mini|Luftaufnahme von Stift Wilten, dahinter – rechts oben – ein Teil des Kastellareals am Friedhof und Frauenanger (Eisenbahnlinie)

mini|Befundplan 1953–2002 mini|Grundrisse des Kastells und der Lagerhäuser mini|Römischer Meilenstein aus der Zeit des Septimius Severus, frühes 3. Jahrhundert, gefunden an der Brennerstraße, Zeichnung von 1756 mini|Konservierter Abschnitt der Römerstraße über den Brennerpass mini|Darstellung des spätrömischen Kastells auf einer Hausfassade, Leopoldstraße 44, in Wilten mini|Im Boden markierte Grundmauern eines Hauses des Vicus mini|Römische Statuette eines Knaben, gefunden in Wilten Veldidena war eine römische Zivilsiedlung, ein befestigtes Nachschubdepot der Grenztruppen und eine wichtige Etappenstation an der römischen Brennerstraße. Seine Überreste liegen auf dem Gebiet der Landeshauptstadt Innsbruck im Zentrum des Stadtteiles Wilten, Bundesland Tirol, Österreich. Seine herausragende Lage an der Einmündung des Wipptals ins Inntal machte es zur bedeutendsten römerzeitlichen Siedlung in Nordtirol. In Forschungskreisen ist der Ort vor allem durch seine mannigfaltigen Siedlungsreste und reichen Gräberfunde bekannt geworden.

Das Grabungsareal umfasst etwa 40 ha. Den südlichsten Fundpunkt bildet das Gräberfeld auf dem Lorenziacker mit spätantiken Körperbestattungen und mittelkaiserzeitlichen Brandgräbern an der SW-Ecke. Vom Vicus sind das teilweise erforschte Haus 3 im Norden, einige Gebäudereste an der Kreuzung Fritz-Konzert-Straße/Anton-Melzer-Straße und Münzfunde bis zum Kaiserschützenplatz bekannt. Im Kreuzungsbereich Anton-Melzer-Straße/Leopoldstraße/Graßmayrstraße wurde ein Badegebäude entdeckt. Am östlichsten Fundpunkt, Frauenanger/Neurauthgasse/Graßmayrstraße, standen drei große Lagerhäuser, von denen zwei im 4. Jahrhundert in ein Kastell integriert wurden.Anton Höck 2010, S. 63.

Lage Wilten ist ein Stadtteil (Katastralgemeinde) im Süden von Innsbruck. Er liegt direkt am Bergisel, am nördlichen Ausgang des Innsbrucker Beckens, auf einer breiten, leicht gegen das Inntal abfallenden Schwemmterrasse der Sill. Dort erreichte die Römerstraße über den Brennerpass (Via Raetia) das Inntal. Der Bergisel deckte das Terrassenplateau gegen Süden ab, im Osten erschwerte die Sill eine Annäherung. Von dort aus hatte man einen guten Überblick über das Innsbrucker Becken in Richtung Norden und Westen. Aufgrund dieser Vorzüge war der Platz schon in vorrömischer Zeit besiedelt. Der ursprünglich vom stark mäandertem Inn und Sill durchflossene Talboden wurde von Siedlern gemieden und erst ab dem 12. Jahrhundert allmählich landwirtschaftlich erschlossen. Dementsprechend lag auch die römische Straßen- und Militärstation am südlichen Talrand.Liselotte Zemmer-Plank: 1985, S. 11.

Bei Veldidena traf auch die römische Inntalstraße vom Reschenpass auf die Brennerstraße. Die Inntalstraße verlief bei Wilten durch den Hohlweg vom heutigen Sonnenburgerhof bis zur Abzweigung von der Brennerstraße zur Bergisel-Sprungschanze und weiter durch die Haymongasse nordwestlich der Stiftsbasilika. Sie hatte die standardmäßige Breite einer via publica, 5,5 m, verfügte über einen 30–40 cm starken Unterbau und eine festgestampfte Pflasterung aus Flusssteinen.

Die Entfernungen zwischen den größeren Siedlungen wurden auf Meilensteinen angegeben (Entfernungsangabe eines Meilenstein nahe Veldidena: 110.000 Doppelschritte (ca. 165 km) bis Augusta Vindelicum (Augsburg)). Einer von ihnen steht noch in der Wiesengasse in Amras auf seinem ursprünglichen Platz, ein anderes Exemplar, aus der Zeit des Septimius Severus, wurde im 18. Jahrhundert am Sonnberg entdeckt (siehe Abbildung).Entfernungsangabe Meilenstein Wiesengasse: 110.000 Doppelschritte (ca. 165 km) bis Augsburg.

Funktion Das Kastell diente als Nachschublager für die Grenztruppen und als Etappenstation auf dem Weg zum Donaulimes und zur rätischen Provinzmetropole Augusta Vindelicum (Augsburg). Diese Annahme wird durch die Nennung des zehn Kilometer entfernten Teriolis in der Notitia Dignitatum bekräftigt, in der explizit die Sicherung der Nachschubwege als Aufgabe der Kastellbesatzung angeführt ist. Möglicherweise wurden auch die aus dem Umland zusammengetragenen Güter, die annona militaris, dort zwischengelagert. Veldidena wird auch als Hauptort der Inntal-Breonen angesehen.Franz Glaser: 2008, S. 614, Jördis Fuchs 2011, S. 63. Eine ähnliche Anlage (wenn auch nur aus Holz) stand in Rheinfelden-Augarten, nahe dem Castrum Rauracense in der heutigen Schweiz.

Name Der Ortsname ist wahrscheinlich vorrömisch-keltischen Ursprungs und wird mehrfach im Itinerarium AntoniniItem ab Aquileia per compendium Veldidena m.p.m. CCXV sic: Ad Tricesimum m.p.m. XXX / Iulia Carnico m.p.m. XXX / Loncio m.p.m. XXII / Agunto m.p.m.XVIII / Littamo m.p.m. XXIII / Sebato m.p.m. XXIII / Vipiteno m.p.m. XXXIII / Veldidena m.p.m. XXXVI. sowie in der Tabula Peutingeriana des 3. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt. Seine Abwandlungen lassen sich noch gut bis zu seinem römischen Ursprung zurückverfolgen:

Locus Wiltina urkundlich erstmals um 805, ad Uuiltinu (um 854–875), Wiltina (um 1005), Wiltein (14. Jahrhundert)Liselotte Zemmer-Plank: 1985, S. 13..

Forschungsgeschichte Bereits im 16. Jahrhundert wurden zahlreiche römische Ziegel, Münzen und Mauerreste auf dem Areal des Stiftes Wilten entdeckt und von Matthias Burglechner in seiner Landesbeschreibung Tirolischer Adler von 1619 erwähnt. Im 18. Jahrhundert berichtete der Chorherr Adalbert Tschaveller von in Wilten aufgefundenen römischen Münzen. Im Jahre 1744 vertrat der Tiroler Chronist Anton Roschmann die Auffassung, dass Veldidena die Metropole der römischen Provinz Raetien gewesen sei. Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts wurden wieder zahlreiche römische Münzen als Lesefunde geborgen. 1843 wurden beim Straßenbau im Susteracker drei antike Skelette in überwölbten Steingräbern ohne Beigaben ausgegraben. 1844 entdeckte man am Bergisel einen großen antiken Verwahrfund aus „Altbronzen“ (1300 v. Chr. bis 350 n. Chr.) der aber sofort „zentnerweise“ an Glocken- und Gelbgießer veräußert wurde. Sein kümmerlicher Überrest von 200 Stück befindet sich heute im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Vermutlich handelte es sich um Raubgut aus antiken Gräbern. 1864 stieß man beim Bau der Brennerbahn auf ein Bodenmosaik und zwischen dem Gasthaus Stigele und dem Stiftsgebäude auf Mauerreste, die nur mühsam beseitigt werden konnten.Liselotte Zemmer-Plank: 1985, S. 16–18 und 1989, S. 131.

1914 entdeckte man bei der Neutrassierung der Staatsbahn wieder römische Mauerzüge, die von Abt Heinrich Schuller fotografiert wurden. In den Jahren 1916/17 fanden beim Bau von Militärbaracken unter der Leitung von Franz von Wieser und Hans Malfatti mit Unterstützung von Soldaten und Kriegsgefangenen erste wissenschaftliche Grabungsarbeiten südwestlich des Kastells (Lorenziacker) statt. Dabei wurden trotz widriger Umstände eine umfangreiche römische Nekropole und die Überreste einer Straße freigelegt. 1922 grub Josef Retter am Frauenanger erneut römische Mauerreste aus. Alfons Wotschitzky, Leonhard Franz und Osmund Menghin setzten die Untersuchungen im Zuge der Verlegung der Westbahn zwischen 1953 und 1955 (im Bereich Brennerbahn/Frauenanger/Neurauthgasse) fort. In diesen Jahren wurden nördlich des Stifts vor allem die Fundamente des Kastells abschnittsweise archäologisch untersucht. Unter anderem fand man dabei auch ein römisches Gräberfeld mit Brand- und Körperbestattungen sowie zahlreiche Grabbeigaben (Urnen, Silbermünzen, Tongefäße, Geräte, Schmuck etc.) 1970 legte Elfriede Dolak beim sogenannten Leithaus Mauerzüge aus dem 3. Jahrhundert frei. Bei weiteren Ausgrabungen der Arbeitsgemeinschaft des prähistorischen und archäologischen Instituts der Universität Innsbruck, wurden unter anderem die Fundamente eines römischen Gewerbehauses sowie zahlreiche Sigillata-Funde ausgegraben.

Die zunehmende Verstädterung Wiltens erlaubt heute keine größere archäologische Bodenforschung mehr. Es konnten aber bis heute immer wieder kleinere Rettungsgrabungen durchgeführt werden (Lorenziacker 1980 und 2002 im Siedlungsbereich unter der Leitung Anton Höcks). Bei diesen zahlreichen, oft nur örtlich eng begrenzten Grabungen stieß man in der Folge – neben den Überresten von Gebäuden und Straßen (2002 am ARZ-Gelände) – auch immer wieder auf archäologische Kleinfunde. Münzen von Trajan bis Honorius, Meilensteine, Figurinen, Lavezgeschirr und ähnliches Fundmaterial wurden dabei zu Tage gefördert. Die Mehrzahl der dort geborgenen Trachtbestandteile (Gewandfibeln) kamen nur in den Zentralalpen und im nördlichen Voralpengebiet vor. Möglicherweise war dort die vindelikische Bevölkerungsgruppe besonders stark vertreten. Die Fundarmut im Bereich der Lagerhäuser lässt annehmen, dass diese bei Abzug der Garnison geräumt wurden.Liselotte Zemmer Plank: 1985, S. 18–22 und 31, 1989, S. 137; Andreas Picker: 2004, S. 5. An der Graßmayr-Kreuzung fand man 2010 die Überreste eines römischen Bades – das erste seiner Art, das in Nordtirol bekannt wurde.Kulturberichte aus Tirol 2012, 63. Denkmalbericht, Denkmalpflege in Tirol, Jahresbericht des BDA 2010/2011, Juni 2012, Römisches Badegebäude in Veldidena, Graßmayr-Kreuzung, Gst.-Nr. 746, 747, KG Wilten, S. 191 Die Aufdeckung der noch unter der Leopoldstraße und der Anton-Melzer-Straße liegenden Gebäudeteile ist für die kommenden Jahre geplant.

Entwicklung Wilten ist einer der ältesten Siedlungsplätze im Raum Innsbruck. Erste Besiedlungsspuren am Bergisel zeigten sich schon aus der Zeit der Urnenfelderkultur ca. 1200-800 v. Chr. Die keltische Bevölkerung unterhielt weitreichende Handelsbeziehungen vom Mittelmeer bis an die Nordsee (Zinn, Bernstein). Sonderformen der Keramik und Glasperlen aus Schwaz fand man im gesamten süddeutschen Raum und bis Böhmen. Das Flusstal des Inns war zu dieser Zeit größtenteils vom Stamm der Breonen besiedelt. Vom heutigen Osttirol bis Salzburg schloss sich im Osten das keltische Königreich Noricum an.

15 v. Chr. besetzte Drusus, der Stiefsohn von Kaiser Augustus, mit seinen Legionen das Inntal und nahm es für das Reich in Besitz. Es war aber für die Römer nur als kürzeste Nord-Süd-Verbindung zwischen Italien und den Militärlagern an Donau und Rhein von Interesse. Als Siedlungsgebiet war es für sie nur wenig attraktiv. Die nächsten stadtähnlichen Siedlungen waren im Osten Aguntum (Lienz), im Süden Trientum (Trient), im Westen Churia (Chur) und im Alpenvorland Augusta Vindelicorum (Augsburg). Die damalige Bevölkerung des Inntales lebte hauptsächlich von Landwirtschaft und Warenverkehr. Exportgüter aus dem Süden wie Wein, Öl, Oliven, Südfrüchte, Töpferware, Gläser, Lampen, Stoffe wurden gegen einheimische Erzeugnisse wie z. B. Käse, Honig, Wachs, Baumharz und Jagdwild getauscht.

Unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) fiel der Großteil des heutigen Tirols an die neugegründete Provinz Raetia, Verwaltungszentrum und Statthalterresidenz war Augusta Vindelicorum. Die Römer erschlossen und sicherten die neu eroberten Gebiete u. a. auch durch feste Allwetterstraßen. Unter dem genannten Kaiser wurde um 46 n. Chr. eine alte Handelsroute, die vom Vinschgau über den Reschen- und den Fernpass bis nach Augsburg verlief, zu einer ganzjährig benutzbaren Fernverkehrsstraße, der Via Claudia Augusta, ausgebaut. Sie blieb für lange Zeit eine der wichtigsten Transitrouten durch die Ostalpen und wurde deshalb auch mit der nötigen Infrastruktur versehen. Am Endpunkt von Tagesmärschen (ca. 30–40 km) wurden, wenn möglich, Raststationen angelegt, die die Funktionen von Nächtigungs-, Verpflegungs- und Pferdewechselstationen in sich vereinigten. Neben solchen mansiones entstanden bald auch Straßensiedlungen wie Veldidena oder Gabromagus (Windischgarsten).