Die jesidischen Heiratsvorschriften sind besonderen Traditionen und Normen unterworfen. Demnach stellt die Ehe eine fundamentale jesidische NormSavucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 218 f. dar, nach der ein Mensch sich erst ganz verwirklicht, wenn er verheiratet ist.
Das traditionelle Jesidentum kennt eine Reihe von Heiratsvorschriften, welche unter dem Terminus „Hed û Sed“ religiös begründet sind. Das religiöse Endogamiegebot namens „Hed û Sed“ findet sich auch häufig in ihren sakralen Texten, den sogenannten Qewl, wieder. Strikt geregelt ist die Partnerwahl, welche durch das Gebot der Endogamie eingeschränkt ist. Andere spezifische Heiratsregeln sind der Brautpreis, die Praxis der Zwangs- und arrangierten Ehen sowie die Brautentführung und das Gebot der Jungfräulichkeit vor der Ehe.
Die Beachtung der Heiratsregeln beeinflusst das Leben der Jesiden unterschiedlich. Gegenwärtig befinden sich die jesidischen Heiratsvorschriften in einem Veränderungsprozess und werden zunehmend in Frage gestellt, besonders in den Diaspora-Gemeinschaften.Kreyenbroek: Yezidism in Europe. 2009, S. 227–233
Traditionelle Hochzeitsbräuche Die traditionellen Hochzeitsbräuche entstanden vor der Ausbreitung des Islam, weshalb die kurdisch-muslimischen Bräuche sich kaum von ihnen unterscheiden.Düchting: Die Kinder des Engel Pfau. 2004, S. 428 Trotz Gemeinsamkeiten variieren innerhalb des Jesidentums die Hochzeitstraditionen regional.Dulz: Die Yeziden im Irak. 2001. S. 52 Jesiden heiraten in der Regel jung: Männer dürfen ab dem 18. Lebensjahr heiraten, Frauen schon mit 16 Jahren.Düchting: Die Kinder des Engel Pfau. 2004, S. 423 Jesidische Hochzeiten dürfen nicht im Monat April und nicht an einem Mittwoch stattfinden, da diese als heilig gelten: April ist der Monat der Fruchtbarkeit (Buka Salê, die Braut des Jahres), und an einem Mittwoch soll der allmächtige Gott den Engel Melek Taus auf die Erde geschickt haben.Issa: Das Yezidentum. 2008, S. 105
Verlobung Vor der Eheschließung (Dawet) findet die offizielle Verlobung statt, welche im Rahmen von zwei Feierlichkeiten (die erste Nîșanî, die zweite Șêranî) gefeiert wird.Kreyenbroek: Yezidism in Europe. 2009, S. 31
Die Eltern von beiden Seiten wählen Bekannte und Verwandte aus und laden sie als Verlobungszeugen zu der Feier ein. In der Regel versammeln sich die Eltern des Bräutigams und die Zeugen in dem Haus der Braut und bitten die Eltern des Mädchens um deren Hand. Danach fragen mehrere Zeugen, unter dem Ausschluss von beiden Eltern, ob das Brautpaar sicher ist, dass es heiraten will, und ob sie einander aus freiem Willen gewählt haben. Wenn sie die Fragen bejahen, betonen die Zeugen die Bedeutung der Ehe und die Aufgaben der Ehegatten mit einem Verlobungsspruch. Um zukünftige Konflikte zu vermeiden, werden die Eltern sowie die Verwandten gefragt, ob sie keine Einwände gegen die Verlobung haben. Danach benennt die Braut die Geschenke, welche sie am Hochzeitstag tragen wird (üblicherweise Kette, Ringe oder Armreifen aus Gold). Ihre Mutter hat auch Anspruch darauf, Geschenke zu verlangen. Anschließend beginnen die Verhandlungen über den Brautpreis. Gleichzeitig werden Süßigkeiten unter den Gästen verteilt, und es wird getanzt und zusammen gefeiert.Kurt: Die Verlorenen Enkelkinder Adams. 1999. Kapitel Eins: Die Verlobung
Hochzeitszeremonie Zwei Tage vor der Hochzeit nimmt die Braut ein heißes Bad, und ab diesem Moment darf sie nur weiße Kleidung tragen. Die Braut, ihre Verwandtschaft und ihre Freundinnen feiern am nächsten Tag die Henna-Nacht, welche ähnlich wie bei traditionellen muslimischen Hochzeiten verläuft. In der Früh wird die Braut von ihren Brautjungfern in ihrem Hochzeitskleid mit Ornamenten und einem roten Schleier angekleidet, während sie still und meditativ bleibt. Wenn die Braut und ihre Mutter weinen, wird es als ein gutes Vorzeichen interpretiert, da das Weinen das Böse fernhält.Drower: Peacock Angel. 1941, S. 19 f.
Zuständig für die Eheschließung ist ein Peschimām („Vorsteher“), der aus dem Kreis der Ādanīs kommen muss. Im Fall seiner Abwesenheit nimmt ein anderer Würdenträger, üblicherweise der Scheich der Familie, seinen Platz ein.Issa: Das Yezidentum. 2008, S. 105. Bei den Jesiden in Armenien dürfen hingegen nur der „Jenseitsbruder“ (Birā-yē āchirat) oder die „Jenseitsschwester“ (Huschk-ā āchiratē) Trauungen vornehmen.Kreyenbroek: Yezidism in Europe. 2009, S. 31
Die Zeremonie erfolgt ganz schlicht: Das Brautpaar stellt sich vor dem Peschimām, der einen Brotlaib in zwei Stücke bricht. Nachdem sie das Brot verzehrt haben, ist die Trauung vollzogen. Nach einem Gebet findet die Nikeh statt, eine Zeremonie, in der die Verlobten dreimal gefragt werden, ob die Ehe mit ihrem Willen geschlossen werden kann. Nach jesidischer Tradition erreicht die Trauung ihre Verbindlichkeit, wenn der Würdenträger das Brautpaar einbezogen hat und sich ihres Einverständnisses in Gegenwart von zwei Zeugen (üblicherweise der „Jenseitsbruder“ und die „Jenseitsschwester“) versichert hat.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 151
Ablauf der Feier An die Hochzeitszeremonie schließt sich die Hochzeitsfeier an, welche von dem Bräutigam bezahlt wird. In der Hochzeitprozession führen die Dorfbewohner die Braut ins Haus des Bräutigams zusammen mit den Qawwāls, die die religiöse jesidische Musik (mit Trommel und Schabbaba) spielen.Düchting: Die Kinder des Engel Pfau. 2004, S. 429 f.
Die Schwiegermutter gibt der Braut ein Glas Süßigkeiten, welches sie als gutes Vorzeichen gegen die Schwelle des Hauses schlagen muss. So tritt sie über die Scherben und über das Blut eines geopferten Schafes in ihr neues Zuhause ein. Das Brautgemach ist in dem Haus des Bräutigams eingerichtet. Nach dem Vollzug der Ehe versammeln sich alte Frauen und Verwandte, um die Jungfräulichkeit der Braut zu überprüfen. Traditionellerweise darf die Braut das Zimmer für sieben Tage nicht mehr verlassen. Es wird auch vorgeschrieben, dass bestimmte, wenig verheißungsvolle Frauen (wie beispielsweise eine Frau während ihrer Periode, eine Frau aus einer Familie, in der kürzlich ein Todesfall aufgetreten ist, oder eine Frau, deren vierzig Tage der Unreinheit nach einer Geburt noch nicht beendet sind) sich dem Zimmer nicht nähern dürfen. Nach den Tagen des Eingeschlossenseins verlässt die Braut das Zimmer und bereitet ein Gericht aus Datteln und sieben Arten Getreiden (Weizen, Linsen, Hafer, zwei Sorten von Bohnen und Erbsen) zu, welches zusammen mit ihren Freundinnen rituell verzehrt wird. Die Hochzeitsfeier geht in der Zwischenzeit weiter: Die gesamte Verwandt- und Bekanntschaft feiert mit Musik und traditionellen Gerichten, es werden die Mitgift der Braut und die Geschenke (vorwiegend Geld) allen Gästen gezeigt, und Männer und Frauen tanzen die Dabke.Drower: Peacock Angel. 1941. S. 21–24. Düchting: Die Kinder des Engel Pfau. 2004, S. 429–431
Die Tradition der Tage des Eingeschlossenseins wird innerhalb der Diaspora-Gemeinschaften nicht mehr praktiziert. Darüber hinaus fordern die jungen Jesiden immer stärker, aktiv in der Organisation ihrer Hochzeit mitzuwirken.Kreyenbroek: Yezidism in Europe. 2009, S. 32 Heutzutage werden die jesidischen Hochzeiten in großen Hochzeitshallen gefeiert.Açıkyıldız: The Yezidis. 2010, S. 101 In der Diaspora sowie in den Herkunftsländern tragen die jesidischen Bräute überwiegend weiße Brautkleider, häufig zusammen mit einem roten Gürtel oder einem roten Schleier.Jesidische Hochzeit in Irak (2016), Jesidische Hochzeit in den USA (2016), Jesidische Hochzeit in Deutschland (2016), abgerufen am 31. August 2017
Katechismus des Scheichs Miran Ismail Das einstmalige geistliche Oberhaupt der Jesiden, Scheich Miran Ismail Bek Abdi Bek oghlu Nasli Rähan aus Bagdad, der 1908 für die russischen Behörden des Gouvernements Eriwan eine Liste mit Informationen über die jesidische Religion zusammenstellte (auch „Katechismus der Jesiden“ genannt), erwähnt dort die folgenden Heiratsvorschriften:Dirr: Einiges über Jeziden. 1918, S. 571 f.
Ein Jeside darf die gesetzliche Frau eines anderen nicht entführen; kein Jeside darf dem Entführer und der Entführten helfen oder Unterkunft gewähren. Die Entführte muss ihrem Manne zurückgegeben und der Entführer nach dem jesidischen Gesetz zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn die Entführte sich weigert, in das Haus ihres Mannes zurückzukehren, soll sie aus der Jesiden-Gemeinschaft ausgestoßen werden. (§ 7) Kein Jeside darf die Frau seines Vater- oder Mutterbruders heiraten, noch die seines Bruders; im entgegengesetzten Falle soll nach §7 verfahren werden. (§ 8) Die Geistlichkeit der Jesiden zerfällt in drei Klassen: 1. šex-e šex Husen, 2. šex-e šamsa, 3. šex-e šex-u Bakra. Jeder Scheich muss sich eine Frau aus seiner eigenen Klasse wählen. (§ 9) Die „Pîr“ werden in zwei Klassen geteilt: 1. Pîr-e Hosmamama und 2. Pîr-e Pîrafata und die übrigen Pîr-e Omarxala und andere. Jeder Pîr muss sich eine Frau aus seiner Klasse wählen.(§ 10) Wenn sich geistliche Personen der in § 9 und 10 erwähnten Klassen mit Mädchen aus anderen Klassen verheiraten, so gehen sie des Rechtes verlustig, von den Mriden Gaben anzunehmen, und die Mriden dürfen sie nicht als Geistliche anerkennen, und müssen sie aus ihrer Mitte verstoßen. (§ 11) Die einfachen Jesiden nennt man Mriden; sie haben kein Recht, sich mit den Töchtern der geistlichen Klassen zu verheiraten, sondern nur der eigenen, im Übertretungsfalle setzen sie sich strengen Maßregeln aus. (§ 12) Kein Jeside darf seiner Frau die Scheidung geben, wenn er nicht Untreue nachweisen kann, und zwar in Gegenwart von mindestens drei Zeugen. Im Übertretungsfalle wird die Schuldige streng bestraft. (§ 14) Wenn ein Jeside seinen Sohn verlobt und den Kalan nicht bezahlen kann, so hat er kein Recht, die Braut länger als drei Jahre im Hause ihres Vaters zu lassen. (§ 15) Der Kalan für ein Mädchen kann nicht höher als 100 Rubel sein; wer mehr nimmt, dem wird das Übrige abgenommen und dem Bezirks-Kazi übergeben, der Schuldige wird bestraft. (§ 16) Der Kalan für eine Witwe darf 45 bis 50 Rubel nicht übersteigen; im Übertretungsfalle wird der Schuldige bestraft. (§ 17)
Endogamie Jesiden praktizieren eine strikte Endogamie (Shariet), sie heiraten nämlich nur innerhalb ihrer Gemeinschaft. Das Gebot der Endogamie erstreckt sich auch auf die Angehörigen der einzelnen Kasten (Tariquet), d. h. sie praktizieren gleichzeitig eine sogenannte Isogamie.Issa: Das Yezidentum. 2008, S. 110
Vorschriften der Partnerwahl innerhalb der drei Heiratsgruppen Die Gebote der Endogamie und der Isogamie werden auf den als Heiligen verehrten Scheich ʿAdī ibn Musāfir zurückgeführt. Er soll gelehrt haben, dass das Blut der Jesiden heilig und deshalb rein zu bewahren ist. Zu diesem Zweck wurde von ihm strikt angeordnet, dass die Heirat außerhalb der Gemeinschaft zu vermeiden ist, und ebenso, dass die drei Kasten (Scheichs, Pîrs, Mirids) nicht untereinander heiraten dürfen.Düchting: Die Kinder des Engel Pfau. 2004, S. 424 f.
Samuele Giamil, der damalige Generalprokurator des Patriarchen von Babylon der Chaldäer in Rom, hat im Jahr 1900 einen syro-chaldäischen Text übersetzt, in dem erwähnt wird, dass der Mīr der einzige ist, der von dem Gebot der Endogamie ausgenommen ist. Die Übertretung dieses Gebots sei trotzdem eine Sünde, allerdings nur eine lässliche Sünde. Darüber hinaus wird hier auch behauptet, dass ein Laie, der die Tochter eines Scheich zur Ehefrau nimmt, gegen das Gesetz verstoße und öffentlich exkommuniziert werden müsse. Überdies dürfe man weder Wasser von seinem Haus trinken noch mit ihm essen oder sprechen.Giamil: Monte Singar. 1900, S. 46
Innerhalb der Pîr-Kaste bestehen ebenfalls strenge Heiratsbeschränkungen, da die vier Hauptgruppen (Hasan Maman, Pîr Afat, Pîr Haci und Pîr Jarwan) nicht untereinander heiraten dürften. Die vier Hauptgruppen unterteilen sich jeweils noch einmal in verschiedene Untergruppen: Hasan Maman mit ihren Untergruppen Hasanelka und Khatibesi;