Die Wissenskultur einer Gesellschaft ist eine Kultur des Umgangs ihrer Elite und ihrer weiteren Gesellschaftsmitglieder mit der Ressource „Wissen“, die auf ebenjenen Umgang prägend wirkt. Fach- und Erfahrungswissen sind Faktoren, die wesentlich zum Wohl und zur Entwicklung einer Gesellschaft beitragen. Das Konzept der Wissenskultur umfasst diejenigen Praktiken, Mechanismen und Prinzipien, die in den einzelnen Wissensgebieten darüber bestimmen, wie wir wissen, was wir wissen.Karin Knorr-Cetina: Epistemic cultures: How the sciences make knowledge. , Harvard University Press, Cambridge (Mass.) Third printing 2003, ISBN 0-674-25894-0; (dt.) dieselbe, Wissenskulturen: Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen. Suhrkamp Verl., Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3-518-29194-8, S. ?
Die Wissenskultur umfasst im weitesten Sinne Erscheinungsformen menschlichen Daseins, welche auf bestimmten sozialen Normen und erlernten Verhaltensweisen im Umgang mit der Ressource „Wissen“ beruhen, die sich darüber hinaus in der diesbezüglichen dauerhaften Erzeugung und Erhaltung von Normen-Sets und Verhaltensstandards ausdrückt, und sie übt maßgeblichen Einfluss darauf aus, von welchem Geist (und von welchem Habitus) die Wissensproduktion in einem Wissensgebiet getragen ist und wie – also in welcher Situiertheit – eine Wissensproduktion zustande kommt. Die Wissenskultur beeinflusst, wie Wissenscommunities neues Wissen erarbeiten und adaptieren, welcher Kontext für soziale Interaktion (z. B. für Wissenskommunikation) vorherrscht, wie Arbeitsergebnisse der Wissensproduktion gedeutet werden und welche Bedeutung diesen beigemessen wird.
In der Wissenssoziologie und Wissensforschung wird zuvorderst danach gefragt, wie die Wissenskultur Wissenschaftler diverser Disziplinen in ihrem Umgang mit der Ressource „Wissen“ prägt. Der Kontext, in welchem Wissen gewonnen wurde, erfährt dabei besonderes Augenmerk: der Begriff der Wissenskultur wird nämlich – nach unterschiedlichen Theorieelementen und Theorien aufgliedernd – dazu eingesetzt, eine Vorstellung davon zu geben und detailliert zu beschreiben, wie gewonnenes Wissen und Wissensansprüche auf ihre jeweiligen Kontexte bezogen werden müssen.Wolfgang Detel: Wissenskultur. In: Rainer Schützeichel (Hrsg.): Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung. (= Erfahrung, Wissen, Imagination; Bd. 15). UVK Verlagsges., Konstanz 2007, ISBN 978-3-89669-551-2, S. 670–678, oder spätere Ausgabe: Herbert von Halem Verlag, Köln , ISBN 978-3-7445-1619-8, S. 670–678 (mit gleichbleibenden Seitenangaben).
Begriffliche Verortungen des Wissenkulturbegriffs gemäß unterschiedlicher theoretischer Ansätze Im Bereich der Wissenssoziologie bedeutet Wissenskultur je nach Definition bzw. Autor:
(natur-)wissenschaftliche Experimentalkulturen (Karin Knorr-Cetina) ein Synonym für Wissensordnungen (Hans-Jörg Sandkühler) ein Ergebnis bzw. Verfahren der „kommunikativen Konstruktion“ (Hubert Knoblauch) soziologische Wissenskultur (Angelika Poferl, Reiner Keller): Das Konzept soziologischer Wissenskulturen zielt darauf ab, „zum einen sowohl den institutionell mehr oder minder stabilisierten diskursiven Strukturierungen als auch zum anderen den kontextuell situierten Erkenntnisorientierungen wissenschaftlichen Handeln“Angelika Poferl, Reiner Keller: Form und Feld: Soziologische Wissenskulturen zwischen diskursiver Strukturierung und erkenntnisorientiertem Handeln. In: Reiner Keller, Angelika Poferl (Hrsg.): Wissenskulturen der Soziologie. (= Reihe Wissenskulturen; Bd. 1). Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2018, ISBN 978-3-7799-3447-9, S. 18–39, darin auf S. 19. nachzugehen. Soziologische Wissenskulturen werden demnach als Ausdruck der wissenschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit betrachtet. Poferl und Keller betonen den Handlungs- und Problemlösungsbezug von Wissenskulturen (auch jenseits der Wissenschaften).
Abgrenzung Der „soziologische Begriff der Wissenskultur“ verhält sich im Gegensatz zum Konzept der „organisatorischen Wissenskultur im Wissensmanagement“ nicht normativ, sondern deskriptiv. Es werden demnach keine Ratschläge an Betriebe und Firmen gegeben, sondern Wissensformen und -prozesse in sozialen Zusammenhängen beschrieben bzw. erforscht. Ebenso wenig handelt es sich um Alternativen zur lernpsychologischen Forschung zur Optimierung der Didaktik.
Vertiefung Unter anderem folgende Vertiefungsthemen können im Zusammenhang mit Wissenskultur von Belang sein:
Vergemeinschaftungen (Communities of Knowledge) Medialisierung und Informatisierung kommunikativen Handelns Objektivierung „Wissen in Aktion“ (Wissenskommunikation) Praxistheorie
Literatur Wolfgang Detel: Wissenskultur. In: Rainer Schützeichel (Hrsg.): Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung. (= Erfahrung, Wissen, Imagination; Bd. 15). UVK Verlagsges., Konstanz 2007, ISBN 978-3-89669-551-2, S. 670–678, oder spätere Ausgabe: Herbert von Halem Verlag, Köln , ISBN 978-3-7445-1619-8, S. 670–678 (mit gleichbleibenden Seitenangaben). Hans Jörg Sandkühler: Kritik der Repräsentation: Einführung in die Theorie der Überzeugungen, der Wissenskulturen und des Wissens. (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft; Bd. 1920) Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009, ISBN 978-3-518-29520-5. Hans Jörg Sandkühler: Wissenskulturen. Zum Status und zur Funktion eines epistemologischen Konzepts. In: ders. (Hrsg.): Wissen: Wissenskulturen und die Kontextualität des Wissens. (= Philosophie und Geschichte der Wissenschaften; Bd. 77) Verl. Peter Lang, Frankfurt a. M. 2014, ISBN 978-3-631-65162-9, S. 59–72. Hubert Knoblauch, Eric Lettkemann, René Wilke (Hrsg.): Knowledge in Action. Springer VS, Wiesbaden 2018. Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., Originalausg.: 1969. Frank Hillebrandt: Soziologische Praxistheorien. Springer VS, Wiesbaden 2014. Reiner Keller, Angelika Poferl (Hrsg.): Wissenskulturen der Soziologie. (= Wissenskulturen; Bd. 1). Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2018. Reiner Keller, Angelika Poferl: Soziologische Wissenskulturen zwischen individualisierter Inspiration und prozeduraler Legitimation. Zur Entwicklung qualitativer und interpretativer Sozialforschung in der deutschen und französischen Soziologie seit den 1960er Jahren. In: Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research., 17(1) (2016), doi:10.17169/fqs-17.1.2419 (Historical Social Research 42 (4) (2017): 301–357 (mit Reiner Keller), doi:10.12759/hsr.42.2017.4.301-357). Angelika Poferl, Reiner Keller: Wissenskulturen und Soziologiegeschichte. In: Andrea Ploder, Stephan Moebius (Hrsg.): Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie., Bd. 2: Forschungsdesign, Theorien und Methoden. Springer VS, Wiesbaden 2017, S. 81–98. doi:10.1007/978-3-658-07999-4_30-1. Angelika Poferl, Reiner Keller: Form und Feld. Soziologische Wissenskulturen zwischen diskursiver Strukturierung und erkenntnisorientiertem Handeln. In: Reiner Keller, Angelika Poferl (Hrsg.): Wissenskulturen der Soziologie. (= Wissenskulturen; Bd. 1). Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2018, S. 18–39. Reiner Keller, Angelika Poferl: Soziale Probleme. Wissenssoziologische Überlegungen. In: Soziale Probleme 31 (2020), S. 141–163. doi:10.1007/s41059-020-00080-z.
Einzelnachweise
Kategorie:Wissenssoziologie