Situationskomik bezeichnet eine bestimmte Form der Komik, die durch eine zum Lachen reizende Situation entsteht. mini|Situationskomik im Film Arsen und Spitzenhäubchen (Originaltitel: Arsenic and Old Lace) von Franc Capra aus dem Jahr 1941.
Etymologie von Situation und Komik Der Begriff Situation (von lat.-franz.: „[Sach]lage, Stellung, [Zu]stand“) eignet sich zur Erfassung von Personen- und Objekt-Konstellationen in raumzeitlich-begrenzten Szenarien. Die (filmische) Erzählforschung nutzt ihn u. a., um Ereignisse oder genrespezifische Konstellationen bestimmter Figuren und Objekte – sogenannte Standardsituationen – anhand situativer Veränderungen beschreibbar zu machen. Ferner geht die Erzählforschung davon aus, dass menschliche Erfahrungen über Situationen kognitiv verarbeitet werden.
Komik (von griech. komós) bezeichnete ursprünglich den Festumzug im antiken Dichterwettstreit, dem attischen Agon. Im Deutschen wird das Adjektiv komisch auch Personen oder Dingen zugeschrieben, die zum Lachen anregen oder merkwürdig anmuten. Es handelt sich um etwas Unspezifisches, das auch als Gegensatz zum Tragischen verstanden werden kann. Für Analysezwecke ist es sinnvoll, Komik von verwandten Phänomenen wie Humor und Lachen zu unterscheiden. Komik wird häufig als Inszeniertes verstanden (zum Beispiel eine inszenierte Lage), Humor in Abgrenzung dazu als Charakterzug oder Haltung, über die Komik wahrgenommen wird. Lachen ist die Reaktion bzw. der Affekt, den Komik idealerweise hervorruft.
Komiktheorie
Formen der Komik mini|Henri Bergson führt die Situationskomik in seinem Buch Le Rire (Das Lachen) von 1900 auf den Kontrast zwischen dem Lebendigen und dem Mechanischen zurück.
Situationskomik lässt sich in Abgrenzung zu anderen Komik-Formen definieren: Theodor Lipps trennt sie klar von der Charakterkomik. Die Ursprünge der Komik liegen laut Lipps somit entweder in den Personen oder in schicksalhaften Situation. Christiane Voss grenzt komische Situationen von tragischen und erhabenen ab. Selma Alic betrachtet Situationskomik als Überkategorie zu anderen Komikarten wie Form-, Bewegungs- oder Wortkomik. Die vielleicht bekannteste Beschreibung zu Situationskomik stammt aus Henri Bergsons Le Rire (1900). Auch hier wird sie in Abgrenzung zur Charakter-, Wort- und Körperkomik definiert. Situationskomik entsteht entweder durch mechanische Wiederholungen (Repetition), vertauschte Rollen (Inversion) oder Verwechslungen (Interferenz der Reihen):„Eine Situation ist immer dann komisch, wenn sie gleichzeitig zwei völlig unabhängigen Reihen von Ereignissen angehört und so einen doppelten Sinn hat.“ – Henri Bergson: Le Rire, 1900
Inkongruenz-Theorie Viele Komiktheorien setzten bei der Beobachtung von Kontrasten an. Beginnend mit Arthur Schopenhauers Überlegungen zur Inkongruenz wurde das Komische immer wieder über das Widersprüchliche, Gegensätzliche, Paradoxe oder Kontrastierende beschrieben. Die Rede ist von instabilen Oppositionsverhältnissen, Konventionsbrüchen oder Vertauschungen, die entweder aufgelöst werden (relief) oder nicht. In jedem Fall scheint Bipolarität ein entscheidendes Merkmal der Komik darzustellen: Bipolarität zwischen dem Erhabenen und dem Nichtigen (bei Theodor Lipps) oder dem Lebendigen und Mechanischen (bei Henri Bergson). Kontrastpaare können entweder nebeneinander oder nacheinander unerwartet auftreten. Dieses unerwartete Moment (Pointe) scheint ein zweites entscheidendes Merkmal zu sein. Laut der Inkongruenz-Theorie sind komische Situationen also durch unerwartet hervortretende, widersinnige Kontraste gekennzeichnet. Die Schwierigkeit dieser normativen Definition besteht in der immensen Bandbreite an lachen-auslösenden Situationen. Da Komik häufig gerade Tabu-Brüche und Norm-Abweichungen zu ihrem Gegenstand macht, müsste das Abnormale selbst normiert werden.
Wahrnehmungstheorie mini|Kippfigur als Sinnbild eines Situationsumschlages, wie es für die Situationskomik charakteristisch ist.
Die unerwartet ver-rückten Verhältnisse komischer Situationen werden gerne mit optischen Paradoxa wie Kippfiguren oder Möbiusbändern verglichen. Situationswahrnehmungen kippen von einem Zustand in den anderen, gegensätzlichen. Die komische Situation besitzt also zwei verkehrte Seiten, die fließend zusammenlaufen wie in einem Möbiusband. In solchen optischen Täuschungen zeigt sich ein Phänomen, das die Wahrnehmungspsychologie über die Begriffspaare ‚Figur und Grund‘ beschreibt:„Die Figur-Grund-Struktur bezeichnet ursprünglich das Phänomen, dass beim Sehen immer einem Teilinhalt einer Gestalt mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als einem anderen. Derjenige Teilinhalt, der auf einer höheren Bewusstheitsstufe liegt, wird Figur genannt, der entsprechend andere ist der Grund.“ – Susanne Schäfer: Komik in Kultur und Kontext, 1996Kippt nun das Figur-Grund-Verhältnis, führt dies zu einer Kontextverschiebung. Dieselbe Sache erscheint in einem neuen wahrgenommenen Zusammenhang. Ein zunächst wahrscheinlicher Kontext für ein Störmoment wird plötzlich durch einen Unwahrscheinlichen abgelöst, sodass „eine neue Bedeutungsebene überschreibend eingeführt wird, die eine Reinterpretation des zuvor [Dargestellten] verlangt“.
Komik als Bisoziation mini|Arthur Koestler stellt in seinem Buch The Act of Creation (1964) die These auf, dass Komik und kreatives Denken eng miteinander in Verbindung stehen. Beide nutzen die gedankliche Neuverknüpfung von Schemata.
Arthur Koestler stellt in seinem Buch The Act of Creation (1964) die These auf, dass Komik und kreatives Denken eng miteinander verknüpft sind. Er prägt den Begriff der Bisoziation:„It is the clash of the two mutually incompatible codes, or associative contexts, which explodes the tension. […] The pattern underlying […] is the perceiving of a situation or the idea, L, in two self-consistent but habitually incompatible frames of reference, M1 and M2. […] While this unusual situation lasts, L is not merely linked to one associative context, but bisociated with two.“ - Arthur Koestler: The Act of Creation, 1964In diesem Sinne lebt Komik also von einer Situation L, die in zwei normalerweise inkompatible assoziative Referenzrahmen eingeordnet wird (M1, M2). Pointen ergeben sich durch unerwartete Gedankensprünge von einem Referenzrahmen in den nächsten – ein kreativer Akt, da gedanklich Schemata neu verknüpft werden. Der unerwartete Kontextwechsel ist dabei entscheidend, wobei die verschiedenen Situationsauslegungen hin und her oszillieren können.
Komik als Spiel mit Schemata
Statt über Kippfiguren (Wolfgang Iser), Figur-Grund-Strukturen (Susanne Schäfer), Kontextwechsel (Dieter Heinrich / Arianne Mhamood) oder Referenzrahmen (Arthur Koestler) lassen sich komische Situationen auch über den Schema-Begriff erklären:„The schema concept refers to cognitive structures of organized prior knowledge, abstracted from experience with specific instances; schema guide the processing of new information and the retrieval of stored information.“ - Susan Fiske und Patricia Linville: What does the schema concept buy us?, 1980Informationen über Ereignisse, Situationen und Objekte werden durch Schemata in ein Netzwerk von Assoziationen eingegliedert. Dies erklärt mitunter, weshalb Situationskomik kulturabhängig ist: Erst wenn beide bisoziierten Schemata in einer Situation erkannt werden, können wir die Komik verstehen. Sind uns die Schemata nicht vertraut (z. B. wenn wir kulturelle Anspielungen nicht kennen), begreifen wir auch den Witz nicht. Außerdem erklärt diese Theorie, weshalb uns Figuren in komischen Situationen oftmals blind erscheinen: Da sie die Welt nur schematisch wahrnehmen, kommt es zu heuristischen Fehleinschätzungen. Situationen werden missverstanden und es kommt zu Trugschlüssen. Die Situation wirkt lächerlich, da kulturelle Normen missachtet werden (Limitation), oder weil durch die Konfrontation bestehender Normen etwas Neues entsteht (Transgression). Hierin liegt auch die ästhetische Qualität der Situationskomik: Weltbilder werden hinterfragt und als etwas falsifizierbares dargestellt – anfällig für Fehler und stets neu zu überdenken. Damit muten komische Situationen zwar chaotisch an, fördern aber zugleich kreatives Umdenken und bilden eine Grundlage für Innovation.
Die Verbindung aus Inkongruenz-Theorie mit Erkenntnissen aus der Wahrnehmungspsychologie (Gestalt- und Schema-Theorie) ergibt folgende Definition für Situationskomik: Eine Situation L (narrative Figur und Objektbeziehung), die mit zwei kulturell inkompatiblen Schemata (S1 und S2) bisoziiert wird, ist eine komische Situation, wobei S1 und/oder S2 ein Störmoment enthält. Die komische Pointe ergibt sich durch das unerwartete Kippen von einer Situationsauslegung zur anderen. Begreifen wir Situationskomik als ein Spiel mit Schemata, erklärt dies, weshalb Gags kulturspezifisch sind, mit Normbrüchen arbeiten und weshalb es unmöglich ist eine normative Komik-Formel aufzustellen. mini|Das Theaterstück Der Nackte Wahnsinn (Originaltitel: Noises Off) von Michael Frayn aus dem Jahr 1982 zeichnet sich durch Running Gags und das Spiel mit stets variierenden intratextuellen Schemata aus. Schemata in einer komischen Situation können entweder intra- oder intertextuell angelegt sein. Intratextuelle Schemata werden über die Narration etabliert. Auf sie wird immer wieder Bezug genommen, sodass hier Situationskomik aus repetitiven Situationen entstehen kann, die „unter immer neuen Umständen immer die gleiche Abfolge von sich symmetrisch entsprechenden Ereignissen“ zeigen. Entscheidend bei solchen Running Gags ist nicht allein die Wiederholung, sondern die stetige Neuvariation des bekannten schematischen Ablaufs. Intertextuelle Schemata kommen in Parodien zum Einsatz. Es sind Schemata, die nicht über die Narration etabliert werden, sondern die z. B. Genrewissen voraussetzen. Es entsteht ein Spiel mit Genre-Klischees bzw. werden Erzähl- und Strukturmuster umgedeutet.
Formen der Situationskomik Sprachwitz, Slapstick, Ironie, Parodie, Running Gag usw. Varianten von Situationskomik lassen sich auf verschiedenste Weise ausdifferenzieren. Schon Henri Bergson unterscheidet Komik in Formen, Haltungen, Bewegungen, Charakteren und Situationen. Für einen systematischen Ansatz ist es erforderlich, geeignete Vergleichsparameter zu finden, anhand derer sich Situationen differenzieren lassen: Komik kann auf verschiedenen Darstellungsebenen untersucht werden wie z. B. auf visueller Ebene (Sight Gags) oder auf sprachlicher Ebene (Wortwitz). Man könnte Situationskomik auch anhand der zeitlichen Ausdehnung (Setup und Pay-Off eines Schemawechsels), über die Kontrastqualität des Umschlages (die Differenz zwischen S1 und S2), die Repetition (Oszillation zwischen S1 und S2) oder über die Situationsauslegungen differenzieren (welche Figuren nehmen S1 und/oder S2 wahr).
Situationskomik über Informationsdramaturgie
Gérarde Genette stellt drei Verhältnisse zwischen Rezipienten- und Figurenwissen auf: Die Nullfokalisierung bzw. "Übersicht" (Leser/Zuschauer wissen mehr als die Figur; L/Z > F), die Interne Fokalisierung ("Mitsicht"; L/Z = F) und die Externe Fokalisierung ("Außensicht"; L/Z < F). Entscheidend ist, dass Genette unter dem Wissen einer Figur auch deren Situationsauffassung versteht und diese sich dynamisch verändern kann (Alteration). Nullfokalisierung Interne Fokalisierung Externe Fokalisierung"Übersicht""Mitsicht""Außensicht"Erzähler > FigurErzähler = FigurErzähler < FigurDer Erzähler weiß mehr als eine Figur bzw. sagt mehr, als eine Figur weiß.Der Erzähler sagt nicht mehr, als eine Figur weiß.Der Erzähler sagt weniger, als eine Figur weiß.
Fünf Formen der Situationskomik Philipp Neuweiler schlägt fünf verschiedene Formen der Situationskomik vor: