Die afrikanische Literatur umfasst Literaturen in verschiedenen Sprachen – europäischen und afrikanischen – mit verschiedenen Stilen und Themen sowie historischen Hintergründen. Themen, die in vielen Literaturen Subsahara-Afrikas ebenso wie in den Werken maghrebinischer Autoren immer wieder auftauchen, sind die Kolonialgeschichte und Kolonialkriege, die Enttäuschungen der nachkolonialen Zeit aufgrund der Gewaltherrschaft und Korruption der Eliten und des daraus folgenden Zerfalls der Gesellschaft sowie die Wirkungen der Globalisierung und des Exils. Vorbilder und Stoffe sucht sich die afrikanische Literatur auch in der vorkolonialen Geschichte und in der mündlichen Tradition. Mit deren Studium beschäftigt sich die Afrikanistik.

Abgesehen von den genannten Schlüsselthemen ist afrikanische Literatur ein heterogenes Feld unterschiedlichster literarischer Praktiken, das nicht klar umrissen werden kann und dessen Akteure oft nicht (mehr) in Afrika, sondern im Exil leben. Wichtig erscheint jedoch die Tatsache, dass sich die ersten Schriftsteller aus den europäischen Kolonien in Afrika selbst als afrikanische Schriftsteller bezeichneten und sich die Aufgabe stellten, in einer kolonialen Sprache für die afrikanische Gemeinschaft zu sprechen, auch wenn ihre Arbeiten starke lokale Bezüge enthielten. Dieses ist das „Grunddilemma einer afrikanischen Literatur in europäischer Sprache“: Die afrikanische Realität wird in einer Sprache dargestellt, die nur von einer kleinen gebildeten Elite im Alltag verwendet wird, während die lebensweltliche Kommunikation von afrikanischen Sprachen dominiert wird, in der auch die reichhaltigen oralen Traditionen überliefert werden.Riesz 1996, S. 1035. Oft flossen nur sprachliche Ornamente aus afrikanischen Sprachen und rhetorische Figuren aus der oralen Tradition in die englisch- und französischsprachigen Texte ein. Heute sind jedoch ephemere, oralen Formen nahestehende Literaturtypen wie flash fiction oder street literature weit verbreitet.Ashleigh May Harris, Nicklas Hållén: African Street Literature: A Method for an Emergent Form Beyond World Literature. In: Research in African Literatures, Vol. 51, 2020, Issue 2, S. 1–16. DOI:10.2979/reseafrilite.51.2.01.

So gesehen ist afrikanische Literatur in europäischen Sprachen von Anfang an eine hybride und zugleich eine panafrikanische Literatur, was vor allem für die subsaharischen französischen Kolonien und ihre Nachfolgestaaten zutrifft. Die arabische Literatur wird wegen ihrer transregionalen sprachlichen und kulturellen Homogenität selten zur afrikanischen Literatur gezählt und meist getrennt von dieser behandelt, auch wenn eine solche Herausdefinition immer öfter kritisch gesehen wird. Nordafrikanische Texte stehen oft „zwischen“ beiden Kategorien.

Hingegen wird die Literatur Madagaskars zur afrikanischen gerechnet, obwohl sie sich außer aus afrikanischen, arabischen und europäischen Quellen vor allem aus der indigen-austronesischen Kultur speist.

Zwar wurde 1989 die Pan African Writers’ Association gegründet, die eher auf den Austausch als auf eine gemeinsame Programmatik zielt und ihren Sitz in Ghana hat, doch beteiligen sich meist nur englischsprachige Autoren an ihren Aktivitäten. Heute weisen viele Autoren die kollektive Interpellation „African Writers“ zurück, nicht zuletzt wegen ihrer individuellen Migrationsgeschichte.Mohammad Shabangu: Refusing interpellation: A double bind of African migrant writing. In: Safundi.The Journal of South African and American Studies. 19 (2018) 3, S. 338–356, DOI:10.1080/17533171.2018.1471791.

Etappen der Entwicklung Die Kolonialmächte gingen bei ihren Missionierungs- und Bildungsaktivitäten ihrer afrikanischen „Handlanger“J. Jahn: Einführung zu Westafrika, 1975, S. 12. durchaus unterschiedlich vor. Während die Portugiesen sich darauf beschränkten, sie zu Christen zu machen, zog sich Frankreich eine assimilierte Elite heran, die im Tausch für Aufstiegschancen ihre afrikanischen Wurzeln verachteten. Die Deutschen förderten die Alphabetisierung mit dem Rohrstock, aber auch die Anfänge eines Schrifttums in einheimischen Sprachen in bescheidenem Umfang, während die Engländer indirekt durch lokale Herrscher regierten und ihre Bildung breiter streuten. Nachdem sich die Pioniere der afrikanischen Literatur bis Ende der 1940er Jahre an europäischen Formen und Traditionen orientiert hatten und oft zur Selbstverständigung oder in der Hoffnung schrieben, die Kultur ihres Kontinents den Europäern vermitteln zu können, drängten sich in der Folgezeit die Themen Kolonialismus und Entkolonisierung auf. Die Signale dafür gaben die 1947 gegründete politisch-literarische Vierteljahreszeitschrift Présence Africaine und der erste Congrès des écrivains et artistes noirs (Congress of Negro Writers and Artists) im Jahr 1956, an dem sich auch Autoren aus der Karibik und James Baldwin aus den USA beteiligten. Etwa zur gleichen Zeit begann man, das vielfältige orale Erbe Afrikas zu dokumentieren. Für die Kulturen Französisch-Westafrikas, insbesondere die der Fulbe, spielte dabei der Ethnologe und Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ (1901–1991) eine bedeutende Rolle.

mini|Städtische Bibliothek in Masaka (Uganda) In der Folge schrieben afrikanische Literaten postkoloniale Literatur vor allem für ihre Landsleute, deren Alphabetisierung große Fortschritte machte, was für stetig wachsende Leserzahlen sorgte. Die von den Kolonialmächten willkürlich gezogenen Grenzen führten aber auch zur punktuellen Rückbesinnung auf ethnische Traditionen und lokale Sprachen, insbesondere bei der ersten Generation der noch im Dorf geborenen Autoren. Diese müssten die von ihnen verwendeten Afrikanismen ihrem Lesepublikum anfangs noch erklären, während die Zweitsprachen vor allem in den Städten weitere intellektuelle Räume eröffneten, aber paradoxerweise als politische Instrumente des Nation building der jungen Staaten genutzt wurden.

mini|hochkant|Handel mit Gebrauchtbüchern in den Armenvierteln von Fadeyi, Lagos (Nigeria) Das Scheitern der mit der Dekolonisierung und den Befreiungsideologien verknüpften Hoffnungen führte dazu, dass sich seit etwa 1990 afrikanische Autoren verstärkt wieder Europa (und nun auch den USA) zuwandten und begannen, für einen internationalen Markt zu schreiben. So entsteht afrikanische Literatur heute auch in Frankreich, Großbritannien, den USA, Kanada oder Italien. In jüngerer Zeit gewinnen die Themen Exil und Migration an Bedeutung, während traditionelle afrikanische Themen und koloniale Traumata an Relevanz verlieren. Die afrikanische Literatur gewinnt eine transkulturelle, ja interkontinentale Dimension, da sich viele Literaturschaffende souverän zwischen Afrika, Europa und Amerika hin- und herbewegen. Daher postuliert nicht nur die britische Schriftstellerin Taiye Selasi mit Wurzeln in Ghana und Nigeria, dass es keine „afrikanische Literatur“ gebe: Die Annahme einer afrikanischen Literatur sei nur ein Indiz für die Fortexistenz postkolonialen Denkens. Tatsächlich seien die afrikanischen Autoren heute „Afropolitaner“, also Weltbürger mit afrikanischen Wurzeln.„Afrikanische Literatur“ und Postkolonialismus: Noch immer im Dunkel. In: Tagesspiegel, 5. September 2017. Viele von ihnen haben die Erfahrung der Globalisierung im eigenen Lande bereits gemacht und sich dort sogar als Fremde gefühlt, noch bevor europäische Autoren diesen Begriff kannten.

Doch erscheint auch die Zuordnung der vielfältigen, sprachlich sich differenzierenden neueren afrikanischen Literaturen und der in der Diaspora lebenden Autoren zu den Literaturen der Sprachräume der ehemaligen Kolonialmächte als eine unzulässige Vereinnahmung, zumal die von den Autoren genutzten europäischen Sprachen zunehmend „afrikanisiert“ werden.

Erst recht schwierig ist eine Zuordnung „nationaler“ Literaturen zu den jungen entkolonisierten afrikanischen Staaten. Zwar lassen sich regionale Schwerpunkte einer frühen Literaturproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Nigeria, Ghana oder Mali benennen, doch können nur wenige afrikanische Staaten heute die institutionellen Grundlagen eines Literaturbetriebs und -vertriebs über die Märkte einigermaßen sicherstellen. Dies ist nicht vor allem der Unfähigkeit oder Korruption der Eliten geschuldet, sondern weil „der Staat“ in Afrikas vorkolonialer Zeit meist eine unbekannte Erscheinung war. Nur die Länder, in denen zentralisierte vorkoloniale Staaten existierten, wie bei den Yoruba oder in Mali, stellten oder stellen heute noch hinreichende öffentliche Güter wie Erziehung, Gesundheit und Infrastrukturen bereit,Nathan Nunn: Historical Legacies: A Model Linking Africa’s Past to its Current Underdevelopment. In: Journal of Development Economics. 2007; 83 (1), S. 157–175. die eine Verbreitung der Literatur im Inland erlauben. Da diese öffentlichen Güter immer wieder durch Bürgerkriege und andere Rückschläge gefährdet sind, sind viele Autoren gezwungen, nach Europa oder Amerika auszuweichen. Zudem finden sich auch in Ländern, in denen viele Buchläden existieren, wie in Nigeria vor allem „Bibeln und Korane, spirituelle Publikationen, Schulbücher oder Businessratgeber sowie zerlesene Second-Hand-Thriller und Groschenroman“ in den Auslagen.Marie-Sophie Adeoso: Viele Dinge, über die man schreiben kann. In: fr.de, 23. Februar 2017. Angesichts immer noch hoher Analphabetenquoten spielen in vielen Regionen Radio, Fernsehen und das Internet eine weitaus größere Rolle als Bücher, wobei der Einfluss der staatlich gelenkten Medien seit den 1990er Jahren sinkt.

Die Arabische Literatur der nordafrikanischen Völker und Staaten wird wegen der großen sprachlichen Homogenität der gesamten arabischen Welt nicht zur afrikanischen Literatur gerechnet. Wichtige nordafrikanische Autoren des 20. Jahrhunderts, die in arabischer Sprache schrieben, waren Abu al-Qasim asch-Schabbi (Aboul Kacem Chebbi), der tunesische Nationaldichter, und Mohamed Choukri, ein marokkanischer Berber (Das nackte Brot, dt. 1986). Unter den Autorinnen ist Hadjer Kouidri hervorzuheben, die 2014 den nach dem sudanesischen Schriftsteller benannten Taleb-Salih-Preis für den besten arabischen Roman erhielt. Die erste Sammlung von Kurzgeschichten in Darija, dem marokkanisch-arabischen Dialekt, schrieb Youssouf Amine Elalamy (* 1961).

Mündliche Literatur in autochthonen Sprachen Die mündlich überlieferte Erzählkultur (Oralliteratur) in den autochthonen afrikanischen Sprachen hat vielfältige Formen. Märchen und Fabeln sind Allgemeingut, während die Heldenepen und Chroniken unter Barden weitergegeben werden. Zu diesen Barden oder Spielleuten gehören beispielsweise die Griots der Yoruba, die früher an Königshöfen angestellt waren. Auch heute noch verdienen sich einige Barden mit dem Singen von Chroniken und Preisgesängen bei Festen ihren Lebensunterhalt. Zahlreiche Genres, die verbunden mit Musik oder Tanz aus verschiedenen Anlässen nach festen Regeln, aber mit dennoch hoher Kreativität vorgetragen werden, können dabei unterschieden werden.Toyin Falola, Ann Genova (Hrsg.): Yoruba Creativity: Fiction, Language, Life and Songs. In: Africa World Press. Trenton NJ und Asmara 2005. Die Texte werden – oft in naivem Ton – von einem homodiegetischen Erzähler vorgetragen, was häufig auch in modernen schriftlichen Erzählungen begegnet.

Die schwarzafrikanische Kultur ist zwar nicht grundsätzlich schriftlos. Schriftsysteme wie die Tifinagh- und die Nsibidi-Schrift haben sich für die Überlieferung der Volksliteratur jedoch als unpraktisch erwiesen. Janheinz Jahn kommt in Muntu. Umrisse der neoafrikanischen KulturJanheinz Jahn: Muntu. Umrisse der neoafrikanischen Kultur. Düsseldorf 1958, Kapitel 7: Hantu. zu dem Schluss, dass die Wiedergabe mit einer Sprechtrommel einer schriftlichen Aufzeichnung gleichwertig und dem tropischen Klima, das Papier schnell verrotten lässt, besser angepasst sei. Eine schriftlose Kultur sei nicht zwingend weniger fortgeschritten, sondern besitze Werte, die in Schriftkulturen verloren gegangen seien.