mini|hochkant=1.5|Pretzsch von Südwesten

Pretzsch (Elbe) ist eine Ortschaft der Stadt Bad SchmiedebergStBA: Gebietsänderungen vom 2. Januar bis 31. Dezember 2009 im Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Bis zum 30. Juni 2009 war Pretzsch eine selbstständige Stadt. mini|hochkant|Pretzsch (westlich von Annaburg) versank 2002 in den Elbfluten

Geografie Pretzsch liegt inmitten der Elbauen am westlichen Elbufer und am nordwestlichen Rand des Naturparkes Dübener Heide. Naheliegende Städte sind Bad Schmiedeberg, Kemberg, Torgau und Lutherstadt Wittenberg. In größerer Umgebung liegen Jessen und Bad Düben.

Geschichte mini|Elbschifferkirche in Priesitz mit metallener Hochwassersäule davor

Mittelalter Der Ort Pretzsch kann auf eine über 1000-jährige Geschichte zurückblicken. Pretzsch wurde erstmals am 21. Juli 981 in einer Urkunde von Otto II. erwähnt. Damals lag der Ort im Gau Nizizi in der Grafschaft Diemars und gelangte als Schenkung an das Kloster Memleben.Theodor von Sickel, Friedrich Hausmann: Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser. Band 2, 1. Teil: Die Urkunden Otto des II. Hahnsche Hofbuchhandlung, Hannover 1888, (Schenkungsurkunde Nr. 195: digitale-sammlungen.de). Der Beginn der ständigen Besiedlung des Pretzscher Ortsgebietes ist schriftlich aus der ausgehenden Zeit der Slawen belegt. Die slawischen Wallanlagen wurden durch Burgwarde abgelöst. Die Urkunde aus dem Jahr 981 weist auch für den Ort Pretzsch (Pretokine) eine solche Schutzburg zur Überwachung des Verwaltungsbezirkes und der Elbbeschiffung aus. Kurze Zeit später – im Jahr 1004 – erfolgt eine zweite nachweisliche Erwähnung des Ortes. Zu dieser Zeit wurde bereits eine beachtliche Anzahl an Burgwarden und Ortschaften in der Pretzscher Nachbarschaft aufgezählt, was die stark zunehmende Besiedlungstätigkeit im Rahmen der Christianisierung dieser Gegend unterstreicht.

Mit der kurz darauf einsetzenden Kolonisierung kamen vor allem Siedler aus Flandern hierher, die viel Erfahrung im Entwässern der Sümpfe und Eindeichen der Flüsse mitbrachten, was die Urbanisierung der Gegend deutlich voran trieb. Zu dieser Zeit gab es auch erste Ansätze einer Unterteilung zwischen Bauern, die das Land bearbeiteten, und so genannten Häuslern, die nur wenig Grund für die Bearbeitung besaßen und im eigenen Haus einem Handwerk nachgingen (Töpfer, Tuchmacher, Schmied). Mit den Siedlern aus Flandern gewann auch die Wasserkraft als Antrieb für Mühlen verschiedenster Art in den kommenden Jahrhunderten an Bedeutung. Ab dem 12. Jahrhundert wurde in nahezu jeder Ortschaft im Umland von Pretzsch eine Kirche errichtet. Mit der Schifferkapelle in Priesitz und der Kirche in Ogkeln stehen noch heute zwei der ältesten Zeugen dieser Besiedlungsphase aus dem frühen 13. Jahrhundert.

mini|hochkant|Schloss Pretzsch mini|Kirche und Stadtmühle mini|Heimatmuseum mini|Forsthaus Nicolai (rechts) mit Weltkriegsdenkmal, Friedenseiche und Wieckhaus mini|hochkant|Badegasse und Kirche

Ebenfalls zu dieser Zeit begann die Herrschaft der Familie Löser in Pretzsch und in weiteren 35 umliegenden Dörfern. Ihren Sitz legten die Lösers, von deren Familie viele sehr gebildet waren und einflussreiche Positionen bei Hofe (bspw. Thammo Löser) innehatten, auf Schloss Pretzsch. Die Lösers wurden sehr bald in den Stand der Erbmarschalle erhoben, was den Umbau der bisherigen Burg an der Elbe in einen repräsentativen Bau erforderlich machte.

Von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg Pretzsch war, unter dem Einfluss der mit Martin Luther eng befreundeten Familie Löser, eine der ersten Gegenden, die der Reformation folgten. Luther selbst traute den Erbmarschall auf der Residenz in Pretzsch und war dort nicht nur, um in der Kirche zu predigen, sondern auch ein gern gesehener Jagdgast des Hauses Löser. Der Unterhalt des wachsenden Schlosses erforderte Frondienste der einheimischen Bevölkerung.

Das Schloss gewann nicht nur als Residenz der Lösers an Bedeutung, sondern auch als Gerichtsgebäude, in dessen Kellergewölben Straftäter oft gefoltert oder Gericht über sie gehalten wurde. In der Schlosschronik wird ein starker Anstieg der Verbrechen im 16. Jahrhundert dokumentiert. Verurteilte Straftäter wurden entweder gehängt oder enthauptet. Wer es sich leisten konnte, hatte die Möglichkeit, sich in einer Art Vertrag von seiner Straftat frei zu kaufen. Bestandteil eines solchen Sühnevertrages war auch das Aufstellen eines Kreuzes an der Stelle des Verbrechens, meist eines Mordes. Drei solcher Sühnekreuze wurden von anderen Standorten in den Schlosspark versetzt.

Wie in weiten Teilen Mitteldeutschlands waren Fachwerkbauten charakteristisch für das Ortschaftsbild des 16. Jahrhunderts. Ziegeleien und Zimmermänner erlebten einen regen Aufschwung in den wachsenden Ortschaften des Spätmittelalters. 1584 wütete die Pest auch in Pretzsch.

Pretzsch war von 1615 bis 1630 von der Hexenverfolgung betroffen. Mindestens vier Menschen gerieten in einen Hexenprozess, eine Frau wurde um 1615 verbrannt.Manfred Wilde: Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. Köln, Weimar, Wien 2003, S. 639.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort fast völlig zerstört. Die Schweden wollten den Ort dem Erdboden gleichmachen. Eingemauerte Kanonenkugeln in der Schlossmauer künden noch heute davon. Von vor 1634 vorhandenen 146 Bauernhöfen existierten nach der Belagerung durch die Schweden nur noch 12. Die umliegenden Orte waren ähnlich betroffen: Merschwitz etwa wurde völlig ausgelöscht. Um 1637 brach erneut die Pest aus. Zum Ende des Krieges war die Familie Löser hoch verschuldet und verkaufte daher das Schloss und die Gemarkung Pretzsch für 70.000 Reichstaler an den Marschall Wolff Christoph von Arnim, der als Befreier des Ortes bei Mauken über die Elbe gekommen war und die Schweden vertrieben hatte. Mit dem Verkauf endete die über 300-jährige Regentschaft der Familie Löser über die Pretzscher Gegend. Sie zogen sich auf das zum Schloss Pretzsch gehörende Vorwerk Reinharz zurück, wo sie mit dem Wasserschloss Reinharz einen zwar kleineren, aber nicht weniger ansehnlichen Herrschaftssitz errichteten.

Vom Westfälischen Frieden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Um 1651 wurde dem Ort Pretzsch zum zweiten Male das Stadtrecht verliehen. Strittig unter Historikern ist die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs, denn der Ort hatte bereits 1206 die Stadtrechte erhalten. Dies ist in einer Meißner Urkunde schriftlich belegt. Nach dem Westfälischen Frieden nahm Pretzsch überraschend schnell einen kleinen wirtschaftlichen Aufschwung und erholte sich zusehends von den Kriegsschäden. Kirche und Schloss waren bereits 1652 wieder hergerichtet. Zahlreiche Handwerker fanden bei den Aufbauarbeiten in der Umgebung ein erträgliches Einkommen. Nach dem Tod Wolff Christoph von Arnims († 1668) wurde der Besitz unter seinen vier Söhnen aufgeteilt und 1689 gegen drei Rittergüter eingetauscht. So gelangte Pretzsch in den Besitz der sächsischen Kurfürsten, die das Schloss als Witwensitz nutzten. Unter den Kurfürsten erlebte der Ort eine Blütezeit und wuchs alsbald von der eigenen Amtswürde zu einer Residenzstadt heran. Bemerkenswert ist die um 1692 entstandene Glashütte Körbin, in der hochwertiges Weißglas und Trinkgeschirr für den Dresdener und Warschauer Hof gefertigt wurde. Später entstanden unter Kammerrat Ehrenfried Walther von Tschirnhaus hier die ersten Brennspiegel. Die Glashütte wurde 1707 wegen Holzmangel in der Pretzscher Umgebung nach Senftenberg verlegt. Schon die Beheizung des Schlosses erforderte beträchtliche Mengen an Holz.

1693 wütete in Pretzsch ein schweres Feuer und vernichtete nahezu die Hälfte aller Häuser. Nachdem die erste Kurfürstenwitwe auf Schloss Pretzsch verstarb und in Freiberg bestattet wurde, bekam die Gemahlin Augusts des Starken, Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, das Pretzscher Schloss zur Geburt des ersten gemeinsamen Kindes von ihrem Gatten auf Lebenszeit geschenkt. Die Beziehung der beiden wurde jedoch durch zwei kurz aufeinander folgende Ereignisse belastet. Zum einen wurde dem Kurfürsten fast zeitgleich zum Sohn auch ein Kind von einer seiner Mätressen geboren. 1697 dann trat August der Starke zum Katholizismus über, um auf diese Weise König von Polen werden zu können, als der er noch im selben Jahr in Krakau gekrönt wurde.

Unter dem sächsischen Landesbaumeister Pöppelmann, mit dem die Kurfürstin sehr gut befreundet war, entstanden in dieser Zeit auch die zahlreichen umfangreichen Nebengebäude des Schlossbezirkes, die so genannten Kavaliershäuser. Pöppelmann gestaltete auch die Kirche samt Turmaufsatz um und erneuerte die Werkstätten und Lagerhäuser in der Nachbarschaft des Schlosses, um ein in sich schlüssiges Ensemble zu erlangen. Selbst im Ort wurde der Landesbaumeister tätig und gestaltete das Gesicht der Stadt nachhaltig um. Da die Kurfürstin in protestantischen Ländern hohes Ansehen genoss, waren hier häufig hochrangige Gäste aus verschiedenen Ländern zu Besuch. Unter anderem fand 1721 auf dem Schloss die Hochzeit des Kronprinzen Christian von Dänemark statt. Pretzsch war zu dieser Zeit neben Dresden, Leipzig und Torgau einer der bedeutendsten Orte Sachsens. Die Kurfürstin ist – auch wegen ihrer Unterstützung für das kleine Elbestädtchen – bei deren Einwohnern bis heute beliebt. Falls beim Flachsmarkt Waren unverkauft blieben, kaufte sie den Bestand auf und ließ ihn an bedürftige Einwohner verteilen. Ebenso beim Töpfermarkt, wo ihr tölpelhafter Hofnarr nach zeitgenössischen Berichten einmal im Jahr mit einem Ritt auf dem Pferd das unverkaufte Geschirr zertrampelte.

Diese Blütezeit hatte Anfang September 1727 ein jähes Ende, als die Kurfürstin plötzlich erkrankte. Zwar hielten sich auch 100 Jahre später noch Gerüchte, dass ein katholischer Pater die Kurfürstin mit einer Melone vergiftet haben soll, jedoch gilt heute als ziemlich sicher, dass Christiane Eberhardine an einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung verstarb. Anlässlich ihres Todes komponierte Johann Sebastian Bach die Kantate „Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl“, und August der Starke veranlasste eine sechswöchige Staatstrauer, wobei täglich zur Mittagsstunde die Glocken im ganzen Land zu Ehren der verstorbenen Gemahlin geläutet werden sollten. Die Kurfürstin bestimmte die Pretzscher Kirche als ihre letzte Ruhestätte, wo sie auch heute noch in einer vergleichsweise schlichten Gruft gebettet liegt. Christiane Eberhardine wurde nur 55 Jahre alt. 1756 drohte Pretzsch mit dem Siebenjährigen Krieg neues Unheil. In der nördlichen Grenzregion der Kriegsparteien Sachsen und Preußen gelegen, fand hier 1759 ein entscheidendes Gefecht am Golmer Berg statt. Als Vergeltungsmaßnahmen waren danach Plünderungen in Pretzsch und der Umgebung an der Tagesordnung. Das Schloss wurde zu einem Lazarett für den andauernden Krieg umgewandelt. Nach Kriegsende wurde 1764 das Amt Pretzsch samt Schloss und aller Vorwerke von den sächsischen Kurfürsten verpachtet, da Entschädigungszahlungen an Preußen keine Mittel für den Unterhalt des Schlosses und seiner Ämter ermöglichten. Der Schlosspark wurde in einen damals zeitgemäßen englischen Garten umgewandelt.Janine Schöne, Daniela Süßmann: Der barocke Schlosspark in Pretzsch – Wiederaufnahme in die „Gartenträume“. In: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt. Jg. 28, Heft 2, 2020, S. 60–68. Das Schloss wurde zum Amts- und Wohnsitz des Oberforst- und Wildmeisters. Ende des 18. Jahrhunderts hielten rationellere Maßnahmen in Landwirtschaft und Handwerk Einzug. Auch die Verarbeitung der Rohstoffe wurde rationalisiert, so entstanden eine Vielzahl von Mühlen und neuer Handwerkszweige, darunter Brauereien.Geschichten aus der Pretzscher Chronik, gefunden im Heimatmuseum Pretzsch. In: Amtsblatt der Stadt Bad Schmiedeberg. Jg. 12, Ausgabe August 2020, S. 11.

19. Jahrhundert