mini|hochkant|Dreiteilige randgeblasene kawal aus Bulgarien mit sieben Grifflöchern und vier Luftlöchern unterhalb, Gesamtlänge 84 Zentimeter. 1919 angekauft.Laura E.Gilliam, William Lichtenwanger: The Dayton C. Miller Flute Collection. Library of Congress, Washington 1961, S. 8 (). Kaval ( kaval, , , kawal, ) bezeichnet hauptsächlich lange randgeblasene Längsflöten (Endkantenflöten), darüber hinaus regional auch Kernspaltflöten und allgemein Flöten unterschiedlicher Größe aus Holz, die in der Volksmusik der Türkei und der Länder auf dem Balkan, namentlich in Bulgarien, Rumänien, Nordmazedonien, Albanien, Montenegro und Serbien gespielt werden. Nach ihrer Herkunft gehören die randgeblasenen kaval zum Typus der Hirtenflöten, die weiter östlich über Armenien (blul) bis nach Zentralasien (tüidük der Turkmenen) verbreitet sind.
Die langen einteiligen kaval entsprechen nach ihrer Größe der in klassischen Musikstilen eingesetzten orientalischen nay, die jedoch aus Pflanzenrohr besteht. Ebenfalls verbreitet sind dreiteilige Längsflöten. In Bulgarien werden meist dreiteilige randgeblasene Flöten mit bis zu 90 Zentimetern Länge gespielt. In der Türkei gehören neben den einteiligen randgeblasenen Flöten (dilsiz kaval) von 30 bis 80 Zentimetern Länge auch Kernspaltflöten (dilli kaval) in ähnlichen Größen zur Musiktradition der Hirten.
Als Hirtenflöte steht die kaval in zahlreichen Volkserzählungen in einer mythischen Beziehung zwischen dem Hirtentum und der Sphäre des Göttlichen sowie in einer magischen Verbindung vom Flötenklang über die menschliche Stimme zur jenseitigen Welt.
Etymologie Im Türkischen bezeichnet kaval nicht nur alle Arten von Schäferflöten, sondern auch Röhren in außermusikalischen Zusammenhängen, also hohle Gegenstände mit zylindrischer Bohrung wie etwa Röhrenknochen. In entsprechend umfassender Bedeutung kommt kaval in anderen westtürkischen Sprachen wie Gagausisch und Krimtatarisch (Schäferflöte khoval) vor. Schreibvarianten sind goval und kabal, wie die Schäferflöte in der nogaischen Sprache heißt. Im Aserbaidschanischen hat qaval die weitere Bedeutung „Rahmentrommel“ und entspricht Persisch daf.Jean During: Ḡāvāl. In: Encyclopædia Iranica. 3. Februar 2012. Das Wort kaval wurde, seiner Verbreitung nach zu urteilen, offenbar in Anatolien gebildet; es ist vom Wortstamm *kav, entsprechend *kov, „hohl“, abgeleitet. Die türkische Wortzusammensetzung kaval kemiği (wörtlich „hohler Knochen“) wird als „Wadenbein“ und kaval tüfan (wörtlich „röhrenartige Flinte“) als „Gewehr mit glattem Lauf“ übersetzt. Eine Parallele zu kaval ist latein tibia, das „Schienbein“ und zugleich „Flöte, Pfeife“ bedeutet. In slawischen Sprachen ist eine weitere Parallele das von protoslawisch *piščalь, „Pfeife, Flöte“ und „Schienbein“, abgeleitete Wortumfeld, zu dem polnisch piszczałka („Schienbein“) und piszczel („Pfeife“), bulgarisch pistalka (ein Name der Schäferflöte swirka) und slowenisch piščál („Pfeife“ und „Schienbein“) gehören.Marek Stachowski: How to Combine Bark, Fibula, and Chasm (if one Speaks Proto-Turkic)? In: Studia Linguistica Universitatis Iagellonicae Cracoviensis. Band 127, 2010, S. 179–186, hier S. 182.
Im Türkischen mit kaval verbundene Wörter sind kovlik und kovuk („hohl“) sowie in einer daraus hervorgegangenen, veränderten BedeutungMarek Stachowski, 2010, S. 185. kavlamak („[Haut oder Rinde] abschälen“), kavuk („Rinde [die abgeschält werden kann]“) und kavak („Pappel“, deren Rinde leicht zu schälen ist). Kaval kommt in weiteren westtürkischen Sprachen vor, etwa als baschkirisch kaval („etwas Hohles“), tschatagaisch khaval („Schäferflöte“ und „Höhle, Verschlag, Sack, hohle Form“) und wird auch von den Turkmenen in Iran verwendet. Aus dem Türkischen abgeleitet sind Griechisch ghavál, caváli, kavali („Flöte“) und Rumänisch caval.Laurence Picken, 1975, S. 382 f.
Ein anderer, häufig wiederholter Versuch, kaval auf die arabische Wurzel q–w–l („sprechen“, qaul, hiervon abgeleitet qawwali, „Redner“, daraus „Verkünder“, ein sufischer Gesangsstil) zurückzuführen,Romanian Traditional Instruments. Education and Culture, Lifelong learning programme, GRUNDTVIG. steht jenseits der linguistischen Ebene auch in einer assoziativen Verbindung mit der Flöte. In vielen Kulturen gilt der Klang der Flöte als der menschlichen Stimme besonders nahestehend. Nach bulgarischem traditionellen Verständnis besitzen Musikinstrumente ein der Sprache analoges Ausdrucksvermögen und haben eine Stimme (glas). In Legenden und Volksliedern treten Musikinstrumente mit der Fähigkeit zu singen und zu sprechen auf. Viele bulgarische Lieder enthalten Phrasen wie „kavalut sviri, goviri“ („wenn die kaval spielt, spricht sie“). Sie verweisen auf eine magische Bedeutung der Flöte als „Sprachrohr“ des Hirten, dem sie ein lebenslanger Begleiter ist.Donna A. Buchanan: Performing Democracy: Bulgarian Music and Musicians in Transition. University of Chicago Press, Chicago 2005, S. 101.
Einer wegen mehrerer Zwischenstufen zweifelhaften Hypothese zufolge soll sich kaval über kavalos – kavlos – khaulos vom altgriechischen aulos (αὐλός) herleiten. Einen vergleichsweise weiten Weg durch mehrere Sprachen durchlief der Name der auf den griechischen Inseln vorkommenden Sackpfeife tsambouna, der über italienisch zambogna, lateinisch symphonia auf altgriechisch symphonia (σύμφωνία) zurückgeht.Daniel Koglin, 2002, S. 64.
Für die randgeblasenen Längsflöten in der ägyptischen Volksmusik existieren anstelle der ansonsten üblichen arabischen Bezeichnungen schabbaba und nāy eine verwirrende Anzahl von nach Region, Größe oder musikalischer Verwendung unterschiedlicher Namen, zu denen salāmīya, suffāra, baladī und kawal(a) gehören. In den 1930er Jahren wurde lediglich die längere nāy von der kürzeren salāmīya mit sechs Grifflöchern unterschieden. Mitte des 20. Jahrhunderts hieß eine kleine Flöte kawal, die eine Oktave höher als die salāmīya gestimmt war. Außerdem sollten kawal und ʿuqla die Namen von Flöten sein, die besonders zum Spielen trauriger Melodien geeignet seien.Paul Collaer, Jürgen Elsner: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 8: Nordafrika. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1983, S. 70. Heute ist in Ägypten eine randgeblasene Rohrflöte mit sechs Grifflöchern ohne Daumenloch, die vor allem in der religiösen Musik der Sufis, madīh an-nabawī, zum Lobpreis des Propheten Mohammed verwendet wird, als kawala bekannt.Kawala. Grinell College Musical Instrument Collection
Herkunft und Verbreitung mini|Die schräge Spielhaltung der arabischen nāy entspricht der randgeblasenen kaval. Abbildung in Edward William Lane: An Account of the Manners and Customs of the Modern Egyptians. London 1836 Flöten gehören zu den ältesten Musikinstrumenten und wurden in Europa zeitgleich oder früher als Schraper, Schwirrhölzer und Gefäßrasseln wahrscheinlich schon im Mittelpaläolithikum verwendet.Hermann Moeck: Ursprung und Tradition der Kernspaltflöten der europäischen Folklore und die Herkunft der musikgeschichtlichen Kernspaltflötentypen. (Dissertation) Georg-August-Universität zu Göttingen, 1951. Nachdruck: Moeck, Celle 1996, S. 42. Am Anfang standen Eintonflöten, gefolgt von Knochenflöten und Grashalmflöten mit Grifflöchern. Die Abbildung einer Längsflöte auf einer altägyptischen Prunkpalette aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr., die in Hierakonpolis gefunden wurde, wird in den Zusammenhang mit Jagdmagie gestellt, denn sie zeigt den Flötenspieler als Fuchs verkleidet, wie er wilde Tiere anlockt. Von jener Zeit bis zur Sage vom Rattenfänger von Hameln ist die Flöte ein magisches Lockinstrument und wird bei der Jagd verwendet. Allgemein sind Flöten bis heute mit übernatürlichen Vorstellungen verbunden; allein um den Victoriasee in Ostafrika hatten Flöten (wie die aus einem Pflanzenstängel gefertigte ludaya) ein Bündel von magischen Aufgaben: Sie sollten unter anderem Regen machen, Sturm verhüten, den Milchfluss der Kühe anregen und Lebensspender für den vergöttlichten Herrscher sein.Klaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 13–49, hier S. 42. Für eine Ethnie ostafrikanischer Rinderhirten darf die Schilfrohrflöte ibirongwe nur von Jungen und Männern gespielt werden und hat bei manchen Zeremonien (Beschneidungen) eine magische Funktion. Im Nahen Osten erscheint die Flöte zuerst bei Schafhirten der Sumer um 2600 v. Chr. Dort und generell in Asien sind beidseitig offene Längsflöten seit jeher in der Mehrheit, während in Europa vom Neolithikum bis ins 18. Jahrhundert häufiger Kernspaltflöten vorkamen.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 555, 557.
Nicht eine spezifische Bauart, sondern die Verankerung einer Gesellschaft in einer pastoralen Tradition macht deren Flöte zu einer Hirtenflöte. Üblicherweise sind Hirtenflöten einfach herzustellen, sie werden entweder solistisch oder in kleinen Ensembles gespielt. Mehrere Eintonflöten ergeben gebündelt eine Panflöte, die in Homers Epos Ilias als Hirteninstrument und Attribut des griechischen Hirtengottes Pan eingeführt wird. In der griechischen Mythologie verbindet die Flöte die Hirtenkultur mit der göttlichen Sphäre. Der römische Dichter Ovid greift in den Metamorphosen beide Aspekte der Flöte auf, wenn er von der keuschen Nymphe Syrinx erzählt, die vor dem sie liebenden Pan flieht und auf eigenen Wunsch am Fluss in Schilfrohr verwandelt wird. Pan hört den klagenden süßen Klang des Schilfrohrs und fertigt aus ungleich langen Abschnitten des Rohrs eine Panflöte, auf der er seine Lieder bläst, getragen von der Vorstellung, nunmehr mit Syrinx vereint zu sein.
Bis ins Erwachsenenalter wird in der hinduistischen Ikonografie Gott Krishna mit derselben Querflöte (bansi) dargestellt, mit der er in seiner Kindheit die Kuhhirtinnen (Gopis) betörte. In der klassischen indischen Musik gespielte Flöten sind seit altindischer Zeit ausschließlich Querflöten,Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 61. während in den klassischen Stilen des islamischen Orients die Längsflöte nāy vorherrscht. Am geographischen Übergang repräsentiert im Süden Pakistans die lange Längsflöte narh einen einfachen Flötentyp orientalischer Herkunft, der hauptsächlich zur Liedbegleitung verwendet wird. Die in der Türkei übliche Unterscheidung zwischen dem Volksmusikinstrument kaval und der ney als Flöte der Kunstmusik ist nicht mit dem Namen verbunden. In Iran gehört die ney hauptsächlich zur klassischen persischen Musik;Scheherazade Qassim Hassan, Jean During: Ney. In: Grove Music Online. 2001. ähnlich in der arabischen Musik, in der sie von der in der Volksmusik gespielten schabbaba unterschieden wird. Dagegen ist in Usbekistan die kleine Rohrflöte nay eine Schäferflöte, die in manchen ländlichen Regionen zusammen mit der Maultrommel chang kobus, der Langhalslaute dombra und der Rahmentrommel doira das einzige traditionelle Instrumentarium bildet.Faizullah Karomatov, M. Slobin: On the Regional Styles of Uzbek Music. In: Asian Music. Band 4, Nr. 1 (Near East-Turkestan Issue.) 1972, S. 48–58, hier S. 49. In Afghanistan wird die Schäferflöte nay nur von Amateurmusikern und die Maultrommel tschang nur von Frauen in der Volksmusik gespielt.Hiromi Lorraine Sakata: The Complementary Opposition of Music and Religion in Afghanistan. In: The World of Music. Band 28, Nr. 3 (Islam) 1986, S. 33–41, hier S. 35.