Judith ist eine Oper in zwei Akten von Siegfried Matthus nach Friedrich Hebbels Tragödie Judith von 1840 und Texten des Alten Testaments. Die Uraufführung fand am 28. September 1985 in der Komischen Oper in Ost-Berlin statt.
Handlung
Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Videomitschnitt der Uraufführungsproduktion, ergänzt um einige interpretatorische Hinweise nach Sigrid Neef und Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters.
Erster Akt
Platz der auf einem Bergplateau gelegenen und durch Festungsmauern gesicherten Stadt Bethulien; am Fuß des Berges das Lager der Babylonier
Die Babylonier unter ihrem Hauptmann Holofernes belagern die hebräische Stadt Bethulien. Sie sind siegesgewiss und hochmütig. Fast alle Völker haben sich ihnen bereits unterworfen. Nur die Einwohner Bethuliens leisten noch Widerstand, doch diese leiden bereits zutiefst unter den Entbehrungen der Belagerung. Die religiösen Unterschiede in beiden Lagern sind deutlich. Bei den Babyloniern werden viele Götter verehrt – doch diese sprechen und handeln nicht. Holofernes hat zwar angeordnet, dass der jeweils anzubetende Gott ausgelost werden soll, aber nun befiehlt er, dass seine Leute einem Gott opfern sollen, „den alle kennen und nicht kennen“. Jehova, der unsichtbare Gott der Hebräer, hat dagegen selbst Macht über sein Volk. Der Prophet Daniel und der Oberpriester Osias rufen in dessen Namen zum Durchhalten auf.
Holofernes fordert seine Leute auf, ihm ihre Probleme vorzubringen und keine Angst davor zu haben, sich über ihre Vorgesetzten zu beschweren. Ein Soldat wirft seinem Hauptmann vor, die von ihm erbeutete Sklavin vergewaltigt zu haben. Holofernes verurteilt den Beklagten zum Tode – und auch den Soldaten wegen seiner Keckheit. Als sein Kämmerer berichtet, dass er bereits nach der betroffene Sklavin geschickt habe, weist ihn Holofernes dafür zurecht, seine Absichten vorhergesehen zu haben. Er will „sich nicht auslernen“ lassen. Insgeheim sehnt er sich nach einem gleichwertigen Gegner. Einen solchen würde er lieben – aber dennoch im Kampf besiegen und mit ihm gemeinsam sterben.
In Bethulien bespricht sich die junge schöne Witwe Judith mit ihrer Dienerin Mirza. Sie ist noch unberührt, da ihr Mann eine körperlichen Verbindung mit ihr wegen eines „heiligen Schauers“ vermieden hatte und wenigen Monate nach der Hochzeit verstorben war. Eine neue Ehe mit dem sie umwerbenden Ephraim lehnt sie ab. Allerdings träumt sie nachts davon, ihrem als Mann auftretenden Gott in die Arme zu springen und darin wie in einem Abgrund zu versinken.
In einer Simultanszene denkt auf der einen Seite Judith an die verstörenden Ereignisse ihrer Hochzeitsnacht, während sich auf der anderen Holofernes an seine „Siege über die weibliche Natur“ erinnert.
Ein Bote berichtet vom Befehl König Nebukadnezars, dass von nun an nur noch er selbst als Gott zu verehren sei. Holofernes lässt daraufhin alle Götzenbilder vernichten.
Im belagerten Bethulien wird die Lage immer verzweifelter. Während der Prophet Daniel weiterhin im Namen Gottes fordert, durchzuhalten, rät sein Bruder Ammon dazu, die Tore zu öffnen. Daniel setzt sich durch und hetzt das Volk auf, Ammon zu steinigen.
Holofernes verflucht König Nebukadnezar für seinen Hochmut. Dieser könne seinen großen Gedanken nicht zu Ende bringen, sondern nur lächerlich machen.
Im Angesicht der bevorstehenden Eroberung drängt Ephraim Judith zur Hochzeit. Nur so könne er sich weiterhin schützen. Judith stellt ihm die Bedingung, dass er zuvor in das Lager der Feinde gehe und Holofernes töte. Da Ephraim das nicht wagt, beschließt Judith, es selbst zu tun.
Holofernes hat verkünden lassen, dass das letzte Volk, das sich vor ihm demütigen werde, als einziges vernichtet werden solle. Um dem zuvorzukommen, schicken die Könige der umgebenden Länder Boten, die ihre Unterwerfung anbieten. Achior, ein moabitischer Hauptmann, berichtet von der Unerschrockenheit der Hebräer. Er rät dazu, herauszufinden, ob sich diese sich gegen ihren Gott versündigt haben. Nur dann sei es möglich, sie zu besiegen. Holofernes befiehlt, ihn zur Strafe in die Stadt zu bringen, wo er das Schicksal der Belagerten teilen soll.
Judith fleht zu Gott um ein Zeichen.
Holofernes verkündet, dass er den hebräischen Gott anbeten werde, falls sich ihm die Bethulier unterwerfen sollten. Er opfert Jehova ein Glas Wein.
Judith fleht weiterhin um ein göttliches Zeichen. Sie hofft darauf, dass ein Held erscheint und ihr Eingreifen unnötig macht. Doch sie erhält keine Antwort. Da kommt ihr – von Gott? – die Idee, ihre Schönheit zu nutzen, um Holofernes zu vernichten.
In Bethulien ermahnen Daniel und der Oberpriester das verzweifelte Volk, weiter auszuharren.
Während Judith zu Gott fleht, dass man ihr nur Böses von Holofernes berichte, damit sie keinen Grund zum Wanken findet, schwärmt dieser vom Wein- und Blutrausch.
Der Hebräer Hosea ruft dazu auf, die Stadttore zu öffnen. Erneut widerspricht Daniel und fordert das Volk auf, ihn zu steinigen. Hosea jedoch verlangt ein Gottesurteil. Man solle Daniel ins Feuer werfen. Falls er überlebe, solle man die Tore verschlossen halten. Daniel kommt bei der Probe ums Leben. Als man aber die Stadttore öffnen will, erscheint der Moabiter Achior und erklärt den Hebräern, dass Holofernes geschworen habe, niemanden am Leben zu lassen. Diese ziehen es vor, durch ihre eigene Hand zu sterben. Falls Gott bis zum folgenden Tag keine Hilfe schicken sollte, werden sie sich selbst töten. Judith fragt Achior nach Holofernes’ Charakter und erfährt von seinem Hochmut und seinen Grausamkeiten. Ihr Entschluss steht nun fest.
Während sich Judith in Rachephantasien hineinsteigert und von den Bethuliern als die versprochene wunderhafte Rettung angesehen wird, verhöhnt Holofernes seine Opfer. Er fürchtet ihre Rache nicht. Seine Leute singen vom „Wunder des Weins“. Judith macht sich bereit, mit ihrer Magd Mirza in das Lager der Feinde zu gehen.
Zweiter Akt
Heerlager mit Holofernes’ Zelt
Der babylonische Kämmerer erzählt vom Schlaf Holofernes’. Dieser habe geträumt, das ihn jemand erwürgen wollte und den vermeintlichen Gegner mit einem Dolch angegriffen. Dabei habe er sich in die eigene Brust gestochen, aber glücklicherweise überlebt. Holofernes selbst deutet das Ereignis so, dass er auch über den Tod Macht habe.
Als ihm die Ankunft einer schönen Frau gemeldet wird, lässt Holofernes sie vortreten. Er sieht alle Weiber gern – mit Ausnahme seiner Mutter. Er ist froh, sie nie kennengelernt zu haben: „Was ist denn auch eine Mutter für ihren Sohn? Sie ist der Spiegel seiner Ohnmacht von gestern oder von morgen.“
Judith tritt vor, schmeichelt Holofernes und bittet ihn um Gnade für ihr Volk, dem Gott zürne. Sie versucht, ihm diese Rolle des Erbarmers schmackhaft zu machen. Holofernes erklärt, dass sie ihm genau das durch ihre Aufforderung unmöglich mache. Dennoch sind beide fasziniert voneinander. Holofernes erklärt sich bereit, sie, ihre Verwandten und Freunde zu verschonen.
Ephraim kommt herein. Er lässt sich erst von Holofernes versprechen, dass sein Leben geschont werde, und versucht dann, ihn zu töten. Die Wachen unterbinden seinen Anschlag jedoch. Als sich Ephraim daraufhin aus Scham selbst zu töten versucht, verhindert Holofernes auch dies, da er ihm sein Leben versprochen hat. Er lässt den Attentäter in den Käfig seines verstorbenen Lieblingsaffen sperren, wo er die Kunststücke seines Vorgängers lernen soll.
Allmählich kommen Judith Zweifel, ob sie in der Lage ist, den Mord auszuführen. Sie ruft Holofernes zu: „Ich hasse dich, ich verfluche dich. Nun töte mich!“. Holofernes erregt dies nur noch mehr. Er „zerrt Judith gewaltsam in sein Schlafgemach“.
Der Kämmerer verspottet Judiths Magd Mirza. Diese sorgt sich um ihre Herrin, deren Seele sie gefährdet sieht. Judith tritt, nachdem sie sich Holofernes hingegeben hat, wieder aus dem Zelt, ohne ihren Plan durchgeführt zu haben. Sie erzählt Mizra aufgewühlt von ihrem inneren Konflikt und schaut noch einmal im Zelt nach dem ruhig schlafenden Holofernes, bevor es ihr schließlich gelingt, diesen zu enthaupten.
Nach der Tat fühlt sich Judith weiterhin unsicher, denn sie kann nur durch die Folgen gerechtfertigt werden. Sie betet zu Gott um Frieden und Glück für ihr Volk. Die Babylonier geraten angesichts ihres toten Anführers in Verwirrung. Sie werden zu Opfern der nun mit „Schlächtermut“ unter ihnen rasenden Bethulier. Achior verehrt nun den hebräischen Gott, und deren Oberpriester preist Judiths Tat als göttliches Wunder. Sie wird als Retterin ihres Vaterlandes verherrlicht. Ephraim jedoch bezeichnet sie als „Hure Israels“ und misshandelt sie. Das weitere Geschehen betrachtet Judith stumm mit wachsendem Entsetzen. Sie sieht letztlich keinen anderen Ausweg mehr, als sich selbst zu töten.
Den Abschluss der Oper bildet ein Finale in Passacaglia-Form, in dem Judiths Untergang pantomimisch dargestellt wird – laut Angabe in der Partitur die „Darstellung der Zerstörung Judiths mit Beteiligung aller Personen der Handlung und unter Verwendung vorangegangener gezeigter und berichteter Begebenheiten in einem unrealen Zeit- und Sinnzusammenhang“. Der Chor fleht dabei: „Herr, errette mich! Höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen. Errette mich aus dem Kot, dass ich nicht versinke […]. Erhöre mich, Herr, wende dich zu mir in deiner großen Barmherzigkeit, und verbirg dein Angesicht nicht, denn mir ist angst. Du weißt meine Schmach, Schande und Scham; meine Widersacher sind alle vor dir. […] Ich bin elend, und mir ist wehe. Herr, errette mich, rette mich!“
Gestaltung
Im Gegensatz zur biblischen Erzählung wird die Tat Judiths bei Hebbel und Matthus nicht schlicht verklärt, sondern psychologisch motiviert und in Frage gestellt. Hier schleicht sie sich nicht heimlich in das Zelt ihres Gegners, sondern lässt sich offiziell ankündigen und wird im Gespräch mit ihm mit ihren eigenen Handlungsmotiven konfrontiert.
Matthus stellte in der Oper einige eigentlich aufeinanderfolgende Szenen simultan einander gegenüber. Der Selbstüberschätzung Holofernes’ entspricht die Selbstaufgabe Judiths. Beide glauben, dass sie mit ihren Handlungen einen göttlichen Befehl ausführen. In Monologen drücken die Protagonisten ihre innersten Gefühle und Wünsche aus, die unmittelbar mit den äußeren Aktionen konfrontiert werden. Von besonderer Bedeutung ist der Monolog des Holofernes, in dem dieser die eigene Mutter herabsetzt: Was ist „auch eine Mutter für ihren Sohn? Sie ist der Spiegel seiner Ohnmacht von gestern oder von morgen.“ Auf ähnliche Weise erkennt Judith, als sie vor dem schlafenden Holofernes steht, dass der göttliche Auftrag und ihre eigenen sinnlichen Bedürfnisse untrennbar miteinander verbunden sind. Diese irritierende Eigenschaft von Hebbels Drama wurde in der Aufführungsgeschichte üblicherweise dadurch entschärft, dass man den beiden Hauptpersonen eine Sonderstellung als „großen Figuren“ einräumte, die sich aufgrund ihrer dadurch bedingten Einsamkeit zueinander hingezogen fühlten. Auch Matthus selbst übernahm zunächst diese Deutung:
Eine Monate darauf sah er den Gehalt des Dramas bereits differenzierter:
Judiths Hoffnung, dass ihre Tat durch die Folgen gerechtfertigt werde, geht nicht in Erfüllung. Trotz ihres eindringlichen Gebets um Frieden für ihr Volk erweisen sich die Hebräer am Ende als ebenso grausam wie die babylonischen Eroberer. Das Werk enthält auch feministische Züge. Beispielsweise wird beschrieben, wie ein Mann zur Machtdemonstration Frauen misshandelt, und die Witwe Judith schildert ihre Erfahrungen zu Beginn der Oper folgendermaßen: „Ein Weib ist nichts, nur durch den Mann kann sie etwas werden.“