Henry VIII (deutsch: Heinrich VIII.) ist eine Oper in vier Akten und sechs (später fünf) Bildern von Camille Saint-Saëns (Musik) mit einem Libretto von Pierre-Léonce Détroyat und Paul-Armand Silvestre nach Pedro Calderón de la Barcas historischem Drama La cisma de Ingalaterra von 1627, das seinerseits auf Pedro de Ribadeneiras Historia ecclesiastica del scisma del reyno de Inglaterra von 1588 beruht. Die Uraufführung der Oper fand am 5. März 1883 im Palais Garnier der Pariser Oper statt.
Handlung
Erster Akt
Saal im Palast von Henry VIII in London; auf der linken Seite zwei große Fenster zum Platz
mini|links|Erster Akt: Saal im königlichen Palast. Presseillustration 1903
Szene 1. Der Herzog von Norfolk begrüßt seinen Freund, den neu ernannten spanischen Botschafter Don Gomez de Féria, der seine Stellung durch Vermittlung der englischen Königin Catherine d’Aragon erhalten hat. Don Gomez hofft, durch diese Position mehr Zeit mit seiner Geliebten Anne de Boleyn verbringen zu können (Don Gomez: „La beauté que je sers est telle“). Als Norfolk ihm von Gerüchten erzählt, dass der König ein Auge auf Anne, der Schwester seiner früheren Mätresse Marguerite, geworfen hat, weist Don Gomez diese zurück. Er ist sich der Gegenliebe Annes sicher (Duett Don Gomez/Norfolk: „Qui, je suis sûr de son amour!“ – „Le ciel vous garde son amour“). Norfolk warnt seinen Freund vor der Unberechenbarkeit und Grausamkeit des Königs, die sich gerade jetzt am Tribunal gegen seinen vormaligen Günstling Buckingham zeige.
Szene 2. Eine Gruppe von Hofherren bestätigt Norfolks Warnung: Buckingham wurde zum Tode verurteilt. Als König Henry mit dem Grafen Graf von Surrey eintritt, verneigen sich alle unterwürfig.
Szene 3. Norfolk stellt Henry den neuen spanischen Gesandten vor. Henry grüßt ihn freundlich. Da im Empfehlungsschreiben der Königin auch Don Gomez’ Geliebte erwähnt wurde, verspricht er ihm seine Unterstützung in Liebesdingen. Er weiß nicht, dass es sich um Anne handelt.
Szene 4. Nachdem sich alle anderen zurückgezogen haben, teilt Surrey dem König mit, dass sich der Papst einer Annullierung seiner Ehe widersetze. Henry liebt Anne und will sie unter allen Umständen für sich gewinnen, obwohl sie selbst seinem Werben noch nicht nachgegeben hat („Je souffre, pour cette rebelle“). Surrey geht, und Catherine tritt ein.
Szene 5. Henry teilt seiner Frau mit, dass er Anne de Boleyn zu ihrer neuen Ehrendame ernannt habe. Catherine ist erfreut darüber, da sie von Annes Liebe zu Gomez’ weiß. Sie nutzt die Gelegenheit, um für Buckingham um Gnade zu bitten. Henry zeigt sich jedoch unerbittlich – und macht zudem Andeutungen darüber, dass ihre Ehe vor Gott keinen Bestand habe (Duett Catherine/Henry: „Donnez-moi sa grâce“). Catherine erkennt, dass Henry sie nicht mehr liebt.
Szene 6. Anne tritt ein, geleitet von Surrey und in Begleitung von Ehrendamen. Norfolk, Don Gomez und weitere Edelleute kommen hinzu. An der Reaktion Annes und Don Gomez’ erkennt Henry deren alte Bekanntschaft. Er stellt Anne seiner Frau als neue Ehrendame vor und ernennt sie zugleich zur Marquise von Pembroke. Hinter der Bühne erklingt ein Trauermarsch, als Buckingham zum Schafott geführt wird. Während alle anderen zum Fenster eilen, gesteht Henry Anne seine Liebe. Unterdessen klagt ein Chor von Mönchen um den Verurteilten. Anne hat böse Vorahnungen. Gomez erkennt die Absichten des Königs.
Zweiter Akt
Kreuzweg in den Gärten von Richmond; Vorbereitungen zu einem Fest
mini|links|Zweiter Akt: Der Park von Richmond. Lavastre/Michelet/Mols 1883
Szene 1. Beim Aufgehen des Vorhangs beobachten Höflinge einige Pagen bei ihren Fechtübungen (Chor: „Joyeux enfants qui ne savez encore“). Da in London die Pest ausgebrochen ist, ist Henry mit seinem Hofstaat nach Richmond gezogen. Einzig die Königin hält in London die Stellung. Don Gomez zweifelt inzwischen an Annes Zuneigung, da sie ihm seit seiner Ankunft aus dem Weg geht. Da erscheint Anne, begleitet von ihren Ehrendamen, im Hintergrund der Szene (Frauenchor: „Noble dame, pour vous plaire“). Als sie Gomez bemerkt, schickt sie die Frauen fort.
Szene 2. Anne versichert Gomez, dass sie ihn noch immer liebe. Sie erschreckt, als sie den König kommen sieht.
Szene 3. König Henry ist überrascht, Don Gomez mit Anne zusammen anzutreffen. Er lädt ihn zu dem Fest ein, das er am Abend der Marquise zu Ehren gibt. Don Gomez sagt zu und zieht sich mit einem schmerzlichen Blick auf Anne zurück.
Szene 4. Henry wirbt erneut um Anne. Sie weist ihn zunächst zurück, doch als er ihr verspricht, Catherine zu verstoßen und sie zur Königin zu machen, stimmt sie begeistert zu und sinkt ihm in die Arme (Duett: „Je cède au rêve qui m’enivre“). Als er Surrey erblickt, reißt Henry sich los, um ihm zu folgen, doch nicht ohne einen zärtlichen Blick mit Anne zu wechseln.
Szene 5. Anne schwärmt von ihrer künftigen Macht als Königin (Anne: „Reine! je serai reine!“). Da erscheint Catherine und geht langsam auf sie zu.
Szene 6. Catherine stellt Anne zur Rede. Sie hat ihre Absichten durchschaut und warnt sie vor der Strafe Gottes.
Szene 7. Henry, Don Gomez, Lady Clarence (eine weitere Ehrendame Catherines), Surrey und Norfolk kommen hinzu. Während Anne Henry auffordert, sie vor Catherines Anfeindungen zu schützen, verweist diese auf ihr Recht als Königin. Henry teilt ihr mit, dass sie diese Stellung nicht mehr lange innehaben werde. Da meldet Norfolk die Ankunft des päpstlichen Legaten, Kardinal Campeggio. Dieser kündigt eine „ernste Mahnung“ an, doch Henry verschiebt die Unterredung auf den nächsten Tag, da nun alles zum Fest bereit ist. Catherine und Campeggio entfernen sich. Die anderen zerstreuen sich in die Gärten. Henry reicht Anne die Hand.
Divertissement in den Gärten von Richmond
Introduction. Entrée des Clans – Eintritt der Clans Idylle écossaise – Schottisches Idyll La fête du houblon – Hopfenfest Danse de la gitane – Tanz de Zigeunerin Pas des highlanders – Tanz der Highlander [in späteren Fassungen gestrichen] Scherzetto – Scherzetto Gigue et Finale – Gigue und Finale
Dritter Akt
Erstes Bild: Beim König; eine sich im Hintergrund verlierende Galerie
[Dieses Bild strich Saint-Saëns in späteren Fassungen.]
mini|links|Dritter Akt, erstes Bild: Gemach des Königs. Mols/Michelet 1883
Szene 1. Surrey meldet Henry, dass der Legat um eine Audienz bitte. Henry verweigert ihm diese.
Szene 2. Henry ist verärgert über die Machtanmaßung des Papstes.
Szene 3. Anne befürchtet, dass ihre Verbindung mit Henry diesem schaden könnte. Sie schlägt daher vor, die Hochzeitspläne aufzugeben. Henry beruhigt sie.
Szene 4. Norfolk teilt Henry mit, dass der Legat auf einer Unterredung bestehe und bereits auf dem Weg sei.
Szene 5. Als Campeggio kommt, beauftragt Henry Norfolk, die Königin zu holen. Er versichert Anne, dass ihr Sieg nahe sei. Norfolk und Anne gehen.
Szene 6. Campeggio versichert Henry, dass ihm in erster Linie an seinem Seelenheil gelegen sei. Er warnt vor einem Bruch mit Rom und nennt Beispiele früherer Könige, die ihren Mut später bereut haben: Philippe Auguste in Frankreich und Otho in Deutschland. Henry erklärt, dass die Zeiten eines Barbarossa, der sich vor dem Papst gebeugt habe, lange vorbei seien. Im Falle einer Ablehnung werde er auch vor einem Schisma nicht zurückschrecken. Er zieht sich zurück.
Szene 7. Campeggio fürchtet, das Henry seinem Untergang entgegengeht. Er verspürt Mitleid mit der Königin und dem unschuldigen Volk, das die Folgen tragen werde, und bittet Gott um Gnade.
Zweites Bild. Der Parlamentssaal, in dem über die Königin verhandelt wird
mini|links|Dritter Akt: der Synodensaal, Presseillustration 1903
mini|Die Annullierung der Ehe, 1883
Szene 1. Zu den Klängen eines Marschs treten nacheinander die Teilnehmer der Synode ein: Gerichtsdiener, Edelleute mit Don Gomez und Lady Clarence, Erzbischof Cranmer von Canterbury, König Henry, Königin Catherine und die Richter. Nach der Eröffnung durch den Waffenmeister Garter und die Richter ruft zunächst Cranmer Gott um Beistand an (Cranmer: „Toi qui veilles sur l’Angleterre“). Der König verlangt nun vom Gericht die Annullierung seiner Ehe. Sie stehe nicht mit den christlichen Gesetzen im Einklang, da Catherine die Witwe seines Bruders sei. Catherine bittet Henry mit einem Hinweis auf ihre Ergebenheit und Treue um ein Einsehen (Catherine: „A ta bonté souveraine“). Auch habe der Papst ihre Verbindung gesegnet. Mit diesen Worten gewinnt sie die Herzen der Anwesenden. Anschließend wendet sich an die Richter und bittet auch diese um Mitleid, da sie Henry noch immer liebe. Dieser unterbricht sie grob. Als Garter in der Menge nach einem Verteidiger fragt, erhebt sich Don Gomez und erhebt im Namen Spaniens, seiner und Catherines Heimat, Einspruch. Eine Annullierung dieser Ehe könne leicht zu Krieg zwischen ihren Völkern führen. Die Menge ist empört über diese offene Drohung, und Henry kann auf den Willen des englischen Volks verweisen (Henry: „Mais tout mon peuple, je suppose“). Seine Landsleute bekräftigen, dass es ihr Stolz nicht zulasse, dass ein Fremder gegen ihren König spreche. Cranmer erklärt daraufhin die Ehe Henrys und Catherines für aufgehoben. Die Königin verlässt empört den Saal (Catherine: „Encore une fois je reclame“). Der Legat und weitere Kardinäle in seinem Gefolge kommen herein. Campeggio verliest die Bulle, in der der Papst die Ehe Henrys für gültig erklärt. Daraufhin lässt Henry die Tore für das Volk öffnen und fragt die Menge, ob sie von einem Fremden Befehle empfangen wollen. Alle verneinen das und schwören ihm ihre Gefolgschaft. Daraufhin erklärt sich Henry zum Oberhaupt der Kirche Englands und Anne de Boleyn zu seiner Gemahlin. Das Volk jubelt. Der Legat, der Henrys Exkommunikation ausspricht, findet kein Gehör mehr (Ensemble: „C’est donc fait!“).
Vierter Akt
Erstes Bild. Bei Anne de Boleyn; Saal im Stil der englischen Renaissance
mini|links|Vierter Akt, erstes Bild: Gemach bei Königin Anne. Presseillustration 1903
Szene 1. Beim Aufgehen des Vorhangs üben Herren und Damen einen Tanz für die Geburtstagsfeier des Königs. Anne überwacht die Probe. Norfolk unterhält sich mit Surrey über die finstere Stimmung des Königs seit seiner Hochzeit mit Anne. Offenbar zweifelt Henry an der Treue seiner Frau. Die verstoßene Catherine verbringt ihre letzten Tage nun trübsinnig im Schloss von Kimbolt.
Szene 2. Anne ist unangenehm überrascht, als ihr früherer Geliebter Don Gomez mit einer Botschaft Catherines eintrifft. Sie schickt die Edelleute fort, um ihn allein zu sprechen.
Szene 3. Don Gomez versichert Anne, dass er weder Hass noch Liebe mehr für sie empfinde und lediglich auf Wunsch Catherines gekommen sei. Ihre Briefe aus der Zeit seiner Verbindung mit Anne habe er vernichtet. Allerdings erfährt Anne, dass Catherine noch immer das Empfehlungsschreiben besitzt, aufgrund dessen er damals seine Stellung erhalten hatte. Anne fürchtet, dass Catherine es gegen sie verwenden könnte.
Szene 4. Henry erscheint und schickt Anne mit groben Worten fort. Diese erkennt, dass ihre einzige Hoffnung bei Catherine liegt.
Szene 5. Henry ist nicht gut auf Don Gomez zu sprechen, benötigt ihn aber noch, um ein „Geheimnis zu ergründen“. Don Gomez entgegnet, dass er nur noch wegen seiner Freundschaft mit Catherine seine Stellung am englischen Hof ausübe. Diese lasse Henry ausrichten, dass sie ihr Schicksal nicht beklagen wolle und täglich für ihn bete. Henry will Don Gomez nach Kimbolt begleiten, da er hofft, das gesuchte Geheimnis von Catherine zu erfahren. Don Gomez fürchtet eine neue Tücke des Königs (Duett Don Gomez: „Quel dessein à Kimbolt l’entraine?“ – Henry: „Enfin ma vengeance est prochaine!“).
Zweites Bild. Das Refugium Catherines im Schloss von Kimbolt
Szene 1. Während von draußen Freudengesänge des Volks hereinklingen (Chor: „Vive notre roi!“), grübelt Catherine über ihr Schicksal nach. Ihre geliebte Heimat Spanien wird sie wohl nie wiedersehen (Catherine: „Je ne te reverrai jamais“).