mini|Robert Nikolaus Braun (1995) Robert Nikolaus Braun (* 11. Jänner 1914 in Wien; † 13. September 2007 ebendort) war ein österreichischer Allgemeinmediziner.

Leben Robert N. Braun wurde als Sohn des jüdisch-stämmigen Praktischen Arztes Robert-Leopold Braun und der aus dem russischen Adelsgeschlecht der Urusoffs gebürtigen Nadja Nikolski in Wien geboren. Der Vater war zum christlichen Glauben konvertiert, die Kinder wurden christlich erzogen.

Nach der Volksschule besuchte Braun von 1924 bis 1932 das Gymnasium Zirkusgasse im II. Wiener Gemeindebezirk. Danach studierte er an der Universität Wien Medizin und schloss 1937 das Studium summa cum laude ab.

Kurz konnte er an der II. Medizinischen Universitätsklinik im Wiener Allgemeinen Krankenhaus als Gastarzt arbeiten, dann verlor er mit dem Anschluss Österreichs – gemäß der Nürnberger Rassengesetze Halbjude – diese Stelle. Seine bis dahin arglosen Eltern mussten nach dem Einmarsch Hitlers auswandern. Gemeinsam mit Brauns älterer Schwester Nelly kamen sie zunächst bei einer Verwandten in Paris unter. Der Vater und die Schwester sollten die Deportation über das Sammellager Drancy und Ghetto Theresienstadt überleben.

Brauns Versuch, die väterliche Praxis in der Heinestraße 20, im II. Wiener Gemeindebezirk zu retten, misslang, zum einen weil es auch gegen ihn antisemitische Übergriffe gab, zum andern, weil er 1938 zum Wehrdienst eingezogen wurde. Zu dieser Zeit galt dem Militär die Qualifikation noch mehr als die rassische Qualifizierung und Braun wurde als Unterarzt in den Fähnrichrang erhoben. Er diente als Truppenarzt in Offiziersrang bei einer Artillerie-Gefechtsstaffel, versorgte schließlich das ganze Bataillon und wurde dann aufgrund der Rassengesetze doch aus der Armee entlassen.Bryan Mark Rigg. Hitler's Jewish Soldiers: The Untold Story of Nazi Racial Laws and Men of Jewish Descent in the German Military, University Press of Kansas, 2002. ISBN 978-0-7006-1358-8. Braun war sich der permanenten Gefahr für Leib und Leben bewusst. Rückblickend war seine Entlassung aus dem Militärdienst lebensrettend, da seine Einheit im Russlandfeldzug aufgerieben wurde. Es gelang ihm bei den pharmazeutischen Nordmarkwerken in Hamburg dienstverpflichtet zu werden. Infolge der Kriegswirren und -zerstörungen, konnte er 1944 eine verwaiste allgemeinmedizinische Praxis in Marburg an der Lahn, Barfüssertor, übernehmen.

Nach dem Ende des Krieges standen keine Rassengesetze mehr einer Ehe mit der aus Kellinghusen stammenden Margarete Burmester entgegen. Mit ihr kehrte er 1946 nach Österreich zurück. Zunächst arbeitete er in der Allgemeinpraxis in Wiener Neustadt auf Wöllersdorferstraße 27. Damit er sich auch intensiver der Praxisforschung widmen konnte, wechselte Braun 1951 in eine kleinere Landpraxis in Brunn an der Wild im Waldviertel. Er blieb dort bis zu seiner Pensionierung 1984. Schließlich übersiedelte er mit seiner Gattin nach Wien, wo er bis ins hohe Alter weiter wissenschaftlich tätig blieb.

Das Paar hatte drei Kinder: Rosemarie, Claus Robert und Inge.

Braun starb am 13. September 2007. Gemeinsam mit seiner Frau Margret fand er am Wiener Zentralfriedhof (Evangelischer Teil) die letzte Ruhestätte.

Auszeichnungen 1969 Paracelsus-Ring der Stadt Villach 1970 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich 1971 Hippokrates-Medaille 1974 Goldener Ehrenring der Gemeinde Brunn an der Wild 1984 Ehrenbürger der Gemeinde Brunn an der Wild 1984 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 1997 ÖHV-Ehrenpreis für besondere Verdienst um die Allgemeinmedizin 2004 Dr. Robert Braun Straße in Brunn an der Wild

Werk Brauns Vater und Großvater waren beide Praktische Ärzte. Robert N. Braun wollte klinisch forschend tätig werden. Kriegsbedingt kam er jedoch in die Allgemeinmedizin. Das Schlüsselerlebnis für sein späteres Lebenswerk war, dass er sich trotz seines ausgezeichneten Hochschulwissens für die Arbeit in der Praxis zu wenig vorbereitet fühlte. Er vermutete in den Erfahrungen der vielen Generationen von Praktikern das nötige Wissen. Dieses war aber wissenschaftlich nicht erfasst. Die angewandten Medizin stellte für Braun eine Terra incognita dar, die es zu erkunden galt. Seine ersten Fällestatistiken und die Beobachtung, dass alte, erfahrene Praktiker, im Gegensatz zu jungen Medizinern, sofort übereinstimmend Praxisfälle der Häufigkeit nach reihen konnten, dienten Braun als Einstieg zur Erforschung des Neulands. 1955 präsentierte er bei einem Vortrag in der Gesellschaft der Ärzte in Wien das von ihm beobachtete „Fälleverteilungsgesetz“.Robert N. Braun. Über fundamental wichtige, bisher unbekannte, die allgemeine Morbidität betreffende Gesetzmäßigkeiten. Wien. klin. Wschr. 12,1955,215 1957 fand Braun Aufnahme im College of General Practitioners in London. Braun war Mitbegründer und erster Präsident der in Wien 1959 erstmals zusammengetretenen „Internationalen Gesellschaft für praktisch angewandte Medizin“.Editorial. The Renaissance of General Practice in Europe. J Coll Gen Pract, 1960;3:271-273 1961 vertrat er Österreich in Edinburgh bei einer WHO-Konferenz über den Arzt und seine Stellung in der Gesellschaft. 1961 gründete er unter dem Leitspruch „valere quam videri“ eine „Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der ärztlichen Allgemeinpraxis - AEA“. 1964 fand das „Heidelberger Gespräch“ statt, wo hochrangige Universitätsprofessoren Deutschlands mit Mitgliedern dieser Praktikergruppe konferierten.Das Heidelberger Gespräch. Schriftenreihe für den Praktischen Arzt, 1967, Heft 2, herausgegeben vom Berufsverband der Praktischen Ärzte Deutschlands e. V.Anton Freitag.Anton Freitag. Das Heidelberger Gespräch. Österr. Ärzte Ztg 1968, 23 Jahrgang 1: 43-83 6. 1966 wurde das Deutsche Institut für Allgemeinmedizin gegründet.Mader FH (Hrsg.) (2016) Von der allgemeinen Medizin zur Allgemeinmedizin. DEGAM-Festschrift, Kirchheim Verlag, Mainz und Braun zum wissenschaftlichen Leiter der Abteilung Methodik ernannt. 1970 stellte er seine bisherigen Untersuchungen, Beobachtungen in der Praxis und seine Erkenntnisse anhand von 477 unausgelesenen Praxisfällen in einem „Lehrbuch der ärztlichen Allgemeinpraxis“ dar. Im Sommersemester 1973 wurde er als Gastprofessor an die neu eingerichtete Abteilung Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover eingeladen. 1976 erteilte ihm die Universität Wien die Venia docendi. Braun war damit der erste Habilitierte im Fach Allgemeinmedizin in Österreich. Von nun an bis 1990 bot er Lehrveranstaltungen an. 1975 bezog Braun das neue Arzthaus, errichtet von seiner Sanitätsgemeinde Brunn an der Wild, mit Unterstützung vom Land Niederösterreich. Die integrierten Räumlichkeiten für ein „NÖ Institut für Allgemeinmedizin“ wurden 1976 ihrer Bestimmung übergeben. Während zwei- bis vierwöchigen Aufenthalten wurden dort Jungärzte in die Praxistätigkeit praktisch und theoretisch eingeführt. Der zweimal jährlich stattfindende „Erfahrungsaustausch“ wurde zu einer eigenen Fortbildungsveranstaltung mit Qualitätszirkel-Charakter. Waltraud Fink, Gustav Kamenski. Consilium 6/20 S22-24 link: https://book.arztnoe.at/bookcase/lvfud 1975, bzw. 1978 wurde Braun zu Gastvorlesungen an neuseeländische und australische Universitäten eingeladen. 1979 erschien, durch das Engagement des Allgemeinarztes Oscar Rosowsky, dem Begründer der SFMG (Société française de médicine générale), die französische Übersetzung von Brauns Lehrbuch. In den Achtzigerjahren bemühte sich in Deutschland der berufspolitisch aktive Allgemeinarzt Frank H. Mader wieder mehr um die Präsenz von Braun und seinen Arbeiten in der Lehre der Allgemeinmedizin.Robert N. Braun. Wo die angewandte Medizin heute steht oder der Semmelweis-Effekt. Der Allgemeinarzt. 1984, Heft 8. 1982 widmete sich Braun in einer Monographie dem Stellenwert der Allgemeinmedizin: In der Heilkunde müsse es eine Sparte geben, die auf Fälle ohne exakte Krankheitserkennungen „spezialisiert“ ist und in kurzer Zeit, mit sparsamen Mitteln, vernünftig behandelt. Sowohl die Unentbehrlichkeit als auch die Eigenständigkeit der Funktion der Allgemeinmedizin wurden mit den wissenschaftlichen Untersuchungen in der Praxis belegt. Die Allgemeinmedizin sei „eine tragende Säule in unserem sozialen Sicherheitssystem“, i. e. im Gesundheitssystem.Robert N. Braun. Die Eigenständigkeit der Allgemeinpraxis. Österr. Ärzte Ztg 1969; 10, 1182-1187 Im Lehrbuch 1986 fasste Braun die bisherigen lehrbaren Ergebnisse zusammen. 1988 erläuterte er in einer Monographie die Methodik der berufstheoretischen Forschung anhand seiner eigenen Arbeiten. 1994 wurde bei der Fortbildungsveranstaltung practica in Bad Orb das von Braun jahrelang geleitete Seminar „Mein Fall“ offiziell als „Braungruppe“ installiert.Frank H. Mader. Geburt der practica: So wurden die Weichen für eine neue Fortbildung gestellt. S. 8 -11. In: Institut für Hausärztliche Fortbildung (Hg) 50. Jubiläum practica. Festschrift. medizin+medien, München 2025. Die vielfältigen Probleme, mit denen man bei schwierigen Fällen in der allgemeinmedizinischen Praxis konfrontiert ist, fanden in der Monographie: „Mein Fall“ ihren Niederschlag.Robert N. Braun. Mein Fall – Allgemeinmedizin für Fortgeschrittene. 244 Problemfälle aus der Praxis mit Kommentar. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1994, ISBN 978-3-540-58120-8. Die noch unveröffentlichte wissenschaftlichen Autobiographie beschreibt sowohl Anerkennung als auch Hürden für ein Verständnis seiner Arbeit. In den beiden letzten Monographien zur angewandten Medizin beschäftigte Braun die Integration seiner Erkenntnisse in die Medizinwissenschaft als Ganzes, in der einen mit Fokus auf die spezialistisch angewandte Medizin. In der anderen (publizierten) Monographie steht die Allgemeinmedizin im Zentrum.

Brauns Beitrag zu einer Berufstheorie für die angewandte Medizin mini|Abb.: Braunsches Kugelmodell, nach einer Abbildung in Robert N. Braun, Waltraud Fink, Gustav Kamenski: Angewandte Medizin – Wissenschaftliche Grundlagen. Facultas, Wien 2004, ISBN 978-3-85076-649-4 S 26, illustriert und modifiziert für eine Präsentation von Waltraud Fink, Gustav Kamenski anlässlich WONCA Europe Conference 2012 im Austria Center Vienna „Who is Robert N. Braun?“ Brauns Forschungsergebnisse bilden die Grundlage für eine Theorie der angewandten Medizin. Sein Bestreben war es, die Allgemeinmedizin an den Universitäten als eigene Disziplin mit fachspezifischer Ausbildung zu positionieren, und durch weitere berufstheoretische Forschung die Etablierung als Fach zu festigen.Robert N Braun. Angewandte Medizin als Forschungsaufgabe. In: Mohr, J., Schubert, C. (eds) Arzt 2000. Springer, Berlin, Heidelberg 1988. https://doi.org/10.1007/978-3-642-73110-5_16.