo dominierte in Costa Rica wie in anderen Regionen Lateinamerikas bis in die 1920er Jahre. Nach der Diktatur Federico Tinoco Granados’, die 1919 endete, wirkten jedoch verstärkt europäische Einflüsse auf das Werk der Autoren Costa Ricas. Vom Simbolismo beeinflusst waren die Gedichte Fernando Centeno Güells, die in den 1930er und 1940er Jahren entstanden. Als konservativer Vertreter eines metaphysischen Modernismo kann Roberto Brenes Mesén (1874–1947) gelten, der politisch gegen die Dominanz der United Fruit Company kämpfte, jedoch 1939 in die USA auswanderte. In den 1930er Jahren entwickelten sich auch avantgardistische Strömungen; doch blieb die Prosaliteratur der Beschreibung der nach der Weltwirtschaftskrise instabilen politischen und sozialen Wirklichkeit des Landes verhaftet. mini|hochkant|Abbildung von Carmen Lyra auf der costaricanischen 20.000-Colones-Banknote Das Elend der Bananenproduzenten war seit Generationen ein Dauerthema der Literatur Costa Ricas, zuerst beschrieben von Carmen Lyra (1888–1949), einer zentralen Figur des Partido Comunista Costarricense in Bananos y hombres (1933). Lyras 1920 erschienener Band mit Kurzerzählungen Cuentos de mi tía Panchita („Erzählungen meiner Tante Pachita“) wurde einer der Klassiker der Literatur Costa Ricas; er enthält auch Anleihen an ein Märchen der Brüder Grimm. Die Sozialreformen der 1940er Jahre und die gescheiterte Rebellion von 1948 änderten an der Situation wenig. Wichtige Vertreter der sozialrebellischen Generación del 40 waren Carlos Luis Fallas (1909–1966) und Fabián Dobles (1918–1997). Fallas, der wohl bekannteste Autor dieser Zeit und Anführer des Bananenarbeiterstreiks von 1934, verarbeitete seine eigenen Erfahrungen als Arbeiter auf den Plantagen der United Fruit Company in dem Roman „Die grüne Hölle“ (Mamita Yunai, 1940), der in deutscher Übersetzung zuerst 1954 in der DDR erschien. Dobles schuf mit Ese que llaman pueblo (1942) den ersten Roman Costa Ricas zu Großstadtthemen. Seine Aktivistenrolle in der Kommunistischen Partei kostete ihn seine Stelle als Lehrer; so musste er als Korrespondent der kubanischen und sowjetischen Presse arbeiten. Seit den 1960er Jahren wurde sein Werk wieder sehr geschätzt und vielfach ausgezeichnet.Dobles, Fabián, in: Andreas Klotsch und Gisela Leber (Hrsg.): Moderne latainamerikanische Prosa. 3. Auflage. Verlag Volk und Welt, Berlin, 1976, S. 424 f.
1950–1990: Anschluss an die internationale Literatur Nach dem Bürgerkrieg von 1948, in dem einige Autoren wie Carmen Lyra das Land verließen, verschärfte sich die Sozialkritik; gleichzeitig stieg das Interesse an regionalen Themen. Joaquín Gutiérrez (1918–2000) wurde in Deutschland durch den Roman „Die Glut und ihr Schatten“ (1963) bekannt, der ebenfalls die Zustände auf den Plantagen behandelte. In der DDR erschien 1956 sein preisgekrönter Kindheitsroman „Cocori“. Carmen Naranjo (1928–2012), zeitweise Kulturministerin sowie Botschafterin in Israel, wurde in den 1960er Jahren durch Romane, Kurzgeschichten und Lyrik bekannt. Ihr zahlreiche Themen umspannendes, auch stilistisch innovatives Werk – sie reduziert Personen weitgehend auf Stimmen – ist von US-amerikanischen Autoren ebenso beeinflusst wie durch Carlos Fuentes oder Juan Rulfo. Der ehemalige Diplomat, Vizeaußenminister und Kulturminister Alberto Cañas (1920–2014) beschreibt in seinem Roman Los molinos de Dios („Die Mühlen Gottes“, 1992) in traditionellem Erzählstil das Schicksal der oft aus Deutschland stammenden Kaffeepflanzer und ihre Rolle in der Politik des Landes.Klaus Jetz: Neue Literatur aus Costa Rica. Online: Quetzal Leipzig, 1994. 1971 gründete er die Compañía Nacional de Teatro. Zu den sozialkritischen Dichtern zählen auch Jorge Delbravo (1938–1967) und der Diplomat Laureano Albán (1942–2022), beide aus der Vulkanregion Turrialba. Degrano schrieb angeblich seine ersten Gedichte auf Bananenblättern und kochte seine violette Tinte aus Beeren. Er starb bei einem Motorradunfall.Kurzbiographie (spanisch) Julieta Pinto (1921–2022) hatte das harte Leben der Landbevölkerung kennengelernt, bevor sie Literatursoziologie in Paris studierte und Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universidad Nacional de Costa Rica in Heredia unterrichtete. Seit den 1960er Jahren experimentiert sie in ihren zahlreichen Büchern mit modernen Erzählformen. mini|hochkant|José León Sánchez mit dem aztekischen Codex Borbonicus (2014) mini|hochkant|Tatiana Lobo Seit den 1980er Jahren weitete sich der Blick der Autoren und bezog zunehmend internationale Entwicklungen und literarische Strömungen ein. Auch der historische Roman fand wieder Freunde: Die Zerstörung des Aztekenreiches aus der Sicht der Unterlegenen behandelt der sozial und kulturell vielfältig engagierte Parlamentarier und Politiker José León Sánchez (1929–2022), Sohn indianischer Eltern, in seinem in viele Sprachen übersetzten, in Millionenauflage verkauften Roman „Tenochtitlan. Die letzte Schlacht der Azteken“ (Tenochtitlan – La última batalla de los aztecas), Mexiko-Stadt (1984). Sánchez saß zwanzig Jahre in Haft, nachdem er versuchte, von Spaniern geraubte Schätze für die Ureinwohner zu entwenden. Er schrieb etwa 30 Bücher und war zuletzt Professor für präkolumbianische Kultur an der Universität von Costa Rica.Autoreninfo des Unionsverlags Zürich Er ist wohl der im Ausland bekannteste Autor aus Costa Rica und erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk. Die 1939 in Chile geborene Tatiana Lobo, die 1963 nach Deutschland ging und seit 1966 in Costa Rica lebt, schreibt aus Historikerperspektive über die Zerstörung des Paradieses und der Alltagswelt der indigenen Völker durch die Kolonisatoren (Asalto al paraíso, 1992). Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.Klaus Jetz: Neue Literatur aus Costa Rica. Online: Quetzal Leipzig, 1994. Calypso (dt. „Hahnenbräute“, 1999) handelt vom Leben in einem kleinen Hafen der abgelegenen Karibikküste Costa Rica.
Zu nennen sind ferner die Romane „Die Freunde und der Wind“ (Los amigos y el viento) von Virginia Grütter Jiménez (1929–2000), die darin ihre Kindheit im faschistischen Deutschland und der unmittelbaren Nachkriegszeit verarbeitet hat und „Der wundersame Krieg“ (La guerra prodigiosa) des Lyrikers, Roman- und Theaterautors, Essayisten und Diplomaten Rafael Angel Herra (* 1943) sowie das vielfältige, von schwarzem Humor durchtränkte Alltagswelt der Werk von Alfonso Chase (* 1944), das das Milieu der Jugendlichen der Hauptstadt San José schildert.
1990–2010: Die Generation der Enttäuschung Die neuere Literatur Costa Ricas hat sich in relativer Isolation von anderen lateinamerikanischen Literaturen, auch von der der Nachbarländer, entwickelt. Es fehlt das Thema „Diktatur“, es gibt keinen Indigenismo; nach einer längeren Phase des Gewaltverzichts und Friedens spiegeln die Themen die Situation einer entwickelten urbanen Gesellschaft, die unter den rigiden neoliberalen Reformen leidet und deren junge Generation immer schlechtere Bildungsmöglichkeiten und Berufsperspektiven für sich sieht und mit dem Gedanken an die Auswanderung in die USA spielt. Auch die Sensibilität für ökologische Themen ist hoch. Die neue costa-ricanische Literatur wirkt somit „europäischer“ als die anderer lateinamerikanischer Länder; sie hat einige Themen mit der spanischen „Literatur der Krise“ oder der „Entrüsteten“ (indignados) gemein.