Friedrich Kuhn (* 13. Juni 1895 in Handschuhsheim bei Heidelberg; † 5. Januar 1976 in Lörrach) war ein deutscher Kreisschulrat, Archäologe und aktiver Gegner des NS-Regimes. mini|Friedrich Kuhn während einer Führung 1954

Leben und politisches Wirken Friedrich Kuhn besuchte nach Abschluss der Volksschule 1909 in Heidelberg das Lehrerseminar. Als freiwilliger Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg, den er später als „der dümmste Streich meines Lebens“Kuhn Friedrich. In: Baden-Württembergische Biographien. Band III. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-17-017332-4, S. 218–221. bezeichnete, wurde er am 15. April 1916 im Caillette-Wald bei Verdun schwer verwundet und überlebte als einer von nur zwölf Soldaten aus seiner 200 Mann starken Kompanie.Kuhn, Friedrich, zwei Berichte zu seinen Erlebnissen bei Verdun im Ersten Weltkrieg, undatiert, Titel: „Die Tragödie von Verdun 1916“ und „Vor Verdun, Kämpfe im Cailette-Wald“; Nachlass Friedrich Kuhn

Zum entschiedenen Kriegsgegner geworden, stand Kuhn politisch für Ausgleich und Völkerverständigung. Seit 1919 Mitglied der SPD, wurde Kuhn 1930 Mitglied des Rheinfelder Bürgerausschusses und des Bezirksrates Säckingen.

Auf Grund offener politischer Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten wurde er 1933 in seiner Tätigkeit als Lehrer von Rheinfelden-Nollingen nach Lörrach strafversetzt.Ulrich Tromm: Einer, der nicht einzuschüchtern war. Hauptlehrer Friedrich Kuhn: Als politischer Gegner vom NS Regime beargwöhnt und schikaniert – als Archäologe unentbehrlich. In: Badische Zeitung vom 4. März 2016; abgerufen am 11. Dezember 2017 Seine den Nationalsozialisten gegenüber weiterhin aktiv ablehnende Haltung lebte er in unterschiedlicher Form: in der Beibehaltung seines jüdischen Arztes, Samuel N. Moses,Manfred Bosch: Jahrbuch der Stadt Lörrach, „…dass Macht nicht gleich Recht sei“ – Friedrich Kuhn, ein Mann der ersten Stunde in der Lörracher Nachkriegszeit. Stadt Lörrach + Verlag Waldemar Lutz, Lörrach 1995, ISBN 3-922107-38-9, S. 103ff, 134–142. in demonstrativen Kirchenbesuchen, Unterstützung zwangsversetzter elsässischer LehrerkollegenStriffling Erwin, Helfrantzkirch (Elsass)/Frankreich, Schreiben vom 2. September 1961, RAPPORT sur l’attitude de M. Kuhn, Oberschulrat à LOERRACH vis-à-vis des instituteurs originaires du Haut-Rhin et contraints à exercer en Allemagne; Nachlass Friedrich KuhnTromm: So erging es elsässischen Lehrern im Dritten Reich. In: Badische Zeitung. Ausgabe Weil am Rhein, 13. Mai 2017; abgerufen am 13. Dezember 2017 sowie mehrfacher Fluchthilfe für vom Regime bedrohte Personen in die Schweiz.Hopmann Karl und Marie-Luise, aus Köln, Dankschreiben an Friedrich Kuhn für Fluchthilfe am 30. Juli 1943 über die Eiserne Hand bei Lörrach, Schreiben vom 30. August 1961; Nachlass Friedrich KuhnKuhn, Friedrich; 13. Juni 1895; Personalakte von Lehrern I; Landesarchiv BW, Staatsarchiv Freiburg, Signatur L50/1 Nr. 2734

Durch seine von den Nazis aus ideologischen Gründen als unentbehrlich eingeschätzte archäologische Arbeit erhielt er während des Krieges eine der seltenen GrenzgängerkartenMitarbeit des Hauptlehrers Friedrich Kuhn von Lörrach auf ur- und frühgeschichtlichem Gebiet; Landesarchiv BW, Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur 235 Nr. 47794 in die Schweiz. Unter dem Deckmantel historischer Forschung war er in Basel jedoch konspirativ tätig und pflegte Kontakte zu Regimegegnern und ausländischen Geheimdiensten.Zaugg Ernest L., Zürich, Schreiben vom 17. Dezember 1961 an Friedrich Kuhn, bzgl. Ihrer geheimen Treffen in Riehen und Basel während des Krieges; Nachlass Friedrich KuhnManfred Bosch: Gespräch mit Werner Hungerbühler. Basel, 16. Juni 1983. Umgekehrt brachte Kuhn aus Basel heimlich Nachrichten jüdischer Deportierter aus dem KZ in Gurs (Camp de Gurs) mit und leitete diese an in Deutschland verbliebene Angehörige weiter.

Durch Denunziation, wegen Abhörens des schweizerischen Radiosenders Beromünster,Hansjörg Noe: Er ist verdächtig, den schweizer Sender Beromünster gehört zu haben. In: Nun kann ich darüber sprechen…. (= Lörracher Hefte. Nr. 22). Verlag Waldemar Lutz, Lörrach 2015, ISBN 978-3-922107-06-4, S. 73–76. wurde er am 28. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und bis zum 26. Dezember 1944 im Lörracher Gefängnis inhaftiert. Er saß dort gleichzeitig mit dem befreundeten evangelischen Pfarrer und Nazigegner Richard Nutzinger ein. Die Fürsprache verschiedener Archäologen bei Oberstaatsanwalt Eugen Weiss in Freiburg und das Kriegsende verhinderten seine Überstellung in ein KZ.Kuhn, Friedrich; 13. Juni 1895; Personalakte von Lehrern I; Landesarchiv BW, Staatsarchiv Freiburg, Signatur L50/1 Nr. 2746

Im August 1945 wurde Kuhn, legitimiert von den französischen Besatzungsbehörden, vom Ministerium für Kultus und Unterricht zum Kreisschulrat für die Landkreise Lörrach und Müllheim ernannt. In dieser Funktion war er für den Wiederaufbau des Schulwesens mit 175 Schulen und ca. 19.000 Schülern verantwortlich.Berichte von Kreisschulrat Friedrich Kuhn an die Lörracher Militärregierung über die Stimmung der Bevölkerung und Monatsberichte über den Stand der Volksschulen; Stadtarchiv Lörrach, Hauptamt 396/2, AZ 0264, 24. Januar 1985. Neben der Aufgabe der Entnazifizierung der Lehrerschaft organisierte Kuhn in großem Umfang über seine früheren Schweizer Kontakte Schulutensilien, Kleider und Schuhe. Zusammen mit der „Deutschlandhilfe“ der „Schweizer Spende“Ulrich Tromm: Jahrbuch der Stadt Lörrach. 1946: Schweizer Spende. Stadt Lörrach + Verlag Waldemar Lutz, Lörrach 2016, ISBN 978-3-922107-12-5, S. 11, S. 59f. gelang es Kuhn von 1946 bis 1948, für ca. 9000 Kinder in den beiden Landkreisen dringend notwendige Schülerspeisungen durchzuführen und verschiedenen Erholungsaufenthalte für Schüler zu organisieren. Kuhn nutzte seine schweizerischen Beziehungen auch zum grenzüberschreitenden Lehreraustausch, als im Juni 1950 ca. 300 Lehrer aus den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land zum Besuch ins Wiesental kamen und im Juni 1951 zum Gegenbesuch über 500 badische Lehrer Basler Schulen besuchten.Wiesentalfahrt der Schweizer Lehrer 1950, Fahrt ins Baselgebiet am 28. Juni 1951; Landesarchiv BW, Staatsarchiv Freiburg, Signatur G224/1 Nr. 22

Nach dem Krieg schmuggelte Kuhn in großem Umfang Briefe für deutsche Kriegsgefangene in beide Richtungen über die zu dieser Zeit noch nahezu abgeriegelte deutsch-schweizerische Grenze. Die Briefe wurden über ein Netzwerk des schweizerischen Roten Kreuzes und der Quäker in ganz Europa und den USA weitergeleitet bzw. empfangen.

Ab Juni 1945 verfasste Kuhn für die Französische Besatzung sogenannte „Stimmungsberichte“, in denen er regelmäßig über den Aufbau des Schulwesens, die Stimmung und Versorgungssituation der Bevölkerung und zur politischen Lage im besetzten Deutschland und Europa Stellung nahm. Kuhn, obwohl klar frankophil und gesamteuropäisch eingestellt, beendete im Juni 1948 diese Berichte aus Protest gegen die seiner Meinung nach desaströse und für einen demokratischen Wiederaufbau Deutschlands kontraproduktive französische Besatzungspolitik („Ich bin nicht in der Lage, heute gut zu heißen, was ich früher verdammt und bekämpft habe: dass Macht gleich Recht sei“). Die in der Summe etwa 230 Seiten umfassenden Berichte gelten heute als wichtige Zeugnisse der Nachkriegszeit in der Südwestecke Deutschlands.Manfred Bosch: Friedrich Kuhn – „der Deutsche ist auch noch ein Mensch, sozusagen!“ Die Nachkriegszeit in der deutschen Südwestecke im Spiegel der Stimmungsberichte Friedrich Kuhns. In: Allmende, 16/17. Elster Verlag, Bühl-Moos, 1987, ISBN 3-89151-816-1, S. 180–207.Wolfgang Bocks, Manfred Bosch: Leben nach „ordre'“ – Die deutsche Südwestecke unter französischer Besatzung 1945–1948 in den Lage- und Stimmungsberichten von Friedrich Kuhn. Rheinfelder Geschichtsblätter, 5. Herausgegeben vom Verein Haus Salmegg e. V. Rheinfelden/Baden, 1995.Manfred Bosch: Jahrbuch der Stadt Lörrach, „…dass Macht nicht gleich Recht sei“ – Friedrich Kuhn, ein Mann der ersten Stunde in der Lörracher Nachkriegszeit. Stadt Lörrach + Verlag Waldemar Lutz, Lörrach, 1995, ISBN 3-922107-38-9, S. 103ff, 134–142.Rudolf Schlaf: Die Monatsberichte Friedrich Kuhns im Spiegel der neueren Forschung. In: Rheinfelder Geschichtsblätter. 16. Herausgegeben vom Verein Haus Salmegg e.V. Rheinfelden/Baden 2016, , S. 408–463.

Von 1946 bis 1962 war Kuhn für die SPD Mitglied des Lörracher Stadtrates und zeitweise Vorsitzender des Ortsverbandes, die nach dem Krieg parteiintern angetragene Kandidatur zum Lörracher Oberbürgermeister lehnte er jedoch ab. Für seine politischen, beruflichen und sozialen Verdienste erhielt Kuhn 1951 das Bundesverdienstkreuz am BandeDas Verdienstkreuz am Bande. Der Bundespräsident zeichnete Persönlichkeiten des Kreisgebietes aus. In: Wiesental- und Oberrheinbote (Badische Zeitung). 8. Januar 1952. und war 1954 in Berlin für die SPD Mitglied der zweiten Bundesversammlung zur Wiederwahl von Theodor Heuss. Im November 1959 war Kuhn in Berlin Teilnehmer am Kuratorium Unteilbares Deutschland.

Kuhn trat im September 1961 in Pension.

Archäologie Schon als Volksschullehrer entdeckte Kuhn seine Leidenschaft für die Ur- und Frühgeschichte. Durch gründliche Kenntnis der Landschaft am Oberrhein und systematische Analyse von historischen LandmarkenRömische Trümmerstätten als Landmarken, Beispiele aus dem badischen Hochrheingebiet. In: Das Markgräflerland. Heft 1/2 1973 gelangen ihm zahlreiche bedeutende Funde. Zunächst als historischer Autodidakt und später als regelmäßiger Besucher archäologischer Vorlesungen an der Universität Basel vertiefte er kontinuierlich seine Kenntnisse und Methodiken. Ende der 1920er Jahre war er über den Basler Archäologen Laur-Belart an römischen Ausgrabungen im schweizerischen Kaiseraugst (Augusta Raurica) und bei Königsfelden (Vindonissa) beteiligt. mini|Friedrich Kuhn (Bildmitte), 1939 mit einer seiner Schulklassen bei der Besichtigung einer Ausgrabung eines Keltengrabes bei Inzlingen. 1934 wurde Kuhn vom Badischen Ministerium des Kultus zum Bezirkspfleger für Ur- und Frühgeschichte im Landkreis Lörrach (bis 1969) bestellt.Mitarbeit des Hauptlehrers Friedrich Kuhn von Lörrach auf ur- und frühgeschichtlichem Gebiet; Landesarchiv BW, Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur 235 Nr. 47794 Zu seinen Grabungen und Funden zählen u. a. die Fliehburg bei Degerfelden (1927), der Alemannenfriedhof bei Herten (1927), der römische Brückenkopf des Kastells Kaiseraugst bei Wyhlen (1933), der Alemannenfriedhof bei Lörrach-Stetten (1938), die Entdeckung des Jungsteinzeitlichen Jaspisbergwerkes bei Istein (1939), die Bronzezeitlichen Urnenflachbrandgräber von Binzen (1939), der Alemannenfriedhof bei Efringen-Kirchen (1942) und die deutsch-schweizerische Grabung zu hallstattzeitlichen Wallanlagen auf dem Grenzacher Horn (1947). Zudem befasste Kuhn sich mit der OrtsnamenforschungZur Deutung des Ortsnamens Lörrach. In: Die Markgrafschaft. Nr. 2/65. und der allgemeinen Siedlungskunde am Oberrhein.Siedlungsgeschichte der Dorfgemeinde Inzlingen, Beitrag zur Schulhauseinweihung in Inzlingen.Kunoldingen – Eine abgegangene Siedlung auf der Gemarkung Haltingen. In: Das Markgräflerland. 3/1971Tüchlingen – Tohtarinchova – Eine abgegangene Siedlung bei Riedlingen (Kandern). In: Das Markgräflerland. 3/1971Adliger – Zwei abgegangene Siedlungen gleichen Namens am Tüllinger Berg und im Kandertal. In: Das Markgräflerland. Heft 2/3 1969, S. 120–125 Digitalisat der UB FreiburgDie Besiedelungsgeschichte von Rümmingen. In: Gemeindeverwaltung Rümmingen (Hrsg.): Rümmingen. Beiträge zur Orts-, Landschafts- und Siedlungsgeschichte. Gemeinde Rümmingen, Rümmingen 1967.

Exponate seiner Grabungen befinden sich heute im Dreiländermuseum in Lörrach und im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Die Veröffentlichung seiner Fundergebnisse durch Publikationen und zahlreiche Vorträgen war ihm als Pädagogen stets wichtig. Mit seinen Schulklassen unternahm er regelmäßig historische Exkursionen, insbesondere zu seinen Ausgrabungsstätten.